Behinderung, Inklusion und Diskriminierung in Berlin

13.12.2017 - Amelia Massetti - ProMosaik

Behinderung, Inklusion und Diskriminierung in Berlin
(Bild von pixabay | CC0 Creative Commons)

Der Verein Artemisia e.V. Inklusion für alle basiert auf dem Grundsatz der Inklusion und seiner Umsetzung in Deutschland, auch indem man Bezug auf das didaktische System nimmt, das seit mehr als 40 Jahren in Italien experimentiert wird.

Italien hat eine wahre Revolution durchlebt. Dank der Initiative des Psychiaters Franco Basaglia wurde das Gesetz Nr. 180 vom 13. Mai 1978 erlassen, das die Schließung der psychiatrischen Krankenhäuser in die Wege leitete und dann auch die Sonder- oder Differenzialschulen jener Zeit schloss.

Italien war weltweit wegweisend für die Abschaffung der psychiatrischen Krankenhäuser.

Diese Entwicklung begann mit der Einrichtung von Aufnahmemodalitäten für jegliche Diversität auf der Grundlage des grundlegenden Ansatzes der Inklusion.

Im Laufe der Jahre wurden verschiedene didaktische Inklusionsansätze experimentiert. In diesem Rahmen wurden Möglichkeiten der kognitiven Entwicklung der Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten hervorgehoben. Der Pädagoge der Inklusionsdidaktik Dario Ianes bestätigt unter anderem, dass die „Heterogenität der Hauptschlüssel ist, der entdeckt, bewertet und genutzt werden muss”.

Prof. Dr. Clemens Dannenbeck meint: „Die Inklusion ist kein (visionärer) Zustand, sondern ein dauernder Reflexionsprozess.“

Gerade die Vision und ihre dauernde Überarbeitung versetzen den Menschen in die Lage, sein Denken zu erweitern und nach innovativen Modalitäten zu suchen, die ihn erheben, indem er seine Individualität überbrückt, um sich dann mit seiner Diversität als Teil der Gemeinschaft zu fühlen, ohne von dieser ausgeschlossen zu werden.

Artemisia e.V. Inklusion für alle ist nicht nur ein Beratungs- und unterstützendes Netzwerk, das Eltern italienischer und nicht italienischer Kinder mit und ohne Behinderung aufnimmt, sondern auch eine Netzwerk für Menschen mit Behinderung und Fachleuten in Deutschland, die gegen Diskriminierung und Ausgrenzung ankämpfen.

Wir haben von der fehlenden Aufnahme eines italienisch-deutschen Mädchens mit Down-Syndrom in einer zweisprachigen Schule in Berlin erfahren. Wie ist dies möglich, ohne dass sich die Familie widersetzen kann oder diesen Ausschluss offen denunzieren darf?

In den zweisprachigen deutsch-italienischen Schulen in Berlin sind die Lehrer teilweise italienischer Muttersprache und verfügen über eine didaktische Ausbildung im Sinne der Inklusion, die sehr wichtig für Deutschland ist. Warum übernehmen diese Schulen nicht das Inklusionsmodell aus einem Land, das über mehr Erfahrung auf diesem Gebiet verfügt? Falls der Lehrer während seines Studiums die Inklusion angestrebt hat, in der das Recht auf Teilnahme aller Menschen betont wird, wie kann er diese Inklusion dann in einem anderen Land in Frage stellen, ohne seine Berufsethik auszuklammern?

Ich frage mich, ob das Ganze nicht auf einen politischen Druck zurückzuführen ist, den man in Italien offen ansprechen sollte. Denn wahrscheinlich befürchten diese Lehrer, in Deutschland ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Und diese negative Situation schadet dem Prozess der europäischen Vereinigung, im Rahmen dessen alle Menschen respektiert und die gegenseitigen Erfahrungen und Kompetenzen der verschiedenen Länder aufgewertet werden, um die Lebensqualität nicht nur der Menschen mit Behinderung, sondern der gesamten Gesellschaft zu verbessern.

Eine Gesellschaft, die sich nicht um die Rechte der Menschen mit Behinderung kümmert und die schwache Schichten einfach ausschließt und in ein anderes, getrenntes System packt, ist keine bessere Gesellschaft. Der Zweck der EU besteht nicht in der Trennung und Differenzierung von Völkern und Gruppierungen. Denn die Aktivierung der vorhandenen Ressourcen im Rahmen der Inklusion ist die Hauptaufgabe derer, die diese Befugnisse innehaben und sie somit managen könnten. Aber wir befinden uns in einem Land, in dem die Aufnahme von Menschen immer noch ein komplexes und schwieriges existentielles Dilemma ist. Wir wünschen uns als Verein somit einen offenen und vergleichenden Dialog zwischen den italienischen Lehrern, die in Deutschland arbeiten, und den deutschen Schulbehörden. Und dieser Dialog muss sobald wie möglich in die Wege geleitet werden, um zu vermeiden, dass die rechtsradikalen Kräfte, die aus den letzten Wahlen so stark hervorgegangen sind, die Errungenschaften aufheben, die nach einem so langen Kampf erreicht wurden und die in der gesellschaftlichen Teilnahme aller Menschen, und so auch der Ausländer, worunter der Italiener, bestehen. Die Italiener gehörten außerdem zu den Gründervätern der EU. Man denke nur an Alcide De Gasperi und Altiero Spinelli, die ihre Verfassung schrieben.

Wenn wir wirklich eine progressive Kraft sein möchten, so ist es nun an der Zeit, dies laut zu bestätigen. Und diese Bestätigung soll vor allem von den schwachen Schichten ausgehen. Diese müssen sich aber vertreten und Teil eines Veränderungsprozesses fühlen. Die Inklusion ist ein werdender Verlauf und nicht eine statische Behauptung auf dem Papier. Um dies zu tun, müssen alle menschlichen Kompetenzen und Ressourcen aktiviert werden, die wirklich daran glauben.

Die UN-Konvention für die Rechte der Menschen mit Behinderung, die von 50 Nationen (nicht aber von den USA) unterzeichnet wurde, verpflichtet alle Vertragspartner, dafür Sorge zu tragen, um die „vollständige und wirkungsvolle Teilnahme und Inklusion der Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft“ zu fördern.

2010 hat die EU diese Konvention ratifiziert und festgelegt, dass innerhalb 2020 in der Europäischen Gemeinschaft alle Sonderschulen geschlossen werden müssen und dass sei es die motorische als auch die ausbildungstechnische Teilnahme und Zugänglichkeit der Menschen mit Behinderung gefördert werden muss.

Unter Zugänglichkeit versteht man die „Kapazität der EDV-Systeme, in den durch die technologischen Kenntnisse zugelassenen Formen und Grenzen, Dienstleistungen zu erbringen und nützliche Informationen zu übermitteln, und dies ohne jegliche Diskriminierung derer, die aufgrund einer Behinderung unterstützende Technologien oder besonderen Konfigurationen benötigen“.

Leider schiebt man des Öfteren die Ausreden vor, es fehle an Personal und Finanzmitteln. So wird den Familien in Deutschland und oft auch in Italien dieses Recht auf Zugänglichkeit verwehrt.

Die rechtsradikalen Gruppierungen widersetzen sich der UN-Konvention über die Inklusion und sprechen von der Unmöglichkeit ihrer Umsetzung in Deutschland, indem sie behaupten, sie würde das deutsche Schulsystem gefährden.

Der Kölner Hochschullehrer Michael Felten veröffentlichte 2017 das Buch „Die inklusionsfalle – Wie eine gut gemeinte Idee unser Bildungssystem ruiniert“.

Im Februar wird in einer Tagung zum deutschen Schulsystem über den Misserfolg der Inklusion debattiert. Anstatt zu versuchen zu verstehen, welche Wege man einschlagen sollte, um das Recht auf Teilnahme und Gleichberechtigung zu verbessern, läuft Deutschland die Gefahr, in eine Kultur der Trennung und Teilung und somit der Errichtung von Mauern zurückzufallen.

Die Tatsache, dass man Rechte auf dem Papier zugesprochen bekommt, heißt noch lange nicht, dass diese auch angewendet werden.

Erfahrungen der Diskriminierung führen zu einer Menge von Emotionen wie Zorn, Entmutigung, Isolation und Stummheit.

Die Menschenrechte sind universell, unteilbar, unveräußerlich und bedingen sich gegenseitig und stehen untereinander in einem unzertrennlichen Zusammenhang. Sie hängen nicht von Bedingungen und Fähigkeiten ab. Sie dürfen niemandem genommen werden. Denn ihre Grundlage ist die Würde des Menschen.

von Amelia Massetti, Il Mitte,
Übersetzung aus dem Italienischen von Milena Rampoldi, ProMosaik. 

Kategorien: Erziehung, Nichtdiskriminierung
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