Der Frühling ist für die Landwirtschaft eine entscheidende Zeit. Winterweizen wartet auf die zweite Stickstoffdüngung, die Äcker werden für die Aussaat von Zuckerrüben, Raps, Mais sowie Sommergerste und -weizen vorbereitet. Doch ausgerechnet jetzt geraten die Düngemittelmärkte unter Druck. Der Iran-Konflikt und die Blockade der Straße von Hormus treiben die Preise für fossile Energien in die Höhe. Die Abhängigkeit der industriellen Landwirtschaft von diesen Energieträgern wird dadurch besonders deutlich.
Synthetischer Dünger ist abhängig von Erdgas
Bereits 2022 führten steigende Gaspreise zeitweise zur Stilllegung von Ammoniak- und Stickstoffdünger-Produktionen in Europa. Für die konventionelle Landwirtschaft bedeutete das höhere Kosten und das Risiko von Lieferengpässen – eine ernsthafte Herausforderung für die globale Ernährungssicherheit. Ammoniak, der zentrale Rohstoff für mineralische Dünger, wird aus Stickstoff und Wasserstoff hergestellt. Letzterer stammt fast ausschließlich aus Erdgas. Die energieintensive Produktion macht die Branche extrem anfällig für geopolitische Krisen und Preisschocks. Die aktuelle Krise offenbart die Verletzlichkeit des globalen Ernährungssystems: Rund die Hälfte der weltweit produzierten Nahrungsmittel hängt direkt oder indirekt von synthetischem Stickstoffdünger ab.
Ökologische und regenerative Anbaumethoden zeigen, dass es auch anders geht. Fruchtfolgen, Leguminosen, Kompost und organische Düngung können Stickstoff nachhaltig in den Boden zurückführen, die Biodiversität fördern und die Resilienz landwirtschaftlicher Betriebe erhöhen.
Agrarökologie erhöht die Resilienz
Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer muss jetzt handeln. Angesichts der Engpässe bei Düngemitteln und steigender Preise muss die ökologische und regenerative Landwirtschaft aktiv gefördert werden, um unser Ernährungssystem krisenfest zu machen, für eine Landwirtschaft, die widerstandsfähig, nachhaltig und zukunftsfähig ist. Eine ökologische und regenerative Landwirtschaft ist weniger abhängig von externen Energie- und Chemieinputs und lokalen Düngerlieferungen, sie erhöht langfristig die Resilienz gegen Rohstoffschocks.
„Der Irankrieg sollte ein Weckruf sein“, betont Agnes Streber, Vorständin des Instituts für Welternährung e.V. „Ein krisenfestes Ernährungssystem ist möglich – aber es erfordert jetzt politische Entschlossenheit, strukturelle Reformen und einen gesellschaftlichen Wandel hin zu nachhaltiger Produktion und Ernährung.“
Ökologische Transformation und weniger Verschwendung
Die Multikrisen machen deutlich, dass eine grundlegende Transformation der Landwirtschaft und des Ernährungssystems dringend notwendig ist, wenn wir in Zukunft noch was auf unseren Tellern haben wollen. „Doch das reicht nicht allein“, so Agnes Streber. „Wir müssen unsere Lebensmittelabfälle reduzieren“. In Deutschland werden nach wie vor jährlich rund 10 Millionen Tonnen genießbare Lebensmittel weggeworfen.
Eine Halbierung dieser Abfälle würde einen erheblichen Teil der benötigten Produktionsmenge einsparen und den Bedarf an Energie und Düngemitteln senken. Zudem sollte unsere Ernährung stärker planzenbasiert sein. Weniger Fleischkonsum würde Flächen freisetzen, die heute für Tierfutter genutzt werden, und die Abhängigkeit von energie- und düngerintensiven Produktionsweisen verringern, so das Institut für Welternährung.
EU-Düngemittelgipfel: Bio-Branche fordert Ausstieg aus fossiler Abhängigkeit
Anlässlich des Krisentreffens von Agrarkommissar Christophe Hansen mit der Düngemittel-Wirtschaft am kommenden Montag fordert der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) Bundesregierung und Europäische Kommission dazu auf, den Ökolandbau als Ausweg aus der Abhängigkeit von fossil erzeugten Düngemitteln in den Fokus zu nehmen.
Tina Andres, Vorstandsvorsitzende des BÖLW, sagt dazu: „Der Krieg in Nahost zeigt einmal mehr, wie ohnmächtig wir sind, wenn sich fossile Quellen verschließen und globale Handelswege versperrt werden: Sogar unser täglich Brot gerät dann in Gefahr. Auch deshalb ist der Ökolandbau zu Recht ein Leitbild der EU: Weil Bio-Bauern und -Bäuerinnen ohne synthetische Düngemittel auskommen. Kreislaufwirtschaft schützt nicht nur das Klima, sondern bedeutet einen Ausstieg aus globalen Abhängigkeiten.“
Mehr Bio bedeutet mehr Sicherheit und Zukunft
EU-Agrarkommissar Hansen verfolgt das Ziel, bis 2030 jeden vierten Hektar Land auf Bio umzustellen. Der BÖLW fordert, den Worten jetzt Taten folgen zu lassen und nennt folgende Eckpunkte:
- konsequente Ausrichtung der europäische Agrarförderung (GAP) auf resiliente Produktionsverfahren wie den Ökolandbau
- Ausstiegsfahrplan aus der Nutzung fossiler Betriebsmittel wie chemisch-synthetischer Stickstoffdünger und Pestizide
- Stärkung biologischer Prozesse wie die natürliche Stickstofffixierung durch den vermehrten Anbau von Hülsenfrüchten
Brüssel und Berlin müssten jetzt die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Lebensmittel künftig nicht knapp werden können durch Kriege und Krisen, auf die Europa keinen Einfluss hat. Bio zu fördern, heißt, ein resilientes Ernährungssystem zu fördern. Mehr Bio bedeutet mehr Sicherheit und Zukunft für Deutschland und Europa, so der Bio-Spitzenverband.
Quellen:
Institut für Welternährung e.V.
Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V.










