Kolumbien – der Tod

29.08.2020 - Alexandra Vega-Rivera

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Französisch, Italienisch verfügbar.

Kolumbien – der Tod
(Bild von GLady auf Pixabay | CC0)

Seit Mitte August ist Kolumbien im weltweiten Index für COVID19-Infektionen unter den Top Ten – die Zahl stieg auf über 582´000* Personen und mehr als 18‘400* Personen starben bereits aufgrund des Virus, zum Übersetzungszeitpunkt des Artikels.

2019 lag das Land an der Weltspitze mit 64 Ermordungen von Umweltaktivisten (und auch in diesem Jahr sieht es danach aus, dass es diesen Rang nicht verliert). Innerhalb von vier Monaten wurden zehn Angehörige des Awá-Volks ermordet. Wiederum überschritten wurde dies durch die Vergewaltigung eines Mädchens aus dem Emberá-Volk, die mehrere kolumbianische Soldaten gemeinsam begangen. Die Menschenrechtskommission der UNO stellte 41 Morde durch Ex-Kämpfer, 97 Morde von Menschenrechtsaktivisten und 33 Massaker fest – allein im Jahr 2020, in welchem ebenso 184 gesellschaftliche Führer umgebracht wurden und als ob jemand sich angestrengt hätte, diese Vorkommnisse zu übertreffen, wurden die Schüler Cristian und Maicol, 12 und 17 Jahre alt, auf dem Weg zur Schule ermordet, als sie eine Aufgabe abgeben wollten, die sie nicht per Internet hatten schicken können. Drei Tage später, am 11. August, wurden ihre Leichen aufgefunden. Die fünf Täter hatten sie zuvor noch gefoltert – Freunde der Jungen, zwischen 14 und 15 Jahre alt. Und für die kolumbianische Gesellschaft nahm das Entsetzen hier noch kein Ende: Am 16.August wurde der Mord an acht weiteren Jugendlichen bekannt.

Die Regierung hat derzeit jedoch andere Sorgen.

In Kolumbien kommt es zu Blutvergießen und zunehmender Leichtfertigkeit, was erschreckend ist und uns in den letzten Stunden den Atem genommen hat. Es erscheint äußerst schwierig, die nächsten Schritte zu klären – wie weiter zu verfahren ist und wie man diese Welle der Gewalt aufhalten kann. Von den politischen Entscheidungen der Regierungspartei hierzu wurde das Volk erneut ausgeschlossen.

Es gibt nur eine Sache, die noch gewaltsamer ist als all diese Gewalt – es ist ihre Eingewöhnung.

Es ist klar, dass Mord kein Phänomen ist, das irgendeine Empathie der Regierung unter Iván Dunque weckt. Seine Führung bricht die Rekorde in Tötungen und staatlicher Vernachlässigung, sein Volk stirbt wegen einer Pandemie, in der er schwerwiegend falsch gehandelt hat und gegen die er sich entschieden hat mit Mitteln zu kämpfen, die auf massiven Aufforderungen an das Volk basieren, (wahrscheinlich nicht notwenige) Dinge in Raten ohne Mehrwertsteuer zu kaufen – während die Ausbreitung des Virus in vollem Gange ist. Sogar in den täglichen Ausstrahlungen im Fernsehen sagt er nichts, sondern schmückt eine Szenerie mit Nationalflagge und einer Flasche Desinfektionsmittel.

Während sein ganzes Volk im Stillen umgebracht wird, mitverschuldet von Institutionen, die übermäßige Wachstumsraten von Straftaten verzeichnen, hat sich das kolumbianische Staatsoberhaupt dazu entschieden, genauso ineffektiv vorzugehen wie bei der gesundheitlichen Krise. Es ist so, dass er dazu aufgerufen hat, sich und das Land den bekanntesten Heiligen und Jungfrauen anzuvertrauen – in einer grotesken Geste aus Trägheit und Verweigerung der Realität, die Kolumbien durchlebt. Auf diese Weise wirft er denjenigen ein Stückchen Brot hin, die von Gewalt und Morden umgeben sind. Sie sollen an einem Glauben festhalten, der, was immer auch passiert, als einzige Alternative zu der Hölle dargestellt wird, in die seine aktuelle Führung und Regierungspartei Kolumbien verwandelt hat. Diese hatte, als Antwort auf eine gerichtliche und unabhängige Entscheidung gegen ihren größten Führer (den Expräsidenten Álvaro Uribe Vélez), ungewöhnlicherweise eine Verfassungsänderung vorgeschlagen – ich wiederhole, eine Verfassungsänderung – während die Bevölkerung dem Risiko ausgesetzt war, gewaltsam niedergeschossen oder von der Pandemie erstickt zu werden – oder beides.

 

Auf der gleichen Ebene der Verdorbenheit und im Einvernehmen mit der Mordwelle sind die Massenmedien des Landes (wie es in Lateinamerika häufig der Fall ist), die nicht nur zusehends den Journalismus beschämen, sondern auch ein Volk, das seiner Hilflosigkeit, Furcht und Trauer ausgeliefert ist – dem Unwetter des Staates ausgesetzt, ohne im Angesicht solcher Todesfälle zu wissen, welcher Weg einzuschlagen ist.

Und schließlich wird der Tod für einen Teil der kolumbianischen Bevölkerung zum alltäglichen Begleiter, mit dem man morgens Kaffe e trinkt. Genauso wie für die die aktuelle Regierung, die das Leiden und die Ungerechtigkeit, mit der andere leben, nicht erschüttern. Weil inmitten so großer Verzweiflung das Schmerzhafteste vielleicht die Abwesenheit von Schmerz ist, gilt die Verweigerung dessen, was ist, als Normalität und – was noch schlimmer ist – als Rechtfertigung solches Leidens. Positionen, die sich unter abschweifenden und klassenbewussten Regenschirmen schützen, wie „Sie werden etwas verbrochen haben“, „Sie hätten keinen Kaffee geerntet“, „Man muss darauf achten, wie man sich anzieht“ oder „Das passiert ihnen, weil sie die Quarantäneregeln nicht befolgt haben“. Was geschieht mit einer Gesellschaft, die sich nichts aus Folter, Enthauptung, Vergewaltigung, Bombardierung, Morden, und dem Verschwinden ihrer Kinder und Jugendlichen macht?

Kolumbien ist in einem Labyrinth eingeschlossen, dessen einziger Ausgang von Sorge, einem Berg voller Leichen und einem hohlen, aber gefährlichen Narrativ aus Angst, Sicherheit und Heldentum blockiert wird. Das Land ist auf einen Grund gestoßen, an dem man glaubt, nie mehr zurückkehren zu können – was dem belastenden Einfluss der aktuellen Regierung und ihrer zwingenden Notwendigkeit, Gewalt weiter Raum zu geben, zu verdanken ist. Denn in der Offenbarung ihrer Natur, durch ihre leeren Argumentationen und die Skandale wegen Verbindungen zu Rauschgifthandel, Wahlbetrug und Korruption, wird eindeutig, dass das einzige, das weiterhin auf zwei Beinen läuft, der Tod ist und dass seine einzige und beste Maske, um sich zu zeigen, die eines Staatschefs ist, der unnützerweise die Stunden der Regierung bis zum nächsten Präsidenten zählt und kniend betet, während Kinder auf Zuckerrohrplantagen geköpft werden. Brot und Spiele pur.

Den Kurs der Dinge zu verändern ist schmerzhaft – aber es ist schmerzhafter, so weiterzumachen. Bei diesem Versuch des Wandels, in dem fieberhaft um Frieden gerungen wird, bezahlt Kolumbien weiterhin mit seinem wertvollsten Gut: Mit dem Leben seiner Bevölkerung. Die Hilfe der internationalen Gemeinschaft wird dazu erforderlich sein, sowie ausreichend politische Reife, zu wählen und auf ein Regierungsmodell zu setzen, das eines der elementarsten Menschenrechte priorisiert, welches derzeit auf skandalöse Weise im Vordergrund steht: Dass das Volk nicht weiter umgebracht wird.

Daher ist es essentiell, dass wir uns als Gesellschaft selbst und gegenseitig betrachten. Vielleicht ist der stärkste und wichtigste Schritt des Widerstands, dafür zu sorgen, dass sich der Tod nicht als gewöhnlicher Tischgast etabliert. Was uns schmerzt, was uns beeinträchtigt, was uns unangenehm ist, was uns entwürdigt. Denn jedes Mal, wenn irgendein Kolumbianer oder eine Kolumbianerin angesichts eines Mordes ungerührt bleibt, unterstützt dies die Gesetzlosigkeit und den Tod – die ausnahmslos all unsere Leben beenden, jedes Mal ein bisschen mehr.

*Die Zahl wurde von der deutschsprachigen Redaktion aktualisiert

Übersetzung aus dem Spanischen von Chiara Pohl vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Wir suchen Freiwillige! 

Kategorien: Frieden und Abrüstung, Menschenrechte, Südamerika
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