Initiative zur Abschaffung der Militärseelsorge

17.05.2014 - Johanna Heuveling

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch verfügbar.

Initiative zur Abschaffung der Militärseelsorge
(Bild von Foto: International Fellowship of Reconciliation)

Am 2. August 2014 wird in Konstanz, im Rahmen des Jubiläums „100 Jahre Internationaler Versöhnungsbund“ die „Ökumenische Initiative zur Abschaffung der Militärseelsorge“ gegründet. Die Friedensnobelpreisträger Mairead Corrigan Maguire und Adolfo Pérez Esquivel haben ihr Kommen angekündigt.

In dem satirischen Antikriegsroman „Catch-22“ wird dem Militärpfarrer von seinem vorgesetzten Colonel nahegelegt, in den Gebeten vor den Einsätzen doch bitte nicht zu sehr auf die Themen „Gott“ und „Religion“ einzugehen und er verlegt dessen Quartier sicherheitshalber in den Wald, damit der Anblick des Kirchenmannes die Soldaten nicht zu sehr irritiert. Joseph Heller legt damit auf humoristische Art den Finger auf den Widerspruch zwischen dem Militär, dem Geschäft des Tötens, und der Religion, die das Töten ausdrücklich verbietet.  Überall auf der Welt werden Soldaten und Waffen vor dem Kampfeinsatz gesegnet und jede Armee hat ihre Seelsorger, die allein durch ihre Anwesenheit das Kämpfen und Töten moralisch rechtfertigen.

Die Initiative zur Abschaffung der Militärseelsorge möchte weltweit innerhalb der Kirche eine Diskussion anzetteln. Sie soll sich wieder an Jesus Christus und seiner Gewaltfreiheit orientieren. „Er ist den gewaltfreien Weg gegangen und hat seinen Schüler/innen gesagt, dass sie ebenfalls diesen Weg gehen sollen.“ erläutert Rainer Schmid, evangelischer Pfarrer und maßgeblich beteiligt an der Initiative. Das langfristige Ziel sei, so sagt er, dass der „Ökumenische Rat der Kirchen“ (WCC) und alle Kirchen der Welt die Zusammenarbeit mit dem Militär beenden.

Keine Kirchenmusik durch Militärkapellen

Ende April hatte die Initiative „Musiker gegen Militärmusik“ bereits Aufsehen erregt durch den Protest gegen den Militärgottesdienst in der Frauenkirche in Dresden. Sie hatten über 800 Unterschriften gesammelt. Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen haben darüber berichtet. Der Sächsische Innenminister Ulbig musste Rede und Antwort stehen.

Im Dezember 2013 wurde außerdem in verschiedenen deutschen Städten gegen Militär-Advent-Konzerte demonstriert. Dies soll auch dieses Jahr wieder stattfinden.

Eine lange Tradition, aber nicht die ursprüngliche

Die Kirchen haben erst seit der Konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert mit der Obrigkeit und dem Militär zusammen gearbeitet. Vorher, bis ins 3. Jahrhundert, waren die Christen ganz gegen das Militär. Von den berühmten Kirchenvätern Tertullian, Origenes und anderen gibt es viele Zitat, die das Militär völlig ablehnen. Aber ab dem 4. Jahrhundert sei die Macht und das Geld doch zu verlockend gewesen, so Schmid. “Nun, im 21. Jahrhundert, möchten wir die Kirche wieder zurückführen (re – formieren). Die Kirche soll wieder den gewaltfreien Weg gehen, das heißt, sie soll Gewalt, Militär und Krieg wieder ablehnen.“

In Deutschland gibt es etwa 100 evangelische und ebenso viele katholische Militärpfarrer, dazu jeweils ein Militärbischof. Die Pfarrer werden für mehrere Jahre von der Kirche freigestellt und beziehen als Bundesbeamte auf Zeit ihr Gehalt von der Wehrbereichsverwaltung. Sie wohnen in der Kaserne und fahren Dienstwagen der Bundeswehr. Eine Unabhängigkeit in der Seelsorge ist so nicht gewährleistet.

Die Argumentation der Kirche für den Einsatz von Militärpfarrern sei, so schreibt Schmid in einem Artikel der „Zeitung gegen den Krieg“, die ganze Welt sei voller Gewalt, also könne man nicht anders, als auch Gewalt anzuwenden (ob man in einen Bürgerkrieg eingreife oder nicht, in jedem Fall mache man sich schuldig), man nähme damit bewusst die Sünde auf sich. Doch, so argumentiert Schmid dagegen: „Wie war die Welt zur Zeit Jesu? War die Welt damals nicht auch voller Gewalt? Dennoch hat Jesus Gewaltfreiheit gepredigt und gelebt.“

Gewaltlose Methoden sind nachhaltigere Mittel der Konfliktlösung

Rainer Schmid nennt auch die Nutzlosigkeit von Krieg als Mittel der Konfliktlösung und untermauert das mit wissenschaftlichen Studien. Erica Chenoweth und Maria J. Stephan hätten in Ihrer Studie „Why civil resistance works“ (New York 2011) gezeigt, dass statistisch betrachtet (untersucht wurden über 300 internationale Konflikte) die gewaltlosen Methoden nachhaltiger und effektiver seien und weniger Opfer forderten als die militärischen Methoden.

Der Internationale Versöhnungsbund, gegründet 1914 in Konstanz, war und ist gegen jede Gewalt und jeden Krieg, ohne jede Ausnahme, so Schmid. Gewalt sei keine Lösung. Krieg sei immer vermeidbar. „Wir sollten alles Geld und alle Kraft in Konfliktprävention und in die gewaltfreie Schlichtung internationaler Konflikte investieren. So intensiv, wie man in der Schule ein Hauptfach lernt, genauso intensiv sollten wir gewaltfreie Verteidigung und gewaltfreien Widerstand lernen.“

Er betont aber auch: „Wir bejahen die Seelsorge an Soldaten!“ Aber die Seelsorge müsse von Geistlichen geleistet werden, die von der Kirche bezahlt werden, die zivile oder kirchliche Kleidung tragen, die ihre Büros in zivilen Gebäuden haben.“ Und vor allem sollten diese Seelsorger den Soldat/innen raten, die Waffen auf die Seite zu legen, nach Hause zu gehen und sich einen ehrlichen Beruf zu suchen.

Webseite des Globalen Netzwerkes zur Abschaffung der Militärseelsorge

Kategorien: Europa, Frieden und Abrüstung, Gewaltfreiheit, Humanismus und Spiritualität, International, Interviews
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