Lateinamerikaner ticken anders!

05.09.2017 - Günter Buhlke

Lateinamerikaner ticken anders!
(Bild von pixabay | CC0 Creative Commons)

Tief im Verborgen liegende Ereignisse der Vergangenheit prägen im dialektischen Sinne menschliche Denkrichtungen. Das lehren uns Freuds Forschungen zum Unterbewusstsein und Engels „Dialektik der Natur“. Die reale Geschichte bestätigt es uns immerzu.

Davon nicht ausgeschlossen sind die Lateinamerikaner, die seit dem Sieg von Fidel Castros für Aufmerksamkeit in der Welt sorgen. Ihre Länder kommen aus der 3. Welt, mit eigenen Wertmaßstäben und eigener Wirtschaftsverfassung. Sie besitzen Rechtsansprüche auf Veränderungen nach eigenen Vorstellungen, von Resolutionen der UNO vielfach postuliert.

Was sind die Gründe? Wie geht es weiter?

Die Ureinwohner des Kontinents haben in verschiedenen Gebieten der Neuen Welt Hochkulturen hervorgebracht und eigene Mentalitäten und Charaktereigenschaften entwickelt. Die gelebte Geschichte hat ihren Stolz geformt, aber auch Traumata hinterlassen, beschrieben von ihren Schriftstellern, Neruda, Martí, Asturias, Marques, Galeano, Amado, Otero Silva, Mariatequí, I. Allende und vielen anderen.

Die koloniale Unterwerfung der indigenen Völker durch Europäer hat den Selbstbestimmungswillen nicht brechen können. Starke Triebfedern resultieren aus den vorspanischen Gesellschaftsverhältnissen der Indigenen. Sie waren solidarisch auf Selbstversorgung und Gleichwertigkeit gerichtet. Gemeineigentum an Ackerland, Wiesen, Wäldern, Seen, Bergwerken bestimmte die wirtschaftliche Grundordnung, aus der sie ihre Bedürfnisse befriedigten.

Die notwendigen Ressourcen bot die Natur. Pacha Mama hat für sie (auch für uns) bis zur Gegenwart einen besonderen Wert behalten. Europäische Eroberer fanden beachtliche geistige und materielle Leistungen der Ureinwohner vor: Eine in Europa unbekannte Pflanzenzucht (Mais, Kartoffeln, Bohnen, Tomaten u.v.a.) sicherte die Ernährung. Bewässerungsanlagen zeugten von ihren wissenschaftlichen Fähigkeiten, die Umwelt zu gestalten.

Die Entwicklung einer Hieroglyphenschrift in Mexiko und die Knotenschnüre der Inka (Quipus) ermöglichten eine Fernkommunikation und Verwaltungsakte. Ihre Erfindung der Ziffer Null (neben China) schaffte Voraussetzungen für Berechnungen von Umlaufbahnen der Sterne und von Kalendersystemen, die an Genauigkeit den europäischen gleichkamen. Die Verhältnisse der Ureinwohner waren Keimzellen ihrer heutigen Philosophie des „Buen Vivir“ (auskömmliches Leben), die die gegenwärtig die Politik beeinflusst.

2006 erklärte der demokratisch gewählte Präsident Boliviens, Evo Morales, bei seiner Amtseinführung: „300 Jahre kolonialer Abhängigkeit und nachfolgende 200 Jahre unrechtsmäßige Aneignung unserer Reichtümer durch transnationale Konzerne haben uns die wirtschaftlichen Möglichkeiten und uns die Würde genommen. Wir können nicht noch länger auf freiwillige Einsichten warten“.

Mit Waffengewalt, Zwangshandlungen, Raub des Gemeineigentums haben die Kolonialherren eine Fortsetzung der eigenständige Entwicklung Lateinamerikas unterbunden.

Beflügelt von den Ideen der Aufklärung und der französischen Revolution gehörte Lateinamerika zur ersten Weltregion, die die koloniale Abhängigkeit Anfangs des 19. Jh. überwinden konnte. Die politische Unabhängigkeit war erreicht, nicht die wirtschaftliche. Lateinamerika wurde zwangsweise die Rolle des Rohstofflieferanten und des Fertigwarenimporteurs verordnet.

Die so geartete internationale Arbeitsteilung und die Kapitalverhältnisse verhinderten eine erforderliche Kapital-Akkumulation in Lateinamerika zum Ausbau einer eigenen Verarbeitungsindustrie, zur Entwicklung des Bildungswesens, von Forschungseinrichtungen etc. Die neuen Nationalstaaten konnten im Rahmen der Profitlogik des Kapitalismus den Abfluss der nationalen Reichtümer nicht bremsen.

Die USA sicherten sich mit der Monroedoktrin ein Einflussgebiet bis zur Gegenwart. Simon Bolivar erkannte frühzeitig aus der Doktrin entstehende Probleme. Er formulierte den Gedanken eines „Großen Vaterlandes“ (Patria Grande). Seine Ideen knüpften ein starkes Band der lateinamerikanischen Solidarität, die in den letzten 20 Jahren zum Verbund der ALBA-Staaten und zur CELAC, der großen Vereinigung aller Staaten des Kontinents, außer USA und Kanada, führte.

Trotz vieler Hemmnisse gelang es in Venezuela, Ekuador, Bolivien, Kuba, auch Brasilien, Argentinien u.a. reale soziale und demokratische Verbesserungen zu erreichen. Die Millenniumsziele der UNO wurden erfüllt.

Die Ziele der linksverorteten Regierungen sind aus ihren Verfassungen erlesbar. Auffällig und anders als in Deutschland liegen ihre Werte in sozialen Bereichen, im Schutz der Natur und in der Bewahrung des Friedens. Die Partizipative Demokratie und Wahlpflichten bedeuten Stärkung der Demokratie.

Das Friedensabkommen in Kolumbien 2016 war ein Achtungszeichen in einer Welt voller Kriege. Die Erklärung der CELAC auf ihrer Gipfelkonferenz in Havanna 2014, Lateinamerika zu einer Zone des Friedens zu machen, zeugt vom Friedenswillen. Der Vertrag von Tlatelolco (Mexiko) macht Lateinamerika zur ersten Atomwaffen freien Zone der Welt.

Wohin des Weges? Suchen Lateinamerikaner Utopia?

Neue Gesellschaftsverhältnisse benötigen Zeiträume die über Generationen verlaufen. Nach Hegel hängt bekanntlich alles von Verhältnissen und von der Reife der Umstände ab. Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften verfügt die Politik über keine Versuchslabore. Erforderlich sind komplexe analytische Vorbereitungen, mit wissenschaftlichen Begründungen und Beachtung der realen Erfahrungen. Veränderungen benötigen enorme finanzielle Mittel, über die Lateinamerika aus eigenen Quellen nicht ausreichend verfügt. Politikänderungen verlaufen auch nicht lineal. Es sind dynamische Prozesse aus Aktion und Gegenreaktion.

Lateinamerika durchlebt zurzeit eine Phase der Gegenreaktion neoliberaler Kräfte. Die selbst schwachen nationalen Oppositionen bieten ihren externen Unterstützern aus den USA Plattformen für Gegenreaktionen. Als Brüder im Geiste agieren sie vereint aus Positionen der Stärke. Nicht mit der Absicht Problemlagen über Verhandlungen zu lösen.

Venezuela steht aktuell im Focus. Das Kräfteverhältnis neigt sich scheinbar zur Seite der Opposition. Die Regierung Maduro sucht eine Lösung innerhalb der Verfassung, mit Unterstützung der Bevölkerung. Viel hängt davon ab, ob das Militär zu den Verfassungsregeln steht.

Die aktuelle Lage zeugt von der Skrupellosigkeit der vereint handelnden konservativen Kräfte. Ein Moralverfall ist bei der Wahl ihrer Mittel festzustellen. So blindzuschlagende Sanktionen oder die Gefahr eines Bürgerkrieges mit Interventionen von außen.

Río Paraná [Bild von pixabay | CC0 Creative Commons)

Die Herbeiführung interner Chaoslagen gehört zur alten Agenda. Die Präsidenten Obama und Trump scheuen sich nicht, Venezuela als Gefahr für die USA einzustufen und mit Interventionen zu drohen. Szenarien, die in der Geschichte Lateinamerikas bereits 23-mal traurige Realität wurden.

Im Untergrund stehen Differenzen zwischen den USA und Kuba. Die Bevölkerung der Insel hat unter dem Boykott und der Politik des „BIG STICK“ der USA über 70 Jahre gelitten. Kuba ist mit seiner sozialen Logik unvermindert als Beispiel für ganz Lateinamerika.

Momentane Rückschläge in Brasilien und Argentinien werden nicht von Dauer sein

Das lateinamerikanische Weltprojekt „Buen Vivir“ hat evolutionäre Qualitäten. Es kann zeitweilig verzögert, nicht aber aufgehalten werden. Es enthält Gedanken des christlichen Urkommunismus, wie auch des Sozialismus des 20. Jahrhunderts, geprägt von Marx u.v.a.

Ansätze moderner Menschenrechte aus der „Utopia“ von Thomas Morus sind in den Verfassungen von Mexiko, Venezuela, Bolivien u.a. zu finden. Utopia, soll eine Insel im Rio Parana gewesen sein.

Kategorien: Meinungen, Südamerika
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