Die EU setzt den Freihandelsvertrag mit dem Mercosur am 1. Mai vorläufig in Kraft. Das Abkommen vergrößert vor allem die Absatzchancen für die deutsche Industrie, während der Mercosur auf die Rolle eines Rohstofflieferanten reduziert wird.
Ohne die vom EU-Parlament geforderte juristische Prüfung durch den Europäischen Gerichtshof setzt die EU-Kommission den Freihandelsvertrag mit dem Mercosur zum morgigen 1. Mai provisorisch in Kraft. Während der französische Präsident Emmanuel Macron dies als „schlechte Vorgehensweise“ kritisiert, sieht Bundeskanzler Friedrich Merz das Abkommen schon auf Dauer gestellt: „Vorläufig, meine Damen und Herren, heißt endgültig“, erklärte er auf der Hannover Messe. Die in dem Handelsabkommen vorgesehenen Zollstreichungen versprechen vor allem den deutschen Autoherstellern, Maschinenbauern, Chemiekonzernen und Pharmafirmen bessere Geschäfte. Auf der anderen Seite des Atlantiks profitieren vor allem Großagrarier von der Öffnung des EU-Markts, während der Industriesektor der vier Mercosur-Staaten stärker unter Druck gerät. Kritiker aus Brasilien warnen vor den Folgen der Förderung des agroindustriellen Modells für indigene Gemeinschaften, den Regenwald sowie Wasser, Boden und Luft. In den durch die Vereinbarung zementierten Handelsungleichgewichten, die Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay weitgehend auf die Rolle von Rohstofflieferanten reduzieren, sehen sie neokoloniale Muster fortwirken.
Vorläufig in Kraft
Am 1. Mai tritt der Freihandelsvertrag der EU mit dem Mercosur vorläufig in Kraft, obwohl das EU-Parlament ihm Ende Januar die Zustimmung verweigerte. In der Sitzung votierten die Abgeordneten stattdessen mehrheitlich dafür, den Deal zunächst einer rechtlichen Prüfung durch den Europäischen Gerichtshof zu unterziehen. Juristischer Klärungsbedarf bestand für sie, weil die EU-Kommission das Abkommen aufgesplittet hat, um den umstrittenen Handelsteil nicht den Parlamenten der Mitgliedstaaten vorlegen zu müssen. Auch der in der Vereinbarung verankerte Ausgleichsmechanismus wirft ihrer Ansicht nach Fragen auf. „Wenn wegen einer europäischen Umwelt-Gesetzgebung zum Beispiel Brasilien weniger Exporte in die Europäische Union hat, kann es auf Schadensersatz oder auf Ausgleich klagen. Damit könnte das Mercosur-Abkommen eine Gefahr für die autonome Gesetzgebungskompetenz der EU werden“, warnte die grüne EU-Parlamentarierin Anna Cavazzini.[1] Zudem sorgten sich die Abgeordneten um das Vorsorgeprinzip der EU: Der Vertrag sieht eine Absenkung der Kontrollanforderungen für Agrarimporte vor.
Kritik aus Frankreich
Die EU-Kommission behauptete derweil, einer endgültigen Entscheidung nicht vorgreifen zu wollen. „Eine ‚vorläufige Anwendung‘ ist – wie der Name schon sagt – naturgemäß vorläufig“, erklärte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Man werde daher weiterhin eng mit allen EU-Organen und den Mitgliedstaaten zusammenarbeiten, um einen reibungslosen und transparenten Prozess zu gewährleisten, beteuerte sie am 27. Februar.[2] Der französische Präsident Emmanuel Macron gab sich damit allerdings nicht zufrieden. Er attestierte Brüssel eine „schlechte Vorgehensweise“ und sah das Votum der gewählten Vertreter der EU-Länder „nicht gebührend respektiert“.[3]
„Vorläufig heißt endgültig“
Bundeskanzler Friedrich Merz lässt dagegen keinen Zweifel an der Unumstößlichkeit der Vereinbarung aufkommen. „[V]orläufig, meine Damen und Herren, heißt endgültig. Es wird keinen Weg zurückgeben“, stellte er auf der Hannover Messe klar, die das Mercosur-Mitglied Brasilien als Gastland präsentierte.[4] In seiner Rede bei den deutsch-brasilianischen Wirtschaftstagen, die anlässlich der Messe in Hannover stattfanden, strich Merz die Bedeutung des Vertrags für die deutsche Wirtschaft heraus. „Rund ein Drittel der im Ausland aktiven deutschen Betriebe erwartet durch dieses Freihandelsabkommen positive Auswirkungen auf ihre Geschäftstätigkeit“, betonte der Kanzler. „Von diesen Unternehmen wiederum plant ein Viertel in den nächsten Jahren den Ausbau der Geschäftsaktivitäten in den lateinamerikanischen Ländern“. Merz zufolge erleichtert die Vereinbarung auch den Zugang zu wichtigen Rohstoffen wie Seltenen Erden oder Niob.[5]
Deutsche Konzerne profitieren
Neben den deutschen Auto- und Maschinenbauern profitieren vor allem die Chemie- und Pharmafirmen von der Übereinkunft. Die Einfuhrzölle im Mercosur, die für Autos bisher 35 Prozent, für Chemikalien bis zu 18 und für Arzneien und Pestizide bis zu 14 Prozent betrugen, fallen nun weg. Die daraus resultierenden Einsparungen für die Industrie belaufen sich auf rund 500 Millionen Euro pro Jahr. Dementsprechend zufrieden zeigen sich die einzelnen Branchen. Eine „gute Nachricht für die Wirtschaft in Europa und die deutsche Automobil-Industrie“ nannte Hildegard Müller vom Automobilverband VDA die vorläufige Inkraftsetzung des Abkommens.[6] Der Verband der Chemischen Industrie (VCI), dessen Mitgliedsunternehmen 2024 in den Mercosur-Staaten einen Umsatz von 4,3 Milliarden Euro generierten, vernahm „[e]ndlich ein positives Signal“. Der Bayer-Konzern zeigte sich ebenfalls hocherfreut. Stefan Oelrich, der Pharmavorstand des Unternehmens, bezeichnete den EU-Mercosur-Vertrag als „wegweisend dafür, dass wir Wohlstand und Wachstum vor allem durch mehr Freihandel erreichen können“.[7]
Bigger Agro
Auf Seiten der Mercosur-Staaten zählen vor allem die Großgrundbesitzer Brasiliens und Argentiniens zu den Gewinnern. Ihre Agrarrohstoffe erhalten einen besseren Zugang zum EU-Markt. In Brüssel wird mit einer Steigerung des Anteils der vier lateinamerikanischen Länder an den Lebensmittelimporten der EU von derzeit 17 auf 25 Prozent gerechnet. Dies ist der Grund, aus dem die europäischen Landwirte gegen das Abkommen protestierten und Druck auf ihre Regierungen ausübten. Ihre Proteste wiederum trugen maßgeblich dazu bei, dass Frankreich, Polen, Österreich, Irland und Ungarn dem Handelsvertrag ihre Zustimmung verweigerten.
Forcierte Deindustrialisierung
Der Regierung Argentiniens unter dem Rechtsaußen Javier Milei kommt die Ausrichtung des Freihandelsvertrags sehr gelegen. Sie orientiert sich stärker als die Vorgängerregierungen an den Interessen der Großagrarier, die – wie fast immer in Lateinamerika – auch in Argentinien einen wichtigen Teil der Machtbasis der politischen Rechten bilden. Die Kapazitäten des produzierenden Gewerbes in dem Land schrumpfen derweil. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva versucht dagegen, genau diesen Folgen des Abkommens entgegenzuwirken. „Die Deindustrialisierung muss gestoppt werden, damit wir mehr hochwertige Arbeitsplätze schaffen können“, hieß es in einer Ende Mai 2023 gemeinsam mit Vizepräsident Geraldo Alckmin abgegebenen Erklärung: Der „Export von Rohstoffen“ sei „wichtig“, aber „anfälliger für internationale Preiszyklen“.[8] Bei seinem Deutschlandbesuch zur Hannover Messe bekräftigte Lula diese Position. „Brasilien sollte mehr Qualitätsprodukte herstellen und in Deutschland verkaufen“, forderte der Politiker in einem Interview angesichts eines Handelsbilanzdefizits in Höhe von sieben Milliarden US-Dollar gegenüber Deutschland.[9] Dabei baut Lula auf ein 2023 in Brasília aufgelegtes, 60 Milliarden US-Dollar schweres Förderpaket zur Stärkung der Industrie. Ob dieses aber greift, bevor die Übergangsregelungen des EU-Mercosur-Vertrags auslaufen, ist fraglich.
Protest der Gewerkschaften
Schon bisher bestehen die Exporte Argentiniens, Brasiliens, Paraguays und Uruguays in die EU zu rund 75 Prozent aus Agrarrohstoffen, Bodenschätzen und Energieträgern, während die EU-Länder zu rund 84 Prozent Dienstleistungen und verarbeitete Industrieprodukte mit hohem Wertschöpfungsanteil in den Mercosur ausführen. Der Freihandelsvertrag dürfte diese Unwucht noch verstärken. Der länderübergreifende Gewerkschaftsdachverband CCSCS warnte daher eindringlich vor der Unterzeichnung: „Wir machen unsere Völker auf die katastrophalen Auswirkungen aufmerksam, die dieses Abkommen auf das Produktionssystem der Region im Allgemeinen und auf bestimmte strategische Produktionszweige im Besonderen haben wird.“[10]
Neokoloniale Strukturen
Die brasilianische Geologin Larissa Bombardi und ihre Koautorin Audrey Changoe diagnostizieren in einer kritischen Analyse der Aktivitäten deutscher Konzerne wie etwa Bayer in Brasilien ganz offen neokoloniale Strukturen. „Seit dem späten 15. Jahrhundert haben Europäer in der Region Rohstoffe abgebaut und natürliche Ressourcen und landwirtschaftliche Erzeugnisse aus Monokulturen nach Europa exportiert“, heißt es in ihrem Papier: „Dieses Muster ist in den heutigen europäischen Handelsbeziehungen mit den Mercosur-Staaten nach wie vor deutlich erkennbar“.[11] Die brasilianische Landlosenbewegung MST teilt diese Ansicht und sieht durch das Vertragswerk „historische Ungleichgewichte reproduziert“.
„Eine tödliche Übereinkunft“
Während die MST eine Landreform fordert, um der Konzentration von Äckerflächen in den Händen einiger weniger Großgrundbesitzer etwas entgegenzusetzen, erfährt das gängige agroindustrielle Modell mit seinen ausladenden Monokulturen von Genpflanzen und seinem massiven Einsatz von – in Europa wegen ihrer Gefährlichkeit oft gar nicht mehr zugelassenen – Pestiziden durch den Freihandelsvertrag einen erneuten Schub. „Das Abkommen in seiner jetzigen Form ist sehr gefährlich für die landwirtschaftlichen Familienbetriebe und für die Weiterentwicklung der Agrarökologie“, konstatiert die „Permanente Kampagne gegen Agrargifte und für das Leben” aus Brasilien: „Im Kern begünstigt es die Einfuhr von Industrieprodukten wie Pestiziden und die Ausfuhr von Agrar-Grundstoffen. Das ist genau das, was wir im Moment nicht brauchen.“[12] Weil durch die Aussicht auf bessere Absatzchancen in Europa eine Ausweitung der Anbau- und Weideflächen in die Gebiete von indigenen Gemeinschaften hinein droht, die häufig in den Regenwäldern liegen, fürchten auch diese den EU-Mercosur-Vertrag. Kretã Kaingang, Vertreter der südbrasilianischen Kaingang, nannte das Vertragswerk auf einer 2023 von grünen EU-Parlamentariern intiierten Konferenz in Brüssel eine „tödliche Übereinkunft“.
Ausgerechnet am 1. Mai
In Deutschland wendet sich neben Landwirtschaftsorganisationen und Greenpeace vor allem das Netzwerk Gerechter Welthandel gegen die Vereinbarung. Der Verbund, dem Initiativen wie Attac, Powershift, die Gesellschaft für bedrohte Völker und die Coordination gegen BAYER-Gefahren angehören, kritisiert neben den fatalen Folgen des „toxischen Deals“ für Mensch und Umwelt sowie der fehlenden demokratischen Legimation auch, dass die provisorische Inkraftsetzung „ausgerechnet am 1. Mai“ vollzogen wird. „Mit der vorläufigen Anwendung des Handelsabkommen leistet die EU-Kommission den Arbeiter*innen beiderseits des Atlantiks einen Bärendienst“, hält das Netzwerk fest: „Hunderttausende von Arbeitsplätzen im Mercosur stehen auf dem Spiel, während Beschäftigte in der europäischen Landwirtschaft um ihre Existenz bangen. Dieses Abkommen an einem 1. Mai in Kraft zu setzen, ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich für gute Arbeitsbedingungen und faire Löhne einsetzen“.[13]
[1] „Das Mercosur-Abkommen könnte Gefahr für EU-Gesetzgebung werden“. taz.de 22.01.2026.
[2] Erklärung von Präsidentin von der Leyen zum Abkommen zwischen der EU und dem Mercosur. ec.europa.eu 27.02.2026.
[3] Werner Mussler, Niklas Záboji: Das EU-Mercocur-Abkommen tritt vorläufig in Kraft. FAZ 28.02.2026.
[4], [5] Großes Potenzial für deutsch-brasilianische Wirtschaftsbeziehungen. bundesregierung.de 20.04.2026.
[6] Werner Mussler, Niklas Záboji: Das EU-Mercocur-Abkommen tritt vorläufig in Kraft. FAZ 28.02.2026.
[7] Jan Pehrke: Vertrag zu Gunsten BAYERs. Stichwort BAYER 2/2026.
[8] Theo Wentzke: Unlösbarer Widerspruch. jungewelt.de 13.12.24.
[9] „Trump wurde nicht zum Kaiser der Welt gewählt“. Der Spiegel 17/2026.
[10] Jan Pehrke: Vertrag zu Gunsten BAYERs. Stichwort BAYER 2/2026.
[11] Larissa Bombardi, Audrey Changoe: Giftige Profite. bund.net April 2022
[12] Jan Pehrke: Vertrag zu Gunsten BAYERs. Stichwort BAYER 2/2026.
[13] EU-Kommission setzt EU-Mercosur-Abkommen vor Abschluss parlamentarischer und rechtlicher Prüfung vorläufig in Kraft. popoli-min.it 29.04.2026.










