War der Islamische Staat von den USA gewollt?

10.03.2016 - Henriette J.

War der Islamische Staat von den USA gewollt?

Als im August 2014 mit der öffentlichen Enthauptung eines entführten US Reporters und der Besetzung Mosuls die Medien zum ersten Mal vom Islamischen Staat berichteten, machte es den Anschein, dass der IS quasi über Nacht entstanden wäre. Dass die heute Strukturen des IS bereits in 2012 klar erkennbar waren (und den Startschuss womöglich der „Kreuzzug gegen den Terror“ vor ca. 15 Jahren gemacht hat), blieb den US Geheimdiensten aber keinesfalls verborgen.

Das offenbart ein Geheimdienstbericht der Defense Intelligence Agency (DIA). Auf Druck der Bürgerrechtsbewegung „Judical Watch“ verordnete ein US Gericht im Mai 2015 die Veröffentlichung des als (einfach) geheim eingestuften DIA-Berichts [1] mit Datum August 2012.

Die Informationen der US Geheimdienste werden regelmäßig im Nationalen Sicherheitsrat besprochen, dessen Vorsitzender immer der aktuelle US Präsident ist. Das heißt Barack Obama war sehr genau darüber informiert, dass sich Syrien in Richtung eines Bürgerkrieges bewegte und es dort zur Bildung eines „erklärten oder nicht erklärten Salafisten-Hoheitsgebietes“ kommen würde. Obwohl die USA also mit diesen und zahlreichen weiteren Erkenntnissen der Geheimdienste die Entwicklungen in Syrien sehr präzise hervorgesehen haben, kam es ihnen nicht in den Sinn die Waffenlieferungen an ihre arabischen Verbündeten zu überdenken, von effektiven militärischen Operationen, wie zum Beispiel der Entsendung von Bodentruppen, ganz zu schweigen. Im Gegenteil, die USA haben sich inzwischen als indirekter Sponsor der Vorläufergruppierungen des IS und der IS selbst erwiesen.

Aufgrund seines skandalösen Charakters, wäre dieser Bericht eine Nachricht in der Prime Time allemal wert gewesen, wurde aber vom FIFA Skandal um die Schmiergelder, ich sag mal, verdrängt.

Der DIA-Bericht – Zusammenfassung

Nachfolgend eine Zusammenfassung des (stellenweise geschwärzten) DIA-Berichtes:

Allgemeine Lage und Prognosen

  • Die Ereignisse nehmen ganz klar konfessionelle Züge an.
  • Die Salafisten, die Muslimbruderschaft und die Al Quaida im Irak (AQI, IS, ISI) sind die treibenden Kräfte hinter dem Aufstand.
  • Der Westen, die Golf Staaten und die Türkei unterstützen die (sunnitische) Opposition.
  • Russland, China und der Iran das Assad Regime.
  • Al Quaida im Irak führt unter dem Namen Jaish Al-Nusra in syrischen Städten militärische Operationen durch.
  • Die aktuellen Ereignisse werden sich zu einem Stellvertreterkrieg entwickeln.

Auswirkungen auf den Irak

  • Möglichkeit der Entwicklung Eines erklärten oder nicht erklärten Salafisten-Hoheitsgebietes.
  • Das ist genau das, was die Mächte, die die Opposition unterstützen, wollen.
  • Denn das syrische Regime muss isoliert werden, um eine schiitische Expansion im Irak und und Iran zu verhindern.

Diese Entwicklung schafft folgende Voraussetzungen

  • Die Rückkehr der Al Quaida im Irak in ihre früheren Enklaven in Mosul und Ramadi.
  • Neue Impulse, den Jihad der irakischen und syrischen und der übrigen Sunniten der arabischen Welt gegen die „Abtrünnigen“ zu vereinen.
  • Die Ausrufung eines islamischen Staates durch die Vereinigung der verschiedenen Terrorgruppen.
  • Die Förderung der Einreise von Terrorzellen aus der ganzen arabischen Welt in die irakischen Gebiete.

An dieser Stelle ist der Bericht nun durchgängig geschwärzt.

„Terroristisches Watergate“

Der ehemalige CSU Abgeordnete und heutige Friedensaktivist, Jürgen Todenhöfer, spricht von einem Offenbarungseid, einem „terroristischen Watergate“[2]. Wer möchte ihm da widersprechen?

Der Bericht legt Zeugnis davon ab, wie erschreckend genau die US Geheimdienste die damalige Situation eingeschätzt und prognostiziert haben.  Es ist die Rede von einem „erklärten oder nicht erklärten Salafisten-Hoheitsgebietes“, also der heutige IS. Obwohl die Gemengelage der verschiedenen Gruppierungen in Syrien komplex ist, lässt sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen, dass die Freie Syrische Armee, Teile der Al-Quaida und ehemalige sunnitische irakische Generäle und Offiziere nach dem Regimewechsel durch die westliche Invasion im Irak in 2003 im Laufe der nachfolgenden Jahre die Basis des IS bildeten.

Bleibt die Frage, ob die USA die Bildung einer radikalislamischen Terrororganisation gewollt haben um ihr Ziel eines „Regime Change“ in Syrien zu verwirklichen? Wurde in Kauf genommen, dass sich die verschiedenen Terrorgruppen in einem „erklärten oder nicht erklärten Salafisten-Hoheitsgebiet“ vereinen, Landesteile gewaltsam besetzen und Assads Regime schwächen? Wenn ja, so würde dies erklären warum die USA die IS Stellungen nur halbherzig bombardiert haben und sie auch nicht mit den einzig wirksamen Mittel der Wahl, nämlich Bodentruppen, bekämpfen. Wenn dem so sein sollte, machen sich die USA zum Mitverantwortlichen für den Tod an tausenden Zivilisten, für die Millionen Flüchtlinge und die Anschläge des IS im arabischen Raum und in Europa.

„Regime Change“ als Steckenpferd der US Außenpolitik

Obgleich diese These auf den ersten Blick etwas gewagt klingen mag, entsprechen verdeckte Geheimdienstaktionen bei näherer Betrachtung jener außenpolitischen Linie der US Hegemonialpolitik, die sie nach dem zweiten Weltkrieg überhaupt erst zu ihrer heutigen Vorherrschaft geführt hat. Es seien hier nur einige wenige Beispiele aufgeführt, welchen Wert die USA der Durchsetzung ihre Ziele beimessen:

Afghanistan Krieg 1979 – 1989
Zbigniew Brzezinski, Sicherheitsberater unter Reagan (1977 – 1981)

Brzezinski

Brzezinski bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2008 (Bild: Kleinschmidt/msc)

In Afghanistan wurden in den 70gern die vor 2001 aus der westlichen Sicht „guten“ Muhadscheddin von der CIA massiv mit militärischem Know-how und Gerätschaften und Geldern ausgestattet um der sowjetischen Besatzung in Afghanistan ein Ende zu bereiten. Der Krieg kostete ca. 1 Million Zivilisten das Leben, erschuf einen streng fundamentalistischen Herrschaftsanspruch der Taliban in Afghanistan und katapultierte das Land um Jahrzehnte zurück.

„Regret what? This was an excellent idea!“

In einem Interview mit der Le Nouvel Observateur, Paris, im Jahre 1998 wurde Zbigniew Brzezinski, gefragt, was er zu den damaligen Argumenten der Sowjets sage, die ihren Einmarsch in Afghanistan damit rechtfertigten, dass sie gegen eine geheime Involvierung der USA kämpften, und ob er nicht doch irgendwas von all dem bereue? Hier Brzezinskis Antwort im Original:

„B: Regret what? That secret operation was an excellent idea. It had the effect of drawing the Russians into the Afghan trap and you want me to regret it? The day that the Soviets officially crossed the border, I wrote to President Carter. We now have the opportunity of giving to the USSR its Vietnam war. Indeed, for almost 10 years, Moscow had to carry on a war unsupportable by the government, a conflict that brought about the demoralization and finally the breakup of the Soviet empire.“

Brzezinski bereut also nichts. Im Gegenteil, die Erschaffung der Al-Quaida um die Sowjets in die afghanische Falle zu locken, sei eine exzellente Idee gewesen.

Der Interviewer hakt weiter nach:

Q: And neither do you regret having supported the Islamic fundamentalism, having given arms and advice to future terrorists?

B: What is most important to the history of the world? The Taliban or the collapse of the Soviet empire? Some stirred-up Moslems or the liberation of Central Europe and the end of the cold war?“ [3]

Für Brzezinski sind also ein paar durchgeknallte Muslime kein Problem, da die Rettung der westlichen Ideologie und der Sieg im Kalten Krieg einen höheren Wert hat als das Leid Millionen von Zivilisten und das Ende der afghanischen Zivilgesellschaft unter der Terrorherrschaft der Taliban. Angemerkt sei, dass hierfür nicht ein einziger US Soldat sein Leben lassen musste.

Madeleine Albright
UN-Botschafterin 1991, US Außenministerin unter Clinton (1997 – 2001)

Albright

Madeleine Albright (Bild: US Außenministerium)

Als nach der Besatzung Kuwaits durch den Irak 1991 die USA in den Irak einmarschierten (Zweiter Golfkrieg) sollten die vielen direkten Todesopfer und Menschenrechtsverbrechen von Seiten der USA erst der Anfang einer menschenverachtenden Politik gegenüber dem Irak sein. Unter dem massiven Druck der USA verhängte damals die UN lange Jahre andauernde Sanktionen gegen den Irak (Resolution 687), die so gnadenlos waren, dass selbst die UN Sonderbeauftragten für das Food for Oil Programm aus Protest von Ihrem Posten zurücktraten. [4]

„The price is worth it“

In einem Interview in der Fernsehershow „60 Minutes“ aus dem Jahr 1996 wurde die damalige UN Botschafterin folgendes gefragt (in deutscher Übersetzung):

„Q: Wir haben gehört, dass eine halbe Million Kinder wegen der Sanktionen gegen den Irak gestorben sind. Ich meine, das sind mehr Kinder, als in Hiroshima umkamen. Und – sagen Sie: ist es den Preis wert?“

„A: Ich glaube, das ist eine sehr schwierige Entscheidung, aber der Preis – wir glauben, es ist den Preis Wert.“ [5]

Der sinnlose Tod von 500.000 irakischer Kinder war für Mrs. Albright also den Preis Wert um Saddam wieder zurück in die Schranken zu weisen. Höchstmögliche Brutalität scheint vielleicht eine Schlüsselqualifikation zu sein, mit der man sich, wie Albright später, für den US Außenministerposten qualifiziert.

Der Putsch am iranischen Präsidenten Mossadegh – Sündenfall der USA und Großbritanniens

Im Iran wurde der demokratisch gewählte Präsident Mohammad Mossadegh 1951 durch das CIA und den britischen Geheimdienst MI-6 über die Unterstützung der Oppositionsgruppen und mithilfe inszenierter Terroranschläge gestürzt. Der Grund war denkbar einfach: Mossadegh wollte das Erdölgeschäft des Landes verstaatlichen. Ein Schock für die bis dato mit dem Löwenanteil an den Ölgewinnen beteiligten US-amerikanischen und britischen Mineralölkonzernen. [6]

Nach dem erfolgreichen „Regime Change“ zerschlug der pro-westliche Schah die Pläne der Erdölverstaatlichung und die US-amerikanische Exxon und die britische BP konnten weiterhin die fetten Gewinne abschöpfen, mit denen Mossadegh lieber die Staatskasse gefüllt hätte.

Der im Volk zusehends unbeliebtere Schah wurde 1979 mit der Revolution Ayatollah Komeinis gestürzt. Ohne den Putsch an Mossadegh hätte die iranische Bevölkerung nicht im islamistischen Fundamentalismus ihre Freiheit erhofft. Auch hier waren der USA (und Großbritannien) die sprudelnden Erdölgewinne bedeutsamer als die gesamte iranische Zivilgesellschaft.

Und da waren noch…

  • Putschversuche gegenüber Fidel Castro (Operation Northwood) [7]
  • Von den USA provozierter Angriff auf Pearl Harbor [8]
  • Putsch des demokratisch gewählten Präsidenten Chilles durch Pinochet mithilfe des CIA
  • „Brutkastenstory“ um die US Bevölkerung auf Kriegskurs gegen den Irak zu bringen (1991) [9]
  • 9/11 als vorgetäuschtes Argument für die Besetzung des geographisch wichtigen Afghanistans
  • Lüge über die Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins um im Irak einen Regime Wechsel einzuleiten und das Land zu filetieren
  • ….

Bewertung des DIA-Berichts

Bewerten wir den Bericht also nach diesem kurzen – und nicht abschließenden – Ausflug in die US Außenpolitik noch einmal:

  • Im Kontext der US-amerikanischen Hegemonialpolitik der neueren Geschichte liegt es nahe, dass die USA die Entstehung des IS („declared of non-declared salafist state“) erst einmal billigend in Kauf genommen haben um das Assad Regime zu stürzen bzw. zu isolieren.
  • Die explosive gesellschaftliche Situation in Syrien wurde sehr genau von US Geheimdiensten registriert, Waffenlieferungen zum Beispiel aus dem Libanon nach Syrien sind dem US Geheimdienst ebenso wenig entgangen (vgl. einen weiteren veröffentlichten Geheimdienstbericht vom Department of Defense Bericht, 2012). [10]
  • Einzig fraglich ist, ob die USA die Eigendynamik der IS nicht unterschätzt oder ob sie diese nicht gar durch Infiltrierung und geheimdienstliche Unterstützung befördert haben. Die Beispiele der mittlerweile freigegebenen Geheimdienstakten sprechen eine klare Sprache.

Die Veröffentlichung dieses Berichtes ist, wie eingangs erwähnt, nur wenig von den gängigen Medien beachtet und, meines Erachtens nach, unzulänglich analysiert worden. Es dürfte auch am mangelnden Interesse liegen, unsern wichtigsten Verbündeten öffentlich für seine Verbrechen zu kritisieren. Es reicht schon der NSA Skandal um die deutsche Regierung bloßzustellen und unter der Bevölkerung den Verdacht zu erhärten, dass die deutsche Politik machtlos gegenüber der stärksten Militärmacht der Welt ist, wie andere Staaten auch. Und auch beim aktuellen Kampf um die Zukunft Syriens werden die USA wieder keinen einzigen GI verlieren und bekommen am Ende vielleicht tatsächlich noch ihren gewünschten „Regime Change“. Denn die einstige politische und wirtschaftliche Autonomie Syriens und die gleichzeitig guten Beziehungen zu Russland, China und dem Iran dürften wohl, in Anbetracht des Kampfes um die Vormachtstellung in der Welt, der „wahre“ Feind der USA sein.


[1] http://www.judicialwatch.org/document-archive/pgs-287-293-291-jw-v-dod-and-state-14-812-2/
[2] https://deutsch.rt.com/international/20831-terroristisches-watergate-freigegebener-us-geheimdienstbericht/
[3] http://www.globalresearch.ca/articles/BRZ110A.html
[4] Vgl. Sponeck; Zumach: Irak – Chronik eines gewollten Krieges, 2003
[5] http://www.globalresearch.ca/dedicated-to-madeleine-albright-on-behalf-of-the-children-of-iraq-whose-lives-were-a-price-worth-it/24729
[6] Vgl. Michael Lüders: Wer den Wind säht, 2015
[7] https://www.siper.ch/de/geschichte/historische-dokumente/justification-for-us-military-intervention-in-cuba-%28operation-northwoods%29.html
[8] http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2001/09/15/a0177
[9] http://www.heise.de/tp/artikel/14/14271/1.html
[10] http://www.judicialwatch.org/document-archive/pgs-1-3-2-3-from-jw-v-dod-and-state-14-812/

Kategorien: International, Politik
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