Wenige Wochen vor der lange erwarteten Antwort der EU-Kommission auf die Europäische Bürgerinitiative (EBI) Fur Free Europe, die 1,5 Millionen Unterschriften erhalten hat, hat die Fur Free Alliance (FFA) eine klare Botschaft an den EU-Kommissar für Tierschutz, Olivér Várhelyi, übermittelt: Die EU müsse die Pelztierhaltung und den Pelzhandel verbieten – und den Versuch der Industrie, vermeintliche Mindeststandards für Tierwohl einzuführen, entschieden zurückweisen. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, organisierte die FFA am 23. Februar einen aufmerksamkeitsstarken Straßenprotest vor dem Berlaymont-Gebäude in Brüssel.
An der Aktion beteiligten sich mehrere Europaabgeordnete sowie Mike Moser, ehemaliger CEO der British Fur Trade Association, der heute gegen Pelz eintritt. Ein neues Stimmungsbild aus 18 EU-Ländern erhöht zudem den Druck: Fast zwei Drittel (64 Prozent) der Befragten unterstützen ein EU-weites Verbot – ein klares Zeichen für die große öffentliche Zustimmung zum Ende der Pelzproduktion und des Pelzhandels.
Zwei Drittel der EU-Bürger:innen für ein Verbot von Pelzfarmen
„Die EU-Kommission zeigt bisher kein klares Signal, das Leid in den Käfigen zu beenden. Währenddessen befürworten zwei Drittel der EU-Bürger:innen ein Verbot von Pelzfarmen – und sie werden keine Scheinlösungen akzeptieren. Und die Wissenschaft zeigt ganz eindeutig: vermeintliche Tierwohlstandards für Pelztiere wären ein Widerspruch in sich. Jetzt muss die Politik beweisen, dass sie den Willen der Bürger:innen und die Empfehlungen der Wissenschaft ernster nimmt als die Interessen einer Branche im Niedergang. Die Kommission steht vor einem Moment der Wahrheit: Folgt sie den Fakten und dem demokratischen Willen – oder der Pelzlobby? Die Welt schaut zu“, erklärt Thomas Pietsch, Wildtierexperte und internationaler Kampagnenleiter bei VIER PFOTEN.
EU-Abgeordnete demonstrieren gemeinsam mit der FFA und einem ehemaligen Branchenvertreter
Vor dem Berlaymont‑Gebäude organisierten Tierschutzaktivist:innen eine aufmerksamkeitsstarke Aktion – darunter mobile LED‑Screens auf Fahrrädern und Fahrzeugen sowie Banner und Plakate. Bei einer spontanen „Soapbox“-Kundgebung sprachen unter anderem die Europaabgeordneten Tilly Metz und Anja Hazekamp sowie Mike Moser. Die Mitgliedsorganisationen der FFA finden sich hier.
Klare Mehrheiten für ein Verbot – auch in den letzten Pelzproduktionsländern
Eine neue, von Eurogroup for Animals beauftragte Umfrage stärkt die Forderung nach einem EU‑weiten Verbot zusätzlich. Im Januar wurden über 18.000 Menschen in 18 EU‑Ländern befragt – mit eindeutigem Ergebnis: 64 Prozent befürworten explizit ein Verbot der Pelztierhaltung, 69 Prozent unterstützen ein Importverbot für Pelz aus Nicht‑EU‑Ländern. Besonders bemerkenswert sind die Zustimmungswerte in den Staaten, in denen es noch aktive Pelzfarmen gibt: Finnland: 62 Prozent, Griechenland: 58 Prozent, Spanien: 74 Prozent.
Beschwerde beim EU‑Ombudsmann wegen einseitigem Umgang mit „Fur Free Europe“
VIER PFOTEN und weitere Organisationen haben beim EU‑Ombudsmann Beschwerde eingelegt. Sie kritisieren, dass Kommissar Olivér Várhelyi mehrtägige Treffen mit der Pelzindustrie hinter verschlossenen Türen wahrgenommen, sich jedoch nicht mit dem EBI‑Komitee getroffen hatte. Außerdem wurden Anträge auf Zugang zu relevanten Dokumenten aus diesen Treffen verzögert oder abgelehnt – ein Vorgang, der Fragen nach Transparenz und Rechenschaftspflicht im Kontext einer Europäischen Bürgerinitiative aufwirft.
Pelztierhaltung als Auslaufmodell
Die wissenschaftliche Stellungnahme der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) kommt zu einem klaren Ergebnis: Das derzeitige System der Käfighaltung kann die körperlichen und verhaltensbezogenen Bedürfnisse von Tieren wie Nerzen, Füchsen, Marderhunden oder Chinchillas grundsätzlich nicht erfüllen. Weder Prävention noch eine wirksame Minderung der Tierschutzprobleme seien in den bestehenden Haltungssystemen möglich; alternative Haltungsformen wurden bislang weder wissenschaftlich bewertet noch kommerziell umgesetzt.
Auch wirtschaftlich befindet sich die Branche seit Jahren im Niedergang: Die Zahl der Pelzfarmen in Europa ist in den vergangenen zehn Jahren um 73 Prozent gesunken, die Pelzproduktion um 86 Prozent und der Umsatzwert sogar um 92 Prozent. Ein aktueller Wirtschaftsbericht beziffert die Bruttowertschöpfung des EU‑Pelzsektors inzwischen auf –9,2 Millionen Euro.
Zudem schaffen Pelzfarmen Bedingungen, unter denen sich Zoonosen leicht entwickeln und verbreiten können. So trat SARS-CoV-2 wiederholt in Nerzfarmen auf, wo hohe Besatzdichten die rasche Übertragung, Virusmutationen und die Rückübertragung auf den Menschen begünstigten. Fast 500 Nerzfarmen in Europa und Nordamerika meldeten Ausbrüche; dokumentiert sind auch Übertragungen vom Tier auf den Menschen.
Hintergrund: Pelztierhaltung in der EU
Eine wachsende Mehrheit der EU‑Mitgliedstaaten hat die Pelztierhaltung bereits vollständig verboten oder durch strenge Auflagen faktisch unmöglich gemacht. Zu den Ländern mit vollständigen Verboten gehören unter anderem Österreich, Belgien, Bulgarien, Kroatien, Tschechien, Estland, Frankreich, Irland, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, die Niederlande, Rumänien, die Slowakei, Slowenien und zuletzt Polen.
In anderen Mitgliedstaaten bestehen Teilverbote oder so strenge Anforderungen, dass eine wirtschaftliche Nutzung nicht mehr rentabel ist – etwa in Dänemark, Schweden und Ungarn (Artverbote) sowie in Deutschland (strenge Vorgaben). Diese Vielfalt nationaler Regelungen zeigt zwar einen klaren ethischen Trend, unterstreicht jedoch zugleich die Notwendigkeit einer einheitlichen EU‑weiten Gesetzgebung.
Umfrage der Europgroup for Animals (Englisch)
Weitere Informationen zur EBI „Fur Free Europe“ (Deutsch)









