Die Prager Botschaft 1989 – eine deutsche Geschichte

02.10.2014 - Pressenza Berlin

Skulptur „Quo Vadis“ (ein Trabant auf Beinen) von David Černý, Deutsche Botschaft Prag | Bild: Wegmann CC BY-SA 3.0

Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ die restlichen Worte von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher gingen, am 30. September 1989, im tosenden Jubel der rund 4000 Flüchtlinge aus der DDR unter. Die Flüchtlinge durften nun die Prager Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Richtung „Freiheit“ verlassen, das war vor 25 Jahren.

Bereits im Vorfeld der Revolution von 1989 wurde das Gelände der Prager Botschaft der Bundesrepublik Deutschland als Zufluchtsort von Flüchtlingen aus der DDR bekannt. Vom Prager Hauptbahnhof liefen die DDR-Flüchtlinge den Weg bis zur bundesdeutschen Botschaft. Ab 19. August 1989 lebten rund 120 Flüchtlinge auf dem Gelände und täglich wurden es fünfzig mehr. Der Botschafter Hermann Huber schloss am 23. August auf Weisung des Außenamtes die Botschaft für den Publikumsverkehr.  Der Ansturm auf das Botschaftsgelände wurde noch größer. Weitere Flüchtlinge erzwangen sich an teils durch nachlässig werdende tschechoslowakische Polizisten vorbei durch das Tor oder durch Klettern über den Zaun der Botschaft. Es wurden Zelte und sanitäre Anlagen für die Flüchtlinge aufgestellt und sogar ein Schulbetrieb für die Kinder eingerichtet. Die sanitären Bedingungen in der Botschaft spitzten sich im Laufe des Septembers zu, zeitweise hielten sich bis zu 4000 Flüchtlinge gleichzeitig auf dem von Regenfällen durchnässten Gelände auf.

Dann traf am Abend des 30. September 1989 der damalige Bundesaußenminister Genscher ein. Er kam von Verhandlungen mit dem damaligen Außenminister der Sowjetunion Eduard Schewardnadse aus New York. Auf Fragen von versammelten Journalisten sagte er, er möchte ihnen keine Mitteilung machen, sondern zunächst mit den Landsleuten aus der DDR sprechen. Nach 18 Uhr sprach er dann vom Balkon der Botschaft zu den Flüchtlingen:

„Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise … in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist.“

Bei dem Wort „Ausreise“ ging aufgrund des aufbrausenden Jubels der ausreisewilligen Flüchtlinge das Satzende unter. Eine Gedenktafel auf dem Balkongeländer erinnert an diese bewegenden Worte.

Ab 1. Oktober 1989 fuhren dann die ersten Züge von Prag über Dresden bis nach Hof in die Bundesrepublik. Nach erfolgreicher Räumung der Botschaft fanden sich jedoch erneut Tausende Ausreisewillige ein. Am 4. Oktober waren über 5000 Flüchtlinge im Gelände und weitere 2000 harrten davor in der Kälte aus. Kurz vor der 40-Jahr-Feier der DDR konnte eine weitere Ausreise arrangiert werden. Bald jedoch überschlugen sich die Ereignisse. Gemäß der Nachfrage „Wie geht’s? – Über Prag!“ stiegen nun täglich Tausende DDR-Bürger in einen Zug nach Prag, wo das Botschaftspersonal nun direkt auf dem Bahnhof Hilfestellung zur direkten Weiterreise gab. Der Druck auf die DDR-Führung wurde so stark, dass am 9. November die direkte Ausreise der DDR-Bürger in die Bundesrepublik ermöglicht wurde. Am selben Abend kam es zum Fall der Berliner Mauer. „Eine historische Aufarbeitung der Ereignisse, die zur deutschen Wiedervereinigung geführt haben, wird die dramatischen Vorgänge im Spätsommer und Herbst des Jahres 1989 in Prag nicht außer Acht lassen können, als Tausende von Flüchtlingen Zuflucht in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland suchten.

In der Prager Botschaft erinnert eine Skulptur an die vielen Flüchtlinge aus der DDR, die im Sommer und Herbst 1989 ihren Weg in die Freiheit fanden.

Sabine Bock
Sozialdemokratin‎ / Berlin

Kategorien: Europa, International, Menschenrechte, Politik
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