Sein neues Buch „Friedenstüchtig. Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen“ versteht Fabian Scheidler als „Versuch, die Welt als eine verstehbare nicht aufzugeben“ und als Ermutigung „sich nicht verbiegen zu lassen“.

Er legt einen Fundus an Fakten vor, mit denen er zeigt, wie sich „die Welt immer weiter in einen dauerhaften Krisen- und Ausnahmezustand hineinbewegt, der sich inzwischen zu einem regelrechten Kriegszustand auszuweiten droht“. Und er zeigt auf, wo im Verlauf der von ihm beschriebenen Konflikte durch andere politische Entscheidungen und Handlungen andere, weniger katastrophale Entwicklungen möglich gewesen wären, denn: „Nichts von alledem war unausweichlich.“

Dies führt der Autor anhand von vier prägnanten Beispielen aus: „Es begann mit dem ‚Krieg gegen den Terror‘ nach dem 11. September 2001 und den späteren Anschlägen in Europa, dann folgten der ‚Krieg gegen das Virus‘, die Eskalation des Ukrainekriegs und der Gaza-Krieg.“ Gaza sei „das offensichtlichste Beispiel für den Weg in eine destruktive und letztlich selbstzerstörerische Eskalation“.

In allen vier Fällen gebe es „schön einfache Narrative“ mit den Guten auf der einen, eigenen Seite, und dem bösen Feind auf der anderen, die „vortrefflich von den tieferliegenden Ursachen unserer gegenwärtigen Lage ablenken“. Dabei geht Scheidler nicht davon aus, dass irgendwer dies geplant hätte oder es sich gar um Verschwörungen handle. Es gehe „vor allem um hegemoniale, finanzielle und territoriale Interessen“. Er beschreibt die Expansionsbestrebungen der „kapitalistischen Zivilisation“, mit der sich der Westen seit 500 Jahren immer wieder neue Feinde schaffe. Die „Epoche westlicher Dominanz“ neige sich nun jedoch ihrem Ende zu. Näher hat er dies in seinem Buch „Das Ende der Megamaschine“ (2015) ausgeführt (Rabe Ralf Dezember 2016, S 27).

Der Ausnahmezustand

Der Autor beschreibt, wie die Krisen von den Regierungen für „power grabbing“ genutzt würden, sich also einige wenige schnell Macht aneignen und sich finanziell bereichern. Während der Westen nach aussen seine jahrhundertelange Dominanz verliere, werde er nach innen instabil, durch die Zunahme von Ungleichheit und Unzufriedenheit. Da verspreche der Ausnahmezustand Kontrolle. Er sei „ein nach innen gerichteter Kriegszustand“, gekennzeichnet durch „umfassende Ausspionierung der eigenen Bürger“, durch Einschränkungen der Meinungsfreiheit sowie eine „massive Erweiterung der Befugnisse der Exekutive“. Mit dem Schüren von Angst und der Diffamierung Andersdenkender würden Sündenböcke geschaffen und von den grossen Herausforderungen abgelenkt. So hätten beispielsweise viele Menschen „inzwischen mehr Angst vor Migranten als vor existenziellen Gefahren wie Klimachaos und Krieg“.

Der destruktivste Aspekt der Kriegslogik sei das Ausblenden der Vergangenheit, denn jeder Konflikt habe eine Vorgeschichte. Dabei sei es „für jede Konfliktanalyse und Konfliktlösung von entscheidender Bedeutung, Verstehen und Legitimieren strikt auseinanderzuhalten“. Differenzierungen und kritische Fragen würden heute jedoch diffamiert. Das hätten zum Beispiel in der Pandemie renommierte Fachleute erlebt, die sich kritisch gegenüber den herrschenden Narrativen äusserten. So sei „der Abwägungsprozess selbst das erste Opfer der Kriegslogik“ gewesen.

Alternativen wären möglich gewesen

Der Autor legt dar, dass „die meisten der grossen Konflikte der Gegenwart in dieser Form ohne westliche Interventionen nicht stattgefunden hätten“. Wäre – anstelle von Regime-Change-Versuchen – nach dem 11. September 2001 die UN-Charta respektiert worden, die allen Ländern ein Selbstbestimmungsrecht garantiert, „dann wären viele Keimzellen von Chaos, Terror und Krieg niemals entstanden“.

Wenn die Palästinenser vor den Anschlägen am 7. Oktober 2023 ihr Recht auf Selbstbestimmung und Kontrolle ihrer Territorien bekommen hätten, „wie es Dutzende UN-Resolutionen gefordert haben“, dann „wäre es mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht zu der Eskalation“ gekommen. Für ihre Unterstützung Israels müssten sich die westlichen Länder vielleicht „eines Tages in Den Haag wegen Kriegsverbrechen und Beihilfe zum Völkermord verantworten“.

Und „wenn der Westen auf seine erfahrensten Aussenpolitiker gehört und einer Neutralität der Ukraine nach dem Vorbild von Österreich zugestimmt hätte“, dann wäre der Krieg „mit hoher Wahrscheinlichkeit vermeidbar gewesen“. Nun werde infolge des Ukrainekriegs die Militarisierung als alternativlos dargestellt und liefere „die perfekte Begründung dafür, Sozial-, Umwelt- und Kulturhaushalte massiv zu kürzen“. Das sei zwar schon seit Jahrzehnten neoliberale Politik, sei jedoch bisher in Europa immer wieder auf massiven Widerstand gestossen.

Chancen für eine Friedensordnung

Trotz allem sieht Scheidler langfristig auch Chancen für eine neue Friedensordnung. In einem schnellen Ritt durch Kriege und Friedensbemühungen seit dem 16. Jahrhundert erinnert er an Immanuel Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1795). Ausdrücklich nennt er Kants Forderungen nach einer „Abschaffung der stehenden Heere“, einem „Verbot von Staatsschulden für das Militär“ sowie dem „Verbot der Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten“. Um des gemeinsamen Überlebens willen plädiert der Autor angesichts von Naturzerstörung und nuklearer Bedrohung für Verhandlungen und Diplomatie statt Moral und Rechthaberei. Friedenschancen sieht er in einer Reform und Stärkung der Vereinten Nationen und in einer Friedensbewegung, die sich mit anderen sozialen Bewegungen zusammentut (Rabe Ralf August 2023, S. 6).

Dieses Buch ist ein Weckruf, der nicht nur deutlich macht, dass es höchste Zeit ist zu handeln, sondern auch in eine vernunftgeleitete Richtung weist. Fabian Scheidler betont, dass Frieden die Fähigkeit voraussetzt, „die Welt durch die Augen der anderen zu sehen“, und dass „Frieden auf der Erde und Frieden mit der Erde“ untrennbar miteinander verbunden sind.

Kein Wir-Gefühl

Seine Ausführungen habe ich geradezu als Wohltat erlebt angesichts all dessen, von dem ich mich so oft politisch und medial bedrängt fühle. Für weitere Recherchen stellt der Autor die zahlreichen Anmerkungen und Quellen aus dem Buch auf seiner Website zur Verfügung.

Das einzige, was mich gestört hat, war das häufig wiederholte „wir“. Schon der Untertitel des Buches behauptet, „wir“ würden „unsere“ Feinde selbst schaffen. Im Grunde widerspricht das Fabian Scheidlers Argumentation, wie die Bevölkerung von Politik und Medien auf einen Kriegskurs eingeschworen wird. Ich mag mich weder in einem „wir“ mit den Kriegstreibern dieser Welt wiederfinden noch im „wir“ einer verführten Bevölkerung, die denen glaubt.

Diese Kritik schmälert jedoch meine Begeisterung für dieses Buch nicht, darum lege ich es allen ans Herz, denen an einem Ausweg aus all den Katastrophen gelegen ist.

Der Artikel ist aus in der Dezember 2025/Januar 2026-Ausgabe der Berliner Umweltzeitung Der Rabe Ralf, Seite 26.

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Fabian Scheidler: FriedenstüchtigFabian Scheidler
Friedenstüchtig – Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen
Promedia Verlag, Wien 2025. 224 Seiten, 27.00 SFr.
ISBN 978-3-85371-549-9.

Mehr Infos: fabian-scheidler.de