COVID-19 – die Armen zahlen den Sterbezoll

22.06.2020 - Schattenblick

COVID-19 – die Armen zahlen den Sterbezoll
(Bild von Russ Allison Loar CC Wikimedia)

Von einer „Coronakrise“ zu sprechen täuscht darüber hinweg, daß es sich bei der Pandemie nicht um einen äußeren Angriff unkalkulierbarer Naturkräfte handelt, sondern die Krise den Produktions- und Reproduktionsbedingungen des kapitalistischen Weltsystems geschuldet ist. Das gilt nicht nur für die inzwischen weithin anerkannte These, daß die Entstehungsbedingungen des SARS-CoV-2-Virus aufgrund der Zerstörung letzter Naturreservate durch die expansive Agroindustrie, des Transportes exotischer Wildtiere, die früher dem menschlichen Zugriff vorenthalten waren, zwecks Verzehr in die Städte, der vielfältigen Stoffwechselbeziehungen zwischen Mensch und Nutztier wie Nutztier und Wildtier, als auch des kontinenteübergreifenden Reiseverkehrs, der für die schnelle Ausbreitung exponentiell eskalierender Epidemien über die ganze Welt sorgt, verbessert wurden [1].

Der zutiefst soziale Charakter der Krise zeigt sich auch in der Klemme, in der immer mehr Menschen stecken, deren Lebensgrundlage durch die Quarantäne so eingeschränkt wurde, daß sie vor der scheinbaren Wahl stehen, entweder zu verhungern oder an COVID-19 zu sterben. Während sich hierzulande viele über einen doch noch möglichen Sommerurlaub und andere Folgen weitgehend gelockerter Maßnahmen der Infektionsabwehr freuen können, wenn sie nicht durch einen Einkommenseinbruch so stark unter Druck geraten sind, daß sie von Überlebensfragen in Beschlag genommen sind, stehen Milliarden Menschen in anderen Weltregionen buchstäblich vor dem Abgrund.

Die Pandemie ist längst nicht vorbei, wie die noch in vielen Ländern des Globalen Südens, aber auch einigen Bundesstaaten der USA steil ansteigenden Zahlen neuinfizierter Personen zeigen. Sie ist es auch deshalb nicht, weil das Ziel der viel diskutierten Strategie, sogenannte Herdenimmunität zu erreichen, auch in Ländern wie Schweden, dessen Regierung dieses Konzept zumindest anfangs verfolgt hat, noch in weiter Ferne liegt. Die Bevölkerung dieses nordeuropäischen Staates weist zwar laut dem European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) am 19. Juni die europaweit höchste Zahl von 550,3 Infizierten auf 100.000 Personen auf, muß dafür aber auch 49,6 an und mit COVID-19 Verstorbene in Kauf nehmen – in der Bundesrepublik kommen bei 227,3 Infizierten 10,7 an und mit einer COVID-19 Verstorbene auf 100.000 Personen. Die Anfang Juni in Stockholm präsentierten Ergebnisse einer Antikörperstudie kam in unterschiedlichen Regionen und Altersgruppen dennoch nur auf eine Rate von 3 bis 8 Prozent gegen SARS-CoV-2 immunisierter Personen.

Welche Folgen die Einschränkung wirtschaftlicher Aktivitäten und das Ergreifen von Quarantänemaßnahmen in Ländern haben kann, die kaum über Versorgungsreserven irgendeiner Art verfügen und somit Krisen aller Art fast schutzlos ausgeliefert sind, zeigt eine neue Studie der Abteilung für Global Health des Wissenschaftsmagazins The Lancet [2]. Dort wird von einer massiven Zunahme der Sterblichkeit von Kindern bis 5 Jahre in Ländern mit geringen medizinischen Ressourcen ausgegangen, weil es zum einen an Gesundheitsversorgung und zum andern an der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln mangelt. Im schwerwiegendsten Szenario haben die WissenschaftlerInnen 1.157.000 Todesfälle berechnet, zu denen es im Zeitraum eines halben Jahres zusätzlich zur üblichen Kindersterblichkeit während der Coronapandemie kommen könnte. Die Sterblichkeit der Mütter erhöhte sich um 56.700 Fälle.

In einer umfangreichen, komplex angelegten Studie hat das Center for Global Development (CGD) [3] untersucht, wie sich die geringere Verfügbarkeit medizinischer Mittel in Ländern des Südens auswirkt, wenn die dort weiter zunehmenden Infektionen einen Großteil der Bevölkerung betreffen. Eingerechnet in dieses Modell wurde ebenso das im Vergleich zu Westeuropa und Nordamerika sehr viel geringere Durchschnittsalter der Menschen im Globalen Süden wie die entsprechend unterschiedlichen Raten an verschiedenen Vorerkrankungen. Die dabei erstellten Projektionen laufen etwa im Subsaharischen Afrika auf ein drei- bis viermal so hohes Risiko hinaus, trotz der weit jüngeren Demographie dieser Länder einen schwerwiegenden Verlauf von COVID-19 mit entsprechender Sterbewahrscheinlichkeit zu erreichen. (Die für medizinische Laien schwer zu lesende Studie hat Dr. John Campbell in seinem Videoblog [4] zur Coronapandemie analysiert.)

Der zutiefst soziale Charakter der Krise zeigt sich auch in den USA, wo sich insbesondere Pflegeheime, Gefängnisse und Schlachthöfe zu Hot Spots der Pandemie entwickelt haben [5]. Ganze 40 Prozent der fast 117.000 an und mit COVID-19 Verstorbenen haben in Einrichtungen der Langzeitpflege gelebt. Diese 48.000 Toten, so wird häufig eingewandt, wären aufgrund ihres Alters und entsprechender Vorerkrankungen ohnehin bald gestorben, doch wird mit dieser Einschätzung am institutionellen Charakter der Versorgung älterer Menschen vorbeiargumentiert. Lebten diese Menschen noch in ihren Familien oder anderen Kleingruppen, die die Pflege älterer Menschen selbstorganisiert gestalten könnten, dann wären sie auch nicht dem Infektionsdruck von Einrichtungen ausgesetzt, indem sie eng an eng als konzentrierte Risikogruppe leben. Dies wiederum ist eine Folge gesellschaftlicher Zwänge, können viele Menschen ihre Eltern und Großeltern doch nicht mehr pflegen, weil ihre Zeit von Erwerbsarbeit in Beschlag genommen wird. In einer besseren Welt würde es wohl kaum dazu kommen, daß mit leichter Hand über die Lebenserwartung betagter bis hochbetagter Menschen verfügt wird, in deren subjektivem Horizont jede Frist verbliebenen Lebens ganz andere Bedeutung haben kann, als von Dritten zu ermessen ist.

Die mindestens 67.000 infizierten Insassen des US-Knastsystems sind besonders schwer betroffen, leben sie doch in einem doppelten Lockdown, weil sie ohnehin eingesperrt sind und während der Pandemie häufig in ihren Zellen bleiben müssen. Das Ansteckungsrisiko in den Gefängnissen ist besonders groß, weil das Einhalten sozialer Distanz häufig kaum möglich ist und die hygienischen Bedingungen oft sehr schlecht sind. In Schlachthöfen ist es ähnlich – die körperliche Nähe begünstigt die Ausbreitung des Virus ebenso wie die kalten und feuchten Arbeitsbedin- gungen. Zudem sind dort meist MigrantInnen beschäftigt, die nicht anders als in der Bundesrepublik auf besonders engem Wohnraum leben und deren Lohn oft so gering ist, daß für gesundheitliche Aufwendungen kaum etwas übrig bleibt.

Im Jahr 2020 sind die Krisen gesellschaftlicher Naturverhältnisse, die vor allem in der Aufheizung des Klimas und dem drastischen Rückgang der Biodiversität hervortreten, die Krisen kapitalistischer Verwertung, die sich in den niemals bewältigten Problemen des ökonomischen Einbruches vor 12 Jahren, der leerlaufenden Überproduktion wie wegbrechenden Mehrwertproduktion fortschreiben, und die Krisen der sozialen Reproduktion, die die meisten Menschen vor die anwachsende Schwierigkeit stellen, einer nicht von Entfremdung und Zwang bestimmten Erwerbsarbeit nachzugehen, sich angemessen zu ernähren, keiner herrschaftlichen Gewalt ausgesetzt zu sein und ohne Ansehen von Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft und körperlicher Verfassung respektiert zu werden, auf eine Weise eskaliert, die selbst die Bevölkerungen der reichsten Metropolengesellschaften in tiefe Existenznot wirft. Den zusehends verheerenden Entwicklungen auf emanzipatorische Weise entgegenzutreten und sozialen Widerstand in seiner kollektiven und solidarischen Elementarform wiederzuentdecken könnten die Aufgaben einer Linken sein, die aus dem Winterschlaf des Interregnums nach Ende der Blockkonfrontation 1990 erwacht und neuen Mut faßt, das Unmögliche zu tun.

 

Fußnoten:
[1] https://amp.theguardian.com/world/2020/jun/17/pandemics-destruction-nature-un-who-legislation-trade-green-recovery?__twitter_impression=true&fbclid=IwAR2ANN-kaeDk9-W5rUTPuQI-eqt8XdPS8H_7W40X3Re7fT-kf6zKOPesMy4
[2] https://www.thelancet.com/journals/langlo/article/PIIS2214-109æ¢X(20)30229-1/fulltext

[3] https://www.cgdev.org/sites/default/files/predicted-covid-19-fatality-rates-based-age-sex-comorbidities-and-health-system-capacity.pdf
[4] https://www.youtube.com/watch?v=u_a8HyXnFU4
[5] https://www.nytimes.com/interactive/2020/us/coronavirus-us-cases.html?action=click&pgtype=Article&state=default&module=styln-coronavirus-national®ion=TOP_BANNER&context=storylines_menu

 

Kategorien: Europa, Gesundheit, International, Menschenrechte, Wirtschaft
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