Pandoras Büchse: Hoffnung in Zeiten von Covid-19

11.05.2020 - Manila, Philippinen - Karina Lagdameo-Santillan

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Spanisch verfügbar.

Pandoras Büchse: Hoffnung in Zeiten von Covid-19
Charles Edward Perugini, 1839-1918, Öl auf Leinwand. In Italien geborener englischer Maler der viktorianischen Epoche.

Es scheint, dass ein Virus die Büchse der Pandora der Krankheit und des Todes geöffnet hat und den ganzen Planeten heimsucht.

Aber ist diese jüngste Pandemie letztendlich ein Segen oder ein Fluch? Ist die Menschheit mit Pandoras Büchse zu unendlicher Krankheit und unendlichem Übel verdammt? Ist die Hoffnung, die noch eingeschlossen bleibt, ein Fluch, eine falsche Hoffnung? Oder ein Geschenk der Götter, das uns zu einem optimistischen Sicht der Zukunft inspirieren kann?

Vielleicht trägt die Geschichte der Pandora, so wie sie erzählt und nacherzählt wird, Hinweise in sich, die uns selbst in den trostlosesten Zeiten Hoffnung finden lässt.

In der griechischen Mythologie war Pandora die erste Frau auf Erden. Ihr Name bedeutet „Eine, die alle Geschenke trägt“. Ihre Geschichte wird in Hesiods Theogonie nacherzählt. Prometheus stiehlt das Feuer vom Himmel und schenkt es der Menschheit. Das verärgert Zeus, den König der Götter, der sich daraufhin einen Plan ausdenkt, um Prometheus für das Stehlen des göttlichen Feuers zu bestrafen. Zeus beauftragt Hephaistos, den Feuergott und Schutzpatron der Handwerker, eine Frau zu erschaffen, an welche die Götter ihre erlesensten Gaben schenken. Hephaistos erschafft sie in perfekter Form aus Ton. Aphrodite verleiht ihr Weiblichkeit, Athene lehrt ihr das Handwerk, während Hermes von Zeus befohlen wurde, ihr Sturheit und Neugierde zu lehren. Zeus gibt ihr dann einen „Pithos“, was wörtlich übersetzt „Krug“ bedeutet. (Später übersetzte der Renaissance-Humanist Erasmus „Pithos“ fälschlicherweise mit „Büchse“) Zeus sagt ihr, dass darin besondere Geschenke enthalten sind, sie aber niemals die Büchse öffnen darf.

Hermes bringt sie zu Epimetheus, dem Bruder des Prometheus, um seine Frau zu werden. Prometheus hatte Epimetheus zwar geraten, nichts von den Göttern anzunehmen, aber als er die Schönheit der Pandora sieht, verliebt er sich in sie und missachtet den Rat seines Bruders.

Pandora ist unfähig, ihre Neugierde zu zügeln und sie öffnet den Krug/ die Büchse , um Krankheit, Tod und alle Arten von Unglück und Übel in die Welt zu setzen, aber sie schließt den Deckel, bevor die Hoffnung entweichen konnte. Laut Hesiod ist das der Wille Zeus, der das Leiden der Sterblichen forderte, damit sie verstehen, dass sie ihren Göttern nicht ungehorsam sein sollten.

Diese pessimistische Sichtweise, dass die Menschheit dazu „verdammt“ ist, an allen möglichen Übeln zu leiden, da die Hoffnung eingeschlossen bleibt und nicht entfliehen kann, wird von dem Philosophen Friedrich Nietzsche aufgegriffen. In seinem Werk „Menschliches, Allzumenschliches“ argumentiert er, dass „Zeus nicht wollte, dass der Mensch sein Leben wegwirft, egal wie sehr ihn die anderen Übel quälen, sondern dass er sich immer wieder neu quälen lässt. Zu diesem Zweck gibt er dem Menschen Hoffnung. In Wahrheit ist es das schlimmste aller Übel, weil es die Qualen des Menschen verlängert.“

Differenziert von Hesiod schreibt der griechische Dichter Theognis von Megara im sechsten Jahrhundert v.C.:

Die Hoffnung ist der einzig verbliebene gute Gott unter den Menschen,
die anderen sind fort und auf den Olymp gegangen.
Vertrauen, ein mächtiger Gott, ist fort; Zurückhaltung ist von den Menschen gegangen und die Gnade, mein Freund, hat die Erde verlassen.
Die Schwure der Menschen sind nicht mehr vertrauenswürdig,
und niemand verehrt mehr die unsterblichen Götter.
Die Gruppe der frommen Menschen ist untergegangen;
Die Menschen erkennen die Verhaltensregeln und Frömmigkeit nicht mehr an.

Das Gedicht impliziert, dass der Krug/die Büchse auch Segnungen enthielt. Nachdem der Deckel geschlossen wurde, bleibt nur noch die Hoffnung, „dass sie jedem von uns die guten Dinge schenken wird, die vergangen sind“.

Während der Renaissance haben zwei einflussreiche humanistische Schriftsteller*innen diesen Mythos neu belebt. Andrea Alciato zeigt in seinen Emblemata, 1534, die Göttin Hoffnung, die auf einem Krug sitzt und erklärt:

„Ich allein blieb zu Hause zurück, als das Böse um mich flatterte, wie Ihnen die verehrte Muse des alten Dichters [Hesiod] sagte.“

Der neulateinische Dichter Gabriele Faerno spricht in seiner Sammlung von hundert Fabeln, Fabulum Centum, 1563, ein Gedicht über den Ursprung der Hoffnung als das, was von den „universellen Segnungen“, die entgangen sind, übriggeblieben ist:

„Von allen guten Dingen, die den Sterblichen fehlen,
allein die Hoffnung in der Seele bleibt zurück.“

Hoffnung für immer eingeschlossen oder einer der verbleibenden Segnungen, die von den Göttern kommen?

Wie auch immer wir es betrachten, Hoffnung bleibt.

Hoffnung, die uns durch die Jahrhunderte als Muse gedient hat.

Gefangen mit all den schrecklichen Dingen, die geschehen sind und möglicherweise geschehen könnten, könnte sie eine gewaltige Kraft für das Gute sein, gewaltig in der Tat, wenn sie einmal befreit ist.

Vielleicht kommen dank dieser Krise bereits einige dieser Hoffnungen aus dem Krug/der Büchse der Pandora hervor. Bei allem, was wir heute erleben, und wenn wir erkennen, wie sehr wir alle miteinander verbunden sind, entstehen gemeinsame Hoffnungen.

Leichterer Zugang zu Nahrung. Wohnen, Bildung, Grundversorgung, gute Gesundheitsversorgung für alle und nicht nur für einige wenige Privilegierte, die es sich leisten können. Eine Führung, die den Bedürfnissen der Menschen Vorrang vor allen anderen Dingen einräumt. Eine bessere Zukunft für unsere Kinder. Eine sichere Zukunft, frei von Ängsten und Befürchtungen, während wir durch das Leben und das Alter gehen.

Pandoras Krug/Büchse muss nicht verschlossen bleiben. Was heute daraus hervorgeht, ist unsere Hoffnung und unsere Aufgabe.

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Angelina Uhl vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!


Fußnoten: (Quellen: Wikipedia, Enzyklopädie Britannica)

1. Die Theogonie d.h. „die Genealogie oder Geburt der Götter“ ist ein Gedicht von Hesiod (8.-7. Jh. v. Chr.), das die Herkunft und Genealogie der griechischen Götter beschreibt und um 730-700 v. Chr. verfasst wurde. Es ist im epischen Dialekt des Altgriechischen verfasst und umfasst 1022 Zeilen. Hesiods Theogonie ist eine Synthese einer großen Vielfalt lokaler griechischer Traditionen über die Götter, die erzählt, wie sie entstanden sind und wie sie eine ständige Kontrolle über den Kosmos erlangten. Es ist die erste bekannte griechische mythische Kosmogonie. Theogonien sind ein Teil der griechischen Mythologie, die den Wunsch verkörpern, die Wirklichkeit als Ganzes zu artikulieren; dieser universalisierende Impuls war grundlegend für die ersten späteren Projekte der spekulativen Theoriebildung.

2. Works and Days ist ein didaktisches Gedicht, das der altgriechische Dichter Hesiod um 700 v. Chr. schrieb. Es ist vielleicht am besten bekannt für die beiden mythologischen Ätiologien für die Mühsal und den Schmerz, die den menschlichen Zustand definieren: die Geschichte von Prometheus und Pandora und der so genannte Mythos der fünf Zeitalter.

Von: Hesiod, Works and Days

Denn zuvor lebten die Menschenstämme auf der Erde fern und frei von Übeln, Mühsal und schweren Krankheiten, die das Schicksal über die Menschen bringen … Nur die Hoffnung blieb dort in einem unzerbrechlichen Haus im Innern unter dem Rand des großen Kruges und flog nicht zur Tür hinaus; denn zuvor hielt sie der Deckel des Kruges auf, durch den Willen des Zeus, der die Wolken sammelt und die Ägis hält. Aber die übrigen, unzählige Plagen, wandern unter den Menschen; denn die Erde ist voller Übel, und das Meer ist voll. Von sich aus kommen Tag und Nacht ständig Krankheiten über die Menschen und bringen den Sterblichen schweigend Unheil; denn der weise Zeus hat ihnen die Sprache genommen“.

3. Theognis von Megara war ein griechischer Lyriker, der im sechsten Jahrhundert v. Chr. aktiv war. Zusammen mit Homer, Hesiod und den Autoren der homerischen Hymnen gehört er zu den frühesten Dichtern, deren Werk in einer kontinuierlichen Manuskripttradition erhalten geblieben ist.

4. Andrea Alciato (8. Mai 1492 – 12. Januar 1550) war ein italienischer Jurist und Schriftsteller, der als Begründer der französischen Schule der Rechtshumanisten gilt. Ein Emblemata ist ein Buch, das allegorische Illustrationen mit begleitendem erläuterndem Text sammelt, typischerweise Gedichte. Diese Art von Büchern war im 16. und 17. Jahrhundert in Europa populär. Emblembücher sind Sammlungen von Sets aus drei Elementen: einer Ikone oder einem Bild, einem Motto und einem Text, der die Verbindung zwischen Bild und Motto erklärt. Emblembücher stammen von mittelalterlichen Bestiarien ab, die die Bedeutung von Tieren, Sprichwörtern und Fabeln erklärten.

5. Gabriele Faerno (ca. 1512/13-1583) war ein italienischer akribischer Gelehrter und ein eleganter lateinischer Dichter, der heute vor allem durch seine Sammlung von Äsop-Fabeln in lateinischen Versen bekannt ist.

Kategorien: Humanismus und Spiritualität, Kultur und Medien, Meinungen
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