Im Zuge der Vorbereitungen für das Europäische Humanistische Forum haben wir unsere teilnehmenden Rednerinnen und Redner zu den Ideen interviewt, die hinter dem Forum stehen.

Piero P. Giorgi ist italienischer Neurologe, seine Ausbildung führte ihn zuerst nach Bologna, dann ins Vereinigte Königreich und die Schweiz und schließlich zur Universität von Queensland in Brisbane, Australien, wo er den Studiengang „Peace Studies“ (Friedensstudien) ins Leben rief, bevor er 2004 in den Ruhestand ging.

EHF2018: Piero, was hat damals Dein Interesse für Frieden und Gewaltfreiheit geweckt?

PPG: 1986 wurde mir während eines Palmsonntag-Friedensmarsches bewusst, dass Frieden eigentlich studiert gehört und nicht auf der Straße gefordert. Dann dachte ich mir, dass ich meine Kenntnisse über das menschliche Gehirn und unsere Verhaltensmuster nutzen sollte, um die Ursache von Gewalt zu recherchieren. Dreißig Jahre und viele Publikationen später kann ich voller Zuversicht die neue Hypothese der gewaltfreien menschlichen Natur (hat nichts mit J.J. Rousseau zu tun) präsentieren, die von sechs multidisziplinären wissenschaftlichen Beweisen unterstützt wird. Der Begriff „menschliche Natur“ bezieht sich dabei auf unsere biologisch-kulturelle (nicht nur biologische) Evolution.(1)

EHF2018: Es gibt viele, die die Menschheit durch eine „darwinistische Brille“ sehen, also als Produkt des Überlebenskampfes, dem sogenannten „Survival of the Fittest“, dem Überleben des Stärkeren. Manche glauben, die Gewalt sei von Natur aus Teil des Menschen. Wie siehst Du das?

PPG: Als kurze Einführung ist es notwendig zu wissen, dass erstens die Begriffe „Evolution“ und „Survival of the Fittest“ (beide inkorrekt) nie von Charles Darwin verwendet wurden, sondern von Herbert Spencer, der kein Wissenschaftler, sondern schon fast ein Scharlatan war, und zweitens, dass die Transmutation der Spezies erstmals von Jean B. Lamarck (1809) vorgeschlagen wurde, wohingegen Darwin die natürliche Selektion (1859) „nur“ als Mechanismus zur Erklärung der Transmutation der Spezies verwendete.

Warum erwähnen die Medien und die Lehrpläne in den Schulen immer nur Darwin, wenn es um die „Evolution“ geht, und nicht Lamarck oder modernere Autoren wie Julian Huxley, George G. Simpson, Francisco J. Ayala etc., die eine korrekte, aktualisierte Sichtweise dieser so wichtigen Theorie der Biologie anbieten? Warum wird die falsche Terminologie von H. Spencer immer Darwin zugeschrieben und warum wurde dies so erfolgreich in der öffentlichen Meinung verankert? Leider ist auch die Wissenschaft nicht frei von politischem Einfluss.

Darüber hinaus wird die falsche Idee, dass der Mensch „von Natur aus“ gewalttätig sei, und die bereits vor Jahrzehnten widerlegt wurde, immer noch von Regierungen (die sich gerne selber aus der Verpflichtung entlassen, radikale soziale Veränderungen einzuführen, um Gewalt zu verhindern), von höheren Klassen der Gesellschaft (die sich „von Natur aus“ dazu berufen fühlen, die Geschicke der Menschheit zu leiten) sowie auch von Mittelschichten der Gesellschaft (die sich von der Aussicht, ihren eigenen Lebensstil und konservative Haltung ändern zu müssen, bedrängt fühlen) unterstützt.

Nichtsdestotrotz liefert jetzt eine steigende Anzahl von Wissenschaftlern, besonders Neurologen und Anthropologen, aussagekräftige Beweise, die die neue Idee unterstützen, dass unsere Spezies, Homo sapiens, von Natur aus gewaltfrei ist (im Bezug auf die biologisch-kulturelle, nicht die genetische Entwicklung), und dass Gewalt erst relativ spät, vor ca. 5.000 bis 6.000 Jahren, durch einen „rapiden“ kulturellen Prozess erstmals auftrat (siehe Link Fußnote unten). Diese Tragödie in der Geschichte der Menschheit erschien nach der Erfindung der Produktion von Lebensmittels und dem damit verbundenen Entstehen von großen, nach Schichten aufgeteilten menschliche Siedlungen, wobei wir schrittweise unsere Menschlichkeit durch die Einführung von struktureller Gewalt, direkter Gewalt und von Kriegen verloren haben.

Jetzt, da wir wissen, wer wir sind, und dass wir von Natur aus gewaltfrei sind, können wir damit beginnen, das hohe Maß der verschiedenen Formen von Gewalt gegen Menschen und gegen die Umwelt zu reduzieren.

EHF2018: Du wirst im Arbeitsbereich Humanistische und gewaltfreie Erziehung sprechen. Kannst Du uns etwas zu den Themen sagen, die Deiner Ansicht nach in diesem Arbeitsbereich weiter entwickelt werden sollten?

PPG: Erziehung geschieht auf vielfältige Weise, nicht nur in der formalen Schulbildung.

Die effektivste „Erziehung“ könnte nonverbal in den ersten 5 Jahren passieren: die Beziehungen zwischen Müttern und ihren Babys könnten komplett anders sein, als sie es momentan sind, die sozialen Modelle, die Kleinkindern vorgelebt werden (und die auf natürliche Weise von ihnen imitiert werden) könnten komplett anders sein, als sie es momentan sind. Während der ersten fünf Lebensjahre haben wir die Möglichkeit, gewaltfreie Menschen zu bilden, aber wir tun es nicht.

Während einer weiteren wichtigen Lebensphase, zwischen fünf und fünfzehn Jahren, könnten wir die formale Schuldbildung dann dazu nutzen, um selbst denkende Bürger zu bilden, also kreative und sozialisierte junge Menschen, aber momentan bilden wir lieber gehorsame Schüler und zukünftige konservative Konsumenten aus, wobei konservativ in diesem Fall strukturell gewalttätig bedeutet.

Heranwachsende Menschen behalten sich immer noch einen gewissen Idealismus (der interessanterweise nicht gewollt ist), der sowohl in eine destruktive als auch in eine konstruktive Richtung münden kann. Nochmals, konstruktive soziale Modelle könnten diese Wahl beeinflussen, aber momentan sind sie sehr rar und werden von den Massenmedien ignoriert.

Junge Menschen sind in der Regel viel zu sehr damit beschäftigt, in den Konkurrenzkampf des Konsums einzusteigen, als dass ein so unkonventioneller Lebensstil wie die Gewaltfreiheit gepflegt werden könnte. Die wenigen Fälle, in denen das gelingt, sind zu selten, um die dringend notwendige Wandlung zur gewaltfreien Gesellschaft zu schaffen (wir sind eine Spezies, die von der Auslöschung bedroht ist).

Hohes Alter könnte mit verspäteten weisen Einsichten überraschen, aber dann ist es zu spät, um eine effektive Rolle zu spielen.

EHF2018: Die Idee hinter dem Forum ist es, Menschen aus verschiedensten Fachgebieten zusammenzubringen und gemeinsam das zu entdecken, „was uns verbindet“. Warum ist es aus Deiner Sicht wichtig, dass dieses Forum stattfindet und was ist es Deiner Meinung nach, was uns verbindet?

PPG: Als Wissenschaftler, der die menschliche Natur studiert, habe ich schon immer nach Gemeinsamkeiten zwischen Menschen gesucht. Philosophen, Soziologen und klassische Anthropologen haben sich dagegen auf die Unterschiede der ca. 6.000 – 7.000 menschlichen Kulturen konzentriert, die auf der Erde existieren, und folgerten daraus, dass es unmöglich sei, die menschliche Natur zu definieren. Ich folgen hingegen modernen Ideen von evolutionären Biologen und entdeckte mehrere Beweise dafür, dass der Homo sapiens des Paläolithikums, also vor mindestens 50.000 Jahren oder noch früher, gewaltfrei war. Interessanterweise sind auch alle heute noch existierenden Nomadenvölker, die nach dem Jäger-Sammler-Prinzip leben (an die 20 Völker), ebenfalls gewaltfrei. Diese beiden von unserer Gesellschaft weit entfernten Modelle stellen die wahre Natur des Menschen dar und können dazu dienen, die menschliche Natur zu definieren (Achtung: J.J. Rousseau hat damit nichts zu tun).

Das ist es, was uns verbinden könnte: Empathie, Solidarität, Kooperation, Gewaltfreiheit, Spiritualität (nicht Religion) und Respekt gegenüber der Natur. Aber wir haben all diese menschlichen Charakteristiken immer weiter verloren und stattdessen Gewalt kulturell angenommen, indem wir Kinder äußerst effektiv dazu erziehen, Gewalt zu akzeptieren und auszuüben, weil das der Minderheit dient, die die modernen in Schichten aufgeteilte Gesellschaften regieren.

(1) Eine Zusammenfassung in englischer Sprache finden Sie hier (letzter Eintrag): http://www.pierogiorgi.org/detailed-academic-cv-and-publications/peace-studies/

Übersetzung aus dem Englischen von Evelyn Rottengatter