„Werde, der du bist – Aus und Vorbei für die Odenwaldschule“

13.07.2015 - Sabine Bock

„Werde, der du bist – Aus und Vorbei für die Odenwaldschule“
Odenwaldschule Goethehaus (Bild von Mussklprozz CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons)

Die Schüler der krisengeschüttelten „Odenwaldschule“ sind am vergangenen Donnerstag in die Ferien gestartet. Die Privatschule stehe nun vor dem endgültigen „Aus“. Am 16. Juni 2015 stellte die Schule einen Insolvenzantrag. Ob es angesichts der großen Geldprobleme und des eingereichten Insolvenzantrages, ein nächstes Schuljahr geben wird, bleibt ungewiss. Die Odenwaldschule galt international anerkannt und als Vorzeigeinternat der Reformpädagogik.

Die Eliteschule mit einem Landerziehungsheim im hessischen Stadtteil Ober-Hambach fühlte sich von der reformpädagogischen Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts und dessen Leitsatz des griechischen Dichters Pindar inspiriert: „Werde, der du bist! Erkenne, wer du im Kern deines Wesens bist, dann versuche es zu werden.

Der Berliner Stadtrat Max Cassirer förderte diese Schule. Demnach sollte sie die Gemeinschaft, die Persönlichkeit des Menschen und dessen selbstbestimmtes Handeln fördern. Kinder und Jugendliche sollten möglichst individuelle Lernanregungen bekommen: intellektuelle, handwerklich-praktische, musisch-künstlerische. Zu den weiteren Merkmalen des pädagogischen Konzepts dieser Schule gehörte, lange vor dem Aufkommen der antiautoritären Erziehung, das Duzen der Lehrer. Die Odenwaldschule war international angesehen. Es waren auch ausländische Lehrer aus England und den USA dort tätig. Für einen Internatsplatz waren monatlich über zweitausend Euro zu bezahlen, also eine Eliteschule der Bourgeoise. Was ist aus der „Reformpädagogik“ an der Odenwaldschule geworden?

Aufmerksamkeit erlangte die Odenwaldschule einerseits wegen ihrer Reformpädagogik, andererseits aber wegen jahrzehntelangen, systematischen, sexuellen Missbrauch durch verschiedene Lehrkräfte an den Schülern. Allerdings erst vor fünf Jahren ist dieser langjährige Missbrauchsskandal öffentlich geworden, der lange vertuscht worden war. Auf die Veröffentlichung des Skandals folgten ein Streit um die künftige Ausrichtung und zahlreiche Personalwechsel. Die Zahl der Schüler war stark zurück gegangen. Im kommenden Schuljahr würden es vermutlich nur noch 80 Schüler sein. Deshalb fehlte auch das Schulgeld für das Privatinternat. Nach der Bekanntgabe der Insolvenz hatten die Behörden den Eltern und Kindern mitgeteilt, dass sie bei der Suche nach einer anderen Schule behilflich sein würden.

Im Jahr 1998 wurden Berichte ehemaliger Schüler bekannt, nach denen bereits in den 1970ern bis in die 1980er Jahre der damalige Schuldirektor Gerold B. mehrere Schüler sexuell missbraucht hatte. Ein ehemaliger Schüler, der die Odenwaldschule von 1981 bis 1988 besuchte und von der Frankfurter Rundschau später mit dem Pseudonym Jürgen Dehmers geschützt wurde, hatte sich im Juni 1998 in zwei Briefen wegen des Missbrauchs an Rektor Wolfgang H. gewandt. Die Schule erklärte 1998, der vormalige Direktor habe „gegenüber dem Vorstand den Aussagen der Betroffenen nicht widersprochen und seine Funktionen und Aufgaben im Trägerverein und im Förderkreis der Odenwaldschule niedergelegt“. 1998 trafen sich Missbrauchsopfer, der damalige Direktor und der damalige Bundestagsabgeordnete Peter Conradi als Vize-Vorsitzender des Trägervereins und vereinbarten eine Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, welche jedoch nicht stattfand. Die strafrechtliche Aufarbeitung des Falles wurde ein Jahr später von der Staatsanwaltschaft Darmstadt wegen Verjährung eingestellt. Bis Ende 2012 kam es zu keinem Rechtsurteil. Der damalige Schuldirektor Gerold B. bat im März 2010 in einem Brief an die Odenwaldschule seine Opfer um Entschuldigung. Im Jahr 2010 starb er ohne strafrechtlich je zur Verantwortung gezogen worden zu sein. Laut deren Abschlussbericht wurden mindestens 132 Schüler zwischen 1965 und 1998 Opfer von Missbrauchsübergriffen durch Lehrer an dieser Bildungseinrichtung.

„Wie laut soll ich denn noch schreien?“

Ein scharfer Kritiker der bisherigen Aufarbeitung verfasste unter einem Pseudonym das Buch: „Wie laut soll ich denn noch schreien?“. In dieser Autobiographie beschreibt Andreas Huckele die Mechanismen der sexualisierten Gewalt an der Odenwaldschule. Eine Kultur der Regellosigkeit und des Wegschauens ermöglichte die unbeschränkte Machtausübung der Erwachsenen gegenüber den Schülerinnen und Schülern in allen Lebensbereichen. Sein Buch wurde am 26. November 2012 mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Andreas Huckele fordert die Aufhebung der Verjährungsfrist für sexualisierte Gewalt gegen Kinder und die endgültige Schließung der Odenwaldschule.

Die Frankfurter Rundschau war als einzige Redaktion bereit, die Vorfälle publik zu machen. Zum damaligen Verhalten anderer Redaktionen äußert Huckele: „Es ist, als sei eine Generation von Journalisten abgetreten, die das Thema entweder bewusst verhindert oder einfach nicht erkannt hat. „Die Zeit ist reif“ ist wohl die beste Antwort. Das Thema ist „besprechbar geworden“. Alle angestrengten strafrechtlichen Verfahren gegen die verantwortlichen Akteure der Schule wurden eingestellt. Finanzielle Entschädigungen an die Betroffenen lehnte die Schule ab. Die hauptsächlich beklagten Mitarbeiter der Odenwaldschule verstarben alle ohne Verurteilung.

Drohendes Ende des Schulbetriebs an der Odenwaldschule

Eltern und Schüler kämpften jedoch dafür, die Schule wegen ihrer Reformpädagogik zu erhalten. Am 15. Mai 2015 verkündete die Schulleitung, dass die finanziellen Mittel für den Fortbestand der Schule aufgebracht worden seien. Am 16. Juni 2015 meldete der Trägerverein seine Zahlungsunfähigkeit und den eingeleiteten Insolvenzantrag.

Der kommissarische Schulleiter Jan Fuchs sagte in der vergangenen Woche zu den Medien mit Blick auf die Verabschiedung der Jugendlichen, die Stimmung sei entsprechend traurig. „Die anderen der zuletzt noch 150 Schüler seien schon seit einigen Tagen in den Ferien, einige sogar mit Abitur in der Tasche“, so Fuchs.

Bis zuletzt wurde die Odenwaldschule beherrscht von einem undurchsichtigen Trägerverein, in dem sich Reformer und Beharrungskräfte gegenseitig blockierten. Das Kultusministerium will als Aufsichtsbehörde erst einmal ein Gutachten der vorläufigen Insolvenzverwalterin und damit Informationen über die Finanzlage der Schule „noch“ abwarten. Als Frist gilt hier der 15. August 2015. „Danach wird alles Weitere entschieden“, sagte der stellvertretende Sprecher des Ministeriums, Philipp Bender.

Vielleicht wurden der reformpädagogische Leitsatz der Odenwaldschule und der laute Aufschrei der ehemaligen, sexuell missbrauchten Schüler wahr:

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Kategorien: Erziehung, Menschenrechte
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