Eine schwere Viruserkrankung hat einiges an Schrecken verloren: Historische Wende im Kampf gegen Ebola.

Jürg Müller-Muralt für die Online-Zeitung INFOsperber

Es war eine erfreuliche Entwicklung im vergangenen Jahr – und doch wurde sie in den Medien hierzulande wenig beachtet: Im Juni 2020 verkündete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Ende der bisher grössten Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo. Die Krankheit wütete seit 2018 in den Bergwäldern und -dörfern Ostkongos und forderte 2287 bestätigte Todesopfer. Mitte November des letzten Jahres erklärte das WHO-Regionalbüro für Afrika auch den zweiten, kleineren Ebola-Ausbruch von 2020 am sumpfigen Unterlauf des Kongo-Flusses für beendet. Insgesamt gab es in Kongo seit der Entdeckung des Virus 1976 elf Ausbrüche.

Eine schreckliche Krankheit

Ebola ist eine schwere Viruserkrankung. Das Virus kann von Fledermäusen und Affen auf den Menschen übertragen werden, entweder indirekt durch von Tieren infizierten Früchten oder direkt durch Berührung von Tieren oder deren Kot. Das Virus überträgt sich ebenfalls direkt durch Kontakt zu Körperausscheidungen (vor allem Blut, Erbrochenes und Exkremente) von Infizierten. Die Symptome beginnen mit hohem Fieber, Hals-, Muskel-, Bauch- und Kopfschmerzen, begleitet von Durchfall und von einem schlechten Allgemeinzustand. Es folgen innere Blutungen, lebenswichtige Organe versagen. Je nach Virusart verliefen bisher zwischen 25 und 90 Prozent der Fälle tödlich.

Ebola im Griff?

Doch das vergangene Jahr gibt Anlass zur Hoffnung, dass die Krankheit einiges von ihrem Schrecken verlieren dürfte. Afrikanische Ärztinnen und Ärzte geben sich mittlerweile recht sicher, Ebola im Griff  zu haben. Schon 2019 sprach die Wissenschaftsredaktion der Zeit von einer «historischen Wende» im Kampf gegen die Epidemie. Eine grosse Rolle spielen dabei neue Medikamente, die fast allen Infizierten das Leben retten. «Plötzlich scheint Ebola von einer der tödlichsten aller Seuchen zu einer behandelbaren Krankheit zu werden.» Beim erwähnten Ausbruch in Kongo von 2018 wurden Medikamente getestet, die den Krankheitsverlauf nach einer Infektion abschwächen sollen. Zudem erhielten mehr als 100 000 Menschen einen gemäss Zeit offenbar hochgradig wirksamen Impfstoff.

Modernste Medizintechnik

Zum Einsatz kam dabei modernste Medizintechnik. Die Impfstoffe mussten bei Temperaturen von bis zu minus 80 Grad Celsius in teils unwegsames Gebiet gebracht werden. Die Technologie, «die verwendet wird, um den Ebola-Impfstoff bei super-kalten Temperaturen zu halten, wird hilfreich sein, wenn ein Covid-19-Impfstoff nach Afrika gebracht wird», sagt Matshidiso Moeti, Afrika-Direktorin der WHO.

Schwer zugängliche Gebiete

Bemerkenswert ist der Sieg über Ebola auch deswegen, weil der letzte Ausbruch im Kongo mitten in der Covid-19-Pandemie stattfand – und dies erst noch in Regionen, die zu den ärmsten der Welt gehören. Im Einsatz stand unter anderem auch die Organisation Ärzte ohne Grenzen. Die Herausforderungen waren gewaltig: «Um auf medizinische Nothilfeeinsätze reagieren zu können, verfügt unser Team über ein Lager mit Fahrzeugen, Motorrädern und Aussenbordmotoren, die auf Booten oder Kanus installiert werden können», erklärt Mathias Dembo, Logistikkoordinator bei Ärzte ohne Grenzen. Zu manchen Dörfern gelangt man ausschliesslich über den Fluss mit Kanus. «Um zum Beispiel Bolomba zu erreichen, musste unser gesamtes Team, mitsamt Ausrüstung, in Kanus den Fluss Likelemba hinauffahren», erzählt Mathias Dembo. Andere Gebiete erfordern einen stundenlangen, schwierigen Transport auf unbefestigten Strassen durch den Dschungel.

Erfahrungen aus früheren Epidemien

Ob die grosse Erfahrung vielerorts in Afrika im Umgang mit gefährlichen Krankheiten auch im Kampf gegen Covid-19 nützlich sein wird, muss sich noch zeigen. Derzeit ist auch in Afrika die Pandemie wieder auf dem Vormarsch. Bis im Oktober 2020 entwickelten sich die Corona-Fallzahlen jedoch rückläufig. In einem SRF-Interview sagte WHO-Afrika-Direktorin Matshidiso Moeti, dass die Erfahrungen aus früheren Epidemien von grossem Vorteil seien: «Wir hatten wegen des zeitgleichen Ebola-Ausbruchs in der Demokratischen Republik Kongo bereits ein Temperatur-Screening und eine Personaldatenaufnahme an den Flughäfen.»

Zahlreiche Innovationen

Die WHO lobte im vergangenen Oktober auch Afrikas Einfallsreichtum im Kampf gegen Corona. Mit mehr als 120 «lebensrettenden» Innovationen, allen voran im IT-Bereich, habe der Kontinent angesichts der vergleichsweise geringen Entwicklung die Erwartungen über­troffen. Unter den Erfindungen sind laut der Uno-Behörde etwa ein Selbstdiagnoseprogramm aus Angola, eine App zur Kontaktrückverfolgung aus Ghana und ein Corona-Chatbot für Whats­App aus Südafrika. «Solarbetriebene Handwaschvorrichtungen und mobile Apps, die auf Afrikas rasant wa­ch­sender Vernetzung aufbauen – diese hausgemachten Innovationen sind auf einzigartige Weise an den afrikanischen Kontext angepasst», sagte Matshidiso Moeti.

Afrikas grosses Potenzial

Dass Afrika vieles richtig gemacht hat, zeigt auch die Tatsache, dass «trotz vieler Befürchtungen alle Ebola-Epidemien Afrikas eingedämmt werden konnten, bevor sie sich in Millionenstädten einnisten und Zehntausende dahinraffen konnten», schreibt die deutsche Tageszeitung taz. Im Hinblick auf die Covid-19-Impfung erinnert in der NZZ auch der Leiter des Africa Policy Research Institute in Berlin, Olumide Abimbola, an das Potenzial Afrikas: «Afrika hat bewiesen, dass es fähig ist, komplexe Impfprogramme durchzuführen. Seit 2019 gibt es auf dem Kontinent keine Polio-Erkrankungen mehr.»

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