Parent Circle: es tröstet uns nicht, Blumen auf die Gräber unserer Kinder zu legen

05.10.2016 - Antonietta Chiodo

Dieser Artikel ist auch auf Italienisch verfügbar.

Parent Circle: es tröstet uns nicht, Blumen auf die Gräber unserer Kinder zu legen
(Bild von Parent Circle: Robi Damelin)

Am 3. August diesen Jahres fand in den USA ein Konvent der demokratischen Partei zu Diskriminierung durch Rassismus und den immer weiter steigenden Zahlen von jungen Afroamerikanern, die auf den Straßen Amerikas sterben, statt. Der Konvent wurde von Hillary Clinton ins Leben gerufen, um Frauen aus aller Welt die Gelegenheit zu geben, zusammenzukommen und Ideen und Vorschläge für eine Zukunft aller Ethnien auszutauschen. Zu Gast war auch Robi Damelin, Mitbegründerin des Parent Circle, einer Organisation von palästinensischen und israelischen Familien, die aufgrund des Konfliktes enge Verwandte verloren haben. Im Folgenden geben wir ihre wortgewaltige Rede in ihrer Gesamtheit wieder, wie sie von der Bühne klang und das gesamte Publikum ergriffen zurück ließ:

Als ich die trauernden afroamerikanischen Mütter auf der Bühne des Konvents sah, dachte ich nur daran, wie viel wir Mütter, die wir unsere Kinder verloren haben, gemeinsam haben, jenseits von Hautfarbe, Glaube oder nationaler Identität. Ich dachte, dass alle trauernden Mütter der Welt gemeinsam aufstehen und sagen sollten: „Es reicht! Hört auf mit den Morden. Lasst, dass unsere Kinder ihr Leben leben können. Wir können mit dieser schrecklichen Aufgabe, unsere Söhne und Töchter zu begraben, nicht weitermachen. Wir können unsere Mutterschaft nicht weiterführen, indem wir uns um die Gräber kümmern und uns vormachen, Blumen darauf zu legen würde uns trösten.“

Ich kann Euch, als eine die ihren Sohn verloren hat, versichern, dass der Schmerz niemals vergeht. Ja, morgens setzen wir unsere Maske auf und gehen hinaus in die Welt, als wenn sie noch wäre wie zuvor, aber hinter dieser Fassade sind wir für immer verletzt. Das Leben nimmt einen bittersüßen Geschmack an. Es spielt keine Rolle, wie viele fröhliche Anlässe gefeiert werden, am Tisch bleibt immer ein Platz leer und es fehlen die Enkel, die wir gehabt hätten, das Glück über eine Hochzeit oder einen Geburtstag oder einen Jahrestag, der nie stattfindet. Wir lernen, mit dem Verlust an unserer Seite zu leben und wir können uns entscheiden, entweder mit unserem Kind zu sterben oder den Weg der Vergeltung zu gehen, nur um herauszufinden, dass es für ein verlorenes Kind keine Vergeltung gibt. Oder wir können manchmal auch den Weg der Versöhnung gehen, um zu verhindern, dass auch anderen das Herz gebrochen wird. Für mich ist die Wahl des Weges der Versöhnung das, was es mir erlaubt, nicht selbst Opfer zu sein, sonder frei zu sein.

Stellt Euch vor, zu den Müttern auf der Bühne des Konvents würden die Mütter der getöteten Polizisten dazukommen. Stellt Euch vor, sie würden mit einer einzigen lauten Stimme allen zurufen: „Hört auf mit den Morden. Sucht die Menschlichkeit im anderen. Wenn wir, die wir den höchsten alle Preise gezahlt haben, hier unten vor Euch stehen können mit der Absicht, die Gewalt zu beenden, dann könnt Ihr das mit Sicherheit auch.“ Dann könnten all diese Mütter einen Sinn verspüren und vielleicht auch einen Grund, morgens aufzustehen und ihre Kinder zu ehren, in der außergewöhnlichsten aller Weisen. Sie könnten, ich wage es zu sagen, anstatt der Wut die Liebe wählen. Sie könnten einander entdecken, die einer die andere und umgekehrt, durch Verstehen und Empathie. Auf eine sonderbare Weise fühle ich mich dazu qualifiziert, all das zu sagen, nach vielen Jahren der Arbeit mit dem Parent Circle – Family Forum. Wir sind eine Gruppe von palästinensischen und israelischen Familien, die den Verlust eines geliebten Menschen erlitten haben in einem Konflikt, der schon vor langer Zeit hätte beendet werden müssen. Wir erkennen unser Bedürfnis an, diese unsere persönliche Geschichte viele Male zu erzählen, um die Nachricht der Versöhnung zu verbreiten. Es ist nicht immer leicht. Es gibt Gewalt, Krieg, entsetzliche Bomben, den Tod von unschuldigen Bürgern auf beiden Seiten. Und trotz allem – wir sind hier, um diese Situation zu ändern und wir wissen um die Wirkung der Welle an Empathie, die Berge versetzen kann.

Ich wünsche mir, palästinensische Mütter treffen zu können, israelische Mütter, Mütter der Bewegung (Black Lives Matter, Anm. d. Übers.) und Mütter der Polizisten, die ihr Leben verloren haben. Ich bin sicher, dass wir zusammenarbeiten können, um einen Sinn von Hoffnung zu schaffen, dass die Dinge anders werden können und dass es nichts wichtigeres gibt, als die Unversehrtheit menschlichen Lebens. Ja, wir stimmen zu, jedes einzelne Leben zählt.

Übersetzung aus dem Italienischen von Evelyn Rottengatter

Kategorien: Gewaltfreiheit, Mittlerer Osten, Vielfalt
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