Die hässlichen Kehrseiten der vermeintlich sauberen Energie

01.01.2021 - INFOsperber

Die hässlichen Kehrseiten der vermeintlich sauberen Energie
(Bild von Im "sauberen" Elektroauto stecken viele unsauber abgebaute seltene Metalle. © Arte)

Der Umstieg auf CO2-freie Energie endet politisch an den Landesgrenzen. Darum kann die Energiewende global zum Bumerang werden.

Hanspeter Guggenbühl für die Online-Zeitung INFOsperber

„Netto null CO2“. Dieses Ziel künden viele Staaten an, um die Klimaerwärmung zu begrenzen. Dazu wollen sie Kohle, Erdöl und Erdgas  durch Elektrizität aus Solar-, Wasser- und Windkraft ersetzen und von Benzin- oder Diesel- auf Elektroautos umsteigen.

Für reiche und technisch hochentwickelte Staaten ist dieser Umstieg zwar aufwendig und schwierig, aber unter gewissen Annahmen machbar. Das zeigen etwa die neusten Energieperspektiven für die Schweiz. Doch diese Szenarien und ihre politische Umsetzung enden jeweils an den Landesgrenzen. Global hingegen hat die grüne Wende ihre Kehrseiten. Das zeigt der eindrückliche französische Dokumentarfilm „La face cachée des énergies vertes“, den der TV-Sender Arte unter dem deutschen Titel „Umweltsünder E-Auto?“ kürzlich ausstrahlte. Interessierte können den 90-minütigen Film noch bis am 22. Januar 2021 unter folgendem Linkanschauen.

Grüne Energie oder Grünwasch-Marketing?

Der Inhalt zusammengefasst: Um die sogenannt grüne Energietechnik – von Solarpanels über Windkraftwerke bis zu Elektroautos – in den westlichen Industriestaaten bereitzustellen, braucht es viel Energie und Material, insbesondere seltene Metalle. Diese Bodenschätze befinden sich mehrheitlich in Schwellenländern und werden teilweise mit umwelt- und menschenschädigenden Methoden abgebaut. Zudem können einige dieser Metalle schon mittelfristig knapp und teuer werden. Nach der Abhängigkeit von Erdöl und Kohle entstehen damit neue Abhängigkeiten von Rohstoffen, die oft nur in wenigen Staaten verfügbar sind.

Es gebe keine saubere Energie. Vieles, was als grüne Technik dargestellt wird, entpuppe sich als Grünwasch-Marketing. Diese Thesen belegen die Autoren des Films mit Reportagen aus verschiedenen Gegenden der Welt. Sie zeigen etwa, wie gigantische Graphit-Minen in Nordchina die Umwelt und die Lungen der dort arbeitenden und lebenden Menschen belasten oder wie der Abbau von Kupfer in Chile den Bau von zusätzlichen fossilen Kraftwerken nach sich zieht, die mit importierter Kohle befeuert werden.

Ins Zwielicht geraten nicht nur private Bergbaukonzerne, sondern auch vermeintlich umweltfreundliche Staaten. Norwegen etwa treibt auf der einen Seite die Elektrifizierung seiner inländischen Autoflotte voran, fördert und exportiert aber auf der andern Seite weiterhin viel Erdöl.

Dem alten folgt ein neues Übel

Das Fazit des Dokumentarfilms, unterlegt mit vielen Beispielen und dezidierten Aussagen von Wissenschaftlern: Mit dem Wechsel von fossiler auf erneuerbare Energie ersetzt die Wirtschaft ein altes durch ein neues Übel. Statt primär auf grüne Technik und Elektrizität zu setzen, um den Klimawandel zu bremsen, sollte die Menschheit auf eine weniger umweltbelastende Lebensweise mit tieferem Energie- und Materialverbrauch umschwenken.

Vertieft wird diese Analyse am Beispiel der Elektroautos. Deren Umweltbilanz sei insgesamt nicht besser als diejenige von Autos mit fossil betriebenen Verbrennungsmotoren, analysieren im Film befragte Fachleute. Damit bestätigen sie Artikel von Infosperber aus den Jahren 2018 und 2019 über die Ökobilanz von Elektroautos in der Schweiz: Einem Rückgang der Treibhausgas-Emissionen im Betrieb, (sofern die dafür eingesetzte Elektrizität wie hierzulande mehrheitlich aus Wasserkraft stammt) steht eine höhere Umweltbelastung bei der Produktion von Elektromotoren und Batterien gegenüber.

Unter dem Strich ist damit die Umweltbilanz von Elektroautos im Durchschnitt lediglich um 10 bis 20 Prozent besser als die Umweltbilanz von Benzin- und Dieselautos. Das zeigt eine Studie vom Oktober 2018 unter dem Titel „Aktualisierung Umweltaspekte von Elektroautos“, welche die auf Ökobilanzen spezialisierte Firma Treeze im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt erarbeitete (siehe nachfolgende Grafik)

Grafik Verkehrsmittel Umweltbelastungspunkte treeze
Umweltbelastungsvergleich gemäss Bafu-Studie von 2018: Der E(lektro-)PW schneidet nicht viel besser ab als der Benzin- und Diesel-PW. © tBafu/treeze

Diese magere Bilanz hinderte aber die Gesetzgeber in der Schweiz und in der EU nicht daran, den Autoimporteuren zu erlauben, die hohen CO2-Emissionen von grossen benzinbetriebenen Autos mit dem Verkauf von Elektroautos zu kompensieren und damit reinzuwaschen (mehr darüber hier und hier auf Infosperber). In Deutschland, wo der Kohleanteil im Strommix viel höher ist als in der Schweiz, profitieren die Käufer von Elektroautos von hohen Subventionen; ähnlich verhält es sich in andern EU-Staaten.

Masse wiegt ökologisch mehr als Energie

Das alles zeigt: Weit weniger relevant als der Grünstich der eingesetzten Energie ist die Masse, sei es in Form von Gebäudevolumen oder Transportverpackung. So belastet ein benzinbetriebenes Leichtfahrzeug mit tiefer Motorenleistung oder ein muskelbetriebenes Fahrrad die Umwelt insgesamt um ein Vielfaches weniger stark als ein vermeintlich sauberes Elektroauto mit mehr als zwei Tonnen Gewicht.

Kategorien: Ökologie und Umwelt, Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie
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