PISA-Testung, Mittelmaß und „umgekehrte“ Fragen

16.01.2020 - MAKROSKOP - Gunther Moll - Pressenza Muenchen

PISA-Testung, Mittelmaß und „umgekehrte“ Fragen
(Bild von pxhere.com / CC0)

Zwar ist die Schule ein wichtiger und unverzichtbarer Lebensbereich, um Wissen und kulturelle Fertigkeiten zu erwerben, aber bei weitem nicht der einzige. Kinder und Jugendliche brauchen nicht den ganzen Tag über Schulunterricht, sondern auch genügend Zeit für Familie, Freundschaften und Natur.

„PISA-Klatsche“, „Dramatische Mittelmäßigkeit“, „Experten geschockt“,„Deutsche Schüler fallen zum zweiten Mal in Folge weiter zurück“, so lauteten im Dezember 2019 die Schlagzeilen zur Veröffentlichung der siebten PISA-Testung. Unsere 15-jährigen Schüler*innen erreichten in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften wieder nur Leistungen knapp über dem OECD-Durchschnitt. Also nichts anderes als Mittelmaß, und das im ehemaligen Land der „Dichter und Denker“, bei großem Abstand zur Weltspitze und einem ausgesprochen hohen Anteil von Schüler*innen mit äußerst mangelhaften Leistungen. So schaffte jede*r Fünfte Jugendliche in den Lesefertigkeiten nur das Grundschulniveau oder scheiterte in Mathematik und Naturwissenschaften schon an einfachen Aufgaben.

Ungerechtigkeit

Im selben Atemzug wurde, wie bei bisher jedem PISA-Vergleich, von den meisten Politiker*innen die Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems beklagt: Der Schulerfolg – in der jetzigen Testung ganz besondere das Leseverständnis – hängt weiterhin stark von der sozialen Herkunft der Schüler*innen ab.

Es darf – lautete es „im Chor“ – nicht sein, dass Kinder von gebildeten und vor allem wohlhabenden Eltern deutlich bessere Chancen für Schullaufbahn und Beruf haben! Deshalb muss diese Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen aus Elternhäusern mit niedrigem sozialem Status endlich beendet werden.

Nach den früheren PISA-Testungen wurde, neben einer längeren gemeinsamen Schulzeit, als „Lösung“ die schnelle und flächendeckende Umwandlung der „altmodischen“ Halbtagsschulen in alle Schüler*innen – nach Einschätzung vieler Bildungsexpert*innen – weitaus besser fördernde Ganztagsschulen gefordert. Trotz der starken Zunahme an Ganztagsbeschulungen seit der ersten PISA-Studie vor fast 20 Jahren konnten aber hierdurch die Schulleistungen der schwachen Schüler*innen nicht deutlich verbessert und vor allem die „soziale Bildungsungerechtigkeit“ in unserem Land nicht aufgehoben werden.

Aufgrund der fehlenden Wirksamkeit und der mangelhaften personellen und finanziellen Ausstattung des Ganztagsschulsystems soll hier einmal „anders herum“ gefragt werden: Ist die Aufhebung der Benachteiligung von Schüler*innen aus Familien mit niedrigem sozialem Status überhaupt das Ziel von Politik und Wirtschaft? Oder geht es nicht vielmehr darum, für die bei immer mehr Familien aus rein finanziellen Gründen notwendige Vollzeit-Berufstätigkeit beider Elternteile ihre Kinder und Jugendlichen den ganzen Tag über in Schulen „unterzubringen“?

Digitalisierung

Neben der Ganztagsbeschulung wird seit wenigen Jahren immer stärker eine neue „Lösung“ von Politik, Wirtschaft und auch vielen Bildungsexpert*innen propagiert: Die rasche „Digitalisierung“ aller deutschen Schulen!

Die Ergebnisse großer empirischer Studien zu den Auswirkungen digitaler Medien (z.B. OECD 2015, „Hamburger Netbook Projekt“, „1000×1000 Notebooks“) zeigten aber, dass diese Lernen und Noten der Schüler*innen nicht verbesserten, sondern keinen Einfluss hatten oder sogar die Noten verschlechterten. Insbesondere spricht die Studienlage dafür, dass der Einsatz digitaler Medien gerade die schwachen Schüler*innen noch weiter schwächt. Auch führte der Schulunterricht mit digitalen Medien nicht dazu, dass Schüler*innen besser mit Computer und Internet umgehen konnten. Die Einführung von Notebooks und Laptops verbesserte also nicht, wie gerade von den Bildungsexpert*innen behauptet, die Medienkompetenz.

Aufgrund der fehlenden Wirksamkeit der „Digitalisierung“ des Schulunterrichts soll erneut „anders herum“ gefragt werden: Geht es hierbei wirklich um die Verbesserung der Schulleistungen gerade der schwachen Schüler*innen und um die „Beseitigung“ der sozialen Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems? Oder nicht vielmehr um wirtschaftliche Interessen, finanzielle Gewinne sowie Einfluss und Macht vor allem der großen Medienkonzerne?

Soziale Herkunft

Ist die starke Abhängigkeit des Schulerfolgs von der sozialen Herkunft der Schüler*innen beziehungsweise des sozioökonomischen Status ihrer Eltern (bestimmbar durch die Faktoren „höchste schulische und berufliche Qualifikation der Eltern“, „höchster Berufsstatus der Eltern“ und „Einkommen der Eltern“) aber wirklich eine Ungerechtigkeit? Spricht dies nicht – ganz im Gegenteil – dafür, wie gut unsere Eltern sind?

Ja, wie gut unsere Eltern in der Erziehung und Bildung ihrer Kinder sind! Wenn sie – und dies ist der entscheidende Punkt – über die entsprechenden Möglichkeiten verfügen: Genügend Zeit und Geld für ihre Kinder sowie das Wissen, dass bei ihnen nichts vom Himmel fällt, sondern alles erlernt und erworben, also „gebildet“ werden muss. Und dafür „investieren“ sie ihren Wohlstand und ihre Bildung in ihre Kinder, vom gesundem Essen und Kleidung, schönen Kinderzimmern, Urlaubsreisen und sinnvollem Spielzeug über Geschichten vorlesen sowie zusammen Lesen üben und vielem, vielem anderen mehr bis zur regelmäßigen Teilnahme ihrer Kinder an Musik-, Kunst- und Sportvereinen. (Anmerkung zum Vorlesen: Damit wird die Freude am späteren selber Lesen geschaffen, welche, der wohl „beängstigendste“ PISA-Befund, bei unseren Jugendlichen immer weiter abnimmt).

Wenn Kinder, schon während der Schwangerschaft, nicht in größtmöglicher Gesundheit aufwachsen sowie in ihrer Kindheit die grundlegenden motorischen, kognitiven, sozialen und kulturellen Fähig- und Fertigkeiten nicht – vorbildlich vermittelt – einüben und erlernen konnten, ist ein Nachholen im Jugendalter – aufgrund der Entwicklung und Biologie unseres Gehirns – fast nicht mehr möglich. Dies ist in unserem Land bei jeder/m fünften Jugendlichen, der/die nicht richtig lesen und rechnen kann und sogar jeder/m zweiten, dem/der die Basisfertigkeiten für schulisches Lernen fehlen, der Fall.

Mittelmaß

Der Staat muss – so schreibt es die UN-Kinderrechtskonvention verbindlich vor – das „Recht des Kindes auf Bildung“ auf der „Grundlage der Chancengleichheit“ anerkennen und verwirklichen. Dies bedeutet für alle Kinder bestmögliche Bedingungen, in Schwangerschaft, Kleinkinder-, Kindergarten und Schulzeit. Dabei kann die „Chancenungleich“ schon in der Zeit der Schwangerschaft – und zwar lebenslang wirksam – gesetzt werden, zum Beispiel durch eine ungesunde und übermäßige Ernährung, Alkohol- und Drogenkonsum oder eine dauerhafte Stressbelastung der Mutter. Diese frühen Benachteiligungen können auch erst in der Kleinkinder- sowie Kindergartenzeit entstehen oder, wenn schon vorhanden, noch weiter verstärkt werden. Negativ wirksam sind dabei besonders eine – aufgrund unzureichender Personalausstattungen – mehr oder weniger nur Versorgung von Kleinkindern in Krippen, eine geringe Anregung und Bildung in zu großen Kindergartengruppen, eine „Dauerbeschäftigung“ schon kleiner Kinder mit digitalen Medien sowie eine länger dauernden psychische Störung eines oder sogar beider Elternteile.

Da solche ungünstigen Entwicklungsbedingungen in unserem Land bei mehr als einem Viertel aller Kinder vorliegen und der Staat die nötige Unterstützung – von Familienhebammen, Gemeindeschwestern und aufsuchenden Maßnahmen der Jugendhilfe bis hin zu intensiver frühkindlicher Sprachförderung – bei weitem nicht ausreichend gewährt, versagt er in seiner Aufgabe und Pflicht, „die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen“ (UN-Kinderrechtskonvention) .

Sind dann aber – wieder „anders herum“ gefragt – nicht Staat und Politik nur Mittelmaß, und nicht unsere Schüler*innen sowie ihre Eltern und Lehrer*innen?

Die Konsequenzen

Schulkinder und Lebensraum

Wir sind keine Maschinen oder Computer, sondern Lebewesen. Über viele Schuljahre hinweg – wie im jetzigen Schulsystem überwiegend nötig und verlangt – stundenlang still sitzen und abstraktes Wissen lernen müssen hat nur wenig mit lebendigen Vorgängen und Prozessen zu tun.

Zwar ist die Schule ein wichtiger und unverzichtbarer Lebensbereich, um Wissen und kulturelle Fertigkeiten zu erwerben, aber bei weitem nicht der einzige. Kinder und Jugendliche brauchen nicht den ganzen Tag über Schulunterricht, sondern auch genügend Zeit für Familie, Freundschaften, Natur, einfach nur Spielen und Faulenzen, Sportvereine, Chöre, Musikschulen und vieles mehr, um zufrieden und glücklich zu sein und sich in Gemeinschaften sozial verhalten zu lernen.

Eltern und sozialer Status

Der Staat muss alle Eltern in die Lage versetzen, ihre Kinder sicher und gesund sowie in „Glück, Liebe und Verständnis“ (UN-Kinderrechtskonvention) auswachsen zu lassen. Dies geht nicht ohne ausreichende Zeit für Kinder und Familie sowie ausreichende finanzielle Mittel.

Daraus ergibt sich aus den Ergebnissen der PISA-Testungen ein ganz anderer Weg: Kein „Korrekturversuch“ erst im Schulalter, sondern die Anhebung des niedrigen sozioökonomischen Status so vieler Eltern – um für alle Kinder von Anfang an bestmögliche Entwicklungs- und Umgebungsbedingungen zu schaffen.

Für alle Kinder, das heißt gerade auch für diejenigen unter ihnen, deren Eltern die nötige Zeit und die nötigen finanziellen Mittel fehlen oder die aufgrund von Überforderung (alleinerziehend, Pflege der eigenen Eltern u.v.a.), somatischen Erkrankungen oder psychischen Störungen dazu nicht in der Lage sind (und dabei, bei Bedarf, ein personell und finanziell von Staat und Politik deutlich besser ausgestattetes Jugendhilfesystem benötigen).

Dies würde in unserem Land einen grundlegenden Wandel bedeuten. Denn das bestehende und von der Politik geförderte und subventionierte Wirtschafts- und Finanzsystem benötigt für maximale Gewinnspannen und Renditen „kostengünstige“ Arbeitskräfte und damit so niedrige Gehälter (auch für Erzieher*innen und Lehrer*innen) wie möglich. Und ebenso möglichst viele Konsumenten für die großen Lebensmittel-, Bekleidungs-, Unterhaltungs- und Medienkonzerne sowie – und hier „schliesst sich der Kreis“ – für digitale Medien wie Computer und Videospiele, Konsolen und Handys.

Digitale Medien und „Kreidezeitalter“

Beim Einsatz digitaler Medien kommt es auf das Alter und die bisherige Entwicklung eines Kindes an. Natürlich können Schulen modern mit Hightech ausgestattet werden, mit Whiteboards, PCs, Notebooks und Tablets. Aber es müssen die Lehrer*innen im Zentrum stehen und – vor allem in den ersten Schulklassen – das „Kreidezeitalter“ beibehalten bleiben, bis alle Kinder selbst lesen, mit der Hand schreiben, mit dem Kopf rechnen und mit ihrem Gehirn selbständig denken können. Selbständig! Denn für die Beherrschung aller schulischen Fertigkeiten sind die gemeinsamen und aufeinander abgestimmten Entwicklungen des motorischen und der sensorischen Neuronensysteme (also nochmals betont: Lesen mit den Augen, Schreiben mit der Hand, Rechnen mit dem Kopf) grundlegend. Darauf aufbauend können sich Denkprozesse, Vorstellungen, Abstraktionen und Logik, Planung und Schlussfolgerungen ausbilden – und vor allem auch das Hinterfragen und Infrage stellen können von Wahrnehmungen und Informationen aller Art.

Wenn diese Entwicklungsprozesse nicht möglich sind – und durch den zu frühen Gebrauch digitaler Medien zudem noch „ausgelassen und übergangen“ werden – sind Manipulation und Fremdbestimmung „alle Türen geöffnet“. Dies führt – wieder „anders herum“ – zur Frage: Ist nicht gerade dieser Einfluss über Kinder und Jugendliche die Absicht von Politik wie der großen Wirtschaftskonzerne? Um von klein an „dressierte“ Staatsbürger*innen, Arbeiter*innen und Konsument*innen „grosszuziehen“?

Schule

Der so große Erfolg unserer Entwicklungsgeschichte gründet sich auf Vielfalt in allen Bereichen. Der Erhalt dieser Vielfalt an Fähigkeiten, Begabungen und Persönlichkeiten ist für uns Menschen überlebenswichtig. Deshalb darf es – entgegen dem Ziel vieler „Bundespolitiker*innen“ – kein „von oben verordnetes, einheitliches und normiertes Schulsystem“ geben, in das alle Kinder und Jugendliche noch besser „eingepasst“ und in eine von Staat, Politik und Wirtschaft vorgegebenen Weise geformt werden können.

Das wichtigste, was unsere Schulen brauchen sind aber mehr Lehrer*innen, die den Schüler*innen im direkten persönlichen Kontakt das freie, kritische und selbständige Denken und Handeln lernen und lehren. Denn jede*r Schüler*in muss alles selbst unter Anleitung einüben, mit Erklärungen unterstützt verstehen und schliesslich alleine anwenden lernen, vom Lesen, Schreiben und Rechnen bis zu komplexen Sachverhalten und Zusammenhängen.

Dafür muss grundsätzlich eine Personalausstattung für jede Schule mit einem Lehrer*innen zu Schüler*innen Verhältnis von 1 zu 12 verfügbar sowie eine von jeder Schule eigenständig organisierbare Unterrichtsstruktur mit je nach Fach, Thema oder Zusammensetzung der Schüler*innen flexiblen Zeiten und Klassenstärken möglich sein.

Die Schule entspricht so unserem Gehirn: eigenaktiv, selbstorganisierend, angepasst an die jeweiligen Umweltbedingungen und offen für die Zukunft. Dies verlangt auch eine Vielfalt in den Schularten, Schwerpunkten und Ausrichtungen der Schulen, entsprechend den Begabungen, Interessen und Wünschen der Kinder und Jugendlichen sowie ihrer Eltern, den Ideen und Konzepten der Lehrer*innen sowie den Gegebenheiten der Gemeinden, Städte oder Regionen.

Dabei ist nicht die Wiedergabe vorgegebener Wissensinhalte oder der messbare Nachweis bestimmter Qualifikationen entscheidend, sondern die volle und harmonische Entfaltung der Persönlichkeit, Begabungen und Fähigkeiten eines jeden einzelnen Kindes – und dies alles „in größtmöglichem Umfang“ (UN-Kinderrechtskonvention). Dafür ist ein breites Fächerangebot notwendig, mit Betonung auch des Sport- und Musik- sowie des Natur-, Kultur- beziehungsweise Kunstunterrichts.

Nicht zuletzt darf nicht vergessen werden, dass auch Lehrer*innen ein Gehirn besitzen – und dieses umso zufriedener und glücklicher ist, je eigenaktiver, selbstbestimmter und für neues offen es arbeiten kann. Und umso zufriedener und glücklicher Lehrer*innen sind, umso besser ist ihr Unterricht – und umso besser lernen ihre Schüler*innen.

Unter solchen Bedingungen entwickelt sich ein Schulsystem ganz von selbst und von sich heraus weiter …

 

Über den Autor
Professor Dr. Gunther Moll ist Leiter der Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit am Universitätsklinikum Erlangen. Für die Freie Wählergemeinschaft Erlangen ist er zudem im Stadtrat.

 

Die Erstveröffentlichung dieses Artikels erfolgte auf  makroskop.eu – Wir bedanken uns für die freundliche Genehmigung zur Publikation.

Kategorien: Erziehung, Europa, Jugend, Politik
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