Ein Welt-Dorf im Sinne des Friedens und der Gerechtigkeit aufbauen

23.10.2014 - Olivier Turquet

Dieser Artikel ist auch auf Italienisch verfügbar.

Ein Welt-Dorf im Sinne des Friedens und der Gerechtigkeit aufbauen
(Bild von Milena Rampoldi, Gründerin des Vereins ProMosaik )

„Der Verein ProMosaik ist aus der Idee entstanden, Völker, Sprachen, Kulturen und Religionen zusammenzuführen. Unsere jahrelange Erfahrung als Übersetzer, Intellektuelle und Schriftsteller hat uns dazu geführt, diese Vereinigung zu gründen. Hier kann man kostenlos die eigenen Beiträge veröffentlichen, die eigenen Ideen zu politischen und sozialen Themen äußern, Texte aus anderen Sprachen übersetzen und vorstellen, Rezensionen über Bücher, Konferenzen und Filme verfassen, News zu verschiedenen Themen in den Bereichen Kultur, Sprachen, Religionen, Friedenserziehung, Literatur, Menschenrechte und interreligiöser und interkultureller Dialog veröffentlichen, sich über den Blog, den Chat auf Skype und in den sozialen Medien des Vereins mit anderen Menschen austauschen und den eigenen Verein und seine Projekte unentgeltlich auf der Vereinsseite von ProMosaik e.V. präsentieren.“

So heißt es auf der Webseite von promosaik.com. Wir sprechen mit Milena Rampoldi, Forscherin, Autorin, Übersetzerin und Gründerin des Vereins. 

Milena, der Fokus vieler deiner Handlungen ist der interkulturelle und interreligiöse Dialog: könntest du besser umschreiben, was du damit meinst?

Meiner Meinung nach sind der interkulturelle und interreligiöse Dialog zwei unzertrennliche Typen von Dialog, da Religion und Kultur sehr stark miteinander verbunden sind. In den interreligiösen Dialog beziehe ich auch atheistische und agnostische Standpunkte ein, da ich der Überzeugung bin, dass der Atheismus, wenn auch im negativen Sinne, mit Gott zu tun hat. Für mich bedeutet der Dialog Begegnung. Daher entscheidet sich ProMosaik e.V. sehr oft für die Arbeitsmethode des Interviews, um Brücken zwischen den Steinen des großen religiösen und kulturellen Mosaiks unserer Welt zu bauen. Ich bin der Ansicht, dass es von wesentlicher Bedeutung ist, auf beiden Niveaus tätig zu werden, um eine authentische Kultur des Friedens und der Solidarität in einer Welt wie der heutigen aufzubauen, die von regionalen Kriegen verwüstet wird. In meinen Beiträgen versuche ich auch immer die Bedeutung der Überwindung der Pseudotoleranz zu betonen, die ich für absolut schädlich für das Zusammenleben von Kulturen und Religionen halte. Man muss nicht immer einer Meinung sein. Um die unterschiedlichen Standpunkte zu respektieren, bedarf es eines ethisch-moralischen Wertes, den ich als interkulturelle und interreligiöse Empathie bezeichnen möchte.

Die authentische Empathie versetzt mich in die Lage, mich in meinen Mitmenschen hineinzuversetzen, ohne ihm meine Meinung, Kultur und Religion aufdrängen zu wollen,  indem ich meinen Respekt vor ihm nie verliere, da er als Mensch das Recht hat, respektvoll und würdevoll behandelt zu werden. Ich glaube an den universalen Humanismus und den bedingungslosen Respekt der Gerechtigkeit, an den Frieden und an das Verständnis zwischen Völkern, Kulturen und Religionen. Um Tag für Tag für diese Ideale zu kämpfen, schreibe ich, trotz der vielen Hindernisse, die mir in den Weg gelegt werden, für ProMosaik e.V. Für ProMosaik e.V. bedeuten der interkulturelle und interreligiöse Dialog Begegnung, Empathie und Respekt vor den kulturellen und religiösen Unterschieden.

In deinen Büchern befasst du dich mit schwierigen und harten Themen wie dem Fortbestand der Sklaverei, den Schwierigkeiten der weiblichen Emanzipation und der religiösen Diskriminierung: wie kann die Kritik an der Rückständigkeit zum Fortschritt der Menschheit beitragen?

Ich bin der Überzeugung, dass Kritik nicht ausreicht, aber den Ausgangspunkt darstellt, um positiv und konstruktiv für die Menschenrechte zu kämpfen. Das Recht auf Freiheit ist ein unveräußerliches Recht, das allen Menschen zusteht. Daher kämpfe ich gegen die Sklaverei und die Unterdrückung in all ihren Formen, indem ich auf das Recht aller Männer und Frauen dieser Welt auf ein Leben in Freiheit bestehe. Der Fortbestand der Sklaverei in Mauretanien hat mich zutiefst betroffen. Daher habe ich mich entschieden, das Werk von Prof. Saidou Kane zum Thema in deutscher und italienischer Sprache zu präsentieren. In meinem zweiten Werk über die muslimische Sklaverei habe ich dann einige muslimische Autoren kritisiert, die sich noch zur Notwendigkeit des Fortbestandes der Sklaverei in den muslimischen Gesellschaften äußern, um zu erläutern, dass der Islam eine egalitäre Religion ist, die im Widerspruch zur ethnischen Diskriminierung und zum Kastendenken steht. Ich befasste mich dann auch mit dem marxistischen Autor Louis Hunkanrin aus dem heutigen Benin, der in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Sklaverei in Mauretanien im Namen der Menschenrechte stark angriff und einen hohen Preis dafür bezahlte.
Bezüglich der Emanzipation der muslimischen Frau, bin ich der Meinung, dass sie auf die muslimische Geschichte und ihre positiven Beispiele muslimischer Frauen blicken muss, die in der Geschichte sogar muslimische Länder beherrscht haben, um ihre Präsenz im sozio-politischen Bereich heute zu verstärken. Es handelt sich um eine Bewegung des islamischen Feminismus, der wesentlich zur Entwicklung der muslimischen Länder beitragen kann. Die Frau kann heute wesentlich zur Entwicklung der muslimischen Welt beitragen. Durch die Wiederentdeckung des ursprünglichen Islams wird man in die Lage versetzt, die Stellung der Frauen zum Zeitalter des Propheten neu zu entdecken. Dies ermöglicht, die patriarchalischen und frauenfeindlichen Standpunkte in der zeitgenössischen Islamdebatte zu revidieren.

Was die Islamfeindlichkeit im Westen angeht, habe ich mit der deutschen und italienischen Übersetzung des Buches von Dr. Ineke van der Valk über die Islamophobie in den Niederlanden das Ziel verfolgt, die Bedeutung der europäischen Debatte zum Thema Islamfeindlichkeit zu betonen. Die vor kurzem verübten Anschläge gegen die Moscheen in Deutschland dürfen nicht unterschätzt werden. Es bedarf einer einheitlichen, europäischen Front gegen die Islamophobie. Die Islamphobie stellt, wie der historische Antisemitismus in Europa, einen schweren Verstoß gegen die Menschenrechte und das in den europäischen Verfassungen verankerte Recht auf Religionsfreiheit dar.

Du hast in deinem Leben sehr viele Reisen unternommen, bist zum Islam konvertiert, hast einen Mann geheiratet, der aus einer so ziemlich unterschiedlichen Kultur stammt: wie haben dich all diese Erfahrungen verändert und verbessert?

In meinen zahlreichen Reisen habe ich die muslimischen Länder kennengelernt und dann die Entscheidung getroffen, mich zum Islam zu konvertieren, den ich für eine äußerst egalitäre, anti-rassistische und offene Religion halte. Die reduktionistischen und frauenfeindlichen Auslegungen müssen seitens der muslimischen Gemeinde energisch von Innen bekämpft werden. Die muslimischen Länder befinden sich in einer schwerwiegenden kulturellen Krise. Der Glanz des islamischen Mittelalters ist verfallen. Daher muss der Islam heute auf der Grundlage seiner authentischen Quellen reformiert werden, ohne frauenfeindlichen und monistischen Auslegungen Gehör zu verschaffen. Die Türkei ist für mich zu einer zweiten Heimat geworden. Ich erziehe hier meine Kinder in einer multikulturellen Umgebung, um ihnen die Möglichkeit zu bieten, die Welt kennenzulernen. Ich liebe die interkulturelle Begegnung, die Religion, die Kunst und die Musik. Dank meiner Begegnung mit der islamischen Welt, habe ich auch gelernt, die Bedeutung der ästhetischen und auditiven Beziehung zur Welt aufzuwerten. Ich bin der Meinung, dass die Konvertitinnen und Konvertiten im Westen die wichtige Aufgabe übernehmen sollten, eine Brücke zwischen dem Islam und der westlichen Welt zu bauen und auch den westlichen Neoimperialismus in den muslimischen Ländern zu bekämpfen. Ich glaube, dass das Mittelmeer ein Verbindungsraum zwischen Islam und Christentum und ein Meer ist, das nicht nur durch interreligiöse Kriege, sondern vor allem durch eine interkulturelle und interreligiöse Symbiose charakterisiert ist. Das ist ein äußerst faszinierendes Thema, mit dem ich mich in meinem Werk über die Korsaren des Mittelalters im 16. Jahrhundert und in meinen Essays über den Islam in Spanien befasst habe.

Die Welt ist ein zu streitsüchtiges Dorf: wie können wir die Welt friedlicher gestalten?

Ich bin der Ansicht, dass die globalisierte Welt von den kapitalistischen Großunternehmen, Banken und Waffenlobbys der Großmächte kontrolliert wird. Daher bin ich der Meinung, dass wir, um eine Welt-Dorf im Sinne des Friedens und der Gerechtigkeit (ohne die kein Frieden möglich ist) aufzubauen, Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie, Neuimperialismus und Militarismus den Kampf ansagen müssen, um die Welt im Sinne des Friedens, des authentischen interkulturellen und interreligiösen Dialogs, der respektvollen Begegnung, der Gerechtigkeit und dem Kampf für die Menschenrechte zu gestalten. Für mich sind Frieden und Gerechtigkeit eng miteinander verbunden. Um einen andauernden Frieden zu erreichen, muss der westliche Neoimperialismus einer friedlichen Kooperation zwischen Völkern und Religionen weichen, um eine Menschheit im Sinne des Egalitarismus und der Chancengleichheit aufzubauen.

Können die Kultur und das gegenseitige Kennenlernen die Welt verändern?

Meiner Meinung nach dient die Kultur der Überwindung von Unwissen und Vorurteilen. Ohne Vorurteile ist man in der Lage, sich dem Anderen zu öffnen, ihn kennenzulernen und zu respektieren. Ich bin der Überzeugung, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Rassismus und Ignoranz, Diskriminierung und Unwissen gibt. Das Wissen und die Begegnung mit dem Anderen unterstützen wesentlich das interkulturelle und interreligiöse Verständnis. Wenn ich den Anderen kennenlerne, kann ich die Welt verändern, weil ich wahrnehme, wie die interkulturelle und interreligiöse Empathie die Menschenwürde des Anderen wahren.

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Kategorien: International, Interviews, Kultur und Medien
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