(Porto Alegre, 10. März 2026, Brasil de Fato).- Ailton Krenak, Schriftsteller und Mitglied der Academia Brasileira de Letras (Brasilianische Literaturkademie), hielt am 9. März die Eröffnungsvorlesung der Bundesuniversität von Rio Grande do Sul (UFRGS). Die Vorlesung „Ausbau von Partnerschaften durch indigene Kunst“ des indigenen Anführers läutete offiziell das neue Studienjahr an der Uni ein und brachte Studierende, Dozierende und eine breite Öffentlichkeit zusammen, die sich im großen Veranstaltungssaal der UFRGS drängten. Zuvor nahm Krenak an einer Pressekonferenz teil. Während des Gesprächs mit den Journalist*innen reflektierte Krenak über die Entwicklung der indigenen Bewegung in Brasilien, die Umweltkrise, die Rolle der Universitäten und die Grenzen des auf Ausbeutung der Natur beruhenden Wirtschaftsmodells.
Uni-Funk gegen historische Vorurteile
Krenak erinnerte an den Anfang seiner Tätigkeit im Medienbereich: eine Sendereihe für das Radioprogramm der Universität von São Paulo (USP). „Ich rief das Programm 1985 ins Leben [nach dem Ende der Militärdiktatur – Anm. d. Übers.]. Wir nannten es Programa de Índio.“ Beim Uni-Funk kam es zur ersten Begegnung mit William Bonner [renommierter Journalist und langjähriger Nachrichtensprecher bei TV Globo – Anm. d. Übers.]. „Ich brauchte noch einen Ansager, jemanden, der das Intro, spricht. Auf dem Flur kam ein junger Mann vorbei, der Journalismus studierte. Ich sagte: ‚Junge, komm mal her, mach die Anmoderation, mach diesen Text hier für mich.‘ Der Junge war William. Mit seiner typischen Freundlichkeit setzte er sich hin und machte das Intro.“
Die Sendereihe sei zwischen 1985 und 1990 durchgehend ausgestrahlt worden, eine Phase, die entscheidend gewesen sei, um den indigenen Kampf in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. „Dieser Zeitraum war wichtig, um bekannt zu machen, dass es in unserem Land eine indigene Bewegung gibt.“ Nach Einschätzung des Schriftstellers herrschte in jener Zeit ein verzerrtes Bild von indigenen Menschen und Völkern. „So als ob alle irgendwo am Xingu-Ufer hausen wie an einem imaginären Ort, und nicht auch unter den Menschen in der Stadt, mitten im brasilianischen Leben.“ [Anm. d. Übers.: An diesem Fluss wurde 1961 das erste brasilianische Schutzgebiet für Indigene eingerichtet, der Parque Indígena do Xingu.] Die Anwesenheit von Indigenen in großen städtischen Zentren habe die historischen Vorurteile verstärkte. „Wenn eine indigene Person in Städten wie Rio de Janeiro, São Paulo der Brasília unterwegs war, nährte dies nur das Vorurteil, dass ‚die Indios in ihre Dörfer gehören‘.“
Indigene Jugend und Zugang zur Universität
Für Krenak hat sich das Szenario in den letzten Jahrzehnten geändert, insbesondere mit der wachsenden Zahl von indigenen Studierenden an den Universitäten. „Heute besuchen in unserem Land 55.000 indigene Personen eine Hochschule. Manche machen einen Master oder einen Doktor, andere spezialisieren sich im Ausland.“ Dieser Wandel habe die Sicht der Gesellschaft auf die indigene Diversität grundlegend geändert: „In den letzten 30 Jahren hat sich das historische Bild, das man von den indigenen Völkern hatte, durch den Generationswechsel stark gewandelt.“ Krenak betonte auch den Fortschritt der Schulen innerhalb der indigenen Territorien selbst. „Das Programm für Schulen innerhalb der indigenen Territorien ist seit den 90er Jahre eine Errungenschaft; wir haben dabei große Fortschritte erzielt.“ Der indigene Einfluss auf die gesellschaftliche Struktur des Landes sei unübersehbar: „In kurzer Zeit haben die über 300 Ethnien das ethnisch-soziale Bild unseres Landes stark verändert.“
„Unsere Idee von Menschheit beruht auf einem Irrtum“
Als Erläuterung zu den Überlegungen in seinem Buch „Ideen, um das Ende der Welt zu vertagen“ erklärte Krenak, es gehe nicht darum, die aktuelle Welt zu retten, sondern darum, sich andere Formen des Daseins vorzustellen: „Wenn ich Initiativen oder Möglichkeiten erwähne, die wir als menschlichen Gemeinschaften wählen können, um das Ende der Welt zu vertagen, dann denke ich nicht unbedingt an diese verbrauchte Welt, um die wir gerade streiten.“ Für ihn besteht die Herausforderung darin, sich andere Formen des Lebens vorzustellen. „Ich denke an andere Welten, an Welten, in denen unsere Idee von Menschheit korrigiert werden kann.“ Krenak argumentiert, dass die weltweit verbreitete Vorstellung von Menschheit an sich die existierenden gravierenden Ungleichheiten ignoriert. „Was wir uns weltweit unter dem Begriff Menschheit vorstellen, beruht auf einem Irrtum, denn die Ungleichheiten sind so absurd, dass es unmöglich wäre, alle diese Menschen auf die gleiche Ebene zu stellen.“ Die Bevölkerungsgruppen, die am Rande des Systems leben, seien die ersten, die unter den Folgen der Klimakrise leiden. „Diese Unter-Menschheit befindet sich an den Rändern des Planeten. Sie ist von allen Klimaereignissen und allen dramatischen Situationen betroffen, die die Menschen erleben.“
Die Erde gibt und die Erde verlangt
Als die Sprache auf die jüngsten Umweltkatastrophen wie das Hochwasser [2024] in Rio Grande do Sul kam, bekräftigte Krenak, die Menschheit befinde sich in einer kritischen Phase. „Wenn Worte nicht mehr in der Lage sind, die Welt zu ändern, dann liegt es daran, dass wir unser Potenzial, unsere Fähigkeit zur Menschlichkeit, vollständig in uns verschlossen haben.“ Er warnte vor dem Risiko, Gewalt als einziges Mittel für Veränderung anzusehen. „Wenn Worte nicht mehr die Kraft haben, irgendwelche Änderungen zu bewirken, dann befinden wir uns wirklich mitten in einer Dystopie, in einer Welt, in der das einzige, was zu Wandel führt, die Gewalt ist.“
Während der Pressekonferenz zitierte Krenak den Quilombola-Philosophen Antônio Bispo dos Santos (Nego Bispo) als Referenz, neue Wege der Beziehung zur Natur zu denken. „Nego Bispo sagte: ‚Die Erde gibt und die Erde verlangt‘, in dem Sinne, dass auch sie Forderungen an uns hat.“ Im aktuellen Wirtschaftsmodell werde diese Gegenseitigkeit ignoriert. „Wenn wir die Erde nur ausbeuten, wird die Zeit kommen, wo sich Flüsse und Landschaften gegen diesen merkwürdigen Organismus Mensch auflehnen werden.“ Krenak kritisierte die anthropozentrische Sichtweise, die die Menschheit in den Mittelpunkt des Lebens stellt. „Wir wollen die Alleinstellung als Spezies, die die Welt bewegt. Wir rotten andere Arten rücksichtlos aus.“
Die Verantwortung der Hochschulen
Nach Ansicht des indigenen Anführers tragen die Universitäten die Verantwortung dafür, neue Vorstellungen von der Welt zu entwickeln. Ihm zufolge diskutieren einige Institute der Hochschulbildung derzeit Weltbilder und stärken Perspektiven, die sagen: „Es ist nötig, der Erde etwas von dem zurückzugeben, was wir ihr weggenommen haben.“ Krenak stellte auch das vorherrschende Stadtmodell in Frage. „Wenn Städte nicht lebenswert sind, warum entwerfen Architekten und Ingenieure keine menschlichen Siedlungsformen, die besser geeignet sind, nicht nur für die Menschen, sondern für das Leben überhaupt?“ Selbst Flüsse würden irgendwann reagieren, wenn sie nicht respektiert werden. „Wenn die Unversehrtheit der Flüsse nicht respektiert wird, ist es klar, dass sie sich eines Tages beschweren werden. Und sie beschweren sich in einer Sprache, die wir nicht gerne hören.“
„Wir können nicht eine Maschine zur Herstellung von Dingen sein“
Am Ende der Pressekonferenz kam Krenak nochmal auf seine Kritik der produktivistischen Logik der modernen Gesellschaft zurück. „Die Liste der von uns begangenen Fehler beginnt schon in der Industriellen Revolution.“ Seiner Einschätzung nach betrachtet das herrschende Wirtschaftsmodell die Erde nur als einen Ort, den man ausbeuten kann. „Seit Ende des 19. Jahrhunderts betrachten die menschlichen Gemeinschaften die Erde als eine Plattform, die wir nach Belieben ausbeuten können.“ Krenak stellte die Ausweitung extrativistischer Tätigkeiten in ökologisch sensiblen Gebieten in Frage. „Wie lange noch werden wir die Besetzung von Regionen rechtfertigen, in denen es Wald gibt, Leben in Hülle und Fülle, bis wir ihre Flüsse und Gebiete durch Bergbau und Ölförderung verseuchen?“ Solange diese Logik fortbestehe, werde die Menschheit weiterhin die Grundlagen ihres eigenen Lebens zerstören. „Wenn wir es nicht schaffen, das in die Gleichung einzubeziehen, werden wir die Erde irgendwann aufgegessen haben.“
Abschließend zitierte Krenak den Yanomami-Philosophen Davi Kopenawa: „Die Menschen essen Wald, essen Flüsse, essen Stein, essen alles, was ihnen über den Weg läuft.“ Diese Beschreibung veranschauliche, wie Wirtschaft heute funktioniert. „Das ist der Antrieb für unsere gegenwärtige Lebensweise: die Idee einer gierigen Wirtschaft, die sich einfach alles einverleiben kann.“
Übersetzung: Christa Röpstorff










