Der Film «Hinter den Kulissen» dokumentiert eindrücklich die Arbeit von Investigativreportern und wirft medienkritische Fragen auf.

Catherine Duttweiler für die Online Zeitung INFOsperber

«Leider werden Medienschaffende heutzutage immer häufiger von Whistleblowern mit intransparenten Absichten missbraucht», sagt der frühere CIA-Mitarbeiter Edward Snowden in der Eröffnungsszene des Films, als er nach allerlei Sicherheitsvorkehrungen endlich in einem Moskauer Hotelzimmer zum Interview eintrifft.

Sind die zugespielten Unterlagen echt? Welches ist die Motivation des Whistleblowers? Geht es um die Racheaktion eines gut getarnten Spinners, oder liegt ein Skandal vor? Wodurch kann die Recherche breiter abgestützt werden? Wie vermeide ich, dass ich mich auf einem Nebenschauplatz verrenne? Und wie verhindere ich das Auffliegen meiner Informantinnen und Informanten? Um diese Fragen dreht sich die Arbeit von Recherchierjournalisten, wenn sie an grossen Enthüllungen arbeiten wie den heute publik gewordenen «Pandora Papers». Der 90-minütige Dokumentarfilm «Hinter den Schlagzeilen» von Daniel Andreas Sager gibt einen interessanten Einblick in die Knochenarbeit des Investigativteams der «Süddeutschen Zeitung» (SZ), das zum Teil auch Tricks der Geheimdienste verwendet. Am «Zurich Film Festival» wurde das Werk am Samstag mit einer «Besonderen Erwähnung» geehrt: Der Film biete «Spannung pur», so die Jury, und sei «ein Plädoyer für die Vierte Gewalt – sehr wichtig in Zeiten von Fake News».

Nüchterne Darstellung ohne Heldentum

Zwei Jahre lang begleitete der Filmer ein Team der grössten Redaktion im deutschsprachigen Raum, dieselben Reporter, die schon an der Enthüllung der «Panama Papers» beteiligt waren. Im Zentrum stehen Recherchen zur politisch motivierten Ermordung der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galicia, ein mysteriöser Waffenhändler mit Zugang zum iranischen Atomraketen-Programm – und vor allem das kompromittierende Ibiza-Video, das später den österreichischen Vizekanzler Christian Strache zum Rücktritt zwingen sollte.

Schritt für Schritt nimmt der Regisseur sein Publikum mit und lässt es teilhaben am Arbeitsalltag der Profi-Rechercheure, an Erfolgen, Zweifeln und Abwägungen. Im Gegensatz zu bekannten US-Spielfilmen über die Medienbranche wie «Spotlight» oder «The Post» verzichtet der Film auf jegliche Heroisierung und überzeugt durch die Ernsthaftigkeit seiner Akteure. Etwa wenn er aufzeigt, wie in einer Fassung des Manuskripts für den Hausjuristen dank «Befussnotung» jede einzelne Aussage mit Beweisen und Quellen untermauert wird. Oder wenn der Film dokumentiert, wie ein Medienrechtler und der Leiter des Recherchedesks in mehreren Sitzungen um juristische Fragen ringen.

Im Zweifel für Veröffentlichung

Darf die Redaktion ein illegal aufgenommenes Video ausschnittweise publizieren und damit eine Verurteilung mit Busse in Kauf nehmen? Es ist eine der stärksten Szenen, als der Chefreporter sich gegen den Rat des Juristen für die Ausstrahlung entscheidet, damit möglichst wenig Zweifel an der Echtheit des Videos aufkommen könne. Der Entscheid lohnt sich, wie wir später erfahren: Die Medienschaffenden werden freigesprochen, weil das Gericht das öffentliche Interesse höher gewichtet. Der Film schildert die Chefredaktion als besonnen und fair. «Ich will keinen Ansatz von Triumphgeheul in unserer Berichterstattung», heisst es in einer Szene: «Wir haben einfach unseren Job gemacht.»

Die Dokumentation überrascht aber auch mit Einblicken in die technischen Kniffs aller Beteiligten, die phasenweise wie Spione arbeiten. Der Informant und Urheber des Videos hatte vorgesorgt, als er mehreren Redaktionen von SZ über «Bild» bis zum «Spiegel» erste Ausschnitte des Videos zuspielte: Er hatte das Material so bearbeitet, dass es nicht kopiert oder ausgestrahlt werden konnte, weil er Geld dafür wollte. Und so beobachten wir die SZ-Reporter Bastian Obermayer und Frederik Obermaier, wie sie dank Spezialbrillen das Geschehen auf einem weissen Bildschirm dennoch erkennen.

Später lassen sich die beiden die Echtheit des Videos von einem digitalen Forensiker bestätigen, der Personen mit einem «zweidimensionalen Ohrabdruck» zweifelsfrei identifiziert und anhand von älteren Fotos aus der luxuriösen Mietvilla feststellt, dass vermutlich eine der Mini-Kameras für die heimlichen Videoaufnahmen in einem Lichtschalter versteckt worden ist.

Rechercheure schützen sich gegen Überwachung

Nach dem Film erzählt der Regisseur, dass die SZ-Journalisten aus Sicherheitsgründen stets parallel mit mehreren Mobilgeräten arbeiten und diese jeden Abend ausschalten, um das Tracking zu erschweren: «Sie wissen, dass man sie überwacht, etwa mit der Pegasus-Software – aber sie wollen es für die Gegenseite so aufwändig und teuer wie möglich machen.» Nach dem Ausschalten des Handys muss die Spionagesoftware offenbar für rund 4000 Euro jedes Mal neu installiert werden.

Im Gespräch nach dem Film wird klar, dass Regisseur Daniel Sager Kompromisse eingehen musste, um ihn zu realisieren und Informanten zu schützen. Er unterschrieb eine Geheimhaltungsvereinbarung mit Bussandrohung in sechsstelliger Höhe, und er musste sein Videomaterial jeweils bis zur Publikation der entsprechenden SZ-Recherchen in deren Safe deponieren. Zwar habe er immer das letzte Wort gehabt, sagt Sager, aber die SZ-Redaktion durfte Einfluss auf die Filmgestaltung nehmen.

Umstrittenes Monopol der grossen Recherchenetzwerke

Nicht thematisiert wird die zunehmende Kritik an den globalen Rechercheteams, zu denen die «Süddeutsche» und in der Schweiz der «Tages-Anzeiger» gehören. Deren spannenden Enthüllungen lassen nach der Publikation oft jede Transparenz über Materialien und Grundlagen vermissen. Damit behalten ausgewählte Medienschaffende nicht nur die Deutungshoheit über ihre Recherchen, sie können auch Informationen filtern und Storys selektiv verbreiten. Ihre Arbeit wird damit weniger angreifbar, Nachrecherchen und Einregionalisierungen werden oft verunmöglicht. Ein bedenkenswerter, neuer Ansatz ermöglicht verlagsunabhängigen Netzwerken unter bestimmten Bedingungen den vollen Zugang zu den Rohmaterialien. So wurden die heute publizierten «Pandora Papers» vom «International Consortium of Investgative Journalists» in Washington über 600 Reporterinnen und Reportern in 117 Ländern zugänglich gemacht. In der Schweiz könnte das Netzwerk www.investigativ.ch eine solche Rolle übernehmen.

Hauptschwäche des Films: Auf das prominente Eingangsstatement von Edward Snowden zur vermehrten Instrumentalisierung von Medienschaffenden geht der Film nicht weiter ein: Es bleibt beim kurzen Auftritt des Whistleblowers. Wer steckt hinter dem Leak? Und wem nützt die Recherche? – das sind neben der Frage nach der Relevanz (wie im Fall von Bersets Affäre!) die essentiellen Fragen, die sich Recherchierende immer stellen müssen. Die Phase zwischen erster Kontaktaufnahme und Publikation sei entscheidend, für Vertrauensbildung wie Verifizierung der Fakten, heisst es denn auch in der Eingangsszene zum Dokfilm. Doch ausgerechneten in der zentralen Frage nach Motivation und Urheber des Ibiza-Videos schweigen das SZ-Investigativteam und der Regisseur – sie wird nicht einmal gestreift, obwohl es sich um eine inszenierte Falle handelte.

Und so bleibt offen, ob die nach der Publikation verbreitete Darstellung stimmt, wonach ein Privatdetektiv auf eigene Intiative wegen einem finanziellen Engpass das folgenschwere Video erstellt und verbreitet hat – oder ob das Video von Dritten in Auftrag gegeben und finanziert wurde.