Interview mit dem humanistischen Sozialreformer Tony Robinson

06.07.2020 - David Andersson

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Französisch, Griechisch verfügbar.

Interview mit dem humanistischen Sozialreformer Tony Robinson
Humanistisches Forum - Madrid, Mai 2018. (Bild von David Anderson)

Unsere Menschheit steht vor einer der tiefgreifendsten Herausforderungen, mit denen wir je konfrontiert waren. Wir befinden uns auf unbekanntem Terrain, denn COVID-19 hat alles in Frage gestellt, was wir derzeit wissen und glauben. In wenigen Monaten hat sich die Welt so stark verändert wie nie zuvor und wird sich weiter drastisch verändern, aber in welche Richtung?

Viele Menschen arbeiten jetzt daran unsere Gesellschaften voranzubringen und „gegenwärtige neoliberale Werte“ drastisch in Frage zu stellen. Heute sprechen wir mit dem humanistischen Sozialreformer Tony Robinson, der vor nicht allzu langer Zeit über Pressenza einen Kommentar mit dem Titel „Coronavirus: ein Tor zur Wiedergeburt der menschlichen Zivilisation“ veröffentlichte.

Wie kannst du angesichts dieser tragischen Situation so optimistisch sein?

Ich denke der Punkt ist, dass wir die Wahl haben: wir können pessimistisch oder optimistisch sein. Optimistisch zu sein bedeutet, dass wir die positiven Dinge sehen, die diese Situation mit sich bringt und uns nicht um die alten vergänglichen Dinge sorgen. Wir befinden uns in einem Moment ähnlich dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als es offensichtlich wurde, dass ein ganzes System zusammengebrochen war und dass es nicht möglich war zur alten Normalität zurückzukehren, weil genau diese Normalität das Problem war. Es fand eine gewaltige Umverteilung des Reichtums von Arm zu Reich statt. Mit der Schaffung von Gesundheitsdiensten, Bildung für Alle und finanzieller Sicherheit im Alter entstand eine neue zentrale Rolle für den Staat (im Westen). Eine neue Union mit Menschen aus ganz Europa entstand mit der Absicht, den Krieg für immer aus unseren Ländern auszurotten, und genau dies ist geschehen.

Es stimmt, dass diese Umverteilung der 1940er Jahre seit den 1980er durch eine zügellose neoliberale Politik wieder aufgehoben wurde und dadurch einmal mehr ein Klima wie vor dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde. Covid-19 macht nun einmal mehr deutlich, dass es nicht möglich ist, eine nachhaltige Wirtschaft auf der Basis von Geld, Profit und Wucher aufzubauen. Wenn man nun aber in der metaphorischen Asche dieser verwüsteten Weltwirtschaft die positiven Entwicklungen für die Zukunft sehen, wie die Abrüstungsbewegungen, die universellen Grundeinkommensnetzwerke, die #MeToo-Bewegungen und vieles weiteres, dann sieht man, dass es viele Gründe gibt optimistisch zu sein.

In den vergangenen Wochen hast du zusammen mit Freunden auf 4 Kontinenten an einem Brief gearbeitet in dem du die UNO aufforderst ihre Richtung zu ändern und an einem „neuen Paradigma“ für die Zukunft der Menschheit zu arbeiten. Kannst du uns mehr über dieses neue Paradigma erzählen?

Der Inhalt dieses Paradigmas kann einfach als „das menschliche Leben als zentraler Wert unserer Gesellschaft und in Harmonie mit der Umwelt sowie allen anderen Lebensformen“ zusammengefasst werden. Unser gegenwärtiges Paradigma ist „Geld um jeden Preis“. Wir sprechen hier also von einer Revolution der Werte. Wir sind durch unsere Kultur und Bildungssysteme so sehr darauf konditioniert Wucher, Profit und Spekulation als völlig normal zu akzeptieren. Es ist als würde man sagen, der Himmel sei blau. Das wird einfach nicht in Frage gestellt. Und unser ganzes Bewusstsein ist durch diesen Glauben, durch diesen Mythos getrübt. Also muss dieses neue Paradigma, dieser neue Mythos, wenn man so will, ein Paradigma sein, das für Millionen von Generationen auf dem Planeten tragbar ist. Wir sprechen dabei nicht über die Politik für den nächsten 5-Jahres-Wahlzyklus, sondern über den Aufbau der Grundlagen einer Gesellschaft, die so lange Bestand hat, bis wir diesen Planeten nicht mehr benötigen. Wir werden nur dann eine Gesellschaft schaffen, in der ALLE Menschen ein menschenwürdiges Leben führen können, wenn wir dies zu unserem Paradigma machen. Kein anderes Paradigma wird funktionieren.

Hier ist ein kurzer Absatz aus dem Brief: „Wir schreiben Ihnen, ermutigt durch Ihre Willkommenserklärungen bezüglich der Schaffung eines universellen Grundeinkommens, eines globalen Waffenstillstands, einer universellen Krankenversicherung und den sozioökonomischen Auswirkungen von Covid-19, und glauben, dass Sie globale Bemühungen zur Neugestaltung der Welt, in der wir leben, fördern und vorantreiben können“. Was sollte die UNO tun, um auf Ihre Anfrage zu reagieren?

Es gibt nur sehr wenige Menschen auf der Welt, die das politische Gewicht und die Autorität haben, um eine Diskussion über die Neugestaltung der Grundlagen unserer Gesellschaft in Gang zu setzen. Der UNO-Generalsekretär ist möglicherweise sogar der einzige Mensch. Der Präsident der Vereinigten Staaten wäre eine andere Möglichkeit, aber dieses Land hat seine Stellung in der internationalen Gemeinschaft so weit zerstört, dass jetzt jeder sehen kann, dass die USA die gefährlichste Bedrohung für das Überleben unseres Planeten ist.

Antonio Gutteres hat die Fähigkeit, eine neue Bretton-Woods-Konferenz*, nennen wir sie eine Konferenz der Völker, einzuberufen. Aber diesmal ist die Konferenz nicht ein Treffen der Sieger des Krieges, sondern ein Treffen der Vertreter der Menschen, der Akademiker, der sozialen Bewegungen, der Jugendbewegungen, der Frauenbewegungen usw., usw. Wir müssen ihnen allen einen Platz am Tisch geben, um die Verfassung für ein neues System der sozialen Organisation zu entwerfen. Der UNO-Generalsekretär hat die Macht, diesen Prozess in Gang zu setzen. Auch wenn viele Länder Widerstand leisten werden, wenn der Generalsekretär den Aufruf tätigt, und da bin ich mir sicher, werden ihm die fortschrittlichen Kräfte des Planeten folgen.

Ihr sucht aktuell nach Menschen, die den Brief unterschreiben, unterstützen und eine Kampagne zu den folgenden Themen aufbauen: Ein neues Wirtschaftssystem; ein universelles bedingungsloses Grundeinkommen; echte Demokratie; die Abschaffung von Atomwaffen; die Beseitigung aller umweltschädlichen Energieformen; eine Politik, die die Entwicklung der ärmsten Regionen der Welt fördert; technologische Fortschritte, die der ganzen Welt zur Verfügung gestellt werden; Unabhängigkeit und Souveränität für alle nicht-autonomen Gebiete; die vollständige Umsetzung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und eine Neugründung der Vereinten Nationen. Was haben all diese Themen gemeinsam?

All dies ist, übersetzt in die verschiedenen Bereiche des sozialen Aktivismus, der Ausdruck des oben beschriebenen Paradigmas. Die Liste ist auch nicht erschöpfend, und der Aufruf sollte auch nicht als ausschließlich auf diese Themen bezogen betrachtet werden.

Wenn wir uns in einem Jahr zusammensetzen würden, wie wird deiner Meinung nach die Situation sein?

Ehrlich gesagt, kann ich mir viele Szenarien vorstellen. Wir gehen auf einen kritischen Moment zu. Wir glauben, dass Covid-19 uns schwer getroffen hat? Warte bis die Gewalt auf den Straßen Brasiliens, der USA, Russlands, Indiens, Großbritanniens und anderer Länder ausbricht, weil diese Regierungen nicht in der Lage waren der Tatsache ins Auge zu sehen, dass die alte Welt gestorben ist. Wir werden schockiert sein über das, was wir sehen. Aber dieser Schock wird die Menschen der Welt aufwecken, so wie der Zweite Weltkrieg es den Menschen ermöglichte, aus dem Schrecken, den sie erlebt haben aufzuwachen und dann einen anderen Weg einzuschlagen. Es wird notgedrungen Frieden herrschen und wir werden sehen, dass die Umrisse der universellen menschlichen Nation allmählich Gestalt annehmen werden. Den Verteidigern des alten Systems wird es nicht gefallen, aber wenn der Glaube an das alte System erst mal verschwunden ist, wird es einfach sein, die Fundamente des neuen Systems zu errichten.

So wird die Situation aussehen! Frage mich einfach in einem Jahr noch mal!

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Anita Köbler vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige! 


*Aus dem Englischen übersetzt: Bretton Woods Conference offiziell bekannt als United Nations Monetary and Financial Conference war eine Versammlung von 730 Delegierten aus allen 44 alliierten Nationen zur Regelung der internationalen Währungs- und Finanzordnung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, welche vom 1. bis 22. Juli 1944 im Mount Washington Hotel, in Bretton Woods, New Hampshire, Vereinigte Staaten abgehalten wurde.

Kategorien: Humanismus und Spiritualität, International, Interviews
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