Die Indianer kämpfen gegen die “große schwarze Schlange”

07.11.2016 - Luca Cellini

Dieser Artikel ist auch auf Italienisch verfügbar.

Die Indianer kämpfen gegen die “große schwarze Schlange”
(Bild von Hualapai Tribe: Tanz der Frauen des Stammes der Hualapai)

Seit nunmehr mehreren Monaten findet in Norddakota, Vereinigte Staaten, ein friedlicher und gewaltfreier Protest der Stämme der Lakota, Sioux, Comanchen, Hopi, Hualapai und der Yakama statt, um nur einige zu nennen. Über 200 Stämme haben sich zusammengetan, um gegen den Bau einer riesigen Ölpipeline zu protestieren und die aufgezwungene zerstörerische Extraktion von Öl und Gas durch Fracking (hydraulische Frakturierung von bituminösem Sand und Gestein zur Gewinnung von Schieferöl und -gas) zu stoppen. Das ist eine Methode, die dem Boden enorme Schäden zufügt, sowie auch der umgebenden Natur und allem, was darin lebt.

Die indianischen Stämme wehren sich im Besonderen durch die Verteidigung des Gebietes von Standing Rock; sie wollen vor allem das Wasser dort schützen, jene wertvollen Reserven unter der Erde, die durch diese höchst invasive und zerstörerische Methode gefährdet und von starker Verschmutzung bedroht sind.

Die Proteste mit dem Aufschrei „Water is life!“ (Wasser ist Leben!) begannen letzten Frühling. Zehntausende Indianer vereinten sich unter dem Motto #NoDAPL (No Dakota Access Pipeline) mit dem Ziel, die „große schwarze Schlange“ zu stoppen, die riesige Ölpipeline der Firma Energy Transfer Partners, deren Bau unter den Missouri Fluss und Teile des Oahe Sees führen würden, ganz in der Nähe des Gebietes von Standing Rock, wo sich das Reservat der Nation der Lakota Sioux befindet.

Die indianischen Ureinwohner, für die diese Gebiete heilig sind, müssen nun, nach über 140 Jahren seit dem Ende des letzten Konfliktes mit dem „weißen Mann“, erneut friedlichen Protest gegen die Vormacht der abendländischen Zivilisation leisten.

Der größte für lange Zeit verschwiegene Massengenozid

Im vergangenen Jahrhundert wurden sie zu Massen ausgerottet, was getrost als wahrhaftiger Genozid bezeichnen werden kann, die größte Massenvernichtung von Menschen, die die Geschichte kennt. Zwischen 50 und 100 Millionen Indianer starben damals in den vielen Eroberungskriegen durch die europäischen Kolonisatoren, die zum Verlust ihrer Erde, einem aufgezwungenen Wandel im Lebensstil und vor allem zu den vielen von den Engländern, Spaniern, Franzosen und Holländern mitgebrachten Krankheiten führten, gegen die die indigenen Völker keine Verteidigung hatten. Viele von ihnen wurden zu Opfern von gezielter Vernichtung, da sie als „Barbaren“ betrachtet wurden. Es fanden wahre ethnische Massensäuberungen statt und die Kolonisierung mit deren größten Grausamkeiten wurde unter einem ideologischen, kulturellen und religiösen Deckmantel durchgeführt, wie die abendländische Zivilisation dies so oft getan hat, wenn man die eigenen Missetaten verbergen wollte, die zu einem einzigen Ziel, der Eroberung von Land und Reichtümern anderer Völker, stattfanden. Laut einigen historischen Quellen* beläuft sich die Zahl der Vernichtung der indianischen Ureinwohner Amerikas, die 500 Jahre andauerte, sogar auf 114 Millionen Menschen.

Verteidigung der „Gemeingüter“

Heute sehen sich die Nachfahren dessen, was von diesen uralten indigenen Völkern noch übrig geblieben ist, erneut gezwungen, sich zum x-ten Mal in ihrer Geschichte gegen die Gier und den Wahnsinn der abendländischen Zivilisation wehren zu müssen.

Es ist ein friedlicher und bunter, wenn auch entschlossener Protest, ein Kampf gegen Besatzung zum Klang von Trommeln und antiken Gesängen, der nicht nur ihr Land verteidigen will, sondern an sich das Konzept von Wasser und Erde als Gemeingüter von allen.

Gute Vorzeichen

In diesen Tagen tauchten im Gebiet von Standing Rock nach langer Zeit wieder Bisons auf, diese wundervollen und stolzen Tiere, die zusammen mit dem Adler die nordamerikanischen indigenen Völker am besten repräsentieren. Die Stämme sehen in ihrem Erscheinen ein gutes Vorzeichen, das die Wiedergeburt des Geistes dieser Völker ankündigt. In diesem historischen Moment der heftigen Krise, verursacht durch ein wirtschaftliches System, das noch nie Respekt gegenüber Menschenleben und der Umwelt, in der sie leben, gezeigt hat, wünschen wir uns, dass diese großartigen Kreaturen Anzeichen dafür sein mögen, dass alle sich zu einer großen Stimme vereinen, nicht nur die indigenen Völker Amerikas, sonder in der ganzen Welt. Mögen sich ihre Stimmen vervielfältigen und mit den anderen hunderten von Millionen Stimmen von Menschen auf dem ganzen Planeten zusammentun, die alle genug haben von den Schäden und Zerstörungen hervorgerufen durch die Manipulation einer kleinen Gruppe von Mächtigen, die seit Jahrhunderten die Regeln zu diesen Massakern diktieren, einer aberwitzige Fahrt in den Abgrund, die uns dazu führt, neben unserer Umwelt und allem was darin lebt, sogar uns selber zu zerstören.

Möge in der gesamten Menschheit der Geist des guten Sinnes wieder erstarken, des Sinnes für Gemeingüter vor den egoistischen Interessen von wenigen Personen, auf dass sich Kraft und Entschlossenheit für eine neue Form von Widerstand entwickeln, um diese Welle an kollektivem Wahnsinn zu stoppen, der nichts und niemand ausspart.

Eine alte Botschaft, die heute aktueller ist, als je zuvor

Trotz des enormen Schadens und Leids, die die westliche Kultur diesen Völkern auferlegt hat, ist es schön zu wissen, dass es unsere Brüder und Schwestern gibt, dass sie Widerstand leisten und dass sie den tiefen Kontakt zur Natur und zur Erde nicht nur bewahrt haben, sondern uns diesen auch heute noch durch ihre Aktionen wieder nahe bringen. Sie erzählen uns von der Suche nach einer Form von Harmonie mit der Welt, von der Verteidigung der Gemeingüter, vom Entstehen einer anderen und neuen Sensibilität, die gleichzeitig von uralter Weisheit durchzogen ist, die weitsichtig wie die Augen des Adlers ist und die mit der Kraft und Ausdauer des Bison voranschreitet.

Die Worte von Lame Deer („Lahmer Hirsch“), weiser Häuptling der Sioux, der 1877 durch einen mörderischen Angriff des amerikanischen Heeres starb, erscheinen heute unglaublich aktuell: „Alle Kreaturen haben einen Sinn in ihrem Leben. Auch die kleinste Ameise kennt diesen Sinn, vielleicht nicht mir ihrem Intellekt, aber sie kennt ihn. Nur die Menschen sind an einem Punkt angelangt, an dem sie den Sinn ihres Lebens nicht mehr erkennen, sie nutzen ihren Verstand nicht mehr im Dienste des Lebens und es ist bereits lange her, dass sie vergessen haben, die geheimen Botschaften ihres Körpers zu lesen, das was ihnen ihre Sinne und ihre Träume sagen. Der große Geist hat uns dieses Bewusstsein geschenkt, aber die Menschen nutzen es nicht mehr, sie sind sich dessen nicht mehr bewusst. So gehen sie wie blind weiter einen Weg, der nirgendwohin führt, eine breite geteerte und perfekt gerade Straße, die sie selbst erbauen, um so schnell wie möglich zum großen Abgrund zu eilen, der dort am Ende auf sie wartet, um sie zu verschlingen.“

Literaturverweis: * David Stannard, American Holocaust, Oxford University Press, USA, 1992

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Bisons durchqueren die Gegend von Standing Rock

Übersetzung aus dem Italienischen von Evelyn Rottengatter

Kategorien: Indigene Völker, Menschenrechte, Nordamerika, Ökologie und Umwelt
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