Ein 400 Kilometer langes Teilstück einer verfallenen Bundesstraße quer durch das brasilianische Amazonasgebiet soll nun asphaltiert werden. Die brasilianische Naturschutzbehörde Ibama hat grünes Licht für das von der Regierung Bolsonaro geplante Projekt gegeben.

Expert*innen und Umweltschützer*innen sind alarmiert. Sie befürchten eine weitere Zunahme der Abholzung des Regenwaldes entlang der Trasse. Denn eine asphaltierte Bundesstraße würde Holzfällern den Zugang zu diesem Teil des Amazonasgebietes erheblich erleichtern, die bereits bestehende Abholzung würde weiter zunehmen. Kritiker*innen weisen zudem darauf hin, dass die indigenen Gemeinden nicht konsultiert wurden.

Einfallstor für Abholzung

Die fast 900 Kilometer lange Bundesstraße BR-319 verbindet die Regenwaldmetropole Manaus mit dem südwestlich gelegenen Porto Velho und durchquert dabei eines der bislang am besten erhaltenen Gebiete des Amazonas-Regenwaldes. Die Straße ist bisher nur zur Hälfte asphaltiert, was den Zugang für Holzfäller in der Regenzeit erheblich erschwert.

Die BR-319 wurde bereits 1976 eröffnet, verfiel aber in den 1980er Jahren zunehmend. Seit Beginn des Jahrtausends wollen lokale Unternehmer*innen und die Regierung die Trasse erneuern, doch die Naturschutzbehörde Ibama hatte 2008 und 2009 dreimal die dafür notwendige Umweltverträglichkeitsstudie verweigert. Aber nun wurde die im Juni 2021 vom Verkehrsministerium vorgelegte Studie von der Ibama genehmigt und die angestrebte Lizenz erteilt, um die fehlenden 405 Kilometer der Trasse ebenfalls zu asphaltieren. In den vergangenen Jahren wurde die Ibama von der rechten Regierung Bolsonaro erheblich geschwächt und das Führungspersonal zum Teil durch regierungstreue Gefolgsleute ersetzt. Eine öffentliche Anhörung wurde durch die Covid-19-Pandemie eingeschränkt, moniert der Umweltschützer Carlos Durigan.

Die Gefahren für den Regenwald steigen mit dem geplanten Ausbau der Trasse beträchtlich, da illegale Aktivitäten nicht genug überwacht würden: „Die polizeilichen Aktionen reichen nicht aus, um das illegale Eindringen in das Gebiet, die Abholzung, die Bodenspekulation und die Probleme zu bremsen, die in den vergangenen Jahren so stark angestiegen sind“, kritisiert Fernanda Meirelles, Geschäftsführerin des lokalen Umweltschutzbündnisses Observatorio BR-319.

Bolsonaro spricht von Fortschritt

Für die Erteilung der Genehmigung hat die Ibama einige Bedingungen gestellt. So soll ein Schutzgebiet errichtet werden, die Wasserqualität überwacht werden und ein archäologischer Plan erstellt werden. Die Expräsidentin der Ibama, Suely Araújo, weist allerdings darauf hin, dass diese Bedingungen nichts am Hauptproblem ändern, der Explosion der Abholzung im Amazonasgebiet. Da die in der Umweltgenehmigung enthaltenen Bedingungen nicht den Rückgang der Abholzung sicherstellen, hätte die Genehmigung auch nicht erteilt werden dürfen, so Araújo gegenüber der Nachrichtenagentur AP.

Ungeachtet dessen bewertet Präsident Bolsonaro, der gerade um seine Wiederwahl kämpft, die erteilte Genehmigung als Fortschritt für die „Entwicklung“ der Region. Über die sozialen Netzwerke griff Bolsonaro die Gegner*innen des Projekts an. Sie wollten das Amazonasgebiet lediglich als „ein vom Rest Brasiliens abgeschnittenes Gebiet“ bewahren. Zudem behauptete er, eine Asphaltierung wäre ein wichtiger Beitrag zur Infrastruktur, der nationalen Souveränität und zur Bekämpfung der Kriminalität.

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