Schuldzuweisungen bei Giftgasanschlag von Salisbury: Wo bleiben die Beweise?

18.03.2018 - Pressenza Muenchen

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Spanisch verfügbar.

Schuldzuweisungen bei Giftgasanschlag von Salisbury: Wo bleiben die Beweise?
(Bild von Facebook-Seite Denk Dein Ding / Screenshot)

 

Der Giftgasanschlag auf den ehemaligen sowjetischen Doppelagenten Skripal und seine Tochter auf britischem Boden erreicht ungeahnte Ausmaße: der Schuldige ist von den westlichen Regierungen und Medien schnell ausgemacht: es muss Russland gewesen sein, denn das Nervengift wurde dort entwickelt.

Sanktionen werden verhängt, auch die Bundesregierung schlägt sich vorschnell auf die Seite der Ankläger, die ihr eigenes Urteil bereits längst gefällt zu haben scheinen. Ohne gründliche Untersuchung der Vorfälle, ohne jegliche wissenschaftliche Beweise.

Doch durch die megafonartige Verbreitung der Schuldzuweisung ist inzwischen bereits die halbe Welt davon überzeugt, dass Russlands Präsident Putin höchst persönlich dahinter stecken muss. Von verantwortungsvoller Beweisaufnahme und sachlicher Betrachtung der Fakten keine Spur.

Das Nervengift Novichok, stammt tatsächlich aus russischer Entwicklung. Allerdings wurde die Formel dazu bereits vor zehn Jahren von Vil Mirzayanov, einem in die USA übergelaufenen Wissenschaftler, der damals an der Entwicklung des Nervengiftes beteiligt war, in seinem Buch „State Secrets“ publiziert.

Diese Information ist auch nicht geheim, sondern öffentlich im Internet einsehbar: In einem Post auf der Twitter-Seite der russischen Botschaft in Großbritannien sagt Mirzayanov klar und deutlich: „Ich habe die Formel zu Novichok in meinem Buch publiziert, das 2008 erschien“.

 

 

Auch das Buch ist ganz einfach im Internet zu erwerben, interessanterweise bei Amazon.com ohne Inhaltsangabe und ohne Kommentare, sucht man es jedoch auf Amazon.de, so erhält man beides sogar in englischer Sprache.

In einem auf Voice of America veröffentlichten Interview führt Mirzayanov weiter aus, er habe genau aus diesem Grunde die Formel publiziert, um zu verhindern, dass sie (wie im Fall Skripal) missbraucht würde und er habe seit 1992 darauf hingewirkt, dass Novichok mit in die Liste der offiziell verbotenen chemischen Waffen mitaufgenommen wird, die von der internationalen Organisation OPCW (Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons) geführt wird. Sowohl Großbritannien als auch Russland sind als Vertragsstaaten des Chemiewaffenübereinkommens Mitglieder der OPCW.

In einem jüngsten Interview mit dem britischen The Guardian fügt er nun hinzu, er glaube nicht, dass „nicht-staatliche Akteure“ das Wissen und die technischen Möglichkeiten besäßen, Novichok selber herzustellen. Damit impliziert er die Herstellung durch eine Regierung oder regierungsnahe Organisation.

Der russische Vertreter bei der OPCW, Alexander Schulgin, hat hingegen kürzlich der Agentur Interfax gegenüber erklärt, es könne „mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass das in Salisbury verwendete Gift aus einem westlichen Labor stammt.“ (Quelle: Deutsche Welle).

Der ehemalige britische Botschafter Craig Murray führt in einem Artikel zum Thema aus, dass Novichok bereits 2016 erfolgreich im Iran hergestellt wurde – in voller Zusammenarbeit mit der OPCW. Zudem sei die Rückverfolgung des in Salisbury verwendeten Nervengiftes nach Russland nur mit einer Vergleichsprobe möglich.

Seiner Meinung nach ist dies auch der Grund, warum die mit dem Fall befassten britischen Chemieexperten von Porton Down sich weigerten, dem Druck ihrer Regierung nachzugeben und zu erklären, dass das Nervengift russischer Herkunft sei: „Wenn der Iran Novichok herstellen kann, so kann das eine erhebliche Anzahl anderer Staaten auch“, so Craig wörtlich.

Russland hatte am 13. März offiziell um eine Probe gebeten, um zur Aufklärung des Falles beitragen zu können, was aber von Großbritannien bis jetzt verweigert wurde.

Es scheint, als ob westlichen Politiker genau wüssten, auf welch gefährlichem Boden sie sich bewegen. Laut einem Artikel von Russia Today ist dies auch der Grund, warum sowohl Premierministerin May, als auch ihr Botschafter bei den Vereinten Nationen und ihr Außenminister immer nur vom Nervengift „des Typs, wie er in Russland entwickelt wurde“ sprechen.

Diese Formulierung wurde auch wortwörtlich von deutscher Seite in die gemeinsamen Erklärung mit Großbritannien, Frankreich und den USA mitaufgenommen, die Russland die Verantwortung für diesen Anschlag „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ anlastet.

Aufgrund der oben angeführten Tatsachen muss man sich allerdings fragen, woher diese hohe Wahrscheinlichkeit rühren soll. Wo bleiben die Beweise? Und welche Rolle spielen hier die westlichen Medien, die unüberlegt alles übernehmen? Wo bleibt echte Investigativ-Recherche?

Tatsächlich wirft das Verhalten unserer westlichen Regierungen und Medien mehr Fragen als Antworten auf, zumal  sich die gesamte Welt dadurch einmal mehr gefährlich in die Nähe einer militärischen Eskalation gerückt sieht.

Inzwischen hat sich zumindest ein deutscher Politiker vernünftig zu dem Vorfall geäußert: Bei seinem ersten Auftritt als Außenminister a. D. plädiert Sigmar Gabriel für Zurückhaltung und mahnt die Wahrung des rechtsstaatlichen Prinzips der Unschuldsvermutung an. Muss man also erst außer Dienst sein, um mit kühlem Kopf und Vernunft zu handeln? Es scheint wohl so.

 

Kategorien: Europa, Internationale Angelegenheiten, Kultur und Medien, Politik, Pressemitteilungen
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