Bekenntnisse eines Schleppers

24.04.2015 - Pressenza Berlin

Bekenntnisse eines Schleppers
Dr. Sabine Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung

Erstveröffentlichung auf migazin.de

Die Verantwortlichen für die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer mit mehreren hundert Toten waren schnell ausgemacht. Das Böse hat seitdem einen Namen: Schlepper, die aus Geldgier Flüchtlinge in den Tod treiben. Ob die Schlepper das genauso sehen wie wir? Dr. Sabine Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung wagt einen Perspektivwechsel.

Es ist ja wirklich nett, dass wir Flugblätter in unserer Sprache erhalten. Sonst hätte ich gar nicht mitbekommen, dass ich in Europa gesucht und bedroht werde. Bedroht von Verhaftung und Verurteilung. Gibt es in Europa die Todesstrafe? Nun ja, der Tod droht mir auch hier. Wenn ich nicht als Schlepper arbeite, als was dann?

Fischerei geht nicht mehr, die Meere sind leergefischt. Es reicht nicht mehr, um die Familie zu ernähren. Und die Piraterie ist ja auch nicht gerade ein angesehener Beruf und ungefährlich auch nicht. Und Seefahrt ist in unserer Familie Tradition. Freilich könnte ich auch umschulen. Aber wohin? In die Landwirtschaft, die auch keine Familie mehr ernährt, weil die EU-Billigwaren und Lebensmittelhilfen unsere Märkte zerstören? Blumen wären schön, aber die nimmt uns die EU auch nicht ab. Entlang der Einfuhrverbote bleiben nicht wirklich viele Möglichkeiten, für die es nicht schon viel zu viele gut ausgebildete Leute gäbe, die auch jetzt schon keinen Job bekommen, weil man sie ja dann auch bezahlen müsste.

Also, bleibe ich lieber auf dem Wasser. Klar, die aktuelle Situation hat uns einen wahren Geldsegen beschert, der vielen übertrieben erscheint. Aber als Geschäftsmann muss ich natürlich Zeiten einkalkulieren, in denen kein Geld zu verdienen ist: Winter, geschlossene Grenzen, neue Abkommen mit unseren korrupten Regierungen zur Internierung von Flüchtlingen und was weiß ich noch alles.

Die Flüchtlinge tun mir echt leid. Die haben schon fast nichts mehr, wenn sie hier ankommen und den Rest knöpfe ich ihnen noch ab. Sorry, aber was soll ich machen? Könnte ich wählen, würde ich auch lieber wieder fischen gehen. Aber die Wahl wurde uns von Großtrawlern abgenommen. Komisch, dass die EU-Staaten über die Folgen jammern, als wären wir dafür verantwortlich. Sie lassen immer noch Gewinne privat bei den Lebensmittelkonzernen zu Buche schlagen, während die Folgekosten verstaatlicht werden – und das bei gleichzeitiger Dämonisierung jeglichen sozialistischen Ansatzes. Aber vielleicht habe ich den Sozialismus ja nicht richtig verstanden. Ich bin schließlich nur ein Fischer. Naja, war es.

Was mich aber wirklich bedrückt und was aus dem Flugblatt hervor geht: Ich soll skrupellos und menschenverachtend sein und das Leben der Flüchtlinge unnötig aufs Spiel setzen. Ja geht’s noch? Welche Brille haben die Schreiberlinge solcher Zeilen denn auf? Werden die in Europa so schlecht informiert, dass sie so einen Schwachsinn von sich geben müssen? Das Dilemma ist doch ein anderes. Wer verlässt schon seine Heimat? Warum und unter welchen Bedingungen? Nicht nur Krieg und Gefahr sind dafür Gründe, sondern auch die totale Verelendung, die Aussichtslosigkeit. Und die hängt mit dem weltweiten Wirtschaften zusammen, IWF-Kredite, Zerstörung lokaler Märkte, Kontrolle derselben durch nicht wieder aussähfähiges Monsanto-Saatgut und Nestlé-Wasser.

Soll ich also die Menschen, die noch Hoffnung haben, hier verhungern lassen, statt in ihren Heimatländern? Ist das Risiko der Meeresüberfahrt wirklich ein Verbrechen, während die Landgrenzen vermint und tödlich sind? Bin ich ein guter Mensch, wenn ich den Leuten sage: “Sorry, ich fahre sie nicht rüber nach Europa, weil ich sie nicht gefährden will!” Wie lächerlich ist das denn?

Sowas können nur Menschen denken und behaupten, die sich beim Afrika-Urlaub auf den Besuch von Privatstränden beschränkt haben. Ja, entschuldigen Sie, wenn ich das sage, aber BESCHRÄNKT scheint mir das richtige Wort hier – für diejenigen, die uns kriminalisieren, aber auch im anderen Wortsinne für diejenigen, die unter der ungerechten Wirtschaftsordnung leiden. Menschenrechte scheinen nur für diejenigen zu gelten, die auf der vorläufigen Gewinnerseite des Kapitalismus stehen, der Ausbeute und Kriege verursacht. Unsere Leben werden dadurch beschränkt. Dafür fühle ich mich nun wirklich nicht verantwortlich. Und wenn die vermeintlichen Gewinner so langsam merken, dass die Rechnung ohne die Verlierer nicht aufgeht und die ihre Rechte einfordern, dann wünschte man sich, sie würden das anwenden, was sie predigen. Und dann könnte ich endlich wieder fischen gehen.

Kategorien: International
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