Vor über zehn Jahren, am 10. Juni 2011, wurde unter der Präsidentschaft von Juan Manuel Santos das Gesetz 1448 zur Entschädigung von Opfern und Landrückgabe ratifiziert. Damit sollte ein umfassender Prozess der Betreuung, des Schutzes und der Reparation der Opfer des bewaffneten Konflikts beginnen. Ziel war es, legale Grundlagen dafür zu schaffen, dass Landgrundstücke wieder an diejenigen kleinbäuerlichen Familien und Bevölkerungsgruppen zurückgegeben werden, die im Rahmen des bewaffneten Konflikts davon vertrieben wurden. Doch trotz des Abschlusses des Friedensabkommens zwischen der Regierung und der Guerrilla-Organisation FARC im Jahr 2016 ist die Rückforderung von Land noch immer einer der bedrohlichsten und risikoreichsten Kämpfe in Kolumbien.

Die Schwestern Cortés Uribe sind Opfer des bewaffneten Konflikts. Sie wurden vermisst und später tot aufgefunden, nachdem sie sich Ende Mai 2021 von Mesetas, einer Stadt im kolumbianischen Departament Meta, auf den Weg in das Dorf San Isidro gemacht hatten. Dort wollten sie Katastertätigkeiten für ihr Landgrundstück La Ilusión unternehmen. Der Fall zeigt das gewaltsame Szenario, das viele Familien und Gemeinden erleiden, die sich mit der Einheit für Landentschädigung (URT) in den Prozess zur Landrückgabe begeben. Laut der Beobachtungsstelle für Landfragen wurden zwischen 2018 und 2020 48 Personen ermordet, die zuvor ihr Land zurückgefordert hatten.

Als Jugendliche von der FARC vertrieben

Sandra Milena und Yadmil Cortés Uribe befanden sich im Prozess, ihr Landgrundstück La Ilusión zurückzuforden, von dem sie 1999 von der FARC vertrieben wurden. Am 27. Mai wurde bekannt, dass auch ihre Begleitkommission, die URT-Mitarbeiterin Karen Garay und der Fahrer Jhon Steven Cogua, als vermisst gemeldet wurden. Am 9. Juli bestätigte der Generaldirektor der Entschädigungskommission, Andrés Castro, dass vier Leichen in einem Massengrab im Dorf Boscosa gefunden wurden, die als die vier Verschwundenen identifiziert werden konnten.

Sandra Milena und Yadmil waren noch Jugendliche, als 1999 die Einheit Frente 40 der FARC die Gegend kontrollierte und ihre Familie bedrohte. Ihr Vater Luis Eduardo Cortés wurde 1996 von den FARC ermordet – laut Angaben der Familie weil er sich weigerte, Schutzgeld zu bezahlen. 1999 musste die Familie dann ihre 240 Hektar Land verlassen und zu einem Minimalpreis an die FARC verkaufen.

Oben: Sandra Milena und Yadmil Cortés Uribe wollten ihr Land zurückfordern. Unten: Jhon Steven Cogua, Fahrer des Transporters der Firma Servitransportes Andina, und Karen Sulay Garay, Mitarbeiterin der URT / Fotos: colombia informa

 

 

20 Jahre später suchte die URT Opfer von Vertreibungen auf, um sie zum Prozess zur Identifizierung und Entschädigung ihrer Grundstücke zu ermutigen. Die im Fall der Familie Cortés Uribe betroffenen Grundstücke wurden 2017 von der FARC zurückgegeben. Aufgrund der unzureichenden Sicherheitsgarantien weigerte sich die Familie zunächst dorthin zurückzukehren, denn der Vorschlag der URT sah als Begleitung lediglich eine Topographin und einen Fahrer vor.

Drohungen gegen Sandra Milena Cortés Uribe

Eine Familienangehörige, Luz Mery Cortés, bestätigte gegenüber der Presse, dass Sandra Milena bereits bedroht worden war, seit sie den Prozess zur Rückgabe des Grundstücks angemeldet hatte. Die Opferschutzeinheit  (UNP) teilte am 21. Mai 2019 mit, den Fall aufgrund der vielen Bedrohungen als prioritär und einzigartig einzuschätzen. Die UNP vermittelte Sandra Milena als Schutzmaßnahme jedoch lediglich eine schutzsichere Weste und ein Handy.

„Die Schutzmaßnahmen der UNP im Rahmen des Sonderprogramms für Landentschädigungen sind lediglich reaktiv und reichen für den Schutz der Personen und Gemeinden nicht aus. Es zeigen sich strukturelle Schwächen bei den öffentlichen Einrichtungen, um Pläne zum Schutz und Sicherheitsgarantien für Opfer zu entwickeln und umzusetzen“, heißt es im Bericht „Überblick über die  Landrückgabe in Kolumbien“, den über zehn Organisationen der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) 2019 vorgelegt haben.

Die Versäumnisse der Behörden im Fall der zwei Schwestern setzten sich auch noch im anschließenden juristischen Verfahren fort. Obwohl der Fall bei der URT bereits als besonders schwerwiegend gemeldet worden war, hatte die Behörde das Verschwinden der Personen nicht an die Regierungsvertreterin der Region Mesetas, Deisy Melo, übermittelt. Nach der Anzeige über das Verschwindenlassen dauerte es noch fast eine Woche, bis sich die Behörden mit der Familie Cortés Uribe in Verbindung setzten, um mit den Ermittlungen zu beginnen. Diese sollen von der Staatsanwaltschaft und der Gruppe Gaula durchgeführt werden.

Weiterhin bewaffnete Akteur*innen im Departament Meta

2020 veröffentlichte die kolumbianische Ombudsstelle für die Bevölkerung einen ersten Warnruf. Auf über 70 Seiten wird darin ausgeführt, dass sich Gruppen wie reintegrierte ehemalige Kämpfer*innen, Kleinbäuer*innen im Prozess der Landrückgabe, Gemeindeaktivist*innen, Menschenrechtverteidiger*innen und Mitglieder der indigenen Gemeinden in besonderer Gefahr befinden.

In dem Bericht heißt es, dass sich die Städte Uribe und Meseta in einer neuen Phase eines Landkonflikts befinden. Dissidente Einheiten der FARC beabsichtigten, durch gewaltsame Akte Gebiete zurückzuerobern, in denen die Guerilla bis 2016 aktiv war. Außerdem dringen immer wieder paramilitärische Gruppen in das Gebiet vor. Sie kommen aus der Zone Ariari und werden immer wieder an den Dörfern, die an die Landkreise Lejanías, San Juan de Arama, Vistahermosa und Landkreishauptstädte angrenzen, gesichtet.

Die Militarisierung der Region schreitet voran

Der Bericht weist auch auf die zunehmende Militarisierung in der Region hin, die ein Ausdruck struktureller Probleme und fehlender Lösungsstrategien sei. Die staatliche Vernachlässigung des Landkreises verstärke diese Entwicklung zusätzlich.

Im Fall der ermordeten Kommission um die Schwestern Cortés Uribe wurden immer noch keine Täter ermittelt. Das alarmierende Ereignis zeigt einen weiteren Fall, in dem die sozialen und politischen Kämpfe für Gerechtigkeit nach Vertreibungen und Landenteignungen scheitern.

Mehr als die Hälfte der Vertreibungen gehen von Paramilitärs aus

Die Stiftung Forjando Futuros hat in den vergangenen acht Jahren Studien durchgeführt, um herauszufinden, welche Akteur*innen hauptsächlich für die Vertreibungen im Kontext des bewaffneten Konflikts in Kolumbien verantwortlich sind. Die Forscher*innen fanden heraus, dass 55 Prozent der Fälle von Vertreibungen in den letzten 20 Jahren auf paramilitärische Gruppen zurückzuführen sind, 16 Prozent wurden von der Guerilla verübt, 10 Prozent vom Staat und 6 Prozent von nicht identifizierbaren Akteur*innen. 22 Prozent der Vertreibungen fanden inmitten von Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen bewaffneten Akteur*innen statt.

Laut dem Bericht der Stiftung sind die wesentlichen Gründe für die Gewaltakte ökonomische und politische Interessen, um territoriale Kontrolle auszuüben und Bergbau-, Agrarindustrie-, Rinderzucht- oder illegale Anbauvorhaben zu verwirklichen.

Übersetzung: Birgit Hoinle

Der Originalartikel kann hier besucht werden