Medea Benjamin: „Gewaltfreiheit ist der einzige Weg“

08.10.2016 - Anna Polo - Dario Lo Scalzo

Dieser Artikel ist auch auf Italienisch verfügbar.

Medea Benjamin: „Gewaltfreiheit ist der einzige Weg“
(Bild von Dario Lo Scalzo)

Während des International Peace Bureau World Congress, der in Berlin vom 30. September bis zum 2. Oktober stattfand, hatten wir die Gelegenheit und das Glück, die amerikanische Aktivistin Medea Benjamin treffen zu können, mit der wir das folgende Interview geführt haben.

Medea Benjamin ist Mitbegründerin der von Frauen geführten Friedensorganisation CODEPINK sowie der Menschenrechtsorganisation Global Exchange. Sie engagiert sich aktiv seit über 40 Jahren für soziale Gerechtigkeit und hat viele Protestaktionen gegen US Interventionen in Irak, Afghanistan, Libyen und Syrien organisiert. Sie kämpft auch an der Front der Anti-Dronen-Bewegung.

Wie wird sich die US Politik nach den Präsidentschaftswahlen entwickeln?

Während der Obama Präsidentschaft war es sehr schwierig, die Aufmerksamkeit der Leute auf all die Kriege zu lenken, in die die Vereinigten Staaten involviert sind. Ich glaube, die Leute hatten irgendwie die Idee, dass Obama uns aus den Kriegen heraushalten würde, wenn wir doch jetzt im Gegenteil in noch mehr Kriege verwickelt sind, inklusive der Kriegsführung mit Dronen, die auf Obamas Konto geht. Mit Donald Trump und Hillary Clinton gibt es da bei beiden glaube ich keine solcher Illusionen. Die Leute wissen, dass beide „hart“ im Bezug auf Sicherheit sind, beide sehr pro Militär eingestellt, besonders Hillary Clinton, die im Laufe ihrer Karriere bereits bewiesen hat, dass sie nicht lange zögert, das Militär für Interventionen einzusetzen. Deshalb glaube ich, dass es nicht wirklich einen Unterschied macht, wer von beiden Präsident sein wird. Wichtig wird jedoch sein, die Art von Bewegung wieder zu erschaffen, die wir unter Bush hatten, wo wir hunderttausende von Menschen in den Straßen mobilisieren konnten. Genau das müssen wir jetzt wieder tun, egal wer im Weißen Haus sitzt.

Im Juli unterbrachen Sie die Abschlussrede von Donald Trump beim nationalen Konvent der Republikaner, indem Sie das Banner „Baut Brücken, keine Mauern“ hoch hielten. Woher nehmen Sie die Kraft und die Inspiration, solch mutige und kreative Aktionen durchzuführen?

PINKCODE engagiert sich bereits seit langem gegen Krieg, schon seit vor der Invasion des Irak, aber wir haben bemerkt, dass die Medien mit der Zeit aufhörten, uns und auch anderen Friedensaktivisten zuzuhören. So mussten wir neue und kreativere Wege finden, um die Aufmerksamkeit der Medien auf uns zu ziehen. Manchmal bedeutet das, dahin zugehen, wo die Medien bereits sind. Zum Beispiel ging ich zu einer Rede von Präsident Obama zum Thema nationale Verteidigung und stand währenddessen auf und forderte ihn zu den Themen Dronen und Guantanamo heraus, während alle nationalen und internationale Medien zugegen waren. Ähnliches während dem Konvent der Republikaner, als Donald Trump seine Abschlussrede zur Annahme der Kandidatur hielt, die größte aller Reden, die man halten kann. Ich stellte mich auf einen Tisch innerhalb des Konvents mit einem Banner, auf dem stand: „Baut Brücken, keine Mauern“. Meine Kollegen machen ähnliche Dinge. Manchmal haben wir schon Angst und unsere Herzen klopfen dann wie verrückt, wir werden oft von den Leuten um uns herum angegriffen. Mir wurde einmal die Schulter ausgerenkt und eine unserer jungen Frauen war ein Jahr lang in Therapie nachdem sie geschlagen und an der Kehle gewürgt worden war. Man weiß also nie, was passiert, es ist eine Menge Risiko mit im Spiel. Aber wir denken dann immer an all die Menschen, die durch unsere Politik sterben, leiden müssen, traumatisiert sind, und die keine Wahl haben. Und das gibt uns den Mut, solche Dinge zu tun.

Die Bewegung, die um die Kandidatur von Bernie Sanders während der Democratic Primaries herum entstand, hat große Hoffnungen geweckt, besonders auch unter jungen Leuten. Wie sehen Sie die Situation jetzt? Wird diese Welle an Aktivismus weiterlaufen?

Während der Kandidatur von Bernie Sanders war es erstaunlich, zu sehen, wie viel Feedback dieser ältere, nicht sehr charismatische Typ von so vielen jungen Menschen erhielt. Sie ließen die Schule ausfallen, sie nahmen sich Urlaub von ihren Jobs, um bei seiner Kampagne mitzuarbeiten. Wirklich erstaunlich dieser Enthusiasmus unter den Zwanzigjährigen und Teil dieses Enthusiasmus war auch, wie klar Bernie Sanders Nachricht zu sozialer Ungleichheit war. Er sprach nicht viel von außenpolitischen Themen, was sehr schade war. Aber er schaffte es, die Leute mit Energie aufzuladen und zu sagen, wir sollten nicht in einem Land leben, in dem die Menschen keine freie Schuldbildung erhalten, in dem es keine angemessene Gesundheitsversorgung gibt, in dem wir die Umwelt zerstören, nur damit die Ölindustrie weiterhin Profite machen kann.Und ich glaube, diese Nachricht ist auch wirklich bei den Menschen angekommen, so sehr sogar, dass in einem dermaßen konservativen Land wie den USA die junge Generation nun dem Sozialismus gegenüber positiver eingestellt ist als dem Kapitalismus. Das ist das Vermächtnis von Bernie Sanders und ich glaube, wir werden die Auswirkungen noch in den kommenden Jahren erleben, wenn diese jungen Menschen sich für verschiedene Dinge engagieren. Einige werden in der demokratischen Partei bleiben und für Wandel von innen heraus kämpfen, viele werden auch enttäuscht sein und außerhalb der Partei arbeiten, zum Beispiel für Dinge wie Grundeinkommen für alle, um Gelder von der Politik zu erhalten oder für Themen zu Umweltschutz, manche hoffentlich auch für Themen zu Frieden und Abrüstung. Das Vermächtnis ist also da, aber in einer eher breit gestreuten Weise.

Was kann Ihrer Meinung nach getan werden, um die Kultur von Gewalt und Rache, die so viel Opfer in den Vereinigten Staaten gefordert hat, zu verwandeln?

Die Kultur der Gewalt ist in unseren Gesellschaften so dermaßen eingraviert und das Militär wird so dermaßen glorifiziert, man sieht den Einfluss des Militärs, das sogar in die Schulen geht, und das die Leute dazu ermutigt, zu lernen wie man mit Waffen umgeht und sich beim Militär einzutragen. Man sieht Sportarenen, die zu Orten werden, wo Menschen aufstehen, Hymnen singen und ihre Treue schwören. Das alles ist Teil des großen Drum Beats, um den Krieg zu glorifizieren. Es ist ziemlich ironisch, wenn man sich die USA anschaut, haben wir seit Vietnam Kriege verloren, das Militär kann, obwohl es riesig ist, größer als alle anderen und fast so groß wie der gesamte Rest an Militärs zusammen, keine Kriege mehr gewinnen. Ich glaube, dass die Menschen an einem Punkt angelangt sind, an dem sie des Krieges müde sind, wir sagen „kriegsmüde“ aber auch „kriegsweise“, weil immer mehr Menschen verstehen, dass die Glorifizierung des Militärs keine Antwort ist, dass das Militär keine Antwort ist, dass diese letzten 15 Jahre seit den 9/11 Attentaten nur noch mehr Terroristengruppen produziert haben, mehr Unsicherheit und mehr Kriege. Deshalb, glaube ich, müssen wir an die Wurzel des Militärs gehen, wir müssen Gewaltfreiheit in den Schulen lehren, wir müssen unseren Kindern Gewaltfreiheit beibringen und wir müssen die Glorifizierung von Krieg zurückdrängen.

Sie sprechen von einer Welt der Empathie und des friedlichen Einklangs, im Gegensatz zu einer Welt der Gleichgültigkeit und Gewalt. Welche Rolle kann Ihrer Meinung nach Gewaltfreiheit bei der Erschaffung einer solchen Welt spielen?

Wenn wir den Weg der Empathie, des friedlichen Miteinanders und der politischen – nicht militärischen – Lösungen gehen wollen, müssen wir uns für den Weg der Gewaltfreiheit entscheiden. Wir haben die Katastrophe gesehen, die im Mittleren Osten nach dem so hoffnungsvollen Arabischen Frühling passiert ist, als die Menschen glaubten, sie könnten ihrer Regierungen mit gewaltfreien Mitteln ändern und die dann entweder mit Gewalt angegriffen wurden oder selbst zu den Waffen griffen und das Resultat ein nicht enden wollender Kreislauf von Gewalt ist. Ich glaube, die Gewaltfreiheit ist der einzige Weg, den wir haben, denn was Gewalt angeht, so haben die Regierungen die Macht. Sie haben diese riesigen Mengen an Waffen, die wir nicht haben, deshalb – ob es nun aus Überzeugung oder aus Pragmatismus heraus ist – ist Gewaltfreiheit die einzige Lösung. Und ich denke, wir müssen viel entschiedener, kreativer und mutiger in der Art und Weise vorgehen, in der wir Gewaltfreiheit praktizieren. Und auch attraktiver für die Menschen werden, so dass wir wirklich Massenbewegungen für die Gewaltfreiheit bekommen. Denn in den kommenden Jahren wird die einzige Möglichkeit, die aktuellen Kriege und den industriellen Militärkomplex zu stoppen, der massiv davon profitiert, dass diese Kriege andauern, die sein, dass wir Massenbewegungen für Gewaltfreiheit haben.

Und welche Rolle können die Medien spielen?

Leider sind die Mainstream-Medien Teil des Problems und nicht Teil der Lösung. Sie gehören mit zu dem, was heute der „industrielle politische akademische Sicherheits-, Medien- und Militärkomplex“ ist, weil sie alle nur um dasselbe Ziel kreisen, nämlich die Kriegsmaschine zu füttern. Wir brauchen also unabhängige Medien, wir brauchen alternative Medien, wir brauchen ehrliche Medien, die uns die katastrophalen Auswirkungen von Krieg erklären, die das Thema Krieg mit anderen Themen in Verbindung bringen, wie zum Beispiel warum wir keine gute Gesundheitsversorgung in unseren Ländern haben, warum wir keine guten Bildungssysteme haben, warum unsere Infrastruktur marode ist und auseinanderfällt, warum wir keine grüne Energie haben, um sicherzustellen, dass der Planet überlebt….weil wir so viel Geld für unsere Militärs ausgeben. Wir brauchen die Medien, um uns dahingehend zu erziehen. Wir brauchen die Medien, um uns darüber aufzuklären, dass Institutionen wie die NATO Teil des Problems und nicht der Lösung sind. Wir brauchen die Medien, um uns über die Kriege aufzuklären, in die wir involviert sind, über das, was Kriegsführung mit Dronen bedeutet und warum sie so sehr das vergewaltigt, was unsere moralischen Überzeugungen sein sollten: weit entfernt von allem und bequem einen Knopf zu drücken und so Menschen zu töten, die tausende von Kilometern entfernt sind und die wir nicht einmal kennen. Wir müssen den Menschen erklären wie sehr Rassismus und Krieg miteinander verbunden sind. Wie man Menschen nicht einfach töten kann ohne sie zu entmenschlichen und sie als nicht-menschliche Wesen zu behandeln. Und ich glaube, all diese Dinge sind so essentiell wichtig, zum Beispiel auch, die Menschen darüber aufzuklären, dass wenn sie sich um die Umwelt sorgen, sie sich auch um den Krieg Gedanken machen müssen, weil der Krieg der größte Umweltverschmutzer ist, oder auch, dass es bei Kriegen immer mehr nur noch um Ressourcen geht. Es gibt also so viele Arten, auf die die Medien uns darüber aufklären müssen, wie schlecht Krieg für uns ist, nicht nur weil dadurch Menschen sterben, sondern auch weil Krieg die Zukunft tötet.

Interview von Anna Polo und Dario Lo Scalzo

Video von Dario Lo Scalzo

Übersetzung aus dem Englischen von Evelyn Rottengatter

Kategorien: Europa, Frieden und Abrüstung, Gewaltfreiheit, Interviews, Nordamerika, Video
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