Wachstum und (k)ein Ende?

09.08.2018 - Günter Buhlke

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch verfügbar.

Wachstum und (k)ein Ende?

Gottvater Zeus ließ Prometheus an einen Felsen des Kaukasus schmieden. Als Strafe dafür, dass er das Feuer des Himmels stahl und den Menschen brachte. Schmerzvoll ertrug Prometheus sein Schicksal in der Hoffnung, mit Zeus zu einer Verständigung zu gelangen, ob seine Tat Unrecht sei. So beschrieb Aischylos ein Drama aus der griechischen Mythologie (Inselverlag, Leipzig, 1975).

Feuer hat bekanntlich gegensätzliche Eigenschaften. Seine Beherrschung kann den Menschen in vielfacher Weise nützlich sein. Es macht Erze schmiedbar, kann Maschinen antreiben, macht Nahrung genießbarer, schützt vor Kälte. Anderseits kann Feuer verheerende Katastrophen und Schäden verursachen.

Wirtschaftswachstum ist gleichfalls ambivalent. Mittels Arbeit kann es Segen für die Menschen bringen. Etwa ausreichend Nahrung, Wohnstätten, Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen und vieles mehr, wenn Mensch und Gesellschaft es wollen. Im Sog des Wachstums entstehen Arbeitsplätze. Gewerbetriebe können sich entwickeln. Die Künste und die Wissenschaft erhalten mit dem Wachstum Wirkungsfelder, die gute Lebensmöglichkeiten für die Kunstschaffenden und Akademiker eröffnen. Materielles und finanzielles Wachstum wird benötigt, um den vorhandenen Bestand der Gesellschaft an Verkehrseinrichtungen, an Immobilien für die staatliche Verwaltung, das Bildungswesen, der Theater und Museen zu erhalten und zu erweitern. Es stärkt die Wissenschaft und Forschung und es ist erforderlich für eine geordnete Finanzausstattung der Gesellschaft und für den Fortschritt, aus dem Steueraufkommen. Auch für Aufgaben des Recyclings wird Wachstum benötigt.

Die natürlichen Lebensumstände bedingen aus heutigen Sicht, dass das Wachstum kein Ende haben wird. Es ist mit der Evolution eng verbunden.

Wachstum erzeugt auch negative Effekte, besonders dort, wo es unkontrolliert verläuft und eng mit der Profitlogik oder der reinen Geldanhäufung in wenigen Händen verbunden ist. Bernard Charbonneau, ein Vordenker der Decroissance-Bewegung, attestiert der Wirtschaft einen Widersinn. Beispielhaft feststellbar in drei gesellschaftlichen Großbereichen.

Eine grobe Bilanz des Jahres 2017 zeugt erstens von einer gefährlichen Missachtung der physikalischen und biologischen Gesetze der Natur durch überhöhtes materielles Wachstum und Energieverbrauch in Wirtschaft und Gesellschaft, gepaart mit ungenügender Kontrolle durch die Politik. Die Erderwärmung ist wohl nicht zu stoppen und das Artensterben in der Tierwelt setzt sich fort. Die Vermüllung der Meere und der Städte lässt Alarmsirenen schrillen. Hinweis: die Natur braucht für ihren Fortbestand keine Menschen. Sie reagiert nur. Aber der Mensch ist ohne die Natur nicht lebensfähig. In den Konsumgüterbereichen wird zu viel Unsinniges hergestellt, was nicht zum Grundbedarf gehört und schnell im Abfall landet. Die Werbung stuft die Menschen zu reinen Konsumenten ab. In den Militärbereich werden 2 Prozent des BIP-Wachstums gesteckt und damit Energie und Rohstoffe sinnlos verbraucht.

Die zweite bedenkliche Folge führt zu weltweiten Disproportionen und sie teilt die Welt in Rohstofflieferanten und Absatzmärkte ein, wo es Gewinner und Verlierer gibt (World Inequality Report, Th. Piketty). Die Gleichheit wird verletzt. Präsident Trump sieht die USA auf der Verliererseite und er reagiert als Vertreter der Profitlogik mit beunruhigenden Dekreten. Die ungleiche Möglichkeit das Leben zu gestalten, verursacht in Afrika, Lateinamerika und Asien neben Bürgerkriegen Fluchtwellen.

Der dritte Bereich betrifft die soziale Lage der Bevölkerung. Das unkontrollierte Wachstum bedingt, verbunden mit neoliberalen Konzepten, eine Umverteilung von unten nach oben. Politische Spannungen entwickeln sich in den Ländern und in der Welt. Zu oft entladen sie sich mit Wirtschaftskrisen und in Kriegen.

Die Zeiger der Weltuntergangsuhr von Martyl Langsdorf stehen seit 1947 beharrlich auf kurz vor 12 Uhr. Das kann nur als Mahnung vor einer Selbstvernichtung verstanden werden.

Das zu lösende Problem besteht offensichtlich darin, das notwendige Wirtschaftswachstum für den Fortschritt, zum Ausgleich zurückgebliebener Bereiche, dem Ersatz des verbrauchten materiellen, gesellschaftlichen Reichtums, der Umsetzung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, zur Versorgung einer wachsenden Erdbevölkerung von den schädlichen Effekten des Wachstums zu trennen.

Im Zeitalter der Menschenrechte müssen die Antreiber schädlicher Effekte des Wachstums, nicht an Felsen gekettet werden. Die menschliche Geschichte hat praktische Erfahrungen gesammelt und bereits Gegenstrategien entwickelt.

Ein ganzes Bündel von Maßnahmen muss in Angriff genommen werden. Von den Politikern, von der Wirtschaft und mit der Unterstützung aller. Es sollte möglich sein, dass der Mensch einen vernünftigen Konsens zur Lösung findet. Die Vernunft unterscheidet den Menschen vom Tier, meinte schon Voltaire (Lobrede auf die Vernunft, Verlag Dietrich, gesammelte Werke Bd. II).

Was tun?

Die Menschheit steht vor großen Problemen und sie stellt sich hohe Ziele. Gegenwärtig u.a. den Mars zu besuchen. Finanzielle Mittel stehen bereits zur Verfügung. Wissenschaftler arbeiten an Varianten der technologisch hochkomplizierten Aufgabe. Um wie viel einfacher wäre ein Vorhaben der Vernunft und des guten Willens, zum 75. Jahrestag der Erklärung der Menschenrechte im Jahr 2023 eine weltweite Verpflichtung der Länder im Rahmen der Vereinten Nationen einzugehen, die Militärhaushalte jährlich um 5 Prozent zugunsten ziviler Fortschrittsprojekte umzuwidmen. Lt. SIPRI beliefen sich die weltweiten Rüstungsausgaben 2016 auf 1,572 Billionen Euro.

Die Idee, militärische Kapazitäten bei Katastrophen zu nutzen, ist nicht neu. Das belegten Atomunfälle in Fukushima und Tschernobyl, Brandkatastrophen in Kalifornien, Schweden, Griechenland, Hochwasser in Deutschland, Polen, Pakistan. Das Rote Kreuz, Blauhelm Einsätze für Friedensmissionen der UNO haben zivile Hintergründe.

Die UNO hat sich Millenniumsziele bis 2030 gestellt. Ziel Nr. 7 sieht vor, eine ökologische Nachhaltigkeit zu erreichen und den kommenden Generationen Gerechtigkeit zu kommen zu lassen. Das Pariser Umweltabkommen beschreibt dazu einen Teil der Wege.

Der Vorschlag zur Umwidmung eines kleinen Teils der Militärhaushalte versteht sich als Anregung. Eine zweite Anregung ist die Kontrolle des schädlichen Teils des Wachstums über die Planung des Verbrauchs in Bereichen der Daseinsvorsorge.

Kategorien: Meinungen, Ökologie und Umwelt, Wirtschaft
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