Endstation Idomeni – Endstation Deutschland

01.12.2017 - Aranka Szabó - Pressenza Berlin

Endstation Idomeni – Endstation Deutschland
(Bild von © Aranka Szabó)

Lange wurde vor Abstimmung des Asylpakets II über den Familiennachzug von syrischen Flüchtlingen diskutiert. Faktisch findet kaum ein Familiennachzug statt. Zu hoch sind die Hürden. Ich habe einen Familienvater begleitet. Nach Idomeni, zurück und noch weiter.

April 2016

Zyad* ist ein ruhiger und geduldiger Mensch. Ein 54-jähriger palästinensischer Syrer, der heute im Landkreis Rotenburg/Wümme lebt. Der Stahlbetonbauer mit herausragenden Geschichtskenntnissen gehört zu jenen konservativen Muslimen, über die in Deutschland heiß diskutiert wurde. Er mochte nämlich Frauen, die nicht zu seiner Familie gehören, nicht die Hand geben.

Nach 14 Monaten in Deutschland hat er sich angepasst. Er schüttelt mittlerweile jeder Frau die Hand. Im Integrationskurs ist er in Grammatik der Beste. „Sprechen ist mein Problem“, sagt er von sich selbst. Verständlich. Mit seinem guten Englisch geht die Verständigung so einfach schneller und zu selten hat er Kontakt zu Deutschen.

Er stammt aus dem Norden Syriens, aus Homs. Seine Eltern waren aus Palästina nach Syrien geflüchtet. Nach Deutschland ist er gekommen, damit vor allem seine drei Töchter (11, 13 und 15) später einmal studieren können. Seit 19 Jahren ist er mit der Mathematiklehrerin Yasmin* verheiratet. Gemeinsam haben sie noch einen 17-jährigen Sohn. Eineinhalb Jahre hatte er seine Familie nicht gesehen.

Der Familienvater dachte, er hätte alles getan, um seine Familie offiziell aus dem Norden Syriens nach Deutschland holen zu können. Bis dahin ist wertvolle Zeit verstrichen.

Sechs Monate dauerte es, bis sein Asylverfahren abgeschlossen war. Danach durfte er endlich den Antrag auf Familiennachzug bei seiner zuständigen Ausländerbehörde stellen. Mit der Genehmigung in der Tasche, konnte seine Familie, die zu diesem Zeitpunkt noch in Syrien war, in der Botschaft in der Türkei einen Termin für die Visa vereinbaren.  Wartezeit: weitere sechs Monate.

Doch so lange konnte die Familie nicht mehr warten: Die russische Offensive im Norden Syriens und eine sich immer weiter schließende Grenze zur Türkei, zwangen seine Frau und Kinder Anfang Februar dazu, sich auf den Weg zu machen. In der Türkei zu bleiben, kam für sie nicht in Frage. Gerüchte, die Türkei schicke Flüchtlinge wieder nach Syrien zurück, machten schon länger die Runde. Auch ist die Versorgung dort nicht das, was man seinen Kindern zumuten möchte. Seine Frau entschied sich deshalb, wie ihr Mann ein Jahr zuvor, über die Balkanroute nach Deutschland zu kommen – und strandete Ende Februar im Flüchtlingscamp Idomeni.

Von Tag zu Tag hofften sie, dass Mazedonien seine Grenzen öffnet. Währenddessen verhandelte Europa mit der Türkei über das Flüchtlingsabkommen. Für Zyad war klar, dass Mazedonien seine Politik beibehält. Klar war auch, dass die Familie nicht in Idomeni bleiben konnte. Vor allem seiner ältesten Tochter ging es dort nicht gut. Sie hat eine chronische Darmentzündung. Eine spezielle Diät ist dort nicht möglich. Sie verliert viel Blut.

Vergeblich versuchte er, seine Frau davon zu überzeugen, in eins der offiziellen griechischen Camps zu gehen. Zu groß war die Angst, es dann nicht mehr nach Deutschland zu schaffen.

Er schmiedete deshalb einen Plan. Nämlich über Ostern nach Idomeni zu reisen, von dort mit seiner Familie zur deutschen Botschaft in Athen zu gehen, um die Visa für seine Familie zu beantragen. Von dort wollte er sie in ein anderes Flüchtlingscamp bringen. Doch Fehlanzeige.

Zwar hatte er alle notwendigen Dokumente im Original und die Zustimmung seiner Ausländerbehörde beim Botschaftstermin in Athen dabei. Doch wird aus den Visa vorerst nichts, denn alle Familiendokumente müssen grundsätzlich von der deutschen Botschaft in Beirut mit einem Stempel legalisiert werden. Das wusste er nicht, so wie fast alle, dort im Camp Idomeni.

„Was ist die Genehmigung der Ausländerbehörde denn wert?“

Schon bei seinem Antrag auf Familiennachzug musste er alle Familiendokumente und Pässe übersetzt und in Kopie vorlegen. Die Originale werden dann beim Botschaftstermin vorlegt. „Was ist die Genehmigung der Ausländerbehörde denn wert?“, fragte Zyad nun in Idomeni verzweifelt.

Eine gute Frage, die sich auch ein Mitarbeiter einer Ausländerbehörde stellt. Keine Familie, für die er in den letzten sieben Monaten den Familiennachzug genehmigt habe, sei bislang in Deutschland angekommen. „Familiennachzug findet faktisch nicht statt“, bestätigte schon im Dezember ein leitender Landkreismitarbeiter.

Nachgefragt beim Auswärtigen Amt, wurden im vergangenen Jahr 19.676 Visa für syrische Ehefrauen und minderjährige Kinder zwecks Familienzusammenführung erteilt. Geht man von einer Familie mit drei Kindern aus, wurden 2015 etwas über 4.900 Familien wieder vereint. – Bei rund 101.000 anerkannten syrischen Flüchtlingen. Eine Statistik, wie viele dieser Flüchtlinge alleineingereiste verheiratete Männer sind, die eine möglichen Anspruch auf einen Familiennachzug haben, wird nicht geführt. Ebenso wenig existieren Zahlen darüber, wie hoch die Zahl irakischer Familiennachzügler ist.

Es hat den Eindruck, als sollten die Flüchtlinge mürbegemacht werden, damit sie das Ziel, die Familie nachzuholen, aufgeben und zurück zu ihren Familien gehen. Aus Zyads Bekanntenkreis hat der Erste Deutschland bereits verlassen und ist jetzt mit seiner Familie in einem der Flüchtlingscamps im Libanon**. Für Zyad kommt das nicht in Frage. Es geht um die Zukunft seiner Kinder. Doch gab es ein weiteres Hindernis für seinen Familiennachzug und, im Rückblick, noch weitere.

In Athen wies ihn die Botschaftsmitarbeiterin daraufhin, dass in zwei Monaten der Pass seines Sohnes abläuft. Das könne zu einem Problem für ein Visum werden. Zumindest hatte Zyad den Botschaftsdolmetscher so verstanden. Erst in Deutschland zurück konnte klargestellt werden, dass der Pass zwar noch drei Monate lang gültig sein sollte, aber nicht muss.

Die Gültigkeit der Pässe dürfte generell zu einem großen Problem für den Familiennachzug werden. Die nächsten freien Botschaftstermine, zum Beispiel in Beirut, sind im Januar 2018. Da ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der eine oder andere bis dahin abgelaufen ist. Eine Neubeschaffung ist nicht einfach, in manchen Fällen vielleicht auch unmöglich. Flüchtlingshelfer und Flüchtlinge in Deutschland erzählen von angeblichen Schwarzen Listen der syrischen Regierung. Wer da drauf stehe, bekommt keinen Pass.

„Wo Menschen wie Tiere leben“

Auch Zyads Plan, die Familie in ein anderes Camp zu bringen, misslang. Zwei wiesen die Familie, aufgrund angeblicher Überfüllung, ab, im dritten prügelten sich gerade Pakistani und Syrer. Dort wollten die Kinder nicht bleiben. So sind zurück nach Idomeni gegangen, dorthin „wo Menschen wie Tiere leben“, wie Zyad sagte. Die Familie glaubte nicht, dass Griechenland ihre Drohung wahrmache, das Camp zu schließen. Erst nach deren Ankündigung installierte die UN vorletzte Woche Klimaanlagen in den großen Zelten.

(Bild: © Aranka Szabó)

Im Camp war Zyad nicht der einzige syrische Flüchtling aus Deutschland, der seine Osterferien in der Schule dazu nutzte, um seiner Familie zu helfen. Auch Haissam* aus dem Landkreis Dithmarschen reiste dort hin und von da zur Botschaft in Athen. Auch er musste lernen, dass der Familiennachzug, wie ein Kampf gegen Windmühlen ist, denn auch auf seinen Familiendokumenten fehlte der Stempel aus Beirut. Und nun?

Vielleicht lassen sich die Probleme von Zyad und Haissam lösen. Die aber vieler anderer Frauen und Kinder im Camp Idomeni wohl nicht, ohne Hilfe und gutem Willen der Regierungen. Manchen fehlen Pässe, anderen die gesamten Familiendokumente. Das Geld ist nach mehr als vier Wochen Aufenthalt in Griechenland fast verbraucht. Es reicht nicht mehr, um sich diese in Syrien zu besorgen oder auch nur einen Schritt zu machen. Andere Frauen sind unverheiratet und müssen alleine einen Weg nach Europa finden. „Mein Sohn hat Wasser im Kopf“, erzählt eine Witwe. „Wir haben kein Geld und keine Pässe. Ich hatte gehofft, uns würde hier geholfen werden. Stattdessen sind wir hier gestrandet. Wohin sollen wir jetzt gehen?“

Der Flüchtling Mohamad* aus Deutschland kennt sich mit den deutschen Vorschriften und den europäischen Asylgesetzen gut aus. Für seinen in Deutschland lebenden Vater hat er die Formalitäten für den Familiennachzug seiner Mutter und jüngeren Geschwister erledigt. Auch er kennt das Warten, die Sorge und Verzweiflung aus eigener Erfahrung. Im Dezember hatten seine Mutter und Geschwister ihren Botschaftstermin in Beirut „mit allen geforderten Papieren“, wie er beteuert. Immer noch warten sie auf ihre Visa nach Deutschland. Im Mai sollten sie noch mal nachfragen, wurden sie im Februar von der Botschaft vertröstet.

Der 25-jährige Syrer war ebenfalls Anfang April in Idomeni. Noch nie zuvor hatte er ein Flüchtlingscamp gesehen und war fassungslos über die Lebensumstände, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit vor allem der Frauen und Kinder. Eine erzählte ihm, sie hätten die Genehmigung für den Familiennachzug verbrannt. Schlepper hätten ihnen gesagt, Mazedonien würde sie nach Griechenland zurückschicken, hätten sie diese bei sich. „War das richtig?“, fragte sie ihn nun zweifelnd. Er hoffte, nicht nur ihr mit seinen Informationen weiterhelfen zu können. Verwundert fragte er sich, weshalb er scheinbar mehr Vertrauen genoss, als die NGO’s und Regierungsorganisationen, die vor Ort waren.

Fragen über Fragen verzweifelter Frauen

Zyad nahm nach fünf Tagen, bitterlich weinend, Abschied von seiner Familie. Zurück in Deutschland fand er nach einigen Tagen einen Mann in Beirut, der bereit ist, mit Zyads Papieren zur deutschen Botschaft zu gehen – für 500 Euro. Ein Verwandter aus Dubai schickte dem Familienvater das Geld.

Doch gab es ein weiteres Problem. Der Mittelsmann ist Syrer. Doch ließ die Botschaft vorrangig Libanesen zu den Öffnungszeiten rein. Sieben Stunden wartete er vergeblich vor der Tür. Deshalb kümmert sich jetzt ein Beiruter um Zyads Papiere. Er gehört zu einem Netzwerk, das sich auf die Legalisierung von Dokumenten in der Botschaft spezialisiert hat. Nach zehn Tage sollten die Dokumente fertig sein. In der Summe wird die Aktion Zyad 900 Euro kosten, davon 300 für den Postversand.

Doch so weit ist es nicht gekommen. Die Botschaft in Beirut sagt, die Papiere seien nicht gültig. Einer von drei Stempeln der syrischen Behörden soll fehlen.  Nach dieser Nachricht ist seine Frau in Idomeni zusammengebrochen. Seine Nerven lagen blank.

(Bild: © Aranka Szabó)

September 2016

Das Camp Idomeni ist längst geräumt. Zyads Familie ist 15 km entfernt in einem Camp untergebracht. Die Kinder sind ständig krank.

Fast sechs Monate sind seitdem vergangen. Die Papiere gingen zurück nach Deutschland und von hier weiter nach Syrien, zwecks Beglaubigung. Doch sind sie auf dem Postweg in den Nahen Osten „verloren“ gegangen und erst im August wieder aufgetaucht. In der Zwischenzeit ist der Pass des Sohnes abgelaufen. Zyad war zwecks neuem Pass in Berlin in der syrischen Botschaft, aber sie haben ihn nach Wien geschickt. Dort sagte man, man sei nicht zuständig.

Zyad ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Dünn, blass und in sich gekehrt.

Ob Menschen so integriert werden können? Ob man so von ihnen eine Integrationsleistung erwarten kann, frage ich mich. Was, wenn den Familien etwas passiert und diese Flüchtlinge nichts mehr zu verlieren haben?

Mohamads Familie durfte mittlerweile einreisen. Doch ohne seine kleine Schwester. Sie ist mittlerweile 18 Jahre alt und durfte deshalb nicht mit ihrer Mutter und jüngeren Geschwistern mit nach Deutschland.

Der Syrer, der seine Familie im Libanon besucht hat, würde gerne zurück nach Deutschland. Es gibt dort keine Arbeit und keine Zukunft, aber ihm fehlt das Geld für den Flug.

Ende Mai 2017

Die Familie hatte vor wenigen Wochen ihren Termin für die Familienzusammenführung bei der UNHCR in Griechenland.

Aus dem Familiennachzug wird Dank des Innenministers dennoch nichts. Mitte Mai hat er ihn eingeschränkt. Bei 70 Familiennachzüglern pro Monat und Platz 105x auf der Warteliste wird das nichts mehr bis zur Volljährigkeit des Sohnes. Der darf dann nicht mehr kommen.

Wie bricht man Menschen? Wie verliert man eine ganze Generation? Und wie schafft man Menschen voller Hass? – So.

*Alle Namen wurden geändert

Von Aranka Szabó veröffentlicht auf imaginis.de


Über die Autorin: Aranko Szabó ist als freie Redakteurin und Pressefotografin tätig. Sie hat verfügt über einen Magister in den Fächern Soziologie, Psychologie und Erziehungswissenschaften.

Kategorien: Europa, Menschenrechte, Mittlerer Osten
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