Das Problem mit der Erschaffung eines einzigartigen Narrativ ist, dass wir uns keine anderen Modelle vorstellen können

13.07.2018 - European Humanist Forum 2018

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Spanisch, Französisch, Katalanisch verfügbar.

Das Problem mit der Erschaffung eines einzigartigen Narrativ ist, dass wir uns keine anderen Modelle vorstellen können

Sara García Toledano ist Jurastudentin und Aktivistin bei der „Platforma de afectados por la Hipoteca PAH Madrid“ (Plattform für Opfer von Hypotheken (PAH) Madrid). Sie nahm am Europäischen Humanistischen Forum, das kürzlich in Madrid stattfand, als Rednerin am Runden Tisch „Unabhängiger Journalismus und sozialer Aktivismus“ teil.

Welche Erfahrungen hat die Plattform für Opfer von Hypotheken mit der Erschaffung eines neuen Narrativ über Zwangsräumungen aufgrund von Problemen bei Hypothekarzahlungen gemacht?

Zunächst möchte ich meinen Kollegen, die derzeit im Zentrum von Madrid und in anderen Städten mobilisieren, Grüße senden.

Jeder in diesem Raum geht davon aus, dass die Medienmacht ein Monopol ist, aber manchmal vergessen wir, dass dieses Monopol wiederum von Kapitalakteuren finanziert wird, die ihrerseits andere Monopole wie Banken und Geierfonds bilden. Trotz all dieser großen Mächte ist es dieser Plattform von Menschen, die von Hypotheken betroffen sind, gelungen, sich in die Medien „einzuschleichen“ und ein Beispiel für Aktionen anderer Bewegungen zu sein.

Die Tatsache, dass Informationen monopolisiert werden, führt zu einem einzigartigen Narrativ, das als einzige Möglichkeit zur Wahrnehmung von Dingen einverleibt wird. In der Tat ist das der größte Sieg des Kapitals, uns glauben zu machen, dass dies das einzig mögliche System ist. Wie Fredric Jameson sagte: „Es ist einfacher, sich das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorzustellen“. Das Problem mit der Erschaffung einem einzigartigen Narrativ ist, dass wir uns keine anderen Modelle vorstellen können.

Es gibt jedoch immer wieder Fenster, durch die eine alternative Erzählung gefunden werden kann, durch die eine alternative Erzählung gefunden werden kann, die in den gesunden Menschenverstand integriert wird und eine neue Realität strukturiert.

Im Fall von PAH geschah zu Beginn der Immobilienkrise, dass Probleme mit Zwangsräumungen als ein individuelles Familienproblem betrachtet wurden. PAH ist eine Plattform, die organisiert wurde, um für das Recht auf Wohnraum zu kämpfen, um auf dieses Problem von Familien zu antworten, die ihre Hypotheken nicht bezahlen konnten und aus ihren Häusern vertrieben wurden. Wir sind bekannt als diejenigen, die vor den Türen der Häuser stehen und eine Räumung stoppen.

„Morgen könnte ich derjenige sein, der vertrieben wird!“

PAH fungierte als „Hashtag“ für soziale Netzwerke. Mit den ständigen Mobilisierungen auf der Straße, die Zwangsräumungen und die Missbräuche der Banken anzuprangern, gelang es, das individuelle Problem der Zwangsräumung, das die Vertreibung war, die die Familien schweigend erlitten (sie verließen das Haus mit ihren Koffern und Kindern schweigend), in ein kollektives Problem zu verwandeln, unter dem viele Menschen litten. Als die Menschen diese Situationen jeden Tag in den großen Medien sahen, entstand ein neues Narrativ, welches das Problem näher an die Bürger brachte. Morgen könnte ich derjenige sein, der vertrieben wird! Es wurde deutlich, dass dies kein individuelles Problem der betroffenen Familien war, sondern dass diese Situation eine Antwort auf ein kapitalistisches System und ein konkretes Wirtschaftsmodell war: die Anhäufung von Reichtum durch Immobilienspekulation.

Einige konkrete Aktionen, die uns halfen, ein neues Narrativ zu schaffen, waren die ständige Präsenz auf den Straßen, die dazu beitrug, den Opfern ein Gesicht zu geben, und dank derer wir auf die Schuldigen hinweisen konnten, die nicht wie zuvor angenommen die Vertriebenen waren. Wir konnten die Schuldigen dank der Kampagne „Prozess und Strafe“ zeigen, die niemand anderer waren, als die Hauptverantwortliche für Finanzinstitutionen und Wirtschaftspolitik der Regierung. Es zeigte sich, dass diese Täter auf ein bestimmtes Wirtschaftsmodell reagierten und in den Verwaltungsräten großer Banken oder in Geierfonds saßen.

„Häuser werden von vertriebenen Menschen besetzt, die das Bedürfnis hatten, zusammen mit ihren Kindern ein Dach über dem Kopf zu haben.“

Sobald die Verantwortlichen identifiziert waren, wurden Lösungen benötigt und so wurde der „PAH Social Work“ gegründet, das darin bestand, die leeren Wohnungen der Banken zu besetzen, die die Familien vertrieben hatten. Diese Aktionen haben ein neues Narrativ über die Idee der Besetzungen geschaffen. Früher dachte man, dass Hausbesetzer sehr dreist waren, aber jetzt konnte man sehen, dass Häuser von vertriebenen Menschen besetzt wurden, die das Bedürfnis hatten, zusammen mit ihren Kindern ein Dach über dem Kopf zu haben. Wir brachten diese Besetzungen an die Öffentlichkeit, damit die Menschen sehen konnten, wie schwer es war, aus der Not heraus zu besetzen.

Welche Rolle haben die unabhängigen Medien in Ihren Forderungen gespielt?

Die unabhängigen Medien waren zu jeder Zeit da und ohne sie hätten wir nicht so viel Einfluss gehabt. Obwohl das meiste von unserer Resonanz durch die Präsenz auf den Straßen kam, waren die unabhängigen Medien der Schlüssel, um dahin zu kommen, wo wir nicht waren. In diesem Sinne war PAH insbesondere in den unabhängigen Medien immer stark medial präsent.

In Bezug auf das Motto dieses Forums: „Was verbindet uns“ Wie können wir unsere gemeinsame Arbeit mit den Medien und sozialen Bewegungen verbessern?

Ich möchte einige Vorschläge zu den Dingen machen, die meiner Meinung nach fehlen. Unabhängige Medien haben keine spezifischen Sparten für soziale Bewegungen, um Artikel zu schreiben, noch haben Fernsehmedien exklusive Räume für soziale Bewegungen. Dies ist ein wichtiger Vorschlag, denn wer könnte besser die Geschichte eines Problems erzählen als diejenigen, die darunter leiden? Auf diese Weise, so schlage ich vor, dass die Nachbarschaftszeitungen Sparten für die sozialen Bewegungen entwickeln. Es geht nicht darum, dass andere uns in sozialen Bewegungen eine Stimme geben, sondern dass wir in der ersten Person sagen können, was passiert.

Übersetzung aus dem Englischen von Valentin Grünn

Kategorien: Interviews, Menschenrechte
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