Wer bin ich, wenn ich kein Mann bin, kein Bürger, kein Deutscher, kein Mensch? All das war ich einmal und gelegentlich falle ich noch immer diesen Illusionen zum Opfer. Nur: Wohin führt mich das Bröckeln dieser Mythen, dieser Verfall meiner inneren Grundordnung?

Ich würde diese Frage gerne beantworten, denn zweifellos gibt es ein Ich; das ist aber zu sehr mit der Beobachtung der Umstände seiner täglichen Wiedergeburt beschäftigt, die auf physischen, psychologischen, sozialen, ökologischen und spirituellen Ebenen stattfinden, sich übereinanderschichten oder vermengen, verästeln, verquicken, modifizieren, auflösen, ineinander übergehen, sich befruchten. Sie merken schon: eine komplexe Angelegenheit. Kein Wunder, dass ich nicht so recht zu mir komme.

Falls Sie den Verdacht hegen, ich würde nach gar keiner Antwort suchen, liegen Sie richtig. Vielmehr würde mich schon eine Klärung der Fragen zufriedenstellen. Möglicherweise spielt die Stille hierbei eine entscheidende Rolle; nicht diese Pausen-Stille, die zwischen Ende und Beginn einer nächsten Tätigkeit auftaucht, sondern jene Stille, die als eine Art spirituelles Gleitmittel die Grundlage für qualitative Veränderungen bildet, für Auftauchendes und Unvorhersehbares; für die Wahrnehmung der Innenseite eines Fortschritts, dessen Wesen einem Rückschritt entspricht; für die aufkeimende Vision, dass das Menschsein der letzten 10.000 Jahre großenteils ein abgründiger Irrtum war, 1.000 verführerische Varianten von Sodom und Gomorra; für die Ahnung von etwas zitternd Neuem, einem hinter dem Horizont aufscheinenden Morgenrot. Von Hoffnung.

Anhand meiner Geschlechtsmerkmale handelt es sich bei mir um einen Mann. Auch meine hormonellen Botschaften im Mai legen mir das nahe. Aber woher stammt dann meine Abneigung gegen Football und dicke Autos, gegen schwellende Muskeln und Männerschweiß, gegen Hochöfen und Raketenrampen, mein Ekel vor Hybris und schmutzigen Witzen? Wieso kann ich mich an Veilchen im Frühling erfreuen, an Kirschblüten im Sommer und am Pilzduft im Herbst, wieso liebe ich Spitzen und feines Porzellan? Warum vermisse ich die Eiskristalle an den Fenstern meiner Kindheit? Weshalb kann mir Schönheit Tränen in die Augen treiben? Warum erscheint mir das meiste Maskuline so pubertär? Und doch schätze ich Großmut und Respekt, Würde und Tapferkeit. Aber sind das männliche Eigenschaften?

Ach, diese bürgerlichen Gedanken. Ich kann meine bürgerliche Herkunft nicht vor mir verbergen. Ich trage einen ganzen Sack von Privilegien und ein Bündel kleinkarierter Vorurteile mit mir herum, ich mag schöne Menschen und feine Düfte; an einer blühenden Linde bleibe ich stehen; ich liebe Kunst, Kultur und Debatte. Menschen ohne Sinn für Ästhetik erscheinen mir wie verlorene Liebesmüh, Holzschnitte von Möglichkeiten. Kathedralen, Burgen, Fabriken und Mordwaffen jagen mir Schauder quer durchs Herz; ich sympathisiere mit allen, die dem Bürgertum Widerstand leisten, das all dies hergebracht hat; ich sympathisiere mit allen, die die Unmenschlichkeit unter Immobilienvermögen und Börsenwerten vielleicht nicht erkennen, aber instinktiv ahnen. Ich bin nicht auf der Seite der Republikaner und Fürstenschinder zu eigenen Gunsten, denn Macht macht böse, Macht verdirbt den Charakter, egal wo sie ihr Haupt erhebt: in Monarchien, Diktaturen, totalitären Staaten, Demokratien, Unternehmen, Familien und Beziehungen. Allenfalls könnte ich mich für ein Bürgertum ohne Macht und ohne Geld erwärmen. Nur: Was wäre das? Wie wäre es mit Macht ohne „über“?

War das jetzt sehr deutsch gedacht? Der Verdacht wäre auszuräumen. Bilden wir uns nicht viel ein auf unsere deutsche Nachdenkkultur? Haben wir die großen deutschen Nachdenker nicht auf den Sockel gestellt, Humboldt, Kant, Lessing, Schiller, Heine? Aber würden sie ihren Job, ihre Professur, ihr öffentliches Ansehen behalten, wenn sie in der heutigen Gegenwart auf ihren Positionen bestünden? Die Frage lasse ich mir auf der deutschen Zunge zergehen:

  • „Der Mensch soll nicht zu einem Werkzeug des Staates werden.“ Wilhelm von Humboldt (1767–1835)
  • „Jede Beschränkung der Freiheit hemmt die Bildung des Menschen.“ (dito)
  • „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Immanuel Kant (1724–1804)
  • „Das Recht der Menschen muss heilig gehalten werden, koste es der herrschenden Gewalt auch noch so große Aufopferungen.“ (dito)
  • „Nicht die Wahrheit, in deren Besitz ein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen.“ Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781)
  • „Vorurteile sind schwerer zu zertrümmern als Felsen.“ (dito)
  • „Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend Böses muss gebären.“ Friedrich Schiller (1759–1805)
  • „Der gebildete Mensch macht sich selbst zum Maßstab.“ (dito)
  • „Die Pressefreiheit ist die Luft, die wir zum Atmen brauchen.“ Heinrich Heine (1797–1856)
  • „Wenn die Deutschen einmal loslegen, dann ist das gründlich.“ (dito)

Natürlich haben sich’s diese großen Geister nicht aus den Fingern gesogen. Auch sie standen auf den Schultern anderer Denker, die wenigsten davon waren Deutsche. Sie hatten von Montesquieu, Voltaire und Rousseau abgeschaut oder deren Denken weitergetrieben, von Spinoza, Erasmus von Rotterdam und Niccolò Machiavelli. Goethe – „Der größte Teil der Menschen denkt nur, um zu urteilen, nicht um zu verstehen.“ – fand die deutsche Paragrafenbesessenheit so beklemmend, dass er aus Sachsen flüchtete und unter dem Namen Philipp Möller heimlich nach Italien reiste. Von Nietzsche müssen wir gar nicht reden. Von ihm stammt die Aussage: „Der Staat ist das kälteste aller kalten Ungeheuer.“ Von ihm ist es nicht weit zu Hannah Arendts „Banalität des Bösen“, das für jede Ungeheuerlichkeit einen moralisch vermeintlich hochstehenden Vorwand findet. Abwärts statt vorwärts, Merz statt Vormärz. So stellt sich mir nach alldem die Frage: Ist Deutschland dasselbe wie der deutsche Staat? Was meinen Sie? Falls ja, was zu befürchten steht, wäre das bitter. Wenn nein – kann man dann den deutschen Staat ablehnen und doch ein guter Deutscher sein?

Vermutlich. Kurt Tucholsky hat lakonisch-ironisch konstatiert: „Auch Deutsche sind Menschen.“ Das lässt freilich offen, welcher der beiden Begriffe dem anderen übergeordnet ist: Ist „der Deutsche“ eine Unterkategorie des „Menschen“ oder ist „der Mensch“ eine Unterkategorie des „Deutschen“? Bei dieser Frage – die sich auf alle anderen Nationalitäten übertragbar ist – handelt es sich um eine mentale und ethische Wasserscheide. In welche Niederungen sie jeweils führt, mag jeder selbst entscheiden. Wenige Deutsche, die ich kenne, aber doch sehr viele in Führungspositionen, neigen der letzteren, ordensbewerten Kategorisierung zu, die meisten von ihnen Männer, gute Bürger, Deutsche und Menschen.

Womit wir bei meiner letzten Behauptung angelangt sind, ich selbst sei kein Mensch. Das kann doch wohl nicht mein Ernst sein, werden Sie einwenden. Immerhin schreibe ich diesen Essay, sehe nach übereinstimmender Meinung meiner Bekannten aus wie ein Mensch und verhalte mich meistens auch wie einer. Damit Sie trotzdem verstehen, wie ich das meine, muss ich Sie zu einem kleinen Umweg einladen. Schauen wir uns also gemeinsam an, wie der „Mensch“ (von dem ich mich distanziere) gemeinhin definiert ist. Wir nennen ihn hier der Einfachheit halber den ST-Menschen, den Stammtisch-Menschen. Der ST-Mensch ist in der Regel ein Mann, und zwar einer, der weiß, was er will, und auch mal mit der Faust auf den Tisch hauen kann, um die unverrückbare Wahrheit seiner Position zu unterstreichen. Weicheier, Frauen und Kinder dürfen dann zustimmend nicken. Selbstverständlich gibt es inzwischen auch weibliche ST-Menschen, die sich in ihren Eigenschaften vom Ur-ST-Menschen – mit Ausnahme der meist kleineren Faust – wenig unterscheiden. Der ST-Mensch weiß in allen wichtigen Belangen immer Bescheid, vor allem im Sport, in der Politik sowie bei Pferdestärken und anderen potenten Angelegenheiten. Dazu muss er nicht nachdenken. Seine Weisheit beruht auf instinktivem Bauchgefühl und dem „gesunden Menschenverstand“. Der legt ihm nahe, dass „die da oben“ entweder „schon wissen, was richtig ist“ – oder „alles falsch machen“. Er unterscheidet ohne Gefühlsduselei zwischen sich und „den anderen“. Je weiter die anderen entfernt sind – geografisch, ethnisch, ökonomisch, politisch, kulturell, spirituell oder sexuell –, desto zuverlässiger weiß er, dass er Recht hat und die anderen Unrecht. Schließlich könne ja nur einer Recht haben. „Zweifel“ hält er für einen Ort in der Eifel. Ist der ST-Mensch kein Alpha-Tier, dann auf jeden Fall ein Mitläufer von hoher Flexibilität und Ausdauer.

Die interessanteste Eigenschaft des ST-Menschen besteht in der klaren Selbstwahrnehmung, kein Tier zu sein, egal, wie animalisch er sich benimmt. Da er „gebildet“ ist, hat er schon einmal von der Evolution gehört, also davon, dass wir vom Affen abstammen. Das erlaubt es dem aufgeklärten ST-Menschen auch, Übergangsstufen zwischen sich und dem Affen auszumachen – rein wissenschaftlich, versteht sich. Zu diesen Übergangsstufen gehören zweifellos der „Neger“ (so nennt der ST-Mensch Menschen anderer Hautfarbe), der Asiate, der Andersmeinende und der Flüchtling, eventuell sogar der Russe. Bei letzterem ist sich der ST-Mensch jedoch unsicher und lässt Ausnahmen wie Tolstoi oder Gorbatschow gelten, die möglicherweise doch – wie er – zur Krone der Schöpfung gehören.

Womit wir zum Schluss meiner Ausführungen gelangen und ich um Entschuldigung bitte, Sie mit derart komplexen Zusammenhängen belästigt zu haben. Auch weise ich darauf hin, dass meine Begriffsbestimmung des Menschen als ST-Mensch keinen wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, sehr wohl aber zu erklären vermag, weshalb ich mich nicht zu den Menschen zähle (und Sie vielleicht auch nicht).

So bleibt denn die Eingangsfrage unbeantwortet: Wer bin ich, wenn ich kein Mann bin, kein Bürger, kein Deutscher und kein Mensch? Ein Unmensch? Ungern. Bin ich eine Art Leerstelle? Falls ja, erscheint mir das immer noch eine passable Lösung.