Die Anfänge Roms – Geschichte einer Mosaikkultur, Interview mit Harald Haarmann

29.09.2019 - Milena Rampoldi - ProMosaik

Die Anfänge Roms – Geschichte einer Mosaikkultur, Interview mit Harald Haarmann

Harald Haarmann spricht im Inteview über das Hauptthemen seines Buches über die Anfänge Roms als Mosaikkultur. Ein Buch mit wichtigen Impulsen zu Themen wie Zweisprachigkeit, Kolonialismus, Interkulturalität und Assimilation. Lassen sich Macht und Diversität denn vereinbaren?

Milena Rampoldi: Warum kann man sich das Studium der römischen Geschichte ohne die Etruskologie gar nicht vorstellen?

Harald Haarmann: Die Erforschung von etruskischer Sprache und Kultur hat in diesem Jahrhundert bedeutende Fortschritte gemacht. Auch die Archäologie hat wichtige Neuerkenntnisse über das Kulturschaffen der Etrusker, ihre Siedlungsaktivität, ihre Handelskontakte und über die Ausdehnung der politischen Interessensphäre vermittelt. Und diese Neuerkenntnisse aus den Bereichen der Linguistik, Kulturwissenschaft und Archäologie müssen für eine bislang fehlende interdisziplinäre Betrachtung der Kulturkontakte zwischen Etruskern und Römern aufgearbeitet werden. Hier einige Beispiele für die Dringlichkeit einer interdisziplinären Wissensbildung.

In der traditionellen Darstellung der römischen Geschichte wird darüber berichtet, dass die Römer um ca. 600 v.u.Z. anfingen, Texte in Lateinisch aufzuzeichnen. Was aber allgemein vernachlässigt wird, ist der Sachverhalt, dass die Kenntnis und der Gebrauch der Alphabetschrift den Römern von etruskischen Lehrmeistern vermittelt wurden. Dies lässt sich anhand der Verwendung bestimmter Buchstaben in bestimmten Funktionen nachweisen; z.B. die Verwendung des k nach etruskischem Vorbild zur Wiedergabe zweier Laute, sowohl von k als auch von g. Ein eigener Buchstabe für g wurde erst viel später eingeführt.

Inzwischen hat sich das Wissen über juridische Texte in etruskischer Sprache erweitert, und auch der Wortgebrauch in etruskischen Rechtsdenkmälern ist ausgiebig erforscht worden. Ohne das Vorbild des etruskischen Rechtswesens wäre die Entstehung der römischen Rechtstradition gar nicht vorstellbar. Das römische Recht hat die Rechtstradition der westlichen Zivilisation entscheidend geprägt. Bis heute werden lateinische juridische Fachausdrücke in den Sprachen Europas verwendet, von denen jetzt bekannt ist, dass sie ursprünglich als Lehnwörter aus dem Etruskischen ins Lateinische übernommen worden sind (z.B. arbiter “Schiedsrichter”, causa “rechtlicher Grund; Streitsache”, damnum “Schaden”, fraus “Betrug”, multa “Bußgeld”, norma “Regel, Vorschrift”, titulus “Rechtstitel; der eine Vergütung rechtfertigende Grund”).

Wie wichtig war die Zweisprachigkeit zu Beginn der römischen Zeit und welche Vorteile hatte sie?

Die Kenntnis des Etruskischen als Medium einer hochentwickelten Zivilisation war für die “Dörfler” auf den Hügeln des Geländes, das später zum Stadtgebiet zusammenwuchs, unerlässlich, um den Sprung ins “moderne” Zeitalter (mit Schriftgebrauch und Kalenderwesen, Stadtarchitektur, urbaner Administration, Straßenbau) zu tun. Dies bedeutete, dass die Kinder aus latinischen Familien nach Etrurien geschickt wurden, wo sie von etruskischen Lehrern unterrichtet wurden. Später dann – seit der Zeit, als der legendäre Romulus etruskische Baumeister und Städteplaner nach Rom einlud, um dort die Infrastruktur für die Stadt aufzubauen -, lebten etruskische Kolonisten, Latiner und Sabiner in ihren eigenen Wohnvierteln. Die Einwohner der neu gegründeten Stadt hatten aber täglichen Umgang miteinander, denn sie waren ja gemeinsam am Aufbau der Stadt beteiligt. Auf diese Weise wurde etruskisch-latinische Zweisprachigkeit zu einer alltäglichen Realität.

Die Zweisprachigkeit war die Schneise, über die Elemente aus dem Etruskischen ins Lateinische gelangten und sich die verschiedenen Domänen des Kulturwortschatzes ausbildeten. Und dieser Wortschatz hat sich breit ausgefächert, umfasst Hunderte von Einzelwörtern, von denen jeweils vielfältige Ableitungen gebildet wurden: z.B. Bereich der Zeitrechnung (Aprilis “April” < etruskisch), Architektur (fenestra “Fenster”), Militärwesen (triumphus “Triumphzug für einen siegreichen Armeeführer”), Ritualwesen (caerimonia “Zeremonie”), Lebensmittel (caseus “Käse”), Verwaltung (magister “Magister, Magistrat”), Gemeinschaftsbildung (populus “Leute, Volk”, vgl. franz. peuple, engl. people).

Die Anfänge Roms - Geschichte einer Mosaikkultur, Interview mit Harald Haarmann

Harald Haarmann, deutscher Sprach- und Kulturwissenschaftler und Autor.

Macht und Diversität lassen sich schwer vereinbaren. Wie sehen Sie das anhand der römischen Geschichte und der Assimilierung der Etrusker durch die Römer?

Solange die Römer (also die latinischen Stadtbewohner) die Etrusker brauchten und auf ihr Know-how angewiesen waren, herrschte ein Interessenausgleich. Der Kommunikationskanal für das gemeinsame Handeln der beiden ethnischen Gruppen war die Zweisprachigkeit auf Seiten der Latiner (mit Lateinisch als Primärsprache und Etruskisch als Zweitsprache). Etrusker brauchten wegen ihres Status als Gruppe, die Know-how an die Römer vermittelte, selbst nicht die Sprache der “nehmenden” Gruppe (d.h. Lateinisch) zu lernen.

Das änderte sich, als die Römer (latinischer Abstammung) allmählich selbst mehr und mehr Einfluss nahmen. Mit dem Machtwechsel (Ablösung der etruskischen Königsherrschaft und Einrichtung der republikanischen Ordnung) änderten sich die Machtverhältnisse und die Römer kontrollierten von da an die politischen Geschicke der Stadt und des römischen Machtbereichs. Dies bedeutete aber keine Verdrängung der etruskischen Experten. Denn auf etruskische Verwaltungsfachleute und Baumeister mochten die Römer auch während der Zeit der frühen Republik nicht verzichten. Diese Fachleute waren aber gehalten, selbst mehr und mehr Lateinisch zu lernen. Denn der sprachliche Trend der Modernisierung war von nun an mit dem Lateinischen assoziiert.

Im Prozess der Eroberung eines etruskischen Stadtstaates nach dem anderen durch römische Truppen verstärkte sich der situationelle Druck des Lateinischen und von römischer politischer Kontrolle im gesamten etruskischen Siedlungsgebiet. Die Etrusker – angefangen mit der aristokratischen Oberschicht durch alle sozialen Gruppen bis auf die Handwerker – erlebten innerhalb weniger Generationen einen vollständigen Wechsel zu römischer Lebensweise, und sprachlich einen Übergang zum Lateinischen. Die Vertreter der jungen Generation lernten nicht mehr die Sprache ihrer Vorfahren, sondern wurden in der Sprache der römischen Machthaber sozialisiert, denn allein das Lateinische öffnete die Tore zu wirtschaftlichem Erfolg und sozialem Aufstieg.

Es gab aber Etrusker, die sich mit der römischen Oberhoheit arrangierten, aber ihr etruskisches Kulturerbe (einschließlich der Sprache) bewusst pflegten. Einer der berühmten Etrusker, der die Ära des Kaisers Augustus prägte, war Maecenas (68-8 v.u.Z.). Dieser aus einer wohlhabenden aristokratischen Familie stammende Etrusker wurde als Sponsor römischer Dichter wie Horaz und Vergil als “Mäzen” weltbekannt. Und was seine politische Karriere betrifft, so hat Maecenas das höchste Amt bekleidet, das je ein Etrusker in römischen Staatsdiensten ausgeübt hat: er übernahm als politischer Stellvertreter des Kaisers in Rom die Staatsgeschäfte, wenn Augustus auf Reisen war.

Wie wichtig ist die Sprachwissenschaft für das Studium der Geschichte des Altertums?

Wenn Sprache das Medium ist, mit dem die Menschen im gemeinsamen Handeln ihre Kultur und ihre Gemeinwesen aufbauen, wenn Sprache der Mörtel ist, der das Netz sozialer Beziehungen in einer Gesellschaft zusammenhält, und wenn Sprache das Ausdruckspotenzial bereitstellt, um aktives Kulturschaffen zu ermöglichen, dann ist das Studium der Sprache bzw. der Sprachen unerlässlich, um das Kulturschaffen und die Entwicklung einer Bevölkerungsgruppe in einer gegebenen Epoche zu verstehen. Und für die Anfänge der römischen Geschichte sind die wichtigen sprachlichen Medien das Etruskische und das Lateinische. Als dritter Partner im Kulturaustausch der Antike ist auch das Griechische von besonderer Bedeutung.

Das Studium der Sprachgeschichte vermittelt auch die Einsicht, dass Sprache wie ein Messinstrument funktioniert – ähnlich wie ein Seismograph in der Geologie -, mit den Veränderungen und Trends im Kulturkontakt registriert und gleichsam “archiviert” werden, in Form von Entlehnungen und Einflüssen im Lautsystem oder in der Syntax. Und solche archivierten Einflüsse lassen sich über Jahrhunderte und selbst noch nach Tausenden von Jahren nachweisen. Beispielsweise haben sich Sprechgewohnheiten der Etrusker im Lautsystem des toskanischen Dialekts des Italienischen bis heute erhalten (z.B. das emphatische kh im Wortanlaut wie im Ausdruck un khane “ein Hund” für italienisch un cane).

Welche sind die innovativen Thesen dieses Buches?

Die innovativen Thesen des Buchs über die Anfänge Roms bündeln sich gleichsam, wenn man die Position eines interdisziplinären Informations- und Erkenntnisaustausches einnimmt. Keine Einzeldisziplin kann die Erforschung dieses komplexen Themenkreises allein leisten. Es braucht eine intensive Kooperation zwischen verschiedenen Wissenschaftsbereichen, sowohl in personeller Hinsicht (Gedankenaustausch zwischen Fachvertretern verschiedener Disziplinen), im Interesse der Sachorientierung (Verarbeitung von Sekundärliteratur aus verschiedenen Bereichen) als auch als Leistung interdisziplinärer Datenverarbeitung durch Einzelforscher. In meiner Studie sind Erkenntnisse aus der Linguistik, der Kulturwissenschaft, der Archäologie, der Architektur-, Kunst- und Religionsgeschichte, der Humangenetik und der Erforschung literarischer Quellen und epigraphischer Literatur (Inschriften) ausgewertet.

In dieser Konzentration der Hauptthese von der Wichtigkeit interdisziplinärer Forschung gewinnen spezielle Thesen Eigenprofil:

– Die Geschichte Roms entfaltete sich von Anbeginn in einem multikulturellen und multilingualem Milieu, und der Charakter einer Multi-Kulti-Mosaikkultur ist durch alle Phasen der römischen Geschichte erhalten geblieben, allerdings mit ständigen Fluktuationen und wechselnden Schwerpunkten. Zu Beginn waren etruskische Kultur und Sprache tonangebend, später entfaltete sich römisch-lateinischer Einfluss als Trendsetter im multikulturellen Milieu der Provinzen des römischen Imperiums.

– Seinen Aufstieg verdankt Rom der Kooperation mit Vertretern einer der damals führenden Zivilisationen, der etruskischen. Die römische Zivilisation ist damit selbst ein Kooperationsprojekt und steht als Symbol für Interessenausgleich zwischen Kulturen und ethnischen Gruppen im wechselseitigen Kontakt. Der Aufstieg Roms ist dem Primat des Multikulturalismus verpflichtet, nicht der Isolation in einer Monokultur.

– Der lateinische Kulturwortschatz, von dem die europäischen Sprachen profitiert haben, ist kein Modell “Marke Eigenbau”, sondern spiegelt das reichhaltige multikulturelle Erbe und den traditionsorientierten Wissensschatz Italiens während der Antike wieder.

Was planen Sie für die Zukunft?

Dieses Buch ist ein Baustein im Mosaik meines persönlichen Sanierungsprogramms für die Antikenforschung, dessen andere Steine die Neuorientierung der Forschung mit Bezug zur griechischen Zivilisation (2014, 2017) und zum Kulturerbe Alteuropas (1995, 2011, 2015) sind.

Dieses Programm wird fortgesetzt. Derzeit arbeite ich eine Gesamtschau der frühen Zivilisationen der Alten und Neuen Welt aus. Das Neue in dieser Gesamtschau ist die Integration Alteuropas (bzw. der Donauzivilisation) in das Panorama der alten Hochkulturen. Dabei verschiebt sich nicht nur die traditionelle Kulturchronologie weiter zurück in die zeitliche Tiefe, auch die Geschichte der Erfindungen stellt sich in neuem Licht dar (z.B. Beginn der Schrifttradition, Anfänge der Metallverarbeitung, Einführung der Töpferscheibe, innovative Trends in der Transporttechnologie wie die Erfindung von Rad und Wagen). Dieser Band ist für einen Verlag in Amerika vorgesehen und wird im nächsten Jahr in den USA publiziert.

Das Sanierungsprogramm der Antikenforschung hat auch eine besonders zukunftsorientierte Ausweitung erfahren, u.zw. in Kooperation mit LaBGC, der in Spanien lebenden Künstlerin und Publizistin. Zusammen haben wir eine Zukunftsvision für die Europäische Union erarbeitet, die sich auf die Auswertung der nützlichen Lehren aus dem Commonwealth Alteuropas mit seinem weit ausgedehnten Netz von Handelskontakten und seiner egalitären Gesellschaft stützt. Diese Auswertung wird demnächst in Buchform erscheinen (MITEINANDER NEU-DENKEN, Lit Verlag, Reihe Red Guide, 2019).

Kategorien: Europa, Interviews, Kultur und Medien, Vielfalt
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