Ende September diesen Jahres hatte ich mit einer kleinen Gruppe engagierter Frauen der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (aus Österreich, Deutschland und Ungarn) die Freude viele der langjährigen Aktivistinnen der Frauen in Schwarz, Wissenschaftlerinnen, Juristinnen, Künstlerinnen, Therapeutinnen, aus ländlichen Regionen und aus Städten zu treffen. Mit dabei auch einige wenige junge Frauen, die vom Krieg hören wollen, sich selbst existentielle Fragen stellen und für Frieden und Gewalt engagieren wollen.

Zahlreiche Frauen – und einige wenige Männer – aus dem gesamten post-jugoslawischen Raum, aus Serbien, Bosnien Herzegowina, Kosovo, Vojvodina, Montenegro, Kroatien trafen sich im alten Badeort Vrnjacka Banja, um sich auszutauschen, gemeinsam über ihre Erinnerungen, ihr Leiden, ihre Verluste und Vertreibungen, ihre traumatischen Erlebnisse aus der Kriegs- und Nachkriegszeit zu reden – über die Gewalt, die ihnen angetan wurde und wird. Der Völkermord in Srebrenica lastet schwer auf allen, zumal er von der serbischen Regierung noch immer negiert wird.

„Der Krieg ist nie zu Ende – die Wunden verheilen nicht“, sagt Stasa Zajovic, eine der Seelen der Bewegung im Büro in Belgrad.

Erinnern und Kraft schöpfen

Neben der Kraft der „permanenten“ Erinnerung, sind die Frauen in Schwarz vom Balkan in diesem Jahr wie jedes Jahr zusammengekommen, um ihr Selbstvertrauen, ihre Widerstandskraft, ihre Resilienz in der Gemeinschaft zu stärken und gemeinsame Aktionen zu planen. Sie machen aufmerksam auf die verheerende politische Kontinuität autoritärer nationalistischer Regierungen, die auf ethnische Separation, patriarchale Gewalt und Diskriminierung setzen, die kritische Journalist:innen und Menschenrechtsverteidiger:innen verfolgen. Die staatlichen Kirchen spielen nach Aussagen Vieler in dieser Gemengelage eine unrühmliche Rolle zur Konfliktverschärfung.

Desaströse gesellschaftliche Entwicklung und private Not

Privatisierung, Gentrifizierung, Geldwäsche und Korruption gehören sichtbar zum Alltag in den Städten. Belgrad zeigt stolz seine massiven Investitionen in Großprojekte, sichtbar z.B. durch die Zerstörung des historischen Bahnhofs im Zentrum und stattdessen der Aufrichtung eines millionenschweren monumentalen Kunstwerks aus russischer Produktion am durch Abrissbirnen leergefegten Platzes. Es sind die Glitzerfassaden von Belgrad Waterfront auf der einen Seite und alte Bürgerhäuser, die traurig auf den Abbruch warten, anstatt bescheiden renoviert zu werden – dafür gibt es sichtbar kein Geld. Es fehlt an Investitionen in öffentlichen Verkehr, an bezahlbarem Wohnraum. Die Armut ist sichtbar und sie ist weiblich. Die Investoren brauchen die „Arbeitssklav:innen“, fördern Prekariat – ein „Kollateralschaden der Geschichte“? wie eine Teilnehmerin es zynisch formuliert. Selbstmorde und Femizide häufen sich, auch weil die Anerkennung von Vergewaltigung als Kriegsverbrechen so unendlich lange juristische Prozesse verlangt. Die Hoffnung auf eine Minimalkompensation für die Rente ist gering und die Frauen beklagen die Verfahrenstricks z.B. in Kroatien, wo Vergewaltigung als Kriegswaffe immer noch nicht anerkannt wird. Dringend reformbedürftig, sagen die Frauen, sei das Erziehungssystem, weg von den alten Heldengschichten und den Feinden- hinzu einer permanenten Friedenserziehung, die den Namen verdient.

Der Krieg ist nie vorbei

In den letzten Jahren wird die Rüstungsproduktion wieder massiv angekurbelt und paramilitärische Einheiten trainieren – eine offene Kriegsvorbereitung. Vielfach vorhandene Ängste werden medial verstärkt und damit Hass offen geschürt – währenddessen bekannte Täter straffrei bleiben. Auch deshalb ist ein Monitoring der Gerichtsverfahren ein wichtiger Teil der Arbeit der Frauen in Schwarz.

Alternativen fürs Überleben in Würde

Die Frauen erarbeiten Konzepte zu reproduktiver Medizin, zu Arbeitsrechten, sie helfen Überlebenden – auch in der 2. und 3. Generation – und behandeln traumatisierte Frauen. Das bekannteste Zentrum in Zenica Bosnien, für Flüchtlingsfrauen und Opfer von Kriegsvergewaltigungen. Im August 1992 hat es die Deutsche Monika Hauser als 1. Projekt von Medica Mondiale eröffnet und es wird nun weitgehend in Eigenregie betrieben. Nur ein kleinerer Teil der Verfahren und Behandlungen ist jedoch erfolgreich, denn es fehlt an langfristigen Unterstützungen und an Zukunftsperspektiven.

„Wir sind verpflichtet an diese Zeit zu erinnern, aber wir kämpfen auch mit positiven Geschichten für unser Überleben“, sagt eine der Frauen und stürzt sich mit überbordender Freude in den Tanz nach serbischen, montenegrinischen, kroatischen Klängen – in einem offenen, absolut grenzfreien, kulturell und sprachlich verbundenen Raum!

Weiterdenken in Europa

Seit Beginn der 90er Jahre, seit den Kriegen am Balkan, machen sich die Protagonistinnen in der Tradition palästinensischer Frauen den schweigenden Protest in Mahnwachen schwarz gekleideter Frauen zu Eigen. Sie sind Teil eines weltweiten Netzwerks, das Verbindungen zwischen Militarismus und Feminismus belegt und sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzt.

Die öffentliche Sichtbarkeit der Frauen in Schwarz ist in den letzten Jahren kleiner geworden, trotz wachsender Herausforderungen. Das darf nicht sein, denn es steckt eine große Kraft in dieser Bewegung. Sie steht für Solidarität und Menschlichkeit. Und das ist es was unsere Welt, Europa so bitter nötig hat. Jetzt ist die nächste Mahnwache für die Frauen in Afghanistan geplant.

Als Mitglieder der ältesten Frauenfriedensbewegung, der WILPF sind wir tief beeindruckt in unsere kleinen „heilen“ Welten zurückgekehrt mit dem Auftrag, nicht nur mit dazu beizutragen die Wunden dieses Krieges zu heilen, sondern aktiv dazu beizutragen wie dies eine der Gründungsmütter unserer Organisation, Anita Augspurg , vor genau 100 Jahren gesagt hat, dafür zu sorgen, dass die „Wunden nicht mehr geschlagen werden“. Dies ist ein politischer Auftrag, der wir auch in Deutschland an die neu zu bildende Bundesregierung richten.

Der Krieg ist nie zu Ende - die Wunden verheilen nicht

Diskussion mit Frauen aus Kroatien, Serbien, Ungarn und Österreich vor der Erinnerungswand im Büro der Frauen in Schwarz in Belgrad. (Bild: Heidi Meinzolt)