Rita Segato: Demokratie muss feministisch werden

07.12.2020 - Lateinamerika Nachrichten

Dieser Artikel ist auch auf Italienisch verfügbar.

Rita Segato: Demokratie muss feministisch werden
(Bild von Foto: Universidade de Brasilia via flickr CC BY 2.0)

„Die ‚real existierende Demokratie‘, wie wir sie kennen, krankt an zwei großen Problemen, die ihre Entfaltung behindern: Das eine ist der Rassismus, da die Idee verschiedener Ethnien von einer „kolonialen Perspektive“ geprägt ist; das andere ist der Geschlechterkonflikt, der von einer Generation zur nächsten transportiert wird und sich immer weiterzuspitzt, weil Frauen nicht als vollwertige Glieder der staatsbürgerlichen Gemeinschaft betrachtet werden ‑ auch heute noch nicht“, so die Analyse der argentinischen Anthropologin und Feministin Rita Segato.

Gewalt gegen Frauen betrifft nicht die halbe, sondern die gesamte Menscheit

Die Fakultät für Philosophie und Literatur der Universität UNAM in Mexiko-Stadt hatte im Oktober 2019 in Kooperation mit dem Studienprogramm Demokratie, Gerechtigkeit und Gesellschaft PUEDJS einen speziellen Lehrstuhl eingerichtet. Verschiedene Intellektuelle und Politiker*innen, darunter Rafael Correa, Rita Segato, Marcela Lagarde, Enrique Dussel, Víctor M. Toledo, Jenaro Villamil und John Ackerman, sollten eingeladen werden, um über das Thema „Demokratie heute: Denken und Umdenken. Globalgeschichtliche, interdisziplinäre Visionen“ zu sprechen. In ihrer Vorlesung mit dem Titel „Demokratie und Feminismus“ warf Segato die Frage auf, „warum Verbrechen gegen Frauen in der Regel als Verbrechen von minderer Bedeutung betrachtet werden“. Bei der Beschäftigung mit Demokratie und Feminismus sei besonders auffällig, dass die Untersuchung der Geschlechterfrage im letzten Jahrzehnt im Diskursfeld enorm an Bedeutung gewonnen habe, während sich gleichzeitig Gewalt gegen Frauen als „gesellschaftliches und strukturelles Problem“ immer weiter zuspitze. Gewalt gegen Frauen sei keine Angelegenheit von Minderheiten. Betroffen sei nicht die halbe, sondern die gesamte Menschheit. Segato, die selbst viele Jahre in Brasilien gelebt hat, berichtete über den Rassismus im größten lateinamerikanischen Land und verwies unter anderem auf den ungenügenden Zugang der afrobrasilianischen Bevölkerung zu Universitäten und Hochschulen. Sie sprach von der „Heuchelei der liberalen Demokratie“ und der „moralische Fassade“ Brasiliens. Diese zerbrösele jedoch, sobald Akteure wie Jair Bolsonaro oder Donald Trump die politische Bühne beträten und sich offen zu Frauen*feindlichkeit und Rassismus bekennen.

Gewalt gegen Frauen: das Übungsfeld par excellence für alle Formen von Gewalt

Segato kritisierte die „Minoritarisierungstendenz“ des feministischen Kampfs und bezeichnete geschlechtlich motivierte Gewalt als zentralen Aspekt der strukturellen Gewalt im kapitalistischen System: Geschlechtlich motivierte Gewalt sei Nährboden und Experimentierfeld für alle Formen von Gewalt, die sich gegen die gesamte Gesellschaft richteten. Hier werde Gewalt überhaupt erst erlernt und reproduziert, von der Gewalt im Alltag bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Nationen. Auch hier sieht Segato ein Problem, das sich gegenwärtig ausweitet und die Integrität der Demokratie bedroht. Es sei notwendig, der Straflosigkeit ein Ende zu setzen, die insbesondere von konservativen Spektren befürwortet werde. Konservative neigten dazu, Gewalt gegen Frauen als ein Minderheitenproblem darzustellen. Dies sei ein Fehler, der die Gesellschaft teuer zu stehen komme, denn: „Geschlechtsspezifische Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das sowohl Frauen als auch Männer betrifft.“ Nach der Logik des Patriarchats sei Vergewaltigung sowohl Gewalt als auch „Diskurs“: Das Opfer werde des „Ungehorsams“ verdächtigt und als schlecht wahrgenommen; dem Vergewaltiger gehe es folglich um „Disziplinierung, um moralische Zurechtweisung“. So sei es zu erklären, warum Opfer im Prozess so häufig von den Richtern stigmatisiert würden.

Frauen sind keine vollwertigen Glieder der demokratischen Gesellschaft

„Diese Absurdität muss von der Menschheit überwunden werden. Was die Zugehörigkeit zu einer staatsbürgerlichen Gemeinschaft angeht, sind Frauen keine vollwertigen Personen, wir sind keine vollwertigen Glieder des demokratischen Staats, wir gehören nicht wirklich dazu“, schloss Segato und ergänzte: „Verbrechen gegen Frauen werden einfach als Verbrechen von geringerer Bedeutung betrachtet, das ist der Punkt, an dem sich alles entscheidet.“

Kategorien: Gender und Feminismen, Mittelamerika, Politik
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