Die Vergesslichkeit der Gesellschaft

08.12.2020 - Valentin Grünn

Die Vergesslichkeit der Gesellschaft
Brandenburger Tor in Berlin, Deutschland während des Covid 19 lockdowns (Bild von NbN09 via Wikimedia Commons | CC BY-SA 4.0)

Da sitzt die Welt im Lockdown und wundert sich, wie es soweit kommen konnte. Genauer hingeschaut, hätte sie es kommen sehen können.

Die Welt ist seit der Jahrtausendwende einige Male knapp an der Katastrophe vorbeigeschrammt und nur dem Engagement von vielen, uns allen unbekannten, Menschen, ist es zu verdanken, dass wir unbedarft unserem Leben nachgehen konnten und nicht schon früher damit konfrontiert wurden.

2002/03 hielt SARS-CoV-1 den fernen Osten in Atem. Den Westen berührte es kaum, war er ja nicht davon betroffen. Die ostasiatischen Länder haben damals gelernt die Maske zu tragen. Wir erinnern uns vielleicht an die Temperaturmesstafeln an den Flughäfen. Im Unterschied zu SARS-CoV-2 war dieser Virus nicht vor den ersten Symptomen übertragbar. Ein Glück für die Menschheit; die weltweite Ausbreitung von SARS-CoV-1 konnte verhindert werden.

2012 erschien MERS-CoV auf der Bildfläche, genauer im Nahen Osten auf der arabischen Halbinsel. Die Letalität ist weitaus höher als beim gegenwärtigen Virus. Noch heute taucht MERS-CoV hin und wieder in Clustern in arabischen Regionen auf. Die Ausbreitung konnte verhindert werden, auch weil die Übertragung nicht so leicht erfolgt.

2014 bis 2016 versuchte Ebola in Westafrika sein Glück. Vereinzelte Fälle wurden in Spanien, Großbritannien und den USA festgestellt. Ebola ist weitaus tödlicher als SARS-CoV-2, aber nicht so ansteckend. Reisende mit Fieber aus diesen Gegenden mussten damals auch mit Quarantäneanordnungen rechnen, Personen- und Warenverkehr wurden beschränkt, Regionen wurden wirtschaftlich isoliert, Staaten erließen Einreiseverbote, die humanitären Bedingungen verschlechterten sich, die großen Kliniken in Europa und den USA bereiteten sich auf infizierte Fluggäste vor und Europäische Staaten übten den Ernstfall einer unkontrollierten Ausbreitung.

Es ist nicht so, dass SARS-CoV-2 die europäischen Staaten unvorbereitet getroffen hat.

2018 brach Ebola in Zentralafrika aus; dieser Ausbruch konnte lokal eingedämmt werden. Hier wurde erstmals eine großangelegt Impfkampagne gestartet. Etwa eine Viertel Million Menschen wurde geimpft. Impfen ist zu Recht in der Diskussion und es ist diskussionswürdig, ob man einem sechs Wochen alten Säugling eine Sechsfachimpfung verabreichen muss. Der Segen von Impfungen darf aber auch nicht vergessen werden. Die Pocken wurden ausgerottet, Polio ist, mit Ausnahme von Afghanistan und Pakistan, verschwunden. Indien hatte seit 2012 keinen Polio-Ausbruch mehr, man sieht auf Indiens Straßen die Bettler mit den degenerierten Gliedmaßen. Kinder sind nicht mehr dabei. Der Keuchhusten wurde zurück gedrängt; die hustenden Kinder aus den 60er Jahren sind weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden.

In Afghanistan und Pakistan kämpfen die Islamisten gewaltsam gegen die Impfkampagnen der WHO; Impfkritiker liefern die Argumente. So wurden auch in Zentralafrika Ängste gegen den Ebola-Impfstoff geschürt, es wurden Desinformationskampagnen gestartet: Der Impfstoff solle unfruchtbar machen oder gar tödlich sein; Vitamin C sei ausreichend um Ebola zu heilen; Ebola sei kein Virus sondern von Hexerei verursacht. Über Internet und mit Haustürbesuchen wurden diese Falschinformationen verbreitet.

Wissenschaftsskepsis ist kein neues Phänomen.

Dass der ferne Osten und Afrika von SARS-CoV-2 nicht so stark betroffen sind, ist auch darauf zurück zu führen, dass diese Regionen gewarnt waren und die einfachen Schutzmaßnahmen wie Maske tragen, Hände waschen und Abstand halten, kannten und anwenden.

Die Schweinegrippe ging 2009 um die Welt. Sie stellte sich als „wenig“ letal heraus und trotzdem starben weltweit zwischen 150.000 und einer halben Millionen Menschen. Eine spätere Virusvariante erwies sich als harmloser und verdrängte die ursprünglichere. Am Ende wurde weder getestet noch gemeldet. Vermutlich hatten sie die meisten von uns.

Maßgeblich beteiligt in der Bekämpfung drohender Pandemien war die USA mit ihren finanziellen, logistischen und personellen Bemühungen. Diese Spezialisten arbeiteten mit den Staaten rund um den Globus zusammen; unabhängig von politischen und weltanschaulichen Differenzen. Es wurden sowohl offene wie auch verdeckte Methoden angewandt, um möglichst viele Information zur Lageeinschätzung zu gewinnen und die Ausbreitung im Anfangsstadium zu ersticken. Sicherlich nicht ohne Eigeninteresse des Westens, doch zum Vorteil aller.

Alle Experten warnten, dass sich früher oder später ein Erreger unkontrolliert ausbreiten könnte. Für sie war es nur eine Frage der Zeit.

Nach der Erfahrung von Ebola 2014 richtete Obama ein Pandemic Response Team ein, das sich explizit um die Verhinderung von Pandemien kümmerte. 2018 löst Trump dieses Team weitgehend auf, entließ einen Großteil der Experten und beauftragte seinen Schwiegersohn mit diesem Thema. Wegen öffentlicher Proteste stufte er das Büro lediglich herab, statt dieses ganz aufzulösen.

In einer Welt mit begrenzten Ressourcen müssen Sie auswählen“ so ein hoher Beamter aus der Trump-Administration und sie haben andere Themen als die Reaktion auf eine Pandemie ausgewählt.

Nun warnten alle Experten, dass sich eher früher als später ein Erreger unkontrolliert ausbreiten könnte. Es ließ nicht lange auf sich warten.

Das verbliebene Team hat bei SARS-CoV-2 schon früh Alarm geschlagen; Trump war damals genauso wenig am Thema interessiert wie heute.

Statt einer Zusammenarbeit mit WHO, China und anderen betroffenen Staaten, hagelte es nun haltlose Vorwürfe gegen eben diese aus dem Weißen Haus. Dass der Bitte des Iran, das Embargo für medizinische Produkte zur Bekämpfung von SARS-CoV-2 aufzuheben, nicht nachgekommen wurde, ist dabei „nur“ eine Randnotiz; wenn auch eine folgenschwere.

Aufgrund der Erfahrungen von SARS-CoV-1 erstellte Deutschland einen Pandemieplan; genauso wie es Katastrophenschutzpläne für Erdbeben, Atomunfälle, Hochwasser oder sonstige Großereignisse hat. Er beschreibt die möglichen Maßnahmen und die wissenschaftliche Grundlage dazu. Der Plan wurde im Frühjahr dieses Jahres aus der Schublade gezogen und angepasst umgesetzt. Er beschreibt den Schutz der Bevölkerung, die Aufrechterhaltung der Lebensmittelversorgung und notwendiger Dienstleistungen dezidiert.

Während z.B. in den USA die Fleischproduzenten auf ihren Tieren sitzen blieben und den Supermärkten das Fleisch ausging, hielt Deutschland die Lieferkette aufrecht; auch für den Preis von weniger rühmlicher Ereignisse; wie die Causa Toennies. Dass die Baumärkte offen blieben war wohl der Beschäftigung der Menschen, die zu Hause bleiben sollten, geschuldet. Was liegt näher als in dieser Zeit die Wände neu zu streichen? Die Autobahn-Toiletten waren kostenlos; ein freundlicher Hinweis aufs Händewaschen. Dass es an Masken und Schutzmaterial fehlte…. kein Plan ist perfekt.

Weder der erste noch der zweite Lockdown waren echte Lockdowns. Wie so was geht, das haben uns Frankreich, Israel, Italien oder Australien gezeigt. Die deutschen Lockdowns sind mehr als weichgespült; minimale Eingriffe in die Freiheit der Menschen bei maximalem Nutzen.

Es lässt sich über einzelne Maßnahmen trefflich streiten, doch sollte wir nicht vergessen, dass Corona-Maßnahmen nur Peanuts sind gegen das was der Menschheit mit dem Klimawandel und dem Artensterben noch bevorsteht.

Dass in einigen Kreisen das Tragen der Masken als das Ende der deutschen Demokratie und des Rechtsstaats angesehen wird, verstehen draußen in der Welt nur die wenigsten. Die zukünftigen Generationen werden über diese Frage mit bitterer Miene schmunzeln.

Kategorien: Gesundheit, International, Meinungen
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