Milagro Sala: „Ich bereue nichts“

27.02.2019 - San Salvador de Jujuy, Argentinien - Mariano Quiroga

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Italienisch verfügbar.

Milagro Sala: „Ich bereue nichts“
(Bild von Mariano Quiroga)

Auf Einladung der Organisatoren von Jallalla de Mujeres 2018 hin begann ich das Abenteuer meiner Reise nach Jujuy, um mich mit Mitgliedern von Tupac Amaru sowie der vielen Komitees für die Freiheit von Milagro Sala aus dem ganzen Land zu treffen und auszutauschen.

Ziel des Frauentreffens war es, alle politischen Gefangenen in Jujuy zu besuchen, Graciela López, Mirta Guerrero, Beto Cardozo, Gladys Díaz, Javier Nieva und Mirta Aizama, und zudem auch, sich dem Gebäude zu nähern, in dem Milagro Sala und Raúl Noro in der Stadt El Carmen als politische Gefangene unter Hausarrest stehen. Es gab eine Radioübertragung, in der wir Anwesende den Referenten von Tupac die Gründe erläutern konnten, die uns veranlasst haben, ihnen unsere Unterstützung und Solidarität zu bekunden. Und wir konnten ihnen unseren Willen bekräftigten, weiter zu kämpfen, um die politischen Gefangenen aus dieser ungerechten und willkürlichen Inhaftierung zu befreien.

Unsere Reise begann im Hauptsitz der Tupac in Buenos Aires, von dort aus stiegen wir in einem Bus voll mit Sachspenden für die Menschen in Jujuy und mit Zelten, in denen wir später in der Nähe des „Heimgefängnisses“ von Milagro lagern würden.

Frauen jeden Alters und unterschiedlicher politischer und ideologischer Strömungen nahmen im Bus Platz. Viele kannten sich von früheren Aktionen, aber für die meisten war es die erste Reise, um die Freiheit der Leiterin der Tupac Amaru zu fordern.

Von Rosario, Córdoba, Tucumán, Santiago del Estero, Río Negro und Salta aus kamen weitere Frauen, einige in Begleitung ihrer Partner, zu dieser Reisegesellschaft voll festlicher Atmosphäre und sozialen Engagement hinzu.

El Carmen

Nach einer Nacht mit Tanz, gemeinsamem Essen und Kameradschaft machten wir uns früh am Morgen auf den Weg zu dem Haus, in dem Tupac Amaru die Eröffnung eines Rehabilitationszentrums für Drogenabhängige geplant hatte, das aber von den Schergen des Vizekönigs Gerardo Morales (Gouverneur der Provinz Jujuy, Anm.d.Ü.) zerstört worden war und das in Rekordzeit wieder aufgebaut wurde, so dass es nach Lust und Laune des Richters Pullen Llermanos als Heimgefängnis für Milagro genutzt werden konnte.

Als wir den unbefestigten Weg hinauffuhren, der zum Haus führt, und dabei Lieder für Milagros Freiheit sangen, sahen wir sie schon hinter der Mauer auf uns warten, wo die Polizei von Jujuy Stacheldrahtzaun gespannt hat, der das Gebäude in ein Gefängnis verwandelt. Ein Polizeikolonne mit Gewehren und Polizisten zu Pferd vervollständigte das Bild des Lagers, das die Gendarmerie an der Straße zum Haus errichtet hatte.
An der Seite von Milagro stand Raúl Noro, unermüdlicher Begleiter des sozialen Leiterin und geistige Stütze in Momenten der größten Krise von „La Flaca“, wie Milagro in Jujuy genannt wird. Auch ihre Kinder, Sergio und Claudia, waren dabei.

Indigene Frauen dankten Milagro dafür, dass sie durch sie wieder „existieren“ konnten, und dafür, ihnen die Möglichkeit gegeben zu haben, Rechte zu erlangen, die ihnen zuvor immer verweigert worden waren. Sie verurteilten die Arroganz der Familie Blanquier und beschuldigten Gerardo Morales, der mächtigsten Familie in Jujuy zu dienen.

Die Worte waren tröstend und der positiver Zuspruch kam aus allen Ecken Argentiniens. Milagro dankte einem nach dem anderen und nachdem sie mehr als 50 Personen angehört hatte, begann sie ihre Rede mit fester Stimme.

„Diese Leute in Uniform gehorchen den Befehlen, aber sie sind genauso bedroht wie ihr“, sagte sie, und „sie müssen sich unserem Kampf anschließen“. Sie sprach zu uns, aber auch zu ihnen, und erinnerte sie daran, dass wir alle im gleichen Boot sitzen und dass sie eines Tages „ihre Helme abnehmen und mit uns marschieren müssen, wie es kürzlich in Frankreich geschehen ist“.

Sala bat die Anwesenden, ihre Botschaft zu übermitteln, die schlicht lautete: „Der einzige Weg, Solidarität mit politischen Gefangenen zu zeigen, ist der, sich zu organisieren und durch die Straßen Argentiniens, durch die Stadtviertel und Dörfer zu laufen und zu kämpfen. Der einzige Weg, uns zu helfen, ist der, für die Einheit des Volkes einzutreten“.

„Wir fordern nicht nur die Freiheit der politischen Gefangenen, wir fordern auch Freiheit im Denken, keine Angst mehr haben zu müssen, nicht wieder das Haupt beugen zu müssen“, sagte die Jujeña und bat uns, nicht zu verzagen. Darüber hinaus versicherte sie, dass, wenn etwas zu unseren Gunsten war, dann „war es die Erfahrung des gemeinsamen Wiederaufbaus unserer Heimat“. Sie sprach von der Tatsache, dass „viele Führer glauben, dass sie – da sie mit der jeweiligen Regierung zu tun haben – uns dazu bringen können, unsere Köpfe zu senken, aber wir haben keine Angst zu marschieren, in den Straßen, und sie können die Straße nicht besiegen“.

Gefährte Raúl

Milagro Sala wollte mit uns auch über den Gesundheitszustand ihres Lebensgefährten Raúl Noro sprechen. „Ich bin voller Schmerz“, sagte sie und erklärte, dass die neuesten medizinischen Untersuchungen ergeben haben, dass Raúl Krebs hat. Da so viele Lügen über ihn geschrieben worden waren, war es für sie wichtig, mit eigenen Worten sagen zu können, dass ihr Mann sich nicht krank gestellt hatte, um nicht aussagen zu müssen, wie ihn einige aus Kreisen von Gerardo Morales beschuldigt hatten.

„Wir werden nicht aufgeben, denn jeden Tag sehen wir, wie ihr auf der Straße kämpft, und die Kraft, die wir so erhalten, ist Euch zu verdanken“, betonte sie und bekräftigte ihre Hoffnung, dass die Prozesse so bald wie möglich vorbei sein werden, „auf dass diese Narrenposse endlich ein Ende hat“.
„Wie Cristina (Kirchner; Anm.d.Ü.) sagte, bereue ich nichts von dem, was ich getan habe“, sagte Milagro, bevor sie alle Anwesenden dazu einlud, einen Kreis zu bilden, sich gegenseitig zu umarmen und die Augen zu schließen. Sie bat um Wohlergehen für Raúl und alle politischen Gefangenen, und auch darum, uns den 10. Dezember 2019 und den Moment vorzustellen, in dem dieser Alptraum enden würde. Sie schloss mit dem Wunsch für „Frieden, Kraft und Freude für alle“.

Hier die gesamte Rede von Milagro Sala von der Mauer des Hauses in El Carmen (Spanisch):

Milagro Sala en el Jallalla Mujeres 2018

Este sábado 08 de diciembre Radio Hache estuvo en el Jallalla Mujeres que se realizó en Jujuy. En la mañana se realizó una radio abierta en la que las distintas participantes pudieron testimoniar las razones por las que se habían acercado hasta El Carmen, donde cumple "prisión domiciliaria" la líder de la Tupac Amaru y presa política, Milagro Sala. Esto le dijo a quienes estábamos congregados allí. #LibertadAMilagroSala#Jallalla2018 Jallalla Mujeres

Posted by Radio Hache on Monday, 10 December 2018

Der Besuch

Die Angehörigen hatten mit den Anwälten der politischen Gefangenen Besuche in jedem der Gefängnisse und auch im Haus von Milagro und Raúl selbst vereinbart. Das Tor zu passieren, von außen verschlossen und nur durch die Polizisten zu öffnen, war ein Moment großer Intensität, zum ersten Mal Milagro zu umarmen, eine feste, warme und lange Umarmung, und sich von Raúls Herzlichkeit berühren zu lassen, einem großartigen Gastgeber, der immer auf die kleinsten Details achtete, um unseren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.

Sobald wir am Küchentisch saßen, um mit Stevia gesüßten Mate-Tee zu trinken und zu reden, zeigte Milagro Raúl meinen Hut und sagte, dass es einer solcher sei, den sie gerne hätte, dass er ihr kauft. Natürlich habe ich ihr sofort zugesagt, dass, wenn sie so einen Barett haben möchte, es bereits ihres sei, und so war es auch. Zusammen mit den Büchern von Pressenza ließ ich Milagro das Barett da, das sie während des gesamten Gesprächs trug, und das ihr natürlich viel besser steht als mir.

„Die Zeremonie mit geschlossenen Augen hat uns allen sehr gut getan“, sagte Ayelén, die mit mir eingetreten war, und so konnte Milagro erklären, dass es sich um eine humanistische Zeremonie handelte. „Wenn wir uns niedergeschlagen und frustriert fühlen, machen wir die Zeremonie, um zur Ruhe zu kommen, anderen zu vergeben, die Fehler und Tugenden des anderen zu akzeptieren. Das hat uns sehr geholfen, als Organisation zu wachsen“, sagte sie. Sie fragte mich, ob ich Ana López kenne, die Person, die sie „gerettet hat“, indem sie ihr die Dinge des Humanismus beibrachte. „Vorher glaubte ich, dass Revolution mit Waffen gemacht wird, aber durch den Humanismus entdeckte ich, dass sie im Bewusstsein geschehen muss“, erzählte sie uns.

Im Mittelpunkt des Gespräches standen dieselben Themen, die sie auch öffentlich zum Ausdruck gebracht hatte. Die Wut über die Lügen, die über Raúl Noro erzählt worden waren, und ihr Bedürfnis, dass man sich dafür entschuldigt. „Mein Mann lügt nicht“, sagte sie und fügte hinzu, dass er seinen Schmerz darüber oft sogar vor ihr selber verborgen hat.

Sie bestand auf der Idee, dass es das organisierte Volk ist, das die Kontinuität der Regierung von Mauricio Macri bestimmen wird, und dass dies nicht so sehr von den Führern abhängt, sondern von der Mobilisierung der Menschen.

„Es ist das Werk von Tausenden von Kameraden, die ein besseres Leben suchen, es ist nicht Milagro“, sagte sie uns und nannte als Beispiel den kollektiven Aufbau dessen, was die Tupac zusammen geschafft haben. „Wir sind keine Pest, wie man uns darstellt, wir sind der Stolz der indigenen Völker und dafür lassen wir uns auch respektieren“, erklärte sie.

Sie vertiefte das Thema Führung und sagte, dass es notwendig sei, „das Ego zu managen und keine Angst vor der Einheit des Volkes zu haben“. „Egal wie der andere ist, egal welche Farbe die Fahnen haben, wir müssen die Straßen mit Tausenden von Blumen füllen, um als Volk wiedergeboren zu werden“ sagte sie. „Wenn die Führer sich nicht organisieren, sind wir es, die sich als Volk organisieren müssen, wir müssen zeigen, dass wir am Leben sind“, erklärte sie, ohne die Arbeit der Führer abzuwerten, denn „auch ich bin eine Anführerin, aber wenn ich die Arbeit, die ich zu tun habe, nicht tue oder schlecht tue, dann muss das Volk allein hinausgehen“. Weiter redeten wir über unser Land, dachten über es nach und über das, was wir unseren Kindern und Enkeln überlassen werden.

Deshalb also hatte sie erwähnt, dass die politische Ausbildung auf der Straße stattfindet, „denn von uns wird abhängen, was passiert“. „Wenn der CGR (argentinischer Gewerkschaftsbund; Amm.d.Ü.) nicht streikt, tut es selbst“, hatte sie uns ein paar Minuten zuvor gesagt, und dabei die Gewerkschaftsführer mit Verachtung gestraft, die ihre Untätigkeit mit der Angst, beiseite geschoben zu werden, rechtfertigen. „Sie kümmern sich nur um ihren Hinterhof und nicht um das ganze Haus“, sagte sie. Als sie von einer Begleiterin nach Cristinas Kandidatur gefragt wurden, meinte sie, dass „sie kandidieren soll“, weil „die Stimmen bestehen bleiben“ und sie „bereits gezeigt hat, dass sie weiß, wie man die Nation führt“.

Dann mussten wir etwas überstürzt aufbrechen, weil noch viele andere Mitreisende auf Eintritt warteten, also umarmten wir uns wieder und sprachen kurz mit Raúl.

Im folgenden Video, aus dem Programm Continentes y Contenidos, einem wöchentlichen Radioprogramm von Pressenza bei Radio Hache, sind die vollständigen Bilder, die wir vom Treffen in El Carmen bekommen haben, zu sehen:

Das Komitee

Von El Carmen aus fuhren wir ins Gefängnis von Gorriti, wo eine Veranstaltung stattfand, um die Freilassung aller politischen Gefangenen in Jujuy zu fordern, und dann marschierten wir zum Büro des Gouverneurs.

Es war ein Marsch voller Energie, mit Batterien, die durch die Botschaft von Milagro Sala wieder aufgeladen warden, und immer noch bewegt von der Intensität des Erlebten. Wir nutzten die Gelegenheit, um einige Souvenirs unter den verschiedenen Organisationen auszutauschen und um uns gegenseitig zu danken. Unser Dank galt auch dem herzlichen Empfang und der Bewahrung der Flamme von Tupac Amaru und der Bewohner von Jujuy, sowie der Solidarität und Unterstützung, die aus dem ganzen Land kommt, was klar zeigt, dass wir nicht allein sind, dass man überall die Freiheit der politischen Gefangenen fordert und dass die Ablehnung von Gerardo Morales weltweit ist.

 

Übersetzung aus dem Italienischen von Evelyn Rottengatter

 

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Kategorien: Humanismus und Spiritualität, Indigene Völker, Menschenrechte, Politik, Südamerika
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