Weltgipfeltreffen der Friedensnobelpreisträger: Abschlusserklärung

24.12.2014 - Pressenza Berlin

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Italienisch verfügbar.

Weltgipfeltreffen der Friedensnobelpreisträger: Abschlusserklärung
Leymah Gbowee verliest die Abschlusserklärung des Gipfels

Die Friedensnobelpreisträger und die Friedenspreisträger-Organisationen, die vom 12. bis 14. Dezember 2014 in Rom zum 14. Weltgipfel der Nobelpreisträger zusammenkamen, habe folgende Erklärung bezüglich ihrer Überlegungen abgegeben:

Frieden leben

Nichts steht dem Frieden feindlicher gegenüber als ein menschlicher Geist ohne Liebe, Mitgefühl und Ehrfurcht vor dem Leben und der Natur. Nichts ist nobler als ein Mensch, der sich entscheidet, Liebe und Mitgefühl in die Tat umzusetzen.

Dieses Jahr ehren wir das Vermächtnis von Nelson Mandela. Er verkörperte die Prinzipien, für die der Friedensnobelpreis verliehen wird, und steht beispielhaft als zeitloses Vorbild für eine Wahrheit, die er lebte. Wie er selbst sagte: „Liebe kommt natürlicher zum menschlichen Herz als ihr Gegenteil“.

Er hätte viele Gründe gehabt, die Hoffnung aufzugeben, ja sogar zu hassen, aber er wählte Liebe in Aktion. Dies ist eine Wahl, die wir alle treffen können.

Wir sind betrübt angesichts der Tatsache, dass wir Nelson Mandela und die anderen Preisträger aufgrund der Weigerung der südafrikanischen Regierung, seiner Heiligkeit dem Dalai Lama ein Visum auszustellen, um an dem in Kapstadt geplanten Gipfel teilzunehmen, dieses Jahr nicht in Kapstadt ehren können. Der 14. Gipfel, der deshalb nach Rom verlegt wurde, erlaubte es uns nichtsdestotrotz, diese einzigartige Erfahrung mit Südafrika als Beweis dafür anzusehen, dass selbst die verfahrensten Streitigkeiten durch zivilen Aktivismus und Verhandlungen friedlich gelöst werden können.

Als Friedensnobelpreisträger bezeugen wir, dass – wie in Südafrika in den letzten 25 Jahren geschehen – Wandel zum Wohl aller möglich ist. Viele von uns sahen sich Waffen gegenüber und überwanden Angst durch die Verpflichtung, mit und für den Frieden zu leben.

Frieden gedeiht dort, wo Regierungen die Verwundbaren beschützt, wo das Gesetz Gerechtigkeit und Menschenrechte garantiert, wo Harmonie im Einklang mit der Natur herrscht und wo der Nutzen von Toleranz und Vielfalt voll ausgeschöpft wird.

Gewalt hat viele Gesichter: Vorurteil und Fanatismus, Rassismus und Fremdenhass, Ignoranz und Kurzsichtigkeit, Ungerechtigkeit, Ungleichheit in der Verteilung von Wohlstand und Chancen, Unterdrückung von Frauen und Kindern, Zwangsarbeit und Sklaverei, Terrorismus und Krieg.

Viele Menschen fühlen sich machtlos und leiden an Zynismus, Selbstsucht und Apathie. Aber es gibt ein Gegenmittel: wenn Menschen sich dazu entscheiden, sich mit Freundlichkeit und Mitgefühl für andere einzusetzen, dann ändern sie sich und können zum Frieden in der Welt beitragen.

Es ist ein universelles Gesetz: Wir sollten andere so behandeln, wie auch wir selbst behandelt werden wollen. Auch Nationen sollten andere Nationen behandeln, wie sie selber behandelt werden wollen. Wenn sie das nicht tun, wird dies Chaos und Gewalt zur Folge haben, wenn sie es aber tun, werden Stabilität und Frieden das Ergebnis sein.

Wir beklagen das anhaltende Vertrauen auf die Gewalt als primäres Mittel, um Konflikten zu begegnen. Es gibt keine militärische Lösung für Syrien, Kongo, Süd-Sudan, Ukraine, Irak, Palästina / Israel, Kashmir und andere Konflikte.

Eine der größten Bedrohungen für den Frieden ist die anhaltende Sicht einiger Großmächte, ihre Ziele nur mit militärischer Stärke erreichen zu können. Diese Sicht führt zu einer neuen Krise. Wenn diese Tendenz nicht aufgehalten wird, führt sie unweigerlich zu vermehrten militärischen Konfrontationen und zu einem neuen, noch gefährlicheren kalten Krieg.

Wir sind sehr besorgt über die Gefahr eines Krieges zwischen großen Nationen – nuklearer Krieg mit eingeschlossen –, diese Bedrohung ist heutzutage größer als je zuvor seit dem kalten Krieg.

Wir bitten eindringlich um Aufmerksamkeit auf die diesbezüglichen Stellungnahme von Präsident Mikhail Gorbachev, die dieser Erklärung angehängt ist.

Der Militarismus kostete die Welt im vergangenen Jahr über 1,7 Billionen Dollar. Dies raubt den Armen dringend benötigte Ressourcen zur Entwicklung, schadet dem Schutz des Ökosystems der Erde und trägt zur Wahrscheinlichkeit von Krieg bei, mit all seinem damit verbundenen Leid.

Kein Glaube, keine Religion sollte dazu pervertiert werden, massive Menschenrechtsverletzungen oder den Missbrauch von Frauen und Kindern zu rechtfertigen. Terroristen bleiben Terroristen. Fanatismus unter dem Deckmantel von Religion wird einfacher zu begrenzen und zu eliminieren sein, wenn Diplomatie und Zusammenarbeit von den mächtigsten Nationen praktiziert werden.

10 Millionen Menschen sind heute staatenlos. Wir unterstützen die Kampagne des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen, Staatenlosigkeit innerhalb der nächsten 10 Jahre abzuschaffen sowie seine Bemühungen, das Leiden von über 50 Millionen Vertriebenen zu lindern.

Die aktuelle Welle der Gewalt gegen Frauen und Mädchen und die Ausübung sexueller Gewalt durch bewaffnete Gruppen und Militärregime in Konflikten verletzt zudem Menschenrechte von Frauen und macht es ihnen unmöglich, ihre Ziele in Bezug auf Bildung, Bewegungsfreiheit, Frieden und Gerechtigkeit zu realisieren. Wir fordern die volle Umsetzung aller UN Resolutionen gegenüber Frauen, Frieden und Sicherheit und den politischen Willen von nationalen Regierungen, diese auch in die Tat umzusetzen.

Schutz der Gemeingüter

Keine Nation kann in Sicherheit sein, wenn Klima, Ozeane und Regenwälder bedroht sind. Der Klimawandel führt bereits jetzt zu radikalen Veränderungen in der Produktion von Lebensmitteln, zu extremen Ereignissen, steigendem Meeresspiegel, der wachsenden Intensität von Wetterphänomenen und erhöhter Wahrscheinlichkeit von Epidemien.

Wir fordern ein starkes internationales Abkommen zum Schutz des Klimas 2015 in Paris.

Armut und nachhaltige Entwicklung

Es ist inakzeptabel, dass über 2 Milliarden Menschen von weniger als 2 Dollar pro Tag leben. Staaten müssen wohlbekannte praktische Lösungen einführen, um die Ungerechtigkeit der Armut zu abzuschaffen. Sie müssen den erfolgreichen Abschluss der nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen unterstützen. Wir fordern die dringende Umsetzung der Empfehlungen des hochrangigen Beratergremiums der Post-2015-Entwicklungsagenda.

Ein erster Schritt zur Beendigung von Unterdrückung durch Diktaturen wäre die Zurückweisung von Geldern aus deren Korruption seitens der Banken sowie Einschränkungen von Reisefreiheit.

Die Rechte von Kindern müssen Teil einer jeden Regierungsagenda sein. Wir fordern die lückenlose Ratifizierung und Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention.

Die steigende Zahl an fehlenden Arbeitsplätzen muss und kann reduziert werden und es müssen wirksame Maßnahmen eingeleitet werden, um den Millionen von neuen Arbeitskräften einen angemessenen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen. Ein effektives soziales Netz kann in jedem Land eingerichtet werden, um die schlimmste Not zu lindern. Die Menschen müssen dazu in die Lage versetzt werden, ihre sozialen und demokratischen Rechte in Anspruch und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen zu können.

Atomare Abrüstung

Es gibt zum heutigen Zeitpunkt über 16.000 Kernwaffen in der Welt. Wie die 3. internationale Konferenz zu den humanitären Auswirkungen von Kernwaffen befand: die Auswirkung der Anwendung nur einer einzigen Kernwaffe ist inakzeptabel. Bloße 100 davon würden die Erdtemperatur für mindestens 10 Jahre um über 1 Grad Celsius sinken lassen, die Lebensmittelproduktion erheblich stören und somit 2 Milliarden Menschen dem Risiko des Verhungerns aussetzen. Wenn wir es nicht schaffen sollten, einen atomaren Krieg zu vermeiden, wären all unsere anderen Anstrengungen für Frieden und Gerechtigkeit obsolet. Wir müssen Kernwaffen stigmatisieren, verbieten und vernichten.

Wir loben und unterstützen den kürzlich lancierten Aufruf von Papst Franziskus, Kernwaffen „ein für alle Mal“ abzuschaffen. Wir begrüßen das Versprechen der australischen Regierung, „effektive Maßnahmen zu identifizieren und zu verfolgen, um die gesetzliche Lücke für Verbot und Vernichtung von Kernwaffen zu schließen“ und „mit allen Akteuren zusammenzuarbeiten, um dieses Ziel zu erreichen“.

Wir fordern alle Staaten eindringlich dazu auf, Verhandlungen zu einem Vertrag zum Verbot von Kernwaffen so bald wie möglich aufzunehmen und diese innerhalb von zwei Jahren zum Abschluss zu bringen. Dies wird die im Atomwaffensperrvertrag festgelegten existierenden Verpflichtungen erfüllen, der im Mai 2015 neu geprüft wird, sowie auch das einstimmige Urteil des Internationalen Gerichtshofes. Verhandlungen sollten allen Staaten offen stehen, jedoch von keinem blockiert werden können. Der 70. Jahrestag der Bombardierungen von Hiroshima und Nagasaki 2015 unterstreicht die Dringlichkeit der Abschaffung dieser Bedrohung.

Konventionelle Waffen

Wir unterstützen den Aufruf des präventiven Verbots von voll automatisierten Waffen (Killer-Roboter) – Waffen, die dazu in der Lage wären, Ziele ohne menschliche Intervention auszumachen und anzugreifen. Diese neue Form von inhumaner Kriegsführung muss verhindert werden.

Wir fordernd dringend den sofortigen Stopp des Gebrauchs von unterschiedslos wirkenden Waffen und fordern alle Staaten auf, das Übereinkommen über das Verbot des Einsatzes, der Lagerung, der Herstellung und der Weitergabe von Antipersonenminen und über deren Vernichtung sowie das Übereinkommen über Streumunition zu unterzeichnen und uneingeschränkt zu erfüllen.

Wir loben das Inkrafttreten des UN-Waffenhandelsvertrages und fordern alle Staaten zu dessen Unterzeichnung auf.

Unser Aufruf

Wir fordern alle religiösen, geschäftlichen, zivilen Führungspersonen, Parlamente sowie alle Personen guten Willens dazu auf, mit uns zusammenzuarbeiten und diese Prinzipien und Strategien umzusetzen.

Menschliche Werte, die das Leben in Ehrfurcht halten, Menschenrechte und Sicherheit sind mehr denn je nötig, um Nationen zu leiten. Unabhängig davon, was Nationen tun, kann auch jeder Einzelne dazu beitragen. Nelson Mandela lebte den Frieden von einer einsamen Gefängniszelle aus und erinnert uns daran, dass wir niemals vergessen sollten, welches der wichtigste Ort ist, wo Frieden lebendig sein muss – im Herzen eines jeden von uns. Von diesem Ort aus können wir alles, sogar Nationen, zum Besseren ändern.

Wir empfehlen eindringlich die Verbreitung und das sorgfältige Studium der Charta für eine Welt ohne Gewalt, die vom 7. Gipfel der Friedensnobelpreisträger 2007 in Rom adaptiert wurde.

Im Anhang befindet sich eine wichtige Nachricht von Präsident Mikhail Gorbachev. Aus gesundheitlichen Gründen konnte er an diesem Gipfel nicht teilnehmen. Er ist der Gründer des Gipfels der Friedensnobelpreisträger und wir bitten, dieser wichtigen Intervention Aufmerksamkeit zu schenken:

Liebe Freunde,

es tut mir sehr leid, dass ich nicht an unserem Treffen teilnehmen kann, aber ich bin auch glücklich, dass Ihr – getreu unserer gemeinsamen Tradition – Euch alle in Rom zusammenfindet, um der Stimme der Friedensnobelpreisträger in der ganzen Welt Gehör zu verschaffen.

Heute bin ich sehr besorgt über den Stand der Dinge in Europa und der Welt.

Die Welt erlebt eine schwierige Zeit. Der Konflikt, der in Europa aufgeflammt ist, bedroht seine Stabilität und unterwandert die Fähigkeit Europas, eine positive Rolle in der Welt zu spielen. Die Ereignisse im Mittleren Osten nehmen einen gefährlichen Verlauf. Sie schwelen vor sich hin, so wie auch potentielle Konflikte in anderen Regionen, während die wachsenden Herausforderungen im Bezug auf Sicherheit, Armut und Umweltschutz nicht angemessen adressiert werden.

Politiker stellen sich nicht den neuen Realitäten einer globalen Welt. Wir erleben einen katastrophalen Verlust an Vertrauen in internationale Beziehungen. Den Äußerungen von Stellvertretern der Großmächte zufolge bereiten sich diese auf eine langanhaltende Konfrontation vor.

Wir müssen alles tun, um diesen gefährlichen Trend umzukehren. Wir brauchen neue, fundierte Ideen und Vorschläge, die der heutigen Generation von politischen Führungspersonen dabei hilft, die ernste Krise in internationalen Beziehungen zu überwinden, den normalen Dialog wieder herzustellen und Institutionen und Mechanismen zu schaffen, die den Anforderungen der heutigen Welt gerecht werden.

Ich habe kürzlich Vorschläge unterbreitet, die helfen könnten, von der Schwelle eines neuen kalten Krieges zurückzutreten und das Vertrauen in die internationalen Beziehungen wiederherzustellen. Im Kern schlage ich folgendes vor:

  • Das Abkommen von Minsk muss endlich umgesetzt werden, um die Ukraine-Krise zu lösen.
  • Die Intensität an Polemik und gegenseitigen Anschuldigungen muss reduziert werden.
  • Schritte zur Vermeidung von humanitären Katastrophen in Konfliktregionen müssen unternommen werden und die Regionen wieder aufgebaut werden.
  • Verhandlungen zur Stärkung von Institutionen und Mechanismen im Bezug auf Sicherheit in Europa müssen geführt werden.
  • Gemeinsame Bemühungen, die globalen Herausforderungen und Bedrohungen anzugehen, müssen wieder gestärkt werden.

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Friedensnobelpreisträger einen Beitrag dazu leisten kann, die aktuelle gefährliche Situation zu überwinden und auf den Pfad des Friedens und der Zusammenarbeit zurückzukehren.

Ich wünsche Euch allen viel Erfolgt und hoffe, Euch bald wiederzusehen.

Folgende zehn Friedensnobelpreisträger nahmen am Gipfel teil:

  • Seine Heiligkeit, der XIV. Dalai Lama
  • Shirin Ebadi
  • Leymah Gbowee
  • Tawakkol Karman
  • Mairead Maguire
  • José Ramos-Horta
  • William David Trimble
  • Betty Williams
  • Jody Williams

Folgende zwölf Friedensnobelpreisträger-Organisationen nahmen am Gipfel teil:

  • American Friends Service Committee
  • Amnesty International
  • European Commission
  • International Campaign to Ban Landmines
  • International Labour Organization
  • Intergovernmental Panel on Climate Change
  • International Peace Bureau
  • International Physicians for the Prevention of Nuclear War
  • Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons
  • Pugwash Conferences on Science and World Affairs
  • United Nations High Commissioner for Refugees
  • United Nations

Es sei jedoch angemerkt, dass nicht alle dieser Teilnehmer zwangsläufig alle Aspekte des gemeinsamen Konsensus unterstützen, der aus den Überlegungen des Gipfels hervorgegangen ist.

Übersetzung aus dem Italienischen von Evelyn Rottengatter

Kategorien: Frieden und Abrüstung, Gewaltfreiheit, International, Pressemitteilungen
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