Zivilisierung der Gesellschaft durch Annäherung – Flüchtlinge gehen in Schulen

01.07.2015 - Johanna Heuveling

Zivilisierung der Gesellschaft durch Annäherung – Flüchtlinge gehen in Schulen
(Bild von Manuela Wilk, Ostseezeitung)

Minderheiten dürfen in Deutschland niemals mehr diskriminiert oder gar getötet werden. Das war eine der wichtigsten Antriebskräfte der 68er Bewegung. Nach den Brandanschlägen gegen Flüchtlinge in Rostock und Hoyerswerda konnte der Journalist Wolfgang Lieberknecht, nicht mehr in den Spiegel gucken: „Tue ich genug, um solchen Wahnsinn zu verhindern?“. Er hatte sich seit seiner Jugend  mit den Lebensbedingungen in den Gebieten beschäftigt, aus denen die Flüchtlinge jetzt kamen und wusste: „Viele kommen, weil es ihre einzige Überlebenschance ist.“

Aber was tun, um diesen Menschen Schutz zu sichern in Deutschland? Die Abschottungspolitik der Regierungen entsprach ja der gängigen Meinung der Menschen in Deutschland. Warum denken die Menschen so? Weil sie egoistisch sind und kein Mitgefühl haben? Solche gäbe es sicher auch, aber viele, so war Lieberknecht überzeugt, lehnten die Aufnahme von Asylsuchenden ab, weil sie diese Menschen nicht als Menschen kennenlernen und weil sie nichts wissen über die Gründe, die Menschen in die Flucht treiben.

Das Rezept also: Einheimische sollten Flüchtlinge kennenlernen, sehen, dass die auch aktiv etwas geben können und etwas von deren Lebensumständen verstehen.

Nicht gegen Etabliertes kämpfen, sondern etwas Besseres aufbauen

Lieberknecht zitiert einen seiner wichtigsten geistigen Vordenker Antonio Gramsci: „Die Zivilisierung der Gesellschaft geht über die Zivilisierung des Individuums.“ Von ihm hat er auch gelernt, dass es nicht reicht, etwas zu kritisieren, sondern dass man gleichzeitig etwas  Besseres aufbauen muss. Statt sich bei der Bekämpfung des Etablierten zu verausgaben, solle man ein gesellschaftliches Gegenbündnis schaffen, das erst die Meinungsführerschaft in der Gesellschaft übernehmen kann, um dann auch neue politische Entscheidungen zu erreichen. Dazu seien Persönlichkeiten nötig, die solche Bündnisse bilden können und zu deren Ausbildung wollte Lieberknecht beitragen, sowohl unter Migranten als auch in der einheimischen Bevölkerung.

Das waren die Gründungsgedanken des Vereines Black&White. Dieser Verein stellte Flüchtlinge als Musiker ein. Durch ihre eigene Arbeit in der Musikgruppe des Vereins konnten sie so viel Geld verdienen, dass der Verein ihnen dauerhaft Lohn zahlen konnte. Trotz Ablehnung ihrer Asylverfahren konnten sie mit Unterstützung von Parlamentariern und einem Landrat als Künstler mit Künstlerstatus in Deutschland bleiben.

Ohne Gerechtigkeit, wird die Gewalt auf der Welt weiter zunehmen

In der Musikgruppe Black&White spielen heute vier Migranten aus Afrika, Lieberknecht koordiniert die Veranstaltungen. Zusammen gehen sie an Schulen überall in Deutschland, wo sie Workshops geben, 80 bis 100 mal im Jahr. Das Programm besteht zu einem großen Teil aus afrikanischer Musik unterbrochen von kurzen, auf die jeweilige Altersgruppe zugeschnittenen Vorträgen über Afrika („die Heimat aller Menschen“), aussagekräftige Informationen zu den Lebensverhältnissen dort, immer auch in Bezug auf die Kluft, die zwischen den Kontinenten existiert, Einkommensverhältnisse, Rohstoffverkehr („jeder, der ein Handy oder einen Laptop benutzt, nutzt afrikanische Rohstoffe“), die Geschichte der Kolonialisierung, auch die Militärausgaben Deutschlands im Vergleich zu Entwicklungsgeldern („Mit einem Kampfflugzeug könnte man 40.000 Dorfapotheken aufbauen“). Die Botschaft: „Ohne Gerechtigkeit, wird die Gewalt auf der Welt weiter zunehmen.“ Die Lösung? Die UNO Charta, die Krieg und Gewalt verbietet, und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die die Staaten verpflichtet, menschenwürdiges Leben allen Menschen zu sichern, sind die Dokumente, für deren Umsetzung die Gruppe trommelt und singt und tanzt. „Sie waren von den Staaten 1945 und 1948 als gemeinsame globale Verfassung beschlossen worden, wurden aber nur in Ansätzen umgesetzt. Die Kräfte, die von Ungerechtigkeit und Krieg profitieren, sind noch zu stark und verhindern das. Und viele andere, die es nicht tun, wissen nichts über diese Rechte und engagieren sich nicht politisch“, so Lieberknecht.

Aber vor allem wichtig bei den Schuleinsätzen sind die Workshops, in welchen die Schüler in kleineren Gruppen tanzen, singen und  trommeln lernen von  Afrikanern, manchmal sind das die ersten dunkelhäutigen Menschen, mit denen sie in so nahen Kontakt treten. Interessant findet Lieberknecht, dass in letzter Zeit vor allem Schulen im Ostteil Deutschlands sich für die Workshops von Black&White interessieren. Ob sie schon einmal negative Erfahrungen gemacht hätten? „Nein, Grundschüler gehen ohnehin offen auf Neues zu, aber auch in der Mittelstufe gab es nie ein Problem.“ Teilweise werden auch Eltern mit einbezogen in die Veranstaltungen.

Wie werden wir mit unseren globalen Problemen gemeinsam fertig?

Auf die Frage, ob er den Eindruck hätte, dass sich seit den Neunzigern in der Einstellung der Bundesbürger bezüglich Flüchtlingen etwas verändert hat, meint er: „Ja, sehr. Es gibt ein gewisses Erwachen seit dem Massenertrinken von Flüchtlingen im Mittelmeer. Das Leid kann man nicht mehr wegleugnen.“ Früher hätten sich die Leute eher in ihrem Wohlstand gestört gefühlt. Jetzt hätten viele das Gefühl, es muss was passieren. Zahlreiche Bürgerinitiativen, aber auch Kirchen beschäftigten sich jetzt mit der Aufnahme der Flüchtlinge. Aber er ist auch besorgt, denn es werden noch viel mehr kommen. Die Krise verschärft sich. „Die Welt fragmentiert sich wie nach 1929.“ Daher sei es wichtig, jetzt oppositionelle Kräfte aufzubauen, in die Zivilgesellschaft zu gehen und sich Gedanken darüber zu machen: Wie gestalten wir Europa? Wie bauen wir zivilgesellschaftliche Kräfte auf für eine gemeinsame Zukunft im Sinne der Menschenrechte?

Das sind große Visionen und der Verein Black&White trägt seinen kleinen Teil dazu bei, ohne das große Ziel aus den Augen zu verlieren. Der nächste Schritt, den sie vorhaben, ist die Gründung von „Eine Welt Schulen“ in Partnerschaft zwischen deutschen und afrikanischen Schulen. Dabei soll es nicht nur darum gehen, Geld in Deutschland zu akquirieren für Schulen drüben, sondern die Menschenrechtscharta und die globalen Probleme sollen in die Lehrpläne einfließen. „Wie werden wir mit unseren globalen Problemen gemeinsam fertig?“ als Leitfrage. Über das Internet, so schwebt Lieberknecht vor, sollen die Schüler über die Kontinente hinweg sich austauschen können.

Und hier gibt es noch einige Informationen zu Black&White:

Homepage des Vereines www.blackandwhite-schwarzundweiss.de oder Blog blackandwhiteinitiative.wordpress.com.

Berichte von regionalen Fernsehsendern in den neuen Bundesländern, in die die Gruppe Black&White seit einiger Zeit besonders oft eingeladen wird: Sachsen-Anhalt: https://www.youtube.com/watch?v=rFpgycL40GE,
Mecklenburg-Vorpommern: http://www.ruegen-tv.de/mediathek/Black_and_White-1522.html
Brandenburg: http://www.uckermark-tv.de/archiv/Black___White-4734.html

Kategorien: Erziehung, Europa, Interviews, Vielfalt
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