Wenn nur „Guten Tag“ zu sagen 200.000 Euro kosten kann

17.08.2019 - Vicent Partal - Neue Debatte

Wenn nur „Guten Tag“ zu sagen 200.000 Euro kosten kann
Danke auf Katalanisch an der Basilika Sagrada Familia in Barcelona

Paula Rotger ist eine Arbeiterin im Flughafen Palma de Mallorca. Jeden Tag muss sie die Metalldetektoren passieren, aber vor einer Woche haben diese Alarm geschlagen. Wie es so oft geschieht, bei so vielen Menschen, an so vielen Flughäfen.

Die Sicherheitsbeamten (Anm. d. Übers.: Mitglieder der spanischen Guardia Civil) haben sie überprüft, bevor sie durchgelassen wurde. Nach einer Weile, und als sie schon bei der Arbeit war, kamen zwei Zivilbeamte und baten sie, sich erneut der Sicherheitskontrolle zu unterziehen. Sie hat sie begleitet und die Kontrolle problemlos durchgestanden.

Bis hier wäre diese Geschichte für niemanden von Interesse, eine Alltäglichkeit unter vielen. Die Überraschung kam danach. Als sie sich von den Zivilgardisten verabschiedete, sagte Paula Rotger auf Katalanisch (Anm. d. Übers.: auch Amtssprache auf den Balearen) ein höfliches “Danke, und guten Tag”. Das löste einen unglaublichen und empörenden Konflikt aus. Einer der beiden Gardisten drohte ihr und sagte, dass “man mit der Obrigkeit Spanisch reden soll”. Im Anschluss zeigte er sie wegen “Gefährdung der Sicherheit im Flughafen” an. Als Folge dieser unverständlichen Anzeige verlangt man von ihr als Strafe die Bezahlung von 200.000 Euro.

Der Fall hat eine enorme Polemik ausgelöst und deswegen ist es nicht ausgeschlossen, dass er eingestellt werden könnte. Jedoch ist das wirkliche Problem, dass fast keine Woche vergeht, ohne dass man über irgendeinen sprachlichen Angriff seitens der spanischen Polizeikräfte berichten kann. Vorige Woche gab es den Fall von Jafet Pinedo in Elx (Anm. d. Übers.: Stadt in der Autonomen Region Valencia, südwestlich von Alicante), diese Woche den von Paula Rotger, und so geht es dahin.

Bei dem Thema der Sprache und dem Respekt gegenüber den sprachlichen Rechten der Katalanischsprechenden ist es beunruhigend zu konstatieren wie die Lage sich ständig verschlechtert.

Vor Jahrzehnten zum Beispiel war es normal, dass die Stellungnahmen der katalanischen Politiker im spanischen Fernsehen problemlos untertitelt wurden. Hingegen ist es heute so, dass, wenn sich eine öffentliche Person normal verhält, sie Drohungen oder Diffamierungskampagnen erhält, wie es vor Kurzem dem Vorsitzenden der Handelskammer von Barcelona passiert ist.

Die Mischung eines wiederbelebten polizeilichen Autoritarismus1 und des wachsenden spanischen sprachlichen Suprematismus2 wirft uns in ein Loch ohne Boden, aus dem wir ohne Widerstand, und zwar echtem Widerstand, nicht wieder rauskommen werden. Und das Schlimmste ist, dass diese Verrückten uns noch dazu davon überzeugen wollen, dass das, was sie machen, normal ist. Das ist aber alles andere als normal.

Weil es nicht normal ist, und in keinem demokratischen Staat normal sein kann, dass die Polizei dich bedroht, wenn du keine Bedrohung darstellst. Und es ist nicht normal, dass jemand ein gut erzogenes “Danke und guten Tag” als eine Gefahr interpretieren kann.

Man sagt, dass die Ignoranz durch das Reisen geheilt werden kann, nun wenn das so ist, sollten die spanischen Unionisten, zum Beispiel, von Son Sant Joan (Anm. d. Übers.: Flughafen von Palma) nach Heathrow fliegen. Und gleich nachdem sie den Zoll passiert hätten, würden sie konstatieren, dass ein Staat, der seine Bürger mit Sorgfalt behandelt, ihre Rechte verteidigt und diese Verteidigung auch gegenüber den Übergriffen des eigenen Staates hochhält.

Weil man als erstes ein sehr großes Plakat vorfindet, das an zwei elementare Dinge erinnert, und ich würde mir einfach wünschen, dass sie auch hier normal wären.

Es erinnert daran, dass wenn einer der Staatsbeamten dich nicht korrekt behandelt hat, du nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht hast, den Fall zur Anzeige zu bringen. Aber es erinnert auch daran (und das hat mich das erste Mal sehr überrascht), dass auf dem Londoner Flughafen Heathrow jeder Bürger das Recht hat, seine Anzeige auf Englisch oder auf Walisisch zu schreiben. Das ist wirklich im Dienst der Bürger zu stehen, jener Menschen, welche mit ihren Steuern diesen Dienst bezahlen.

Redaktioneller Hinweis: Der Meinungsbeitrag von Vicent Partal erschien erstmals auf VilaWeb unter dem Titel „Quan només dir ‘bon dia’ et costa dos-cents mil euros“. Er wurde ehrenamtlich von unserem Kooperationspartner Kat-Info ins Deutsche übersetzt. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben. Wir danken Vicent Partal für die Zustimmung zur Veröffentlichung auf Neue Debatte.


Vicent Partal (Jahrgang 1960) ist Journalist und Chefredakteur der katalanischen Onlinezeitung VilaWeb. Er arbeitete unter anderem für El Temps, Diari de Barcelona, TVE, Catalunya Ràdio, El Punt und La Vanguardia. Partal gilt als Internet-Pionier. 1994 gründete er das „First News Internet System in Katalonien“ (El Temps Online) und 1995 Partal, Maresma & Associats, ein auf Internetberatung spezialisiertes Unternehmen. Aus dieser Initiative entstand 1996 „La Infopista catalana“, aus der später VilaWeb hervorging. Vicent Partal ist gegenwärtig auch Vorsitzender des European Journalism Centre.

Kategorien: Europa, Meinungen, Menschenrechte, Vielfalt
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