“Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoss ein Franzos“: Freudig und kopflos jubelnd zogen die Deutschen pflichtschuldigst in den 1. Weltkrieg. Zieh schneller, Soldat. Im März 1916 begann das zehnmonatige Menschenschlachten in Verdun: 300.000 Soldaten, 400.000 Verwundete. Dennoch nichts gelernt. Eier in der Hose – ein Satz wie ein Schulterklopfen mit Stahlkappe, wunderbar in der Debatte heute, die Zupacken in Vollzeit statt telefonische Krankmeldung fordert.
Eier in der Hose – das ist Kraft, Potenz, Männlichkeit, Entschlossenheit, Tat statt Rat. Es signalisiert Durchsetzungswillen und Kriegstüchtigkeit selbst nach verlorenen Kriegen, wo solche Kampfbegriffe entstehen: Dort, wo Sprache über Nacht verroht. Die Sprache ist das neue KI-gestützte Waffenarsenal, der eigene Körper der Beweis, der andere ein einziges Defizit. Sprache verrät Gesinnung. „Eier in der Hose“ sagt, was man selbst gern wäre – Sieger, Zupackender, Gewinner – und was den anderen abgeht: Standvermögen, Schläue, Stärke. Wer zweifelt, taugt nichts. Wer zögert, fällt zurück. Wer scheitert, ist selbst schuld. Damals wie heute: Deitsch woll’n mer sei! Das ganze ideologische Gepretze wird meistbietend als Mut verkauft: Selber schuld, wer keinen hat.
Wer Eier in der Hose hat, fährt auch mit Sommerreifen bei Blitzeis mit fünf Maß Bier im Ranzen.
Beim Blick von der grönländischen Front rüber zum Festland USA fallen dieser Tage die bewaffneten Einsatzkräfte von Donald Trump auf: Die ICE Agents und Officers, verantwortlich für Mord und Totschlag. Sie sind den Versagern der Gesellschaft hart auf den Fersen, allen, die zu laut sind, nichts leisten, die anders aussehen, riechen, krank sind, um Hilfe betteln, die keine wetterfeste Erwerbsbiografie herzeigen können: “Move your ass!”.
Im deutschen Diskurs bleiben wir (noch) höflich: Das spricht man von Eigenverantwortung, Belastungsgrenzen, Ordnung, Leistung, Leitkultur. Und das wird man doch noch sagen dürfen. 2025 ist das Vermögen der etwas reicheren Menschen um weitere 2,5 Billionen US-Dollar gewachsen. Der Anstieg entspricht dem gesamten Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung. Also?
Wir stehen früh auf. Wir reißen uns zusammen. Wir halten durch. Auch wenn’s schwerfällt, bei drei Jobs. Gerade dann. Wir sind vernünftig, belastbar, pflichtbewusst und bleiben mit wohlfeilen Sätzen im sprachlichen Schützengraben.
Peter Grohmann’s „Wettern der Woche“
Peter Grohmann ist Kabarettist und Koordinator des Bürgerprojekts Die AnStifter.
Hinweis:
Grohmann Politischer Aschermittwoch „Glück gehabt: Es kommt schlimmer als gedacht“ am 18. Februar 2026 im Theaterhaus Stuttgart.









