In der Schweiz leben über 100’000 sogenannte Sans-Papiers, Menschen ohne Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung. Das muss sich ändern.

Christian Müller für die Online-Zeitung INFOsperber

Viele Schweizerinnen und Schweizer reden nicht gerne darüber. Sie wissen zu gut, dass wir «normal» hier Lebende uns dafür schämen müssten – nein, uns sogar richtig schämen müssen. Darf es sein, dass in einem der reichsten Länder der Welt mehr als 1 Prozent der Bevölkerung zwar arbeitet wie alle anderen auch, sich aber halbwegs vor den Behörden verstecken muss, weil mit den Papieren etwas nicht stimmt – weil diese Menschen zum Beispiel in Häusern von Wohlhabenden kochen oder putzen und mit einem kleinen – oft zu kleinen – Gehalt zufrieden sein müssen, weil sie über keine Arbeitsbewilligung verfügen?

Ein neues Buch gibt Auskunft – und geht ans Herz!

Jetzt haben sich die Journalistin Tanja Polli und die Fotografin Ursula Markus des Themas angenommen. Sie haben gegen zwanzig solcher Sans-Papiers ausfindig gemacht, mit ihnen gesprochen, wenn diese einverstanden waren, und sie portraitiert. Und sie haben das in einem Buch mit dem Titel «Die Unsichtbaren» festgehalten. Um es gleich vorwegzunehmen: Es ist ein wunderbares Buch geworden. Es ist äusserst informativ, klärt auf über die rechtlichen Probleme, über den Umgang der Behörden mit diesen Menschen, über die Differenzen zwischen der französisch-sprachigen und der deutsch-sprachigen Schweiz, über die Möglichkeiten, das Problem zu lösen oder doch wenigstens zu entschärfen. Vor allem aber zeigen Polli und Markus anhand der portraitierten Menschen, wie unendlich schwierig so ein Leben ist und warum diese Menschen es trotz allem zu leben versuchen: aus Armut, aus Not, wegen des Hungers ihrer Familien zuhause in Südamerika oder Afrika, um ihren Lieben ein paar Franken schicken zu können: die 62-jährige Maria aus der Dominikanischen Republik, eine Haushaltshilfe, eine sehr eindrückliche Geschichte; der 43-jährige Verdier von der Elfenbeinküste, der am Genfersee als Koch arbeitet und bei dem nach einem Jahr Gefängnis mit den Papieren nun fast alles stimmt, aber eben nur fast; Haveen, die 16-jährige Schülerin aus dem Irak, eine Kurdin, die mit ihren Eltern fliehen musste, die gerne zur Schule geht und Ärztin werden möchte, aber wegen des Papier-Problems schon Mühe hat, eine Lehrstelle zu finden, eine Geschichte wie aus Absurdistan, aber eben doch aus der Schweiz. Und über ein Dutzend weitere Schicksale.

Tanja Polli ist eine begabte und erfahrene Schreiberin. Ihr Schreibstil ist präzise und sachlich. Nie gleitet sie, der oft traurigen Thematik zum Trotz, ins Sentimentale ab. Sie findet zu den Portraitierten die erforderliche Nähe und verliert doch nie die nötige Distanz. Ursula Markus, eine schon mit etlichen Awards ausgestattete Fotografin, hat eindrückliche Bilder dazu gemacht – nie indiskret, für das Buch aber eine echte Bereicherung. Beide, Autorin und Fotografin, sind der Versuchung, boulvardesk-kitschige Jö-Geschichten zu liefern, bei keinem der Portraits erlegen. Sie haben das Ziel, Unsichtbare für uns «normale» Bürgerinnen und Bürger sichtbar zu machen, zu hundert Prozent erreicht.

Dass das Buch «nur» Schwarzweiss-Fotos enthält und keine farbigen Bilder, wird dem Thema absolut gerecht: auch dies eine kluge Mischung aus menschlicher Nähe und der sachlichen Information zuliebe aus der nötigen Distanz. Was allerdings schade ist, ist das totale Fehlen von Bildunterschriften. Durch die Platzierung der Bilder zu den einzelnen Portraits weiss man zwar oft, dass die abgebildete Person eben auch die portraitierte Person ist. Aber warum darf man zum Beispiel bei den Bildern auf den Seiten 36/37, 130 oder 214/215 nicht wissen, dass sie die Autorin Tanja Polli bei ihrer Arbeit zeigen? Auch müsste der Verlag wissen, dass der Besucher im Buchladen, der in den aufliegenden Büchern schnuppert, über die attraktiven Bilder auf die Bildlegenden stösst und dann genau über diese neugierig auf den ganzen Text wird und sich so zum Kauf des Buches entschliesst. Schade!

(Und auch etwas anderes ist leicht irritierend: Warum publiziert der Schweizer Rotpunktverlag, der nach eigenen Angaben vom Schweizer Bundesamt für Kultur «Strukturbeiträge» erhält, das Buch einer Schweizer Autorin zu einem Schweizer Thema, das vor allem Schweizer Leser und Leserinnen interessieren muss, in deutscher Orthographie – also «großes Glück» statt nach Schweizer Schulvorgabe «grosses Glück», oder «unter den Füßen» statt «unter den Füssen»? Die Frage ging an den Verlag. Die schriftliche Antwort lautete: «Tanja Polli und Ursula Markus gelang ein ergreifendes Buch, das die Schicksale von Sans-Papiers in der Schweiz eindrücklich zugänglich macht. Wenn Sie Ihre Buchbesprechung an der Frage aufhängen wollen, ob im Text nun ‘ß’ oder ‘ss’ verwendet wird, wird dies dem Buch und den darin angesprochenen Problemen in keiner Weise gerecht.» Diese Antwort des Verlages lässt einen schmunzeln. Sie ist ein klassisches Beispiel, wie befragte Verantwortliche Wege suchen und finden, eine konkrete Frage unbeantwortet zu lassen.)

Wer kümmert sich um die Sans-Papiers denn eigentlich?

Soweit das von einem Aussenstehenden beurteilt werden kann, sind auch die Informationen zum grundsätzlichen «Problem» der Sans-Papiers – warum es sie überhaupt gibt, wer sich um sie kümmert, wo man mithelfen kann, welche politischen Massnahmen fällig oder gar überfällig sind – in diesem Buch reichlich und korrekt. Es ist denn auch kein Zufall, sondern echt erfreulich, dass die Herausgabe dieses Buches von etlichen Stellen – unter anderem von den Städten Zürich und Winterthur, von zwei Kirchen und von einigen Stiftungen – finanziell unterstützt worden ist.

Das Buch «Die Unsichtbaren» von Tanja Polli und der Fotografin Ursula Markus darf in jeder Hinsicht als literarische und auch als politische Bereicherung der schweizerischen Buch-Landschaft bezeichnet werden. Es sind ihm möglichst viele Leserinnen und Leser zu wünschen. Wer noch eine Weihnachtsgeschenk-Idee für Leute sucht, die, wie in der Schweiz der Normalfall, halt schon alles haben: Dieses Buch öffnet Augen und zeigt, dass es auch im gleichen Dorf oder in der gleichen Stadt Menschen gibt, die nur einen Wunsch haben: hier bei uns in der Schweiz leben und arbeiten zu dürfen.

(Das Buch ist gebunden, hat 256 Seiten, ISBN 978-3-85869-928-2 und kostet im Schweizer Buchhandel bei ex libris jetzt CHF 34.40, beim Rotpunktverlag und wohl in den meisten Buchhandlungen 42.-.)

Wer sind die Sans-Papiers?

Der Ausdruck «Sans-Papiers» wurde in den siebziger Jahren in Frankreich von Migrantinnen und Migranten ohne geregelte Aufenthaltsbewilligung geprägt. Er sollte den bis dahin gebräuchlichen Ausdruck «Illégales» ersetzen. Zur gleichen Zeit, in der in Frankreich die ersten Sans-Papiers sichtbar wurden, machten rechte Politiker in der Schweiz die sogenannten Gastarbeiter zum Politikum. Der Begriff der «Überfremdung» wurde geprägt. Obwohl die Wirtschaft florierte, senkten die Behörden die Anzahl der Saisonnier-Bewilligungen. Schon bald fehlten Arbeitskräfte und die Gastarbeiter kamen zurück. Doch diesmal ohne Aufenthaltsbewilligung.

Von der breiten Öffentlichkeit wurden Sans-Papiers zum ersten Mal 2001 wahrgenommen, als eine Gruppe eine Kirche in Fribourg besetzte und die Aufenthaltsrechte für alle forderte. Im Sommer und Herbst desselben Jahres bildeten sich weitere Sans-Papiers-Kollektive, zuerst in der französischen Schweiz, später auch in Bern, Basel und Zürich. Heute unterscheidet man zwischen «primären» Sans-Papiers und solchen, die im Verlauf ihres Lebens illegalisiert wurden. Primäre Sans-Papiers hatten nie eine Aufenthaltsbewilligung, weil sie zum Beispiel als Touristinnen und Touristen in die Schweiz einreisten und blieben oder weil sie unregistriert in die Schweiz einreisten. Andere werden zu Sans-Papiers, nachdem sie eine Aufenthaltsbewilligung verloren oder verwirkt haben. Das sind zum Beispiel ehemalige Saisonniers, deren Saisonnierstatut nicht in eine befristete Aufenthaltsbewilligung, Status B, umgewandelt wurde, oder Frauen wie Männer, die aufgrund einer Scheidung ihr Aufenthaltsrecht verloren haben. Und zu guter Letzt wird der Begriff auch auf Asylsuchende angewandt, die nach Ablehnung ihres Asylgesuchs untergetaucht sind oder aufgrund der Situation in ihrem Herkunftsland nicht zurückgeschickt werden können.

Unabhängig von den Ursachen, die Menschen zu Sans-Papiers machen – gemein ist ihnen die Angst, entdeckt, ausgebeutet oder gar abgeschoben zu werden.

(Aus dem Buch «Die Unsichtbaren»)