Humanisierende Feminismen 4 – Interview mit María Belén Echavarría

03.12.2020 - REHUNO - Red Humanista de Noticias en Salud

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Französisch verfügbar.

Humanisierende Feminismen 4 – Interview mit María Belén Echavarría
(Bild von REHUNO)

María Belén Echavarría ist 27 Jahre alt und Mutter einer 9-jährigen Tochter. Sie lebt in Villa Gobernador Gálvez, einer Stadt in der Provinz Santa Fe, Argentinien. Sie studiert Jura an der Nationalen Universität von Rosario und gestaltet Aktivitäten in einer informellen Organisation mit, die der Gesundheit gewidmet ist: „Multisectorial de la Salud y la Vida VGG“ (Gesundheit und Leben sektorübergreifend in Villa Gobernador Gálvez).

Sie ist Aktivistin und Referentin einer informellen feministischen Organisation mit dem Namen „Movimiento de Mujeres en Lucha VGG“ (Bewegung kämpfender Frauen VGG) und außerdem aktiv in der Partido Justicialista (politische Organisation in Argentinien).

Der vorherige Teil der Serie ist hier zu lesen.

REHUNO: Was bedeutet für dich Feminismus? Siehst du dich als Feministin?

María Belén Echavarría: Ich identifiziere mich mit dem Feminismus, weil ich zu einer Kämpferin wurde und mit allem, was eine Frau aushalten und dabei ihr kulturelles, rechtliches und soziales Leben über Jahrhunderte hinweg an die Bräuche und Gewohnheiten des Patriarchats anpassen musste, gebrochen habe. Innerhalb dieses Systems waren wir immer niedere Wesen. Stets neben und unterhalb des „starken Geschlechts“.

Heutzutage ist der Feminismus ins Leben der Frauen getreten, weil ich glaube, dass ausnahmslos alle Frauen irgendwann einmal im Leben unterdrückt und verletzlich gemacht wurden, vielleicht einige in kleinerem, andere im größeren Ausmaß – aber jedes Mal nur wegen der Tatsache, eine Frau zu sein.

Durch welches Ereignis bist du Feministin geworden?

Einige Situationen, die vor wenigen Jahren in meiner Familie ans Licht kamen, machten mich zur Feministin. In diesem Moment stürzte mein Leben in den Abgrund – ich konnte nicht verstehen, warum ich das alles ertragen musste.

Als mich all diese Geschehnisse traurig machten, fing ich an zu verstehen und zu begreifen, was der feministische Kampf bedeutete. Und ich denke – mit allem, was wir erleiden – wie könnte ich es nicht sein? Wie könnte ich nicht gegen den Sexismus kämpfen, der die Körper von Frauen, Trans*Frauen und Kindern objektifiziert, und sie in einigen Fällen – in dem Wissen, dass sie vom eigenen Blut sind und ohne sich um Inzucht zu scheren – missbraucht und verunglimpft? Wie sollte ich bei einem solchen Irrsinn wegsehen? Es gibt viele solcher erbärmlichen Fälle in der Gesellschaft – mehr als wir uns vorstellen können.

In diesem Moment fühlte ich, dass das Beste, was ich tun konnte, war, für den Feminismus zu kämpfen.

Die Ereignisse, von denen du berichtest – gingen sie vor Gericht, griff der Staat ein?

Ja, der Staat hat eingegriffen.

Wie hat es dein Leben verändert, den Feminismus oder das feministische Dasein kennengelernt zu haben?

Mein Leben drehte sich um 180 Grad. Und ließ mich die Essenz des Feminismus durch die Schwesternschaft fühlen.

Das Patriarchat sorgt dafür, dass wir uns zu Gegnerinnen verwandeln. Die einen mit den anderen verfeindet. Es schürt den Hass und die Unsicherheit zwischen uns – die Männlichkeit will uns hübsch und schlank, bis eine andere hübschere, schlankere kommt, die „ihn uns stiehlt“.

Unter anderem veränderte der Feminismus meine Art zu denken, er wandelte meine Form der Beziehung zu anderen Frauen, er ließ mich verstehen, dass wir keine Feindinnen sind, dass wir nicht miteinander konkurrieren, dass die Unsicherheit nicht von uns aus kam, sondern uns von der sexistischen Kultur auferlegt wurde.

Heute will ich, dass eine Frau frei ist, frei zu denken, sich zu kleiden, zu lieben und zu arbeiten, frei in der Entscheidung, ob sie Mutter werden möchte oder nicht. Ich glaube, dass der Feminismus durch die Schwesternschaft das bricht, was zwischen uns installiert wurde, er bringt uns zusammen, er vereint uns, denn wenn heute einer von uns etwas geschieht, ist sie nicht mehr allein, sie hat viele hinter sich, die für sie kämpfen werden, obwohl sie sie nicht kennen und das ist etwas Wunderschönes. Das Wissen darum, das keine allein ist, hat mein Leben verändert.

Wie hat der Feminismus deine studentische Sichtweise und dein Arbeitsumfeld verändert, wobei du ja anderen Frauen und der Gesellschaft hilfst?

Als ich anfing, zu studieren, verstand ich nicht viel von Geschlechterperspektive und einige der Dozierenden genauso wenig. Ich lernte Rechte, ohne die Geschlechterperspektive mit einzubeziehen. Doch heute sehe ich alles das aus einem feministischen Blickwinkel. Zum Beispiel haben wir Frauen eine Art der Objektifizierung erleiden müssen, innerhalb der wir von Geburt an einen Nachnamen hatten und nachdem wir geheiratet hatten, wurden wir zum Eigentum unseres Ehemanns – unserem Nachnamen folgte nach der Eheschließung ein „von“ (und danach der Name des Mannes).

Dies änderte sich 2015 durch die Reform des Zivilgesetzbuches.

Oder der Frau wurde ihre Freiheit auf Abtreibung geraubt. Oder wenn eine Frau gefragt wird, was sie anhatte, nachdem sie vergewaltigt wurde.

Den Unterschied machte der Feminismus, indem er uns die Geschlechterperspektive gebracht hat – etwas, das in der Justiz und im Recht dringend notwendig ist. Heute habe ich eine Geschlechterperspektive, wenn ich lerne oder unterdrückten Personen oder rechtlich verletzlichen Gemeinschaften helfe. Ich habe vor, alles Gelernte und noch mehr anzuwenden und Gesetzesprojekte vorzustellen, die die Freiheit fördern und uns schützen.

Du bist außerdem Teil einer sektorübergreifenden Bewegung der Gesundheit – wie wird dein feministisches Dasein von den Mitgliedern wahrgenommen?

Sie nehmen es als sehr positiv wahr – meine Mitstreiter*innen sind Menschen, die den feministischen Kampf befürworten, die Notwendigkeit struktureller Veränderungen verstehen, für die der Feminismus einsteht. Beispielsweise kämpft die „Multisectorial por la Salud y la Vida VGG“ aktuell für die Wiederöffnung der Entbindungsstation in unserem öffentlichen Krankenhaus. Seit dem letzten Jahr kämpfen wir und seit dem 29. Juli liegt der Vorschlag der Kammer der Abgeordneten von Santa Fe vor – das war ein großer Erfolg.

Die Entbindungsstation schloss im Jahr 2007 und einige Stadträte hatten ihre Wiederöffnung gefordert, aber nie ist etwas passiert. Stell dir vor, wie froh wir sind, dass es diese soziale Organisation bis in die Abgeordnetenkammer geschafft hat – und momentan scheint es sehr wahrscheinlich, dass die Station wieder öffnen wird. Das ist dieser Initiative zu verdanken, die auch für die Rechte der Frauen in Villa Gobernador Gálvez kämpft.

Was glaubst du, auf welchen Wegen kann sich die feministische Sichtweise verbreiten?

Die Verbreitung des Feminismus muss im Großen stattfinden, weil diese Verbreitung Leben rettet.

Dem Retten von Leben dürfen keine Grenzen gesetzt werden – und ist so die Verbreitung  beispielsweise über Zeitungen und Magazine, das Radio, soziale Netzwerke, Fernsehkanäle und alle öffentlich wirksamen Wege etwas, das einfach stattfinden muss.

Die Gesetze und Regelungen, die die Ordnung des menschlichen Verhaltens zur Aufgabe haben, als einen weiteren Weg der Verbreitung zu sehen, ist ebenso ein interessanter Ansatz: Beispielsweise gibt es das Gesetz der Belästigung auf der Straße, das „Komplimente“ verbietet und bestraft, die in hohem Maß anzüglich sind, oder besser gesagt, die Frau objektifizieren.

Viele der Gesetze und Richtlinien, die die Verwundbarsten schützen, wurden von Regierungen, an der die Partido Justicialista beteiligt war, voran- oder auf den Weg gebracht.

Denkst du, dass der Feminismus Frauensache ist? Und andere Geschlechter ausschließt?

Für den Feminismus kann die Frau kämpfen; ich kann mir keine Männer mit all ihren Privilegien in Proteststimmung vorstellen. Aber ich glaube sehr wohl, dass er Sache aller Menschen ist.

Denkst du, dass die Medien die Werte des Feminismus fördern oder nicht?

Momentan glaube ich, dass sie ihn nicht fördern – an vielen Ecken sehe ich Objektifizierung, ich sehe, wie sie vorhaben, unseren Kampf auf verbitterte Frauen zu reduzieren, die ein Monument zerstören. Ich persönlich glaube, dass einige das als Teil ihrer Revolution ansehen. Die Revolution gab sich niemals zuvor die Blöße, zu betteln und Danke zu sagen. Ich habe nicht das Gefühl, dass in der Mehrheit der Medien feministische Werte vermittelt werden.

REUHUNO: Es gibt einen Begriff, den ich in Argentinien gehört habe: „Machirulo“ – Wie verstehst du ihn?

Es ist ein Begriff, den man das erste Mal von der aktuellen Vizepräsidentin Argentiniens, Dr. Cristina Fernández de Kirchner, gehört hat. Er beschreibt einen Mann in Machtposition, der das Recht nicht respektiert, eine Frau verletzt oder sich auf sexistische Weise verhält.

Übersetzung aus dem Spanischen von Chiara Pohl vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Wir suchen Freiwillige! 

Kategorien: Gender und Feminismen, Interviews, Südamerika
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