Der Sondergesandte des Generalsekretärs der Vereinten Nationen für Behinderung und Barrierefreiheit, Lenín Voltaire Moreno Garcés, hielt zur Eröffnung der REHAB am 23. April 2015 in Karlsruhe eine Rede.

Der ehemalige Ecuadorianische Vizepräsident betonte in seiner Ansprache, „in keinem Land kann man von Entwicklung sprechen, wenn ausschließende Kriterien aufrechterhalten werden, wenn soziale Ungleichheit bestehen bleibt, wenn keine soziale Inklusion hervorgebracht wird; und selbstverständlich: wenn keine Barrierefreiheit besteht“.

„Die Barrierefreiheit führt zu einem Umdenken und zu Veränderungen im Verhalten der Gesellschaft“, führte er weiter aus und betonte die Veränderungsmöglichkeit des Menschen.

„Uns wurde glauben gemacht, dass wir nichts verändern könnten. Das ist nicht richtig. Wir sind für die Veränderung geschaffen. Unser Gehirn, welches hierfür der Motor ist, verfügt über eine biologische und physiologische Grundlage, die Veränderungen ermöglicht. Eine Zukunft, die man sich wünscht, würde einen Mentalitätswandel beinhalten.“

Er schloss seinen Apell mit dem Hinweis, dass Behinderung nicht Unfähigkeit sondern Vielfalt sei und deshalb alles Menschenmögliche zur Inklusion und Erweiterung der Mobilität gemacht werden muss.

Lenín Voltaire Moreno Garcés, wurde am 19. März 1953 in Nuevo Rocafuerte in Ecuador geboren. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Seit einer Verletzung bei einem Raubüberfall 1998 ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Moreno Garcés studierte Diplom-Verwaltungswissenschaften an der Universidad Central del Ecuador in Quito. Von 2007 bis 2013 war er Vizepräsident von Ecuador unter der Regierung von Rafael Correa. 2012 wurde er aufgrund seines Engagements für Menschen mit Behinderungen für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Seit 2014 ist er Sondergesandter des Generalsekretärs der Vereinten Nationen für Behinderung und Barrierefreiheit.

Seit 1980 ist die REHAB Karlsruhe weltweit eine der größten und bedeutendsten Fachmessen für Rehabilitation, Therapie und Prävention. Als Plattform für den Austausch zwischen Fachhändlern, Herstellern, Medizinern, Therapeuten, Dienstleistern und Verbänden sowie Betroffenen und deren Angehörigen ist die REHAB eine feste Größe im Veranstaltungskalender.


Die ungekürzte Rede

Liebe Freundinnen und Freunde,

danke, dass ich zur Eröffnung dieser Messe eingeladen wurde, welche zeigt, dass es möglich ist, eine solidarischere und integrativere Gesellschaft zu schaffen.

Vor etwa vier Jahren habe ich Herrn Dr. BAN KI MOON, Generalsekretär der Vereinten Nationen, etwas mitgeteilt, das ich beobachtet hatte und das mich zugleich ermutigte und beunruhigte: Ich sagte ihm, dass ich während der ganzen Zeit, seitdem ich mit meiner Behinderung lebe, die atemberaubenden Fortschritte in Wissenschaft und Technologie, welche jedes Jahr sich zu beschleunigen scheinen, mit Erstaunen wahrgenommen habe. Die Technologie zur Verbesserung der Barrierefreiheit scheint hingegen leider zu stagnieren.

Ich bin der Auffassung, dass die Wissenschaft gegenüber der Barrierefreiheit hinsichtlich der sozialen Verantwortung in der Schuld steht. Ich frage mich, was geschah mit den Erfindungen dieser Ära der künstlicher Intelligenz, Robotik, Nuklearmedizin, Nanotechnologie etc., welche das Leben der Menschen mit Behinderung verändern sollte?

Heute sind beispielsweise die Computerchips so günstig und wir sehen, dass deren Zukunft in der völligen Unsichtbarwerdung besteht. Sie haben bereits begonnen, Teil unserer Gewohnheiten, unserer Kleidung, unserer Möbel zu werden, wobei sie sogar auf Banalitäten Anwendung fanden; aber was geschah mit den BRAIN GATE, jenen Chips, die – ins Gehirn von Personen mit schwerer Behinderung verpflanzt – es ermöglichen, eine „erweiterte Wirklichkeit“ zu schaffen, sodass sie das Produkt ihrer Vorstellungskraft äußern können? Ich glaube, wir werden viele Überraschungen mit nach Hause nehmen, wenn wir die Kreativität betrachten, welche deren obligatorische Abstraktion hervorrufen kann.

Vergessen wir nicht, dass die künstlichen Innenohrschnecken elektronische Geräte mit dem biologischem Neuronensystem verbinden.

Was geschah mit den Siliziumchips, welche die Netzhaut des Blinden mit Neuronen verbinden? Sie gestatteten ihm damals eine Auflösung von 50 Pixeln und versprachen, dass es in der Zukunft Tausende davon wären?

Oder dieser Helm, der einem Elektroenzephalogramm ähnelt, welcher den Menschen mit schwerer Körperbehinderung ermöglichen soll, einen Roboter zu haben, der wie ein Avatar funktioniert?

Es wird gearbeitet, aber nicht mit der Schnelligkeit, die wir benötigen.

Was geschah mit jenem Exo-Skelett, das anfangs einem auf die Person gesetzten Lastenaufzug ähnelte? Und welches heute mit den Nanoröhren unsichtbarer Teil unserer Kleidung sein könnte. Es werden große Anstrengungen unternommen, welche dies empfíndlich beschleunigt haben, aber ich fürchte, dass der Preis immer noch unerschwinglich hoch sein wird für die Mehrheit der Menschen mit Behinderung.

Und so könnte ich Hunderte weiterer Beispiele aufzählen. Das Problem ist, dass die Technologie noch weit entfernt ist von jenen, die sie am dringendsten brauchen.

Daher komme ich mit viel Enthusiasmus auf diese Messe REHAB, denn Veranstaltungen wie diese stellen eine Einladung an die solidarische Technologie dar. An eine Technologie, die nicht nur teure Spielzeuge für reiche Kinder produziert, die den Apparaten der Kommunikations- und Computersysteme nicht nur Romanhaftes und beinahe nicht notwendige Funktionen hinzufügt, sondern auch der Wissenschaft ihr menschliches und solidarisches Antlitz zurückgibt.

Wie WILLIAM GIBSON sagte: „Die Zukunft ist bereits hier, ihre Umverteilung ist jedoch misslungen“.

Ich erfuhr, dass es genau hier in Karlsruhe war, wo das Wort „Informatik“ erschaffen wurde um das Jahr 1957. Die Bürgermeisterin sagt aus gutem Grund, dass man genau hier die meiste medizinische Technologieforschung in Deutschland findet. Die Technologiegeschichte von Karlsruhe mit ihrem Institut und als regionaler Vorreiter sowie die Betreuung der Menschen mit Behinderung, insbesondere Kinder und Jugendliche, sind erbauliche, inspirierende Aspekte.

Mit diesen Beispielen sollten wir die Personen der Wissenschaften mehr motivieren, ihrer soziale Verantwortung gerecht zu werden. Irgendwann glaubte man, dass die Wissenschaft unabhängig sei von dem, was der Mensch mit seinen Erkenntnissen anstellt. Aber nein, jede Person der Wissenschaften sollte zu einem Aktivisten der Solidarität werden.

Ich bin damit einverstanden, dass die Gesellschaft den Zustand der Behinderung achtet. Aber wäre es nicht noch besser, wenn die Personen mit Behinderung auswählen könnten zwischen verschiedenen Möglichkeiten des Lebensstils?

Andererseits:

Die Menschen mit Behinderung werden zunehmend – dank des Potenzials, das sich aus ihrem Zustand ableiten lässt – zu Akteuren sowie Begünstigten der Entwicklung und leisten einen bedeutenden Beitrag zur Wohlfahrt, zum Fortschritt und zur Diversität der Gesellschaft.

In keinem Land kann man von Entwicklung sprechen, wenn ausschließende Kriterien aufrechterhalten werden, wenn soziale Ungleichheit bestehen bleibt, wenn keine soziale Inklusion hervorgebracht wird; und selbstverständlich: wenn keine Barrierefreiheit besteht.

Die Barrierefreiheit führt zu einem Umdenken und zu Veränderungen im Verhalten der Gesellschaft. Wir Menschen weisen eine Dualität auf, welche uns zugleich in der Vergangenheit verankert und uns andererseits motiviert, uns zu verändern und unsere Umgebung zu verändern.

Uns wurde glauben gemacht, dass wir nichts verändern könnten. Das ist nicht richtig. Wir sind für die Veränderung geschaffen. Unser Gehirn, welches hierfür der Motor ist, verfügt über eine biologische und physiologische Grundlage, die Veränderungen ermöglicht. Eine Zukunft, die man sich wünscht, würde einen Mentalitätswandel beinhalten.

Die Barrierefreiheit ist eine Kultur, ein Lebensstil zum Erschaffen einer würdigeren Gegenwart und einer Zukunft des Friedens für alle ohne Ausnahme und ohne Exklusion.

Die Barrierefreiheit als eine große Investition zu betrachten anstatt sie als eine Frage des Umsetzens einer Rechtsnorm aufzufassen; dies trägt zur Steigerung der Wertschöpfungskette bei, was einem breiten Spektrum der Gesamtbevölkerung zugute kommt und nicht nur jenen mit besonderen Bedürfnissen.

Wie TOMÁS BERRING sagte: „Die Welt ist eine Gemeinschaft von Individuen, keine Sammlung von Gegenständen“.

Denn Behinderung ist nicht Unfähigkeit, sondern Vielfalt und so sind Messen wie diese, die allen die letzten Neuerungen im Bereich der Barrierefreiheit zur Verfügung stellen, von der Welt benötigte Messen, um sich selbst erkennen zu können als auf wunderbare Weise vielfältiger Planet.

Und dies musste an so einer Stadt wie dieser geschehen, die Fächerstadt wegen ihrer Planung, aber auch „Fächer“ wegen ihrer Großzügigkeit beim Zeigen der großen Bandbreite an Möglichkeiten, die eine Technologie mit menschlichem Antlitz der Welt bringen kann.

Freundinnen, Freunde, Brüder, Schwestern und Forscher, anwesende Vertreter staatlicher Stellen, danke für die Aufmerksamkeit.