Wir veröffentlichen hier ein Interview mit der New Yorker Gruppe Cycling x Solidarity NYC, die von einer ähnlichen Gruppe aus Chicago inspiriert wurde.

Wann hat sich eure Gruppe gegründet?

Wir haben Cycling x Solidarity NYC im Oktober 2025 gegründet. Ich war auf einen Artikel über Cycling x Solidarity Chicago gestoßen, und die Idee erschien mir schön und leicht umsetzbar. Ich kannte andere Menschen, die im Stillen den gleichen Drang verspürten, etwas Konkretes zu tun. Begeistert wandte ich mich an die Organisatoren von Chicago, die großzügig ihre Erfahrungen teilten. Innerhalb einer Woche haben wir unsere erste Fahrt organisiert. Wir waren nur zu dritt und hatten einen bescheidenen Plan: Uns den Straßenhändlern vorzustellen und Flyer zu verteilen. Stattdessen haben wir alle Churros [1] eines Händlers aufgekauft, und alle Tamales [2] eines anderen. Ihre Freude und Dankbarkeit sind schwer in Worte zu fassen. Wir füllten einen Gemeinschaftskühlschrank und lieferten den Rest an eine örtliche Tafel. Diese erste Fahrt hat Eindruck bei mir hinterlassen: Sie war der Beweis dafür, dass durch Solidarität Gefühle von Erleichterung und Selbstwirksamkeit entstehen können. Mit dem Einverständnis der Chicagoer Gruppe beschlossen wir, ihren Namen zu „kopieren“, und damit zu zeigen, dass gute Ideen sich verbreiten, verwurzeln und Gemeinschaft nähren können.

Am 6. Februar erließ Bürgermeister Zohran Mamdani eine Durchführungsverordnung, um New Yorks Einwanderer vor ICE-Razzien zu schützen. Hat sich diese mutige Entscheidung positiv auf die Situation ausgewirkt?

Die Durchführungsverordnung von Bürgermeister Mamdani ist ein bedeutender und mutiger Akt, und es ist wichtig, dass New York einen Bürgermeister hat, der bereit ist, das ganze Gewicht seines Amtes einzusetzen, um seine Bürger zu schützen. Allerdings entwickeln sich Politik und gelebte Erfahrung oft in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Selbst wenn rechtliche Schutzmaßnahmen gestärkt werden, können die Angst vor den Razzien und ihre wirtschaftlichen Folgen bestehen bleiben. Wird die Anordnung von Bürgermeister Mamdani diesen Gemeinschaften direkt helfen? Ich glaube, ja. Aber die Wiederherstellung des Sicherheitsgefühls wird länger dauern, und die angemessene Umsetzung von Mamdanis Politik steht auf einem ganz anderen Blatt.

Wichtig ist auch zu erkennen, dass das aktuelle Klima der Angst längst nicht nur Menschen ohne Papiere betrifft. Auch Personen mit dauerhaftem, rechtmäßigem Aufenthalt, Inhaber*innen von Visa, DACA-Empfänger*innen, Asylsuchende sowie sogar US-Bürger*innen waren von Strafverfolgungsmaßnahmen betroffen, wurden rechtswidrig inhaftiert und in einigen Fällen getötet.

Die Straßenhändler*innen sind eine besonders vulnerable Gruppe. Schon lange bevor die Budgets des ICE so stark erhöht wurden, dass sie mit denen des 15. größten Militärs der Welt konkurrieren, operierten die Anbieter bereits unter einem jahrzehntealten, restriktiven System, das die Lizenzvergabe einschränkte und viele dazu zwingt, ohne entsprechende Genehmigung zu arbeiten. Dadurch sind sie hohen Geldstrafen, der Beschlagnahme (und Verschwendung) ihrer Lebensmittel und der Gefährdung ihres Status als legale Eingewanderte ausgesetzt.

Auch das Gesamtbild ist alarmierend … Allein in New York City haben Zehntausende geflüchtete Menschen mit legalem Status, Asylsuchende sowie Personen mit vorübergehendem Schutzstatus durch den „One Big Beautiful Budget Act“ bereits den Zugang zum Nahrungsmittelhilfeprogramm für Geringverdienende verloren. In weniger als einem Jahr besteht für über eine Million New Yorker*innen die Gefahr, ihre Gesundheitsversorgung zu verlieren – was die Ernährungskrise weiter verschärft.

Immer mehr Kinder kommen hungrig zur Schule, während andere aus Angst vor einer Verhaftung das Haus nicht mehr verlassen und somit nicht mehr am Schulunterricht teilnehmen. Mit dem Rückzug vieler Familien aus dem öffentlichen Leben, so berichten Straßenverkäufer*innen und Inhaber*innen kleiner Unternehmen in Einwanderungsvierteln, brechen ihre Umsätze erheblich ein.

All das bedeutet, dass eine schnelle Erholung als direkte Folge der Durchführungsverordnung unwahrscheinlich ist. Wenn Grund zur Hoffnung auf eine bessere Zukunft gibt, glaube ich, dass Mamdani alle Möglichkeiten seines Amtes nutzen wird, um hoffentlich den Kurs, den New York derzeit einschlägt, zu ändern.

Was sind eure Aktivitäten?

Wir organisieren monatliche Radtouren, bei denen wir im Voraus Spenden für Lebensmittel sammeln. Wir kaufen so viele Lebensmittel wie möglich bei Straßenverkäufer*innen und geben diese dann an die Gemeinschaft weiter. Damit verfolgen wir zwei Ziel: die Unterstützung der Straßenverkäufer*innen, deren Sicherheit und Lebensunterhalt immer prekärer werden, und die Umverteilung ihrer frischen, hausgemachten Lebensmittel an Nachbarn, die unter Ernährungsunsicherheit leiden. Die Lebensmittel werden verteilt an Gemeinschaftskühlschränke, lokale Tafeln, Obdachlose und alle, die eine Mahlzeit benötigen.

Jede Fahrt ist so konzipiert, dass sie eine unmittelbare und konkrete Wirkung hat. Letztendlich stützt sich Cycling x Solidarity NYC auf leidenschaftliche New Yorker und auf Fahrräder, um Lebensmittel von einer Ecke unserer Gemeinschaft in eine andere zu transportieren.

Seid ihr in Kontakt mit anderen Aktivisten in New York und anderen Städten?

Wir stehen in Kontakt mit anderen Gruppen in New York und darüber hinaus, in erster Linie, um Best Practices auszutauschen, aus den Erfolgen und Rückschlägen der anderen zu lernen und uns allgemein gegenseitig zu unterstützen. Die Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen, sind zu groß für jede einzelne Organisation. Nur dadurch, dass wir von anderen lernen, Ressourcen teilen, die Stimmen anderer verstärken und uns gegenseitig helfen, werden wir uns weiterhin für ein Vorankommen einsetzen können. Der Rückhalt, den uns andere Gruppen gegeben haben, war grundlegend für unser Wachstum.

Insbesondere die Chicagoer Gruppe war uns gegenüber außerordentlich großzügig. Sie inspirierte uns nicht nur von Anfang an, sondern unterstützte auch aktiv unsere Arbeit, indem sie ihre hart erkämpfte Organisationserfahrung teilte, unsere Social-Media-Präsenz verstärkte und uns mit Freiwilligen zusammenbrachte, die wir allein nie hätten erreichen können. Das war für uns der wichtigste Zugang zu neuen Freiwilligen und wir sind zutiefst dankbar.

Welche praktischen und emotionalen Konsequenzen hat das Engagement für schutzbedürftige Menschen wie Einwanderer ohne Papiere?

Die Geschichte – persönlich, lokal und international – war schon immer mein Lieblingsfach, weil sie eine wesentliche Lektion lehrt: Wachsam sein. Was in der Vergangenheit geschah, kehrt mit anderen Namen, zu anderen Zeiten, aber mit bekannten Konsequenzen zurück. In der Geschichte geht es nicht nur um die Vergangenheit. Sie ist ein Spiegel, der die Gegenwart kontextualisiert. Und unsere Gegenwart in den Vereinigten Staaten spiegelt wider, was passiert, wenn zu viele von uns nicht füreinander eintreten, unabhängig von allen Unterschieden. Das Engagement für vulnerable Gruppen basiert auf dem Verständnis, dass die Dinge immer schlimmer werden können, wenn wir es zulassen, und dass jede Gemeinschaft schnell vulnerabel werden kann.

Von der praktischen Seite hat die Gründung unserer Gruppe Zeit, Energie und Ressourcen gekostet. Wir mussten unseren Einsatz aufrechterhalten und koordinieren, auch wenn gerade keine Aktion anstand, und wir mussten Fremde um Hilfe bitten.

Emotional gesehen war jede Fahrt hart, hoffnungsvoll und spendete Kraft. Hart, weil man Vulnerabilität nicht mehr ignorieren kann, wenn man sie einmal aus der Nähe erlebt hat. Hoffnungsvoll dank der Herzlichkeit und Großzügigkeit aller, die sich gemeldet haben, und der Händler*innen selbst, die viel mehr Anerkennung verdienen als sie erhalten. Schon lange vor den politischen Unruhen der letzten Jahre standen diese Menschen immer vor Tagesanbruch auf, waren Kälte und Regen ausgesetzt, und ernährten diese Stadt an jedem einzelnen Tag. Sie waren schon immer die stillen Helden der New Yorker Viertel. Das war früher wahr und bleibt auch jetzt wahr.

Kraftspendend, weil Solidarität ansteckend ist. Es gibt nichts Schöneres, als mit neuen Freunden Fahrrad zu fahren, den Gesichtsausdruck eines Verkäufers zu sehen, wenn man ihn bittet, einem alles zu verkaufen, die Kühlschränke mit selbstgekochtem Essen zu füllen und sie eine Stunde später leer vorzufinden.

In einer Stadt, in der wir so konditioniert sind, dass wir jede Interaktion unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten, basierend auf Risiko und Ertrag, bewerten, hat gegenseitige Hilfe etwas auf stille Art radikales. Sie lädt die Menschen dazu ein, zu einem anderen Umgang mit ihren Nachbarn zurückzukehren, der mehr fürsorglich als berechnend ist.

Zurück zu Mamdani: In Italien haben sein Wahlkampf und sein Sieg, den wir wie Pressenza mit zahlreichen Artikeln verfolgt haben, großes Interesse und Hoffnung geweckt. Nur zwei Monate nach seinem Amtsantritt als Bürgermeister am 1. Januar hat er angefangen, einige seiner ehrgeizigen Versprechen einzulösen, etwa kostenlose Kinderbetreuung und öffentliche Verkehrsmittel, die durch Steuererhöhungen für wohlhabendere Einwohner finanziert werden sollen?

Nach allem, was ich bisher verfolgt habe, scheint Zohran Mamdani seine Versprechen ernst zu nehmen und alles in seiner Macht Stehende zu tun, um das Leben aller New Yorker zu verbessern. Es wird unweigerlich Widerstand geben und der Wandel wird mit ziemlicher Sicherheit schrittweise erfolgen. Aber es ist von Bedeutung, einen Bürgermeister im Amt zu haben, der die Energie und den Wunsch besitzt, Fehler zu korrigieren und ein krankes System zu reparieren. Wenn eine Koalition wie im Fall von Zohran Mamdani eine so schnelle Änderung der Wahlergebnisse herbeiführen kann, ist Hoffnung die einzige wahre Antwort.

Übersetzung aus dem Italienischen von Alexandra Twardy vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Wir suchen Freiwillige!


[1] Churros sind Süßigkeiten von zylindrischer und länglicher Form, die typisch für die spanische und südamerikanische Küche sind. Sie werden aus frittiertem Teig hergestellt, der mit Puderzucker bestäubt und dem manchmal Zimt hinzugefügt wird.

[2] Tamales sind herzhafte oder süße Teigtaschen, typisch für die südamerikanische Küche.

[3] Die von Donald Trump am 4. Juli 2025 unterzeichnete radikale US-Steuer- und Ausgabenreform. Sie sieht massive Steuersenkungen und eine gleichzeitige Reduzierung der Sozialausgaben vor.