Jahrestag des 15M in Spanien: Als wir uns verliebten

28.05.2014 - Gabriela Amaya

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Französisch verfügbar.

Jahrestag des 15M in Spanien: Als wir uns verliebten
(Bild von Agradecemos por esta fotografía histórica)

Am ersten Jahrestag des 15M, auch Bewegung der Entrüsteten genannt (so wurde dieser Tag auch weltweit bekannt) werden wir versuchen, diese kollektive Erfahrung aus einer etwas intimeren Sichtweise zu analysieren.

Während der Monate nach dem 15. Mai 2011 waren wir verliebt. Es handelte sich um eine mit Tausenden geteilte Liebe, und sie war so groß, dass sie Raum und Zeit überschritt. Sie weckte den angeketteten, lethargischen Riesen, ernährte ihn über lange Zeit mit ihrem Nektar und verpflegte damit den Helden, den jeder in sich trägt.

Es gab Poesie, soziale Mystik, Inspiration… wir waren verliebt. Wir erlebten einen Moment des kollektiven inspirierten Bewusstseins. Wenn so etwas geschieht, sowohl im Kollektiv als auch mit jedem Einzelnen, dann ist unsere Gesamtheit oder unser ganzes Wesen eingebunden. Der Körper ist 24 Stunden lang fit (damals schliefen wir nicht), wir waren großzügig, haben ohne Nachzurechnen gegeben (denken wir nur an die Studenten, die ihre Prüfungen auf September verschoben haben, an diejenigen, die extra Urlaub nahmen, nur um dabei sein zu können…); wie in der schönsten Verliebtheit projizieren wir auf den oder die Anderen unsere Innenwelt, und, da uns nun etwas verbindet und wir das Beste aus uns herausholen wollen, schmettern wir das dann auch in die Welt hinaus: das Beste von uns selbst. Es war ein wunderbarer Moment, der in unseren Leben ein Davor und Danach markierte, und den vielleicht viele leicht- oder sogar ungläubig erlebten; aber nein, hier handelte es sich um keine Illusion.

Was wir uns nun heute vornehmen, ist, wie wir mit diesem Erlebnis, mit dieser Erfahrung als Grundlage einen neuen Schritt beziehungsweise Sprung tun könnten. Dazu stellen wir einen Vergleich an, und zwar mit dem, was in einer Beziehung Verliebter geschieht, von der Anfangsphase, in der alles wunderbar ist, hin über das Verschwinden der gemeinsamen Träume, um im Endeffekt, falls man aus dem Erfahrenen gelernt hat, eine neue, unzerstörbare Beziehung, die die anfängliche Arglosigkeit übertrifft, zu konstruieren.

Dafür werden wir verschiedene Elemente, die 15M charakterisierten, dessen Essenz darstellten, auseinandernehmen und versuchen Wege zu finden, um dieses Projekt wiederzubeleben, die gewonnene Erfahrung hinzufügend.

Betrachten wir einige dieser Elemente:

Beim wichtigsten handelt es sich natürlich um die Menschen. Zum ersten Mal haben wir lebhaft erlebt, dass eine Revolution von den Menschen ausgeht und von dem, was jeder einzelne macht, und von dem, was wir alle gemeinsam machen. Eine Revolution, die die Menschen nicht berücksichtigt oder die diese im Namen von Ursachen, Glauben, Staaten, Göttern, usw. übergeht, ist nicht gerechtfertigt. Nichts, aber auch gar nichts, gibt die Berechtigung anderen Menschen etwas aufzudrängen oder diesen Gewalt anzutun. Heutzutage muss jegliche moralische Revolution die Menschen und deren Befreiung in den Vordergrund stellen. Und genau dies geschah am 15M, genau dies war dessen Auswirkung.

Wir sprechen heute nicht mehr von objektiven Realitäten, mit objektiven Bedingungen, mit Ursachen, die gewisse Auswirkungen haben, sondern wir bekräftigen, dass die Auswirkungen und Folgen einer Situation gemäß der Taten bestimmter Personen, die am jeweiligen Prozess mitwirken, immer verschieden sein werden.

Ein Beispiel: Es spielte auf jeden Fall eine Rolle, dass in der ersten Nacht, in der die Polizei den Platz räumen wollte, ein Jugendlicher eine gewaltfreie Reaktion verlangte, woraufhin alles, was danach geschah, eine radikale Wendung nahm. Natürlich lag er auf einer Wellenlänge mit den Anderen, aber hier geht es hauptsächlich um die beabsichtigte Handlung, in diesem Fall um die Absicht eines Individuums, die den Lauf all dessen, was mechanisch hätte geschehen können, änderte.

“Wir sind weder links noch rechts.” Es ist vielmehr integrierend. Auf der Suche nach Einbezug wird angestrebt, mit Beziehungen, die auf Konfrontation beruhen, zu brechen, es wird mit der Dialektik auf welcher dieses System, das uns voneinander trennt und schwächt, gebrochen. Deshalb wird der Konsens gesucht, es hat ja keinen Sinn etwas anderes anzustreben, es besteht keine Notwendigkeit sich zu bestätigen, Recht zu haben, über dem Anderen zu stehen und diesem meine Sichtweise aufzuzwingen. Es besteht keinerlei Notwendigkeit für all dies, weil es eine Absicht gibt angesichts der mechanischen Tendenzen, die wir erleben und die uns formen, eine Absicht auf der Suche nach einer neuen Realität, die so viel mehr als nur die Summe persönlicher Realitäten ist.

Dies verlangt die Suche nach einem gemeinsamen Ziel, fordert eine Absicht, nach einem aktiven Zuhören, d.h. nach einem hohen Niveau an Aufmerksamkeit sowie einer gewissen “Verschiebung” des ICH, also der Egomanie (beachten wir, dass der Egoismus die gleichen Wurzeln hat), um auf das WIR zu hören. Dies führt uns zu einer Erfahrung, welche viele von uns erlebten: zu erkennen, dass das einer anderen Person Geschehene auch mir geschieht und umgekehrt. Daher ist es nicht gleichgültig, was jedem Einzelnen widerfährt. Es geht darum, selbst den Schmerz und das Leiden, das anderen widerfährt, empfinden zu können, so wie auch positive Gefühle des oder der Anderen nachzufühlen und erleben zu können. Zum Beispiel freut es mich für eine Gefährtin wenn sie eine glänzende Idee hat, nicht nur weil es gut für sie ist, sondern vor allem weil es positive Auswirkungen für alle hat.

15M wird als friedfertig bezeichnet. Dies gibt nach und nach Raum dafür, das Erlebte als gewaltfrei zu definieren (etwas, was auch vergangenen Sommer während einer Versammlung auf dem Paseo del Prado in Madrid klar wurde). Obwohl manche die Gewaltfreiheit immer noch als kontrarevolutionär bezeichnen, stimmt es doch, dass von dem Moment an, in dem bei Demonstrationen oder Streiks Gewalt eingesetzt wird, genau diese nicht mehr allzu gerne gesehen ist und gleich öffentliche Erklärungen zur Rechtfertigung abgegeben werden. Im Gegensatz dazu war früher so etwas noch undenkbar, eine Protestaktion bekam sogar mehr Wert, wenn Gewalt angewandt wurde. Und wenn ich von Gewalt spreche, dann meine ich nicht nur körperliche sondern auch jegliche andere Form von Gewalt.

Die Bewegung ist horizontal. Dies bedeutet in der Tat die Beseitigung von Gewalt in Beziehungen, wo einer über dem oder den Anderen steht. Die Macht liegt in jeder einzelnen Person.

Zum ersten Mal wurde die für Demonstrationen und Ansammlungen typische Sicherheitstcrew von einem sogenannten Respektteam ersetzt. Bei dem Gegenüber handelt es sich nicht um einen Feind, die Beziehungen stützen sich nicht auf Konfrontationen, man muss sich gegen nichts verteidigen, sondern es wird ein Dialog aufgebaut, den Anderen zum Verstehen gegeben, dass es sich hier um eine Art heiligen Bereich handelt. Das heißt aber nicht, dass bestimmte Verhaltensweisen verboten werden, nur wird dazu eingeladen diese nicht in diesem Bereich zu entwickeln.

Dies setzt eine andere Sichtweise voraus, und wir alle wissen nur zu gut, wie eine jeweilige Sichtweise Analyse und Ergebnis zu ändern pflegt. Im Folgenden, ein einfaches Beispiel. Ich werde versuchen, Carlos zu beschreiben. Dazu gehe ich von dem aus, was ich über ihn weiß (übrigens bringe ich hier schon meine Subjektivität ein, die mich überallhin begleitet), aber das Bild, das ich von Carlos zeichnen werde, wird komplett anders sein, wenn mein Blick nur auf seine Defekte oder Tugenden gerichtet wäre, auch wenn es sich um das gleiche Studienobjekt handelt.

In diesem Zusammenhang sollte in allem, was wir machen und erleben (Beziehungen, etc.) sowohl Absicht als auch Aufmerksamkeit angewendet werden, was notwendigerweise Platz macht für die Erschaffung einer Realität, die auf höherem Niveau als die vorige steht.

Noch ein Element. Trotz mehr oder weniger offensichtlicher Proteste wird die Spiritualität zum ersten Mal mit dem Revolutionären und dem sozialen Engagement assoziiert.

Denken wir nur daran, dass spielerische Demonstrationen einst keinen guten Ruf besaßen. Das hat 15M geändert: das Spielerische lässt sich auf jeden Fall vereinbaren mit der Geltendmachung.

Zum anderen handelte es sich um einen Weckruf für so gut wie alle Bewegungen, Kollektive, Parteien oder Gewerkschaften, die sich in einem Lethargie- oder sogar Sterbezustand befanden.

Es war eine konstruktive Anklage. Die Leute brachten, was sie wollten, zum Ausdruck, und wir erlebten Stunden um Stunden an Versammlungen, auf der Suche nach der Erschaffung von neuen Modellen in allen Bereichen.

Es wurden Befürchtungen zerstört. Und wenn dies geschieht, dann ist das ein Phänomen wie eine Naturgewalt, die alles in ihrem Voranschreiten mitreißt. Denken wir nur an die letzte Nacht vor den Wahlen, als Tausende von Menschen die Plätze mit einer unglaublichen Freude füllten und so das vorgesehene Eingreifen der Polizei demotiviert wurde.

Die Zeltlager auf den Plätzen wurden abgebaut, aber man begann damit, zahlreiche Projekte, die stillschweigend den Samen neuer Wirklichkeiten in sich tragen, zu entwickeln. Es genügt schon damit, die von den Mitstreitern erstellten Grafik über diese Entwicklung anzuschauen, um dies zu verifizieren.

Mutationen, Projektionen, Alternativen und Zusammenfließen aufgrund von 15M

15M entstand an einem Ort, der tief im Bewusstsein eines jeden liegt (ein Ort, mit dem wir normalerweise nicht in Verbindung stehen, da wir in dieser unserer Welt vor lauter Stimulierung und Gewalt verloren gehen), ein Ort, wo die Bewusstseins zusammenfinden und in diesem Moment Tausende von Menschen sich auf einander einstellen, aufgrund einer kraftstrotzenden Notwendigkeit und eines mitreißenden Ausrufes von «Reale Demokratie, Jetzt!», der in Wirklichkeit so viel mehr als nur ein Satz ist, weil er doch all die Entrüstung ausdrückt über das, was seit Jahren geschieht, über die Unterdrückung, die das Volk erlebt (vor allem die Jugendlichen, eine permanent gedemütigte Generation), und über die intensive Notwendigkeit aus dem jetzigen Zustand auszubrechen. Dieser Ausruf ist andererseits auch vorschlagend und optimistisch, fügt sich in das Ersehnte ein, mobilisiert die Menschen und motiviert sie in ihrem besten Streben.

Heute sind viele der für dieses Phänomen verantwortlichen Menschen, die meiner Meinung nach die «Seele» von 15M sind, von der Bildfläche verschwunden, da sie keine Kontrolle, kein Auferzwingen oder Konfrontation anstreben, sie leisten ihren Beitrag, wenn die Sache mit Leichtigkeit vorangeht und wenn nicht, wollen sie keine Energie damit verlieren und gehen. Und genau dies ist ein zu betrachtendes fundamentales Element wenn wir speziell auf die jüngeren Generationen zählen wollen, um ein neues System in Augenhöhe mit dem Menschen erstellen zu wollen.

Aber jetzt ist erst einmal die Zeit der Feiern und nicht der Zweifel, die bei uns aufkommen, wenn wir den Geruch nach Mottenpulver wahrnehmen beim Anblick von Menschengruppen mit der Kleidung der «Indignados» (Entrüsteten), die den Europawahlen trotzen. Die Zeit wird Rat bringen und wir streben danach, das sie bevorzugterweise früher als später zu Gunsten der Befreiung der Menschen spricht. Und mit diesem Traum als Grundlage werden wir weiterhin unseren wohlgesinnten und gewaltfreien Beitrag leisten, so dass wir uns von neuem in die erbaute Realität verlieben können.

Übersetzung aus dem Spanischen von Leonie Pintoffl

Kategorien: Europa, Gewaltfreiheit, International, Meinungen, Vielfalt
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