50 Jahre Besetzung von Palästina: „Liberale Juden müssen ihre Ablehnung ausdrücken.“

17.12.2016 - Berlin, Deutschland - Johanna Heuveling

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50 Jahre Besetzung von Palästina: „Liberale Juden müssen ihre Ablehnung ausdrücken.“

Daniel Bar Tal ist ein Sozial-Psychologe, der bis zu seiner Emeritierung Professor für Kindheitsentwicklung und Bildung an der Universität von Tel Aviv war. Für seine Forschungen und sein Engagement im Israel-Palästina Konflikt erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Im November dieses Jahres tourte er für sein Projekt Save Israel Stop Occupation (SISO) durch Europäische Länder, um Unterstützer innerhalb der jüdischen Gemeinden zu gewinnen, die sich für ein Ende der Besetzung Palästinas einsetzen: „Die Fortsetzung der Besetzung ist eine grobe Verletzung der Normen der Menschheit, der Moral und der demokratischen Werte,“ sagt er. „Diese Besetzung dauert nun 50 Jahre. Meiner Meinung nach ist sie eine Sünde.“ Zusammen mit Ina Darmstädter, die sehr aktiv in der Israelisch-Palästinensischen Frauenbewegung ist, sprachen wir mit ihm, als er in Berlin war, über die Geschichtserzählweise des Konfliktes der Regierung und die Konsequenzen für die Demokratie.

Im Jahr 2017 sind es 50 Jahre Besetzung, seit Israel 1967 nach dem Sechstagekrieg den Gazastreifen, die Sinai Halbinsel, Ost-Jerusalem und die Golanhöhen besetzte, und trotz der UN Resolution 242, die besagte, dass diese Territorien zurückgegeben werden müssen, bis heute die Kontrolle in diesen Gebieten behielt, mit Ausnahme des Sinai. Daniel Bar Tal sagt: „Es ist nicht nur die Verantwortung der Israelis, sondern der internationalen Gemeinschaft, unserer demokratischen Werte, unserer moralischen Werte, unserer universellen Werte, die Unterdrückung zu beenden.“

Die epistemische Grundlage für die Fortsetzung der Besetzung

Aber Bar Tal sagt uns, dass 72% der israelischen Bevölkerung nicht verstehen würden, worüber er redet, wenn er über “Besetzung” und “Unterdrückung” spricht, weil sie es nicht als Besetzung wahrnähmen. „Die Regierung von Israel zusammen mit den Institutionen und anderen Organismen konstruierte eine Geschichtserzählweise, die als rechtfertigende Grundlage für die Fortsetzung der Okkupation dient.“ Die Israelis würden indoktriniert, daran zu glauben, dass „Palästinenser keinen Frieden wollen“ und „Palästinenser die jüdische Bevölkerung auslöschen wollen“. „Sie erkennen nicht das Menschsein der Palästinenser, sondern sehen sie als Terroristen, die sich nichts aus dem menschlichen Leben machen, die von Natur aus gewalttätig sind. Dieses Bild wird nicht nur von der normalen Bevölkerung aufrecht erhalten, sondern auch von den Regierenden, sogar von vielen Oppositionsführern.“

Diese Erzählweise, welche die Besetzung rechtfertigt, habe zwei Teile, erklärt Bar Tal: „Viele Israelis glauben, dass das gesamte Land zwischen dem Fluss und dem Meer ausschliesslich ihnen gehört, dass es ihre Heimat ist. Palästinensisches Land ist demnach sogar das Herz der Heimat: Bethlehem, Jerusalem, Hebron, der alte Staat Judäa.“ Der andere Teil ist die existentielle Bedrohung des jüdischen Volkes, so wie sie viele Israelis sehen. „Nach dem Holocaust fühlen die Juden, dass sie das Recht haben, sich zu verteidigen, und sie sehen sich als die einzigen Opfer des Konfliktes. Sie sehen nicht, dass die arabische Bevölkerung Opfer in diesem Konflikt ist.“

Daniel Bar Tal ist sehr pessimistisch, was eine derzeitige Veränderung angeht, die aus dem Inneren der israelischen Bevölkerung kommt. Und er erklärt seinen Pessimismus mit seiner Erfahrung als Forscher: „Es gibt eine große Übereinstimmung zwischen dem, was die Regierung sagt und dem, was die Leute glauben. Normalerweise, um Veränderung zu erreichen, muss es offenen Widerspruch geben. Große Teile der Bevölkerung glauben dann der Regierung nicht. Aber in Israel haben nur 15 bis 20% der Menschen eine alternative Erzählweise. Sprecher oder Menschenrechtsvereine, die über Alternativen reden, wie der Möglichkeit, Frieden zu schliessen mit den Palästinensern oder dass Palästinenser auch Menschen sind und auch Opfer, oder dass wir auch unmoralisch handeln, werden als Verräter beschimpft.  Die Regierung benutzt das Bildungssystem und die Medien, um ihre Erzählweise zu verbreiten.“ Zwei Generationen sind nun innerhalb der Besatzungszeit geboren. Im Jahr 1972, sagt Bar Tal, sei die Grüne Linie [Demarkationslinie zwischen Israel und den von Israel im Sechstagekrieg besetzten Gebieten, Anmerkung der Autorin] aus den israelischen Karten gestrichen worden. „Über 75% der Karten in israelischen Schulbüchern zeigen nicht die Grüne Linie. So glaubt ein Kind, das in Geographie in seinen Atlas guckt, das sei alles das Land Israel. Die Kinder akzeptieren diese Erzählweise als Wahrheit.“

Das ständige Mantra des israelischen Premierministers Netanyahu sei: „Dies ist die Wahrheit und die einzige Wahrheit.“ Und interessanterweise, obwohl er generell als ein Lügner und eine korrupte Person gesehen werde, so Bar Tal, sei er als grundsätzliche Autorität anerkannt, wenn es um den Konflikt und um Sicherheitsthemen ginge und in diesem Sinne sei er extrem einflussreich. Er werde als der einzige Anführer der israelischen Juden in Zeiten der Krise gesehen. „Die Israelis trauen ihm im Hinblick auf ihre Sicherheit.“

Besetzung oder Befreiung?

Ina Darmstädter bemerkt an dieser Stelle, dass sich die Erzählweise innerhalb des letzten Jahrzehntes sogar noch verschärft habe. Es gäbe die Bezeichnung von der „Befreiung des Herzens des Heimatlandes“ statt von einer Besetzung zu sprechen. Bar Tal stimmt ihr zu, aber fügt hinzu, dass ein Großteil der Juden schon 1967 bei Ende des Krieges von Befreiung gesprochen hätten. „Es wird so erzählt, dass die Palästinenser erst in dieses Land kamen, nachdem die Juden am Ende des 19. Jahrhunderts dorthin zurückgekehrt waren. Ihrer Ansicht nach begann die zionistische Bewegung damit, die Wüste in blühende Felder zu verwandeln, dann kamen die Araber und liessen sich dort nieder und entwickelten mit der Zeit eine Art Identität. Aber sie seien keine wirkliche Nation gewesen, nichts im Vergleich zu den Juden, die eine klare nationale Identität hätten.“ Die Konsequenz dieser Geschichtserzählung sei, dass die Palästinenser als Fremdkörper in dem Heimatland der Juden angesehen werden. Diese Erzählweise legitimiere die jüdischen Siedlungen in der Westbank.

Den Gebrauch der Sprache zu untersuchen, sei in diesem Zusammenhang sehr interessant, sagt Bar Tal. Während der kurzen Zeitspanne der Oslo Verhandlungen wandelte sich die Terminologie. Rabin benutzte Worte wie „Palästinenser“ und beschrieb sie als „Opfer des Konfliktes“. In den letzten 15 Jahren bewege sich die Sprache wieder dahin zurück, wo sie in den Siebzigern gewesen sei. „Rückschritt und Re-Eskalation von Konflikten gehen normalerweise einher mit einer Verschärfung der Sprache, mit einer Verschärfung der Erzählweise. Und mit diesen Charakteristiken führt das zur Eskalation des Konfliktes. Prinzipiell können Anführer Verschärfer sein oder Moderatoren. Netanyahu ist ein Verschärfer.“

Veränderung muss durch Druck von aussen kommen

Israelische Aktivist_innen unterschieden sich bezüglich ihrer Meinung wie eine Veränderung zu erreichen sei, sagt Bar Tal. Einige glaubten, dass die Veränderung von der israelischen Gesellschaft ausgehen müsse. Nicht so Bar Tal: „Die israelische Gesellschaft ist extrem schwierig zu verändern. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, weil nicht nur die große Mehrheit der israelischen Juden dieselben Ansichten über den Konflikt und die Palästinenser haben wie die Regierung, sondern auch, weil die Regierung die meisten Institutionen kontrolliert, wie zum Beispiel das Bildungssystem, und viele der Massenmedien. Durch diese Organismen verbreitet und verstärkt sie die hegemoniale Geschichtserzählweise und sorgt damit für die Fortsetzung des Konfliktes. Vielleicht kommt die Lösung von aussen. Es muss Druck ausgeübt werden. Frischer Wind könnte von den liberalen Juden ausserhalb Israels kommen.“ Daher gründete er die Bewegung Save Israel Stop Occupation (SISO), welche liberale Juden auf der ganzen Welt vereinen möchte. Der 50. Jahrestag biete eine Möglichkeit, das Bewusstsein über die Besetzung zu schärfen, sagt Bar Tal, mit vielen Veranstaltungen und lauten Aktivitäten und indem Menschen aktiviert werden, die sonst schweigen.

SISOs Standpunkt ist kein moralischer. „Wir kommen zu unserem Aktivismus vom Gesichtspunkt der Rettung Israels. Unsere grundlegende Annahme ist, dass die Besetzung ein Krebsgeschwür ist, das viele negative Konsequenzen hat. Es hat extrem negative Auswirkungen auf die israelische Gesellschaft, vor allem durch die Beschädigung der Demokratie. Eines der grundlegenden Prinzipien der Demokratie ist die Meinungsfreiheit. Aber die Regierung versucht, ihren Machtanspruch zu wahren, die offizielle Erzählweise beizubehalten, die sie verbreitet, und unternimmt alle Anstrengungen, um das Aufweisen und die Verbreitung alternativer Erzählweisen zu verhindern. So wird die freie Meinungsäusserung beschädigt.“ Er fügt hinzu, dass es kein Wunder sei, dass Israel auf Platz 101 der Weltrangliste für Pressefreiheit von Reportern ohne Grenzen stehe.

Spannung zwischen Loyalität und kritischem Denken

Sein Plan ist es, liberale jüdische Gemeinden zu treffen. „Sie müssen aktiv werden und ihrer Opposition Ausdruck verleihen.“ Er beobachtet, dass es verschiedene Gruppen gibt: „Einige glauben an die hegemoniale Erzählweise Netanyahus. Andere sehen, was passiert, aber die meisten sind nicht bereit, ihrer Ablehnung Ausdruck zu verleihen, aus unterschiedlichen Gründen: Sie wollen die jüdische Gemeinde nicht polarisieren, oder sie wollen Israel nicht kritisieren, weil sie annehmen, dass dies Israel schaden würde. Sie denken „die Juden sind bedroht und ich möchte dem Antisemitismus keine Munition geben“, sie haben Angst als anti-Israelisch oder als selbsthassende Juden bezeichnet zu werden. Nur eine sehr kleine Minorität der Juden hat den Mut, ihre kritische Meinung zu äussern.“

In Deutschland, so wie in anderen jüdischen Gemeinden überall auf der Welt, nimmt Daniel Bar Tal an, dass es eine schweigende Mehrheit gäbe, die die Beschädigung Israels wahrnähme, aber schwiege. In einer Diskussion mit Ina darüber, wen er in Berlin treffen sollte, wird klar, dass sein Vorhaben delikat ist. Die jüdischen Stimmen, die am lautesten in den Medien zu hören seien in Deutschland, seien die pro-israelischen, kritiklosen. Es gäbe liberale Juden, die Angst haben, ihn zu treffen. Daniel Bar Tal sagt, dass er sehr gerne genau mit denjenigen spreche, die klar sehen, was passiert, aber sich nicht trauen, ihre Bedenken bezüglich des Prozesses auszudrücken. Er denkt, dass ein Weg ist, das Thema anzugehen, über die Spannung zwischen Loyalität und kritischem Denken zu reden. „Ich sage: Natürlich braucht jede Gruppe zum Überleben Loyalität, aber kritisches Denken ist nicht weniger notwendig für jede Gesellschaft. Eine Gesellschaft kann nur überleben, wenn sie kritische Auseinandersetzung erlaubt. Ich erinnere sie an Émile Zola und Dreyfuss [Dreyfuss war ein französischer, jüdischer General, der fälschlicherweise des Hochverrats angeklagt worden war, begleitet von einer breit angelegten Kampagne gegen ihn, und Émile Zola war einer der wenigen Menschen, die mutig genug waren, ihre Zweifel auszusprechen; Kommentar der Autorin] und ich frage sie: Wenn ich eine Menschenrechtsverletzung sehe, was soll ich dann tun? Soll ich schweigen? Soll ich meine Meinung sagen? Was denkst Du, ist das beste für unsere israelische Gemeinschaft?“

Es ist die Verantwortung von jedem, sich einzusetzen

Was sagt Daniel Bar Tal über die Rolle Deutschlands und das Dilemma, mit dem die Deutschen aus historischen Gründen konfrontiert sind: Ist es uns erlaubt, Israel zu kritisieren oder sollten wir schweigen? Er antwortet: „Ich habe sehr starke Gefühle bezüglich dieser Frage und ich glaube, dass es eine Sünde ist, einfach zuzuschauen, wenn Du siehst, dass Dein Freund sich selbst schadet. Es ist die Verantwortung von jedem, sich einzusetzen.“

Auf die Frage, wie er die Werte, die seinen Aktivitäten zugrunde liegen, entwickelt habe, sagt Bar Tal, dass er nicht eine große Transformation durchlaufen habe, wie viele andere. Seine Mutter, sagt er, sei die einflussreichste Person in seinem Leben gewesen. „Sie war eine sehr intellektuelle, liberale Person, vorurteilsfrei, sehr gebildet. Sie war Humanistin und gab mir ihre humanistischen Werte mit.“ Während seiner akademischen Laufbahn habe er immer Zeit für seinen politischen Aktivismus gehabt, sagt er, aber es sei ihm klar gewesen, dass er nicht zwei Karrieren gleichzeitig haben könne, auch wenn er mit seiner Expertise beides miteinander versuchte zu verbinden. „Meine Hauptausrichtung war akademisch, aber als ich emeritierte, entschied ich, dass ich das nun ausgleichen möchte und ich wurde ein 24 Stunden Aktivist.“

Kategorien: Frieden und Abrüstung, Interviews, Menschenrechte, Mittlerer Osten
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