Coronavirus in der Lombardei: Chronik einer Massenhysterie

27.02.2020 - Anna Polo

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Italienisch, Griechisch verfügbar.

Coronavirus in der Lombardei: Chronik einer Massenhysterie
(Bild von Thomas Schmid)

Was hat das Bild einer blühenden Mimose mit dem Coronavirus zu tun, das insbesondere in der Lombardei gerade drastische Sofortmaßnahmen auslöst und Panik unter der Bevölkerung verbreitet?

Und doch, ein Zusammenhang besteht durchaus, auch wenn er nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. Seit mehreren Tagen, aber vor allem seit dem vergangenen Wochenende, überschlagen sich die Nachrichten wie immer beängstigender werdende Kriegsberichte oder wie eine Lawine, die größer und größer wird, während sie sich in Richtung Tal wälzt. Unter diesem Dauerbeschuss frage ich mich: Warum können wir uns bereits seit Wochen so naiv über die frühlingshaften Temperaturen, die blühenden Mimosen und die Primeln freuen, als seien sie kein unschuldig verpacktes Indiz für ein echtes Problem?

Warum werden die zwei wahren Notstände – der Klimawandel und die mehreren Tausend, vor allem US-amerikanischer Atomwaffen (150 in Europa und 60 bis 90 in Italien) – einfach ignoriert? Warum unternimmt niemand etwas dagegen, abgesehen von Lippenbekenntnissen, denen keine Taten folgen, die dem Ernst der Situation angemessen wären?

Warum interessiert sich niemand für die Meinungen kompetenter Persönlichkeiten wie Giovanni Maga, Leiter des Instituts für Molekulargenetik des Nationalen Forschungsrats (CNR), der in einer Pressemitteilung erklärte „19 Fälle bei einer Gesamtbevölkerung von 60 Millionen rechtfertigen keine Panikstimmung”. Warum hört niemand auf Maria Rita Gismondi, Laborleiterin im Krankenhaus Sacco in Mailand, die seit Tagen Proben auf mögliche Coronavirusinfektionen prüft und auf Facebook schreibt: „In der vergangenen Woche sind 217 Menschen pro Tag an Virusgrippe gestorben! Am Coronavirus hingegen nur einer. Das erscheint mir verrückt. Hier wird eine Infektion, die nur geringfügig schwerwiegender ist als eine normale Virusgrippe, als todbringende Pandemie dargestellt. Das ist schlicht und einfach falsch!“

Und was tun hingegen der Bürgermeister von Mailand und der Gouverneur der Lombardei? Sie schließen Schulen, Museen, und öffentliche Versammlungsorte für eine Woche, annullieren Fußballspiele, Kundgebungen und beliebige sonstige Zusammenkünfte an öffentlichen oder privaten Orten, ganz gleich, ob sie Kultur, Freizeitaktivitäten, Sport oder Religion betreffen und auch, wenn sie an geschlossenen, der Öffentlichkeit zugänglichen Orten stattfinden sollten.

Aber es geht noch weiter: Mit Unterstützung der Streitkräfte hat die Regierung in einigen Gemeinden der Regionen Lombardei, Emilia Romagna und Venetien „rote Zonen“ eingerichtet, in denen keine Züge und Nahverkehrsmittel mehr fahren, in denen Schulen, Büros und Unternehmen geschlossen wurden und die Bürger aufgefordert sind, ihre Wohnungen nicht zu verlassen.

Diese Verhaltensvorschriften weiten sich sogar auf die persönliche Sphäre aus und gehen in einigen Fällen fast ins Lächerliche, zum Beispiel wird dazu angehalten, die eigenen Augen, die Nase und den Mund nicht zu berühren.

Nun, und was ist die logische Konsequenz einer solchen Panikstimmung? Sie verbreitet eine irrationale Angst, nicht nur vor anderen Menschen und jeder Form von Sozialkontakten, sondern auch vor sich selbst. Alles ist gefährlich, angefangen vom eigenen Körper. Darum ist es wohl besser, allein zu bleiben, sich zu Hause zu verbarrikadieren, nur mit dem eigenen Auto zu fahren, um öffentliche Verkehrsmittel zu meiden, und jedem zu misstrauen, der erkältet ist und auf der Straße niest.

Wahrscheinlich wird dieser „Notstand“ bald abebben und alles wird zur Normalität zurückkehren, aber die gefährlichen Nachwirkungen könnten lange spürbar bleiben. Wenn eine Bevölkerung erst einmal Terror kennen gelernt hat, sei er nun real oder eingebildet, wird sie anfälliger dafür, bei der nächsten vermeintlichen Gefahr noch einmal in dieselbe Falle zu tappen, nach Schuldigen zu suchen und sich von der Massenhysterie anstecken zu lassen, die derzeit dafür sorgt, dass in allen Apotheken Atemschutzmasken ausverkauft sind.

In der Geschichte gibt es leider etliche Beispiele für dieses Phänomen. Unwissenheit und Manipulation haben schon viel zu oft zu unrechtmäßig Beschuldigten, Verfolgungen und auf Scheiterhaufen geführt. Giftsalber und Hexenverbrennungen gibt es nicht mehr, aber die zwanghaften und unverantwortlichen Reaktionen jener, die sich eigentlich für das Gemeinwohl einsetzen sollten, zusätzlich aufgebauscht von sozialen Medien und anderen Informationskanälen, könnten ähnlich unheilvolle Folgen haben.

Heute mehr denn je ist es dringend notwendig, sich gegen die Verbreitung von Irrationalität zu wehren, keine Ängste zu schüren, klar zu denken, für die wahren Notstände unserer Zeit offen zu bleiben und sich darum zu kümmern. Denn eine viel zu früh blühende Mimose ist wesentlich besorgniserregender als eine eingebildete Seuche.

Kategorien: Europa, Frieden und Abrüstung, Gesundheit, Meinungen, Ökologie und Umwelt
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