(Montevideo, dialogue earth). – Während die Landwirtschaft während der vergangenen zehn Jahre einen Aufschwung erlebt hat, ist die Bienenzucht durch die zunehmende Verwendung agrochemischer Produkte stark gefährdet. Im Jahr 2025 beklagten in Uruguay mehr als 85 Bienenzüchter*innen eine massive Sterblichkeit, von der mehr als 15.000 Bienenstöcke betroffen waren. Die tatsächliche Zahl der toten Bienen könnte noch deutlich höher gewesen sein, da einige Bienenzüchter*innen ihre Schäden möglicherweise nicht gemeldet haben – aus Angst vor Repressalien der Landwirt*innen, die die jeweiligen Gebiete kontrollieren.
Unterschiedliche Modelle der Agrarproduktion
Eine massive Sterblichkeit der Bienen Ende 2025 in Uruguay hat die Debatte über das Modell der landwirtschaftlichen Produktion wiederaufleben lassen. Aus vereinzelten Berichten über Fälle von Bienensterben entwickelte sich eine schwere Krise. Jimmy Fiorelli, der Vorsitzende des Bienenzüchter*innenverbands Sociedad Apícola del Uruguay (SAU), warnt: „Die Zahl der toten Bienen könnte sich verdoppeln, viele Bienenzüchter*innen erstatten bei den Landwirt*innen keine Meldung, aus Angst, von den Feldern vertrieben zu werden.“ In Uruguay stellen die Bienenzüchter*innen ihre Bienenstöcke auf den gleichen Feldern auf, auf denen Soja, Mais und Raps ausgesät werden. Für die Herstellung von Honig bedarf es einer hohen Blütendichte und ausreichend fruchtbarer Böden.
Gefährliche Pestizid-“Cocktails“
2025 gab es in Uruguay 2.200 registrierte Bienenzüchter*innen, die Zahl der Bienenstöcke betrug über 550.000. Jährlich werden etwa 9.000 bis 12.000 Tonnen Honig produziert. Unter den Bienenzüchter*innen wächst die Sorge vor der zunehmenden Verwendung von „Cocktails“ aus Pestiziden seitens der Landwirt*innen, die eine Bedrohung für den Bienenzuchtsektor bedeuten können. Denn Jahr für Jahr verlieren die Bienenkolonien in Uruguay rund 30 Prozent ihrer Population. Gründe hierfür sind der Stress bei der Suche nach Nährstoffen sowie Agrarpestizide und andere chemische Produkte. Diese bezeichneten Forscher*innen gegenüber Dialogue Earth als zunehmend gefährdenden Faktor. Estela Santos, Entomologin an der Universidad de la República (Udelar), der größten Universität Uruguays, erklärte zum Bienensterben: „Wir konnten bestätigen, dass es sich um eine Vergiftung durch chemische Produkte handelte. Die Ursache ist nicht irgendeine Krankheit.“ Die von Santos geleitete Untersuchung fand das Insektizid Chlorantraniliprol in mindestens zwei von 24 analysierten Proben. Für die Mehrzahl der untersuchten toten Bienen schloss die Studie Insektizide als Todesursache aus. Die Wissenschaftler*innen gehen in ihrer Hypothese von einer Mischung aus Herbiziden und Trockenmitteln aus. Beides zugleich angewendet könnte einen toxischen, tödlichen Effekt ausgelöst haben, der sich mit einem Blick auf die einzelnen Etiketten der jeweiligen Produkte nicht habe vorhersehen lassen.
Gustavo Fripp ist Bienenzüchter und Delegierter des uruguayischen Landwirtschaftsministeriums MGAP (Ministerio de Ganadería, Agricultura y Pesca) bei der Ehrenkommission für Bienenzucht (Comisión Honoraria de Desarrollo Apícola, CHDA) zur Förderung und Regulierung der Bienenzucht in Uruguay. Er wies darauf hin, dass in der Agrarproduktion zwecks Rentabilitätsmaximierung komplexe Mischungen zum Einsatz kämen. „Mitunter werden sechs oder sieben Produkte gemischt, und wir wissen gar nicht, welche Auswirkung das haben wird.“.
Auswirkung von Pestizid-Mischungen nicht kontrolliert
Estela Santos betont, die individuelle Verwendung von chemischen Stoffen sei zwar reguliert, doch gebe es derzeit in Uruguay keine Vorschriften, die Auswertungen der Auswirkung dieser Mischungen verlangten. Das Landwirtschaftsministerium erklärte gegenüber Dialogue Earth, dass die Untersuchungen zur erhöhten Bienensterblichkeit im Jahr 2025 bislang noch keine eindeutigen Schlüsse zuließen. Es sei kein chemisches Molekül gefunden worden, das in allen betroffenen Bienenstöcken systematisch auftrete. Agustín Giudice, Generaldirektor einer Unterabteilung des Landwirtschaftsministeriums, spricht von einer vermutlich multikausalen Erklärung für das Bienensterben, eine Kombination aus gesundheitlichen und nahrungsbedingten Faktoren plus den Auswirkungen der Agrochemikalien. In einem Kommuniqué der Nationalen Kommission für die Förderung des Landbaus (Comisión Nacional de Fomento Rural – CNFR) heißt es zum Bienensterben, dass alle erforderlichen Untersuchungen durchgeführt werden müssten. Wichtig sei, dass Bienenzucht und Agrarproduktion koexistieren könnten.
Anbau-Boom bei Soja und Mais
In den vergangenen zehn Jahren ist in Uruguay die landwirtschaftliche Fläche für den extensiven Anbau von Kulturpflanzen deutlich ausgeweitet worden. Vor allem die Soja- und Maisproduktion hat zuletzt historische Rekorde erreicht. Dieses Wachstum ging allerdings mit einem erhöhten Volumen chemischer Stoffe einher. Vorläufigen Daten des Landwirtschaftsministeriums zufolge wurden im Jahr 2024 31 Millionen Liter Herbizide importiert. Paraquat, das von der Weltgesundheitsorganisation als mäßig gefährlich eingestuft wird, zählte zu den meistimportierten Herbiziden hinter Glyphosat. Agustín Giudice verteidigte die Notwendigkeit dieser Werkzeuge, um die Wettbewerbsfähigkeit des uruguayischen Agrarsektors sicherzustellen. Jedoch sind mit diesem technologischen Fortschritt ökologische Kosten verbunden, die über die Bienen hinausgehen. Entomologin Santos zufolge gibt es in Uruguay mehr als 500 Arten nützlicher Insekten, die eine wichtige Rolle für die Bestäubung und die Zersetzung organischen Materials spielen. Der Vorsitzende des Bienenzüchter*innenverbands Jimmy Fiorelli beschrieb die Auswirkung der Agrargifte als eine “ökologische Verschiebung von monströsem Ausmaß”. Dies betreffe Wespen, Mangangás (große, nur in Südamerika vorkommende Bienen) und Schmetterlinge.
Umstrittene Messung der Toxizität
Besonders problematisch sei die Tatsache, dass Uruguay chemische Produkte auf Grundlage der sogenannten mittleren letalen Dosis genehmige, erklärt Estela Santos Hierbei handelt es sich um einen internationalen Indikator, der die Toxizität von Substanzen misst und ermittelt, welche Dosis erforderlich ist, um den Tod von 50 Prozent der Test-Organismen unter Laborbedingungen herbeizuführen. Zwar ermöglicht es dieser Parameter, die Toxizität verschiedener Produkte zu vergleichen, er passt sich aber nicht immer an das örtliche Ökosystem mit seinen Unterschieden bei Klima, Flora und Unterschieden im Verhalten von Bestäubern an. Diese Unterschiede könnten nach Ansicht von Santos bedeuten, dass die internationalen Normen für chemische Produkte nicht geeignet sind, um eine örtlich begrenzte Sterblichkeit zu bewerten. Ein konkretes importiertes chemisches Produkt könnte sich daher auf Uruguays Feldern als tödlicher erweisen, als es das Etikett nahelege. Dies sei leider noch nicht ins Blickfeld der internationalen Regulierungsbehörden gerückt, so dass noch keine Aktualisierung der Auswertungsprotokolle hinsichtlich der Auswirkung zu veranlasst worden sei.
Hälfte der in LA genehmigten Pestizide in EU verboten
Dies hat auch Folgen für den Handel. Einer kürzlich veröffentlichten Studie zufolge sind fast 50 Prozent der aktiven Inhaltsstoffe der in Lateinamerika zugelassener Pestizide in der EU aus Umweltschutzgründen nicht genehmigt. Zudem sind 88 Prozent der aktiven Inhaltsstoffe der Pestizide, deren Verwendung in mindestens einem lateinamerikanischen Land zugelassen ist und die von der Weltgesundheitsorganisation als mit einem hohen Risiko behaftet eingestuft werden, in der EU nicht zugelassen. 86 der in Uruguay zugelassenen aktiven Inhaltsstoffe sind in der EU verboten.
In Uruguay werden Kontrollverfahren durch kürzlich beschlossene Gesetzesänderungen beschränkt. Gustavo Fripp verweist auf die Ley de Urgente Consideración (Gesetz zur dringlichen Behandlung) aus der Zeit der Vorgängerregierung. Sie entbindet landwirtschaftliche Erzeuger*innen von der Verpflichtung, Sprühaktionen auf den Feldern bekanntzugeben, und setzt auf Freiwilligkeit. „Dies führte dazu, dass die Bekanntgaben abrupt zurückgingen“, so Fripp. „Für die Bienenzüchter*innen ist die Rückkehr zur Verpflichtung eine der wichtigsten Forderungen.“ Zwar versicherten Expert*innen und Behörden gegenüber Dialogue Earth, dass die Koexistenz von intensiver Landwirtschaft und Bienenzucht möglich sei und beide „Hand in Hand“ gingen. In der Praxis jedoch scheint das Verhältnis immer konfliktgeladener zu werden.
Kampf um Verpachtung von Land für Bienenzucht
Die Bienenzüchter*innen agieren auf landwirtschaftlich genutztem Gebiet auf der Grundlage privat getroffener Vereinbarungen. Diese werden zunehmend zerbrechlicher. Gustavo Fripp zufolge gibt es einige landwirtschaftliche Zünfte, die dafür plädieren, das ausschließliche Nutzungsrecht an der Bodenfläche zu erhalten, um ohne die Einschränkungen durch Bienenstöcke landwirtschaftliche Produktion betreiben zu können. Die Bienenzüchter*innen dagegen erklären, die fruchtbaren Böden seien Voraussetzung für ihre Arbeit. Ein Ausweg aus dem Dilemma wären möglicherweise die integrierte Schädlingsbekämpfung Manejo Integrado de Plagas (MIP) und die Verwendung sogenannter Bioinsumos. Bei diesen handelt es sich um natürliche Produkte, die die Fruchtbarkeit des Bodens verbessern sollen. MIP verbindet unterschiedliche Tools wie die systematische Kontrolle der landwirtschaftlichen Anbauprodukte und die selektive Verwendung chemischer Produkte zwecks Verringerung der Abhängigkeit von Pestiziden. Der gleichen Logik folgen die Bioinsumos, Produkte biologischer Herkunft wie Pflanzenextrakte oder Insekten gegen Schädlingsbefall und Krankheiten. Internationalen Untersuchungen zufolge könnte die Schulung in agroökologischen Praktiken die Vergiftung durch Pestizide um bis zu 73 Prozent verringern. Jedoch gibt es da eine ökonomische Hürde. Wie Gustavo Fripp erklärt, werden Bioinsumos zwar zunehmend verwendet, aber im Vergleich zu Pestiziden sind sie ungleich teurer, weshalb ihr Marktanteil derzeit noch deutlich geringer ausfalle. Bioinsumos seien auch keine „Zauberlösung“, sondern müssten in ein breit aufgestelltes Programm integriert werden. Entomologin Estela Santos betont, das Zusammenleben von Landwirtschaft und Bienenzucht erfordere besondere Maßnahmen wie die nächtliche Anwendung von Chemikalien und Sprühpausen während der Blütezeit, um die Bestäuber zu schützen.
Steuer auf schädliche Pestizide
Uruguay hat kürzlich die Einführung einer Steuer auf jene Pestizide beschlossen, die von der Weltgesundheitsorganisation als auch von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) für die gesundheitsschädlichsten gehalten werden. Gustavo Fripp spricht von einem positiven Signal seitens der Regierung, verlangt aber, dass die eingenommenen Gelder direkt an die Bienenzüchter*innen gehen. Immerhin leisteten diese mit ihrer Arbeit jährlich Bestäubungsdienste in einem geschätzten Wert von bis 400 Millionen Dollar, für die der uruguayische Staat keinen Peso zahle.
Übersetzung: Bernd Stößel










