The Migrants‘ Files»: Datenbank des Todes vor Europas Toren

26.05.2014 - Reto Thumiger

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Spanisch, Italienisch verfügbar.

The Migrants‘ Files»: Datenbank des Todes vor Europas Toren
(Bild von UNITED for Intercultural Action)

Sie wissen, dass ihr Leben in Gefahr ist. Dennoch, jedes Jahr verlassen Tausende von Menschen aus Afrika, dem Nahen Osten und darüber hinaus – Kriegsflüchtlinge, Asylbewerber und Wirtschaftsflüchtlinge – ihre Häuser und versuchen, das gelobte Land Europa zu erreichen. Am 3. Oktober 2013, ertranken mehr als 360 Möchtegern-Auswanderer vor der Küste der italienischen Insel Lampedusa. Eine Katastrophe dieser Dimension packte die Aufmerksamkeit der Medien für eine Weile und gewinnt die Sympathie der Öffentlichkeit.

Als Reaktion beschloss der Europäische Rat Monate später Maßnahmen, um die Wiederholung einer solchen Tragödie an den Grenzen der Europäischen Union zu verhindern. Der Rat forderte die Stärkung des Grenzsicherheit-Koordination-Systems der EU, Frontex mit der offiziellen Bezeichnung «Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Mitgliedstaaten». Und das europaweite Überwachungssystem Eurosur nahm den Betrieb am 2. Dezember 2013 auf. Wieder einmal spornt eine große Tragödie, wenn auch verspätet, konkrete Maßnahmen an.

Gut gemeint, obwohl diese Maßnahmen zweifellos nur die Spitze des Eisbergs der Migration betreffen. Wenig ist drüber bekannt, wie viele Männer, Frauen und Kinder tatsächlich auf ihrer Reise nach Europa ihr Leben verloren haben. Im Glauben, dass Politik ohne die Unterstützung von Fakten nicht optimal sein kann, hat sich ein Konsortium von europäischen Journalisten der Aufgabe angenommen, systematisch die Daten über den Tod von Europas Möchtegern-Migranten zusammenzustellen und zu analysieren. Das Projekt «The Migrants‘ Files» (Migranten Datei) wird teilweise von der Europäischen Non-Profit-Organisation Journalismfund.eu finanziert.

Datenquellen

Durch die Sammlung von Datensätzen aus verschiedenen Quellen, zielt das Projekt auf die Schaffung einer umfassenden und zuverlässigen Datenbank für Todesfälle von Migranten auf dem Weg nach Europa ab. Hauptdatenquellen für diese Bemühungen sind: United for Intercultural Action, ein Non-Profit-Netzwerk, welches über 550 Organisationen in ganz Europa umfasst und das Projekt «Fortress Europe» des italienischen Journalisten Gabriele Del Grande, der die Anzahl Toter und Vermisster unter den Migranten auf dem Weg nach Europa protokolliert hat. Die Datenbank «The Migrants‘ Files» verwendet auch Daten von Puls, einem Projekt, das von der Universität von Helsinki, Finnland durchgeführt und von der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission in Auftrag gegeben wurde.

Eine einheitliche Methodik wird auf alle Daten angewendet, die sogenannten „Open-Source- Intelligenz“ (OSINT). Von den Nachrichtendiensten entwickelt, sammelt dieser Ansatz Daten aus öffentlich zugänglichen Quellen wie Medienberichte, Publikationen der Regierung und graue Literatur. Im Falle von «The Migrants‘ Files», wird die Zahl der Migranten, die während der Suche nach Zuflucht in Europa sterben, durch die in Echtzeit Überwachung von globalen Nachrichten über Asylbewerber, Migration und Menschenhandel in und um Europa ermittelt.

Viel mehr Tote als angenommen

United for Intercultural Action hat von 1993 bis 2012 Daten zusammengetragen und stellte in diesem Zeitraum rund 17 000 Todesfälle fest. Die Arbeit von Gabriele Del Grande dokumentiert über 19 000 Todesfälle seit 1988. Die Datenbank «The Migrants‘ Files» umfasst den Zeitraum vom 1. Januar 2000 bis heute. Sie zählt 23 000 Einträge.

Den verschiedenen Datenquellen fehlte es oft an Kompatibilität, da jede Organisation ihre Informationen anders strukturiert. Dies erforderte umfangreiche Datenbereinigung und Überprüfung der Fakten mit OpenRefine, einem Open-Source -Analyse-Tool. In einem zweiten Schritt haben die Journalisten von «The Migrants‘ Files» eine Datenbank auf Detective.io eingerichtet. Bei Detective.io handelt es sich um ein web-basierendes Tool, speziell entwickelt, um Bemühungen für Informationsbeschaffung für große investigative Berichterstattungsprojekte zu unterstützen.

Früh in den Prozess der Entwicklung der Daten-Methodik haben 16 Studenten des Laboratory of Data Journalism der Universität Bologna wertvolle Tatsachenüberprüfung von mehr als 250 Zwischenfällen, unter der Leitung von Prof. Carlo Gubitosa beigetragen.

Die Datenbank «The Migrants‘ Files» erlaubt nun eine Strukturierung nach Name, Alter, Geschlecht und Nationalität der Opfer. Jeder Fall ist mit einem Datum, Längen- und Breitengraden, der Anzahl Opfer und der Todesursache versehen.

Fehlerspanne

Nach der Lösung der Dateninkompatibilität ist es den Journalisten gelungen, die umfassendste Studie von europäischen Migrations-Todesfällen zu schaffen. Das Projekt-Team ist sich allerdings bewusst, dass Ungenauigkeiten in den Datensätzen nicht vollständig ausgeschlossen werden konnten.

So führt die Zusammenführung verschiedener Datenquellen in vielen Fällen zu Verdoppelungen. Wo die Journalisten solche feststellten, wurden sie manuell entfernt. Manche Verdoppelungen lassen sich allerdings nicht erkennen. So wurden in manchen Fällen Personen vermisst gemeldet, zum Beispiel von Überlebenden eines Schiffsunglücks. Ob eine zu einem späteren Zeitpunkt gefundene Leiche diesem Unglück zugeordnet werden kann, ist nicht ohne Zweifel festzustellen.

Die wahre Anzahl liegt ohne Zweifel noch höher

Manche tödliche Unfälle wurden nicht schriftlich dokumentiert. Deshalb wurden auch Zeugenberichte sorgfältig geprüft, bevor sie Eingang in die Datenbank fanden. Dennoch muss davon ausgegangen werden, dass es für vereinzelte Vorfälle weder schriftliche Dokumentationen noch mündliche Zeugnisse gibt. Deshalb kann die Anzahl Todesfälle aus «The Migrants‘ Files» nur als vorsichtige Schätzung gewertet werden. Die wahre Anzahl liegt ohne Zweifel höher als die hier erfasste.

Darüber hinaus bringt die adäquate Lokalisierung der Vorfälle und die Darstellung auf der Karte ihre eigene Schwierigkeit mit. Die Karte stellt aufgrund der verwendeten Methodik auch Vorfälle weit von europäischen Grenzen entfernt dar. Zum Beispiel kann ein Boot auf dem Weg von Algerien nach Spanien kentern und der Vorfall in Algerien und in der Mitte des Landes verortet werden.

Die alltägliche Tragödie wird von den breiten Medien ignoriert

Das Projekt ist nicht abgeschlossen und es werden weiterhin Informationen gesammelt. Das Projekt zielt darauf ab, die Qualität der Daten weiter zu verbessern, um mehr Licht auf die Situation der Emigranten zu werfen, die Zuflucht in Europa suchen und die europäische Asyl-und Migrationspolitik konsequent zu verfolgen. Vor allem, weil die breiten Medien das Problem solange ignorieren, bis ein neue große Tragödie die Thematik erneut in die Schlagzeilen bringt.

Kategorien: Europa, International, Menschenrechte, Vielfalt
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